Insel der verlorenen Erinnerung (Yoko Ogawa)

Die Summe dessen, was wir erinnern, ist das, was uns ausmacht. Gleich ob wir gerne zurückdenken, oder ob es schmerzt. Weil wir wissen woher wir kommen, wissen wir wer wir sind. Uns erinnern an Ereignisse, Menschen, Dinge ist Teil unserer Identität. Wird sie uns genommen, die Erinnerung, verliert jemand beispielsweise bei einem Unfall sein Gedächtnis, ist er leer wie eine Hülle. Was wäre wenn, es eine Macht gäbe, die uns Stück um Stück nimmt was wir kennen. Die darüber wacht, das nichts, aber auch gar nichts von dem übrig bleibt was wir liebgewonnen haben. Die ganze Arbeit leistet und nicht nur die Erinnerung löscht sondern gleich radikal auch den Gegenstand, die Dinge selbst, gleich wie groß verschwinden lässt …

Insel der verlorenen Erinnerung von Yoko Ogawa

Der Raum unter der Falltür, unter dem Teppich, ist niedrig. 1,80 m hoch und nur drei Tatamimatten groß. Herr R kann hier nicht aufrecht stehen. Ihn hier zu verstecken, ihm eine Zuflucht zu bieten, war ihr in dem Moment klar geworden, als er ihr offenbart hatte, dass seine Erinnerungen nicht verschwanden. Das aus seinem Herzen keine der Spuren gewichen war, nicht die der Rosen, nicht die der Vögel oder die von Fotografien. Herr R war ihr Lektor und sie würden auch ihn holen. So wie ihre Mutter. Damals. In einer Limousine. Zurückgeschickt zu ihr und dem Vater hatten sie ihren Leichnam verbunden mit einem Dankeschön. Weil sie ihnen behilflich gewesen sei, bei der Erforschung des Verlierens. Bedauerlich sei, dass sie an einer unbekannten Krankheit währenddessen verstorben sei. Alles Lüge. Sie spürte es und ich weiß es. Harre hier aus und werde Zeuge von Razzien, die immer brutaler werden …

Eine offenbar noch junge Frau, die namenlos bleibt führt mich über eine Insel, auf der merkwürdiges vor sich geht und durch diese Geschichte. Objekte, Dinge, Menschen verschwinden und nicht nur das, auch die Erinnerung an sie wird ausgelöscht, ganz offiziell und irgendwie einem immer gleichen Zeremoniell folgend. Ich folge Ogawas Heldin atemlos und zugleich wie in Trance. Mutig ist sie und ich bange mit ihr um all die, die man holt, um all die, die fliehen. Von einer brutalen Zartheit ist sie diese Parabel, wie sie von Säuberungen erzählt, die mir den Angstschweiß treiben. Der Schlüssel muss in den Genen liegen. Deshalb werden all diejenigen verschleppt, die sich noch erinnern können. 

Mit japanischer Gelassenheit und stoischer Ruhe wird von den Bewohnern dieser Insel hingenommen, das hier Erinnerungen nicht verblassen, sondern ganz bewusst gestohlen werden. Keine Horrorgeschichte könnte mich mehr aufwühlen als diese Vorstellung, dass es eine Macht gibt, die auslöscht was man liebt.

Wie in einem Wechselbad denke ich in dem einen Moment, ist es nicht beneidenswert, wie leicht es allen fällt los zulassen? Dann wieder möchte ich mit den Füßen trampeln wie ein wütendes Kind, mir von der Seele schreien, dass man keine Rosen ausrupft, Vögel vom Himmel holt, Früchte verschwinden lässt oder Romane verbietet.

Vielschichtig ist dieser Roman und mahnt uns auch, die kleinen Dinge zu achten, das was unser Leben lebenswert macht. Umwelt, Klima, eine Staatsordnung die Freiheit ermöglicht, in Denken und Handeln. Auf Ogawas Insel haben die Menschen längst den Zugang zu guten Lebensmitteln verloren. Der Winter schlägt sie mit einer Härte wie sie es lange nicht erlebt haben. Es schneit ohne Unterlass, die Fährverbindung wird still gelegt, die ein Entkommen ermöglichen würde, ein Erdbeben tobt und ein Tsunami rollt heran.

Wie für die Mäuse in der Falle leuchtet Ogawa ihre Romanbühne aus. Bis in die letzte Ecke und wie in einem Theaterstück treten auch die Figuren auf. Mit einer Klarheit sind sie gezeichnet wie es nur japanische Autoren vermögen und diese Autorin hier ganz besonders. 

Alles vermissen, alles verlieren. Alle Angst, alle Sorgen auch. Ein botanischer Garten ohne eine einzige Blüte. Was ist ein Hut, eine Spieluhr, eine Fotografie? Bücher brennen. Falltüren schließen sich. Menschen in Verstecken. Assoziationen mit der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland drängen sich auf. Ich denke an das Schicksal von Anne Frank. Jemand steigt auf eine Bank und ruft “Niemand kann die Erinnerung an Geschichten auslöschen.” Die Ruferin wird abgeführt. 

Was soll eine Schriftstellerin mit sich anfangen, wenn es keine Bücher, keine Romane mehr geben darf? Nun, sie macht das einzige was sie kann. Sie schreibt weiter. Heimlich. So fügt Ogawa eine Geschichte in der Geschichte ein, den Roman, den unsere Schriftstellerin begonnen hat, von einer Frau, die ihre Stimme verliert, die ihrem Schreiblehrer verfällt, die fortan über ihre Schreibmaschine kommuniziert, und am Ende nicht einmal mehr das kann. Maschine schreiben. Die zerfällt. Wie trockenes Laub …

Yoko Ogawa, geboren am 30. März 1962 in der Präfektur Okayama, gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. In diesem Jahr wurde sie mit dieser Geschichte nominiert für den Man Booker Prize International. Weg geschnappt hat ihn ihr Marieke Lucas Rijneveld mit ihrem Was man sät (muss ich noch lesen!). Auf der Short-List dieses Preises, der mit 50.000 Euro dotiert ist, und der seit 2016 für das beste ins Englische übersetzte Buch, das im Vereinigten Königreich erschienen ist verliehen wird, stand neben Ogawas auch Daniel Kehlmann mit seinem Tyll. Beste Gesellschaft ersten Ranges, was für diese Auszeichnung spricht.

Sprachlich wirkt Ogawa auf mich japanisch distanziert, aber hell und klar wie ein Glöckchen. Ihren Roman zu lesen fühlt sich für mich an wie Schlafwandeln. Bizarr ist was hier geschieht und ich will das es aufhört. Will aufwachen aus diesem Traum, der mir ein Albdruck ist. Verstörend, empörend, aufwühlend. Dann ist sie plötzlich da, wie eine Laterne in der Dunkelheit. Die Hoffnung. Es gibt einen Ausweg. Natürlich! Die Macht des Wortes ist auch hier ungebrochen. 

Namenlose Figuren nur ihr Schicksal ist bedeutsam. Das einzelne Wort hat keine Bedeutung und jede. Was für eine verstörende Geschichte von brutaler Sanftheit ist das geworden! Mit einer Fabel hat sie vieles gemeinsam und doch auch nichts. Sie ist nicht kurz, dafür ist der Ort an dem sie spielt unbestimmt, die Zeit in der sie handelt ebenfalls. Sie mutet dystopisch an, Tiere und Pflanzen agieren nicht als Menschen, ein Hund ist ein Hund und bleibt ein Hund. Sie ist mehr Parabel, denn sie enthält keine ausformulierte Moral. Wir Leser sind aufgefordert unsere eigenen Lehren aus ihr zu ziehen.

Markerschütternd und tröstlich zugleich ist ihre Geschichte und Ogawa scheint es auch zu lieben, diesen einen Schritt zu weit zu gehen und ins Skurrile zu überzeichnen. In ihrem alles verschlingenden Finale finde ich dann aber doch auch noch einen versöhnlichen, hoffnungsvollen Gedanken …

Ogawa ist ein Roman voller visionärer, ja prophetischer Kraft gelungen, führt man sich vor Augen, dass er bereits 1994 erschienen ist und erst jetzt in der deutschen Übersetzung von Sabine Mangold erhältlich ist. 

Vor sechsundzwanzig Jahren geschrieben, in einer Zeit, in der wir noch nicht in digitale Smartphone-Welten abgedriftet waren, die eine ganz eigene Art der Entfremdung verursachen, mag das was hier beschrieben wird noch schwerer vorstellbar gewesen sein. Der Vergleich mit George Orwells 1984 und seinen Gedankenkontrollideen drängt sich mir auf. Auch Ogawa installiert ein totalitäres, übergriffiges Regime, das nicht nur das einzelne Individuum mundtot macht sondern eine ganze Gesellschaft erstickt. Nicht das es das heute nach sechsundzwanzig Jahren nicht gäbe …

Mein Dank geht an den Liebeskind Verlag für dieses lesenswerte Besprechungsexemplar.

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