Was geschieht in der Nacht (Peter Cameron)

Man lebt sein Leben und dann: DIE Diagnose. Erschöpfung und Schmerzen kapern den Tag, und auch wenn einem der Partner nicht von der Seite weicht ist man allein und er oder sie sind es auch. Sie wissen alles über das was in einem wächst und das man sterben muss. Bald schon. Nur wann wissen sie nicht. Das Warten beginnt. Ist es da irrational sich um diejenigen zu sorgen, die zurückbleiben wenn es soweit ist? Meisterlich und mit kühler Distanz beobachtet dieser Autor ein Ehepaar das in solchen Stiefeln steckt.

Was mache ich jetzt mit seiner Geschichte? Wie bespreche ich einen Roman, bei dem jedes Wort das eine zuviel sein kann. Weil ich zuviel verraten könnte. Vom Anfang oder vom Ende. Oder überhaupt. Wie erzähle ich Euch davon, wie es mir auf dieser Reise gen Norden mit seinem Paar ergangen ist, ohne Euch die Spannung zu nehmen? Die Schauder, das Staunen, das Kopfschütteln? Ich weiß, dass ihr wisst, das sich in den Schatten der Nacht mehr verbirgt als wir verstehen können. Schlaflos grübele ich und bald schon nicht nur ich, versprochen …

Was geschieht in der Nacht von Peter Cameron

Finnland. Es ist kalt hier. Einsam und das Borgarfjaroasysla Grand Imperial Hotel hat seine besten Tage offensichtlich längst hinter sich, als der Mann und die Frau aus New York hier ankommen. Ein Waisenhaus im Ort hat ihnen eine Adoption in Aussicht gestellt. Bald schon. Morgen schon wollen sie ihr Kind dort abholen. Ein Baby noch. Einen Sohn. Ihr erstes.

Die Frau ist krank. Todkrank und wichtig ist ihr, dass ihr Mann nicht alleine bleibt, wenn sie gehen muss. Bis dahin, wollen sie endlich eine Familie sein. Als das Taxi sie abholt und sie sich durch wirbelnde Flocken auf den Weg machen, ahne offenbar nur ich, die unbeteiligte Leserin, das beide nicht an ihrem Ziel ankommen werden. Gut, zugegeben, ich habe zuvor ein wenig gespickt im Klappentext und überlasse den Mann und seine Frau arg- und ahnungslos einem Heiler, vor dessen Tür sie stattdessen landen.

Zunächst widerstehen sie, widersteht sie ihm. Noch …

Es kommt immer wie es kommen muss. Ist die einzige Gewissheit, die mir Peter Cameron danach noch lässt. Denn er stellt so ziemlich alles auf den Kopf was nach Regeln und Planbarkeit aussieht. Wer inszeniert hier was? Alles sieht nach harmlosem Hineinschliddern aus, unvorhersehbar wie das Leben selbst, sind die Fallen die hier aufgestellt werden. Die Fragen die sich stellen. 

In der Nacht sind alle Straßen weiß. Hastet ein Mann durch klirrende Kälte. Wird ein Jogurt am Bett einer dem Tod geweihten Frau abgestellt. Treffen sich zwei Fremde. Bleiben einem Ehepaar keine Worte. In der Nacht ist was ist, hier wohnt die Furcht.

Zuversicht heißt die Droge, die einer Frau neues Leben eingehaucht zu haben scheint. Zweifel heißt der kleine Mann hinter seinem Ohr. Durften sie wieder hoffen? Wie konnten sie nur?

Ein Restaurant. Ein Übergriff. Die Spannung zieht an. Nicht unmerklich. Sondern heftig. Ich merke wie ich die Luft anhalte und immer mehr Fragen von innen gegen meine Schädeldecke drücken. Bildhaftes und szenisches Erzählen darf man hier erwarten, eine winterliche Düsternis, in der der Autor nur ab und zu eine Nachttischleuchte mit warmem Licht anschaltet umfängt mich seine Leserin. Eine bessere Kulisse als diese wäre nicht denkbar für seine Geschichte. Ungemein stimmig fügen sich Setting und Geschehen zu einem Plot der seine Leser vor sich hertreibt. Von Seite zu Seite. Von Kapitel zu Kapitel. Er weiß wie es geht, dieser:

Peter Cameron, geboren am 29. November 1959 in Pompton Plains, New Jersey. Er studierte Literatur und verkaufte seine erste Kurzgeschichte 1983 an The New Yorker. Ihr sollten acht Romane, Geschichtensammlungen und Novellen folgen. Darüber hinaus verlegt Cameron vom ihm gestaltete, handgefertigte Bücher in limitierter Auflage mit Gedichten und Prosa. Die Verfilmungen seiner Geschichten bevölkern Hollywoodgrößen wie Gena Rowlands oder Anthony Hopkins, “Die Stadt am Ende der Zeit” unter der Regie von James Ivory machte ihn international bekannt. Großes Kino kann er und er beweist es auch hier. Kopfkino. Das eine Szenerie befeuert, bei der ich mich oft wie in einem abgedunkelten Theatersaal sitzend gefühlt habe. Gebannt ist mein Blick auf die Bühne gerichtet: Vorhang auf für dieses Kammerspiel, dessen entscheidende Szenen in der Nacht spielen, in Räumen die spärlich beleuchtet sind und zumeist unter Beteiligung unseres Ehepaares. Die das Leben hin und her wirft und nicht wieder auf die Butterseite fallen lässt.

Übersetzt hat Werner Löcher-Lawrence, wie gewohnt meisterlich und auch diesmal einen ganz besonderen Erzählton unterstreichend. Einen im Deutschen wählend, der mich ahnen lässt wie das im Original klingen muss. Keine abgegrenzte wörtliche Rede, alles fließt, Grenzen verschwimmen, nicht nur die zwischen Tag und Nacht, Erleben und Traum. 

Ich hatte ja keine Ahnung. Genausowenig wie die beiden durchgängig namenlos bleibenden Hauptfiguren, wo uns diese Geschichte am Ende hinführen würde. Im Tal der Ahnungslosen begegnen mir dabei einige, mehr als eigenwillige, weitere Protagonisten, mit ihnen mache ich die Nacht zum Tag. Verliere mich in Eiseskälte und auf horizontlosen Schneeflächen. Die Straßen sind im Fluss hier schreibt Cameron, der Schneepflug räumt dort wo er ihren Verlauf zu erahnen meint und nicht selten fördern Frühjahr und Schneeschmelze an ihrem neuen Ende einen Vorgarten zu Tage.

Von allen guten Geistern verlassen. Scheint mir der ein oder andere auch zu sein und eine weite Reise von New York in den hohen Norden Europas, die mit einem konkreten Ziel begann, scheint ihren eigentlichen Zweck zu verlieren, einen neuen Sinn zu finden und mir Rätsel aufzugeben.

Eigenartig sie ist diese Beziehungs-Geschichte vom Loslassen und Ankommen. Wieviel Mut braucht es um zu entscheiden wie man sterben möchte, wenn klar ist, das es passieren wird? Wieviel Verzweiflung um sich in einer solchen Situation von seinem Partner zu lösen? Wieviel Empathie und Liebe um als Partner das zu akzeptieren was der Andere entscheidet? Wieviel Individualismus verträgt eine Beziehung ohne an Entfremdung zu zerbrechen?

Wie Schattenrisse die über einer schneebedeckte Landschaft schweben bleiben ihre Figuren in mir zurück und würde ich Peter Camerons Sprache beschreiben wollen, die das in mir ausgelöst hat, könnte ich es nicht besser tun als mit der Duden Definition von Prosa: Sie ist frei, nicht durch Reim, Rhythmik oder Vers gebunden. Wie ich finde, in jeglicher Hinsicht ungebunden, beunruhigend treffsicher und in ihrer Distanziertheit auf besondere Art und Weise berührend. Die Durchlässigkeit zwischen Traum und Wirklichkeit, der Wechsel zwischen Tag und Dunkel die hier entstehen sind ihr geschuldet, ihr und dem Ideenreichtum des Teams Cameron/Löcher-Lawrence.

Beeindruckt stolpere ich aus der letzten Seite, schüttele mir den Schnee ab, kein Grund zur Sorge, sowas geschieht in der Nacht und nicht selten hinterlassen besonders kurze Begegnungen die wir machen die tiefsten Spuren in uns. Nicht?

Erschienen ist dieser ungewöhnliche Roman am 27. Juni 2022 in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind, bei der ich mich für das Besprechungsexemplar bedanke.

Macht Euch selbst ein Bild, es lohnt sich! Ich schweig jetzt fein still über Inhalt und Ausgang von Was geschieht in der Nacht, möchte aber allen, die den Verlag noch nicht so auf dem Zettel haben, drei meiner Lieblinge zeigen, inkl. Link zu meinen Beiträgen, die für mich perfekt die Vielfalt der bei Liebeskind verlegten Autor:innen repräsentieren. Eine Vielfalt und literarische Qualität, die mich immer wieder neu begeistert und in die sich Peter Camerons neuester Streich harmonisch einfügt. Here we go, klicke auf das Cover wer mag für mehr. Ich wünsche recht viel Freude beim Entdecken:

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