Der große Fehler (Jonathan Lee)

Eine Bank aus Marmor, sie steht im Central Park, und ein Schild aus Metall daran, erinnert heute an den Mann, der die grüne Lunge New Yorks planerisch gestaltet hat. Auch andere prägende Teile des Big Apple tragen die Handschrift von Mr. Haswell Green, seine Visionen wurden in der Stadt in Stein und Grün gemeißelt. Als da wären, der Bronx Zoo, die New York Public Library, das American Museum of Natural History und das Metropolitan Museum of Art. An vielen weiteren bedeutenden Projekten der Stadt war der Anwalt und Stadtplaner maßgeblich beteiligt, oder er schützte Parks und Anlagen vor der Zerstörung.

Über sein tragisches Ende kann man nur den Kopf schütteln und dem vielleicht größten Fehler seines Angreifers, Cornelius Williams, widmet dieser Autor seinen aktuellen Roman ebenso wie diesem visionären Mann, dem wir Teile des Gesichts einer unserer Megastädte verdanken:

“Sei ein Spiegel, immer ein Spiegel, um deinen eigenen geheimen Schimmer zu schützen …”

Textzitat Jonathan Lee Der grosse Fehler

Jonathan Lee – Der große Fehler

1903, Park Avenue, New York City.

Andrew Haswell Green war tot. Auf der Straße vor seinem Haus Park Avenue/ 40th Street, hatte man einen Anschlag auf ihn verübt und die Titelseite der New York Times mit der Nachricht seines Todes und den wildesten Spekulationen darüber am Folgetag gefüllt. Fünf Schüsse waren am Freitag, den 13. November 1903, auf ihn abgegeben worden. Mit, wie gesagt, tödlichem Ausgang. Zeugin des Angriffs, wurde seine neunundsiebzigjährige Haushälterin, die den dreiundachtzigjährigen Green zum Mittagessen erwartete. Einen Mann, der nichts gab auf political correctness. Der die Silhouette Manhattans für angeberisch hielt, die unterschiedlichen Gebäude-Höhen für ein einziges Durcheinander, und das kein größeres Bauwerk trotz seines Engagements hier seinen Namen trug, war offenkundig seiner Streitbarkeit geschuldet. Auch Präsident Roosevelt brauchte zuletzt immer länger bis er auf Greens Briefe antwortete.

Ein Inspektor mit Namen McClusky betritt die Bühne, er übernimmt die Ermittlungen im Fall Haswell und er stößt auf das Leben eines Mannes, dem auf den ersten Blick Ruhm und Erfolg nicht in die Wiege gelegt wurden:

Andrew Green war der Sproß einer Großfamilie aus Massachusetts, das siebte von elf Kindern. Was schon entweder Ansporn oder Hindernis gewesen sein musste dabei sich durchzusetzen. Als Bub wanderte er viel allein, er brauchte diese “Reise-Spannung” zwischen den Zähnen, wie Lee das beschreibt und war nicht selten unterwegs bis ihm die Zehen krampften. Anschließend gab es Schelte oder Schlimmeres für diese Herumtreiberei …

Jonathan Lee, geboren am 24. April 1981 in Surrey, England, studierte Literatur, lebt und schreibt heute in New York und arbeitet dort für einen renommierten Verlag. Was für ein Erzähler! Opulent fängt Lee dieses Leben ein und wie ungeheuer ohrenschmeichelnd ist Werner Löcher-Lawrence der Erzählton in der deutschen Übersetzung gelungen. Seine Übertragungskunst durfte ich schon zuvor einige Male lesend genießen. Lees Roman High Dive, den ich bei der Verlosung einer lieben Bloggerkollegin ergattert habe und der ich das Spotlight auf diesen Autor verdanke, liegt noch zum Lesen bereit. Ich freue mich jetzt noch ein bisschen mehr darauf.

Neben der Schilderung des Angriffs auf Haswell Green aus der Sicht von Zeugin und Opfer springt Lee in dieser Geschichte immer wieder zurück zu den Kinder- und Jugendtagen der Hauptfigur. Zum frühen Tod der Mutter, dem prügelnden Vater, seinem eigenen Ringen mit dem “Anderssein”.

Er kommt als Teenager vom Land in die Stadt. New York. Wegen der Lehre bei einem Krämer, die mehr eine Strafe denn eine Ausbildung gewesen sein musste. Untergebracht in einem ungeheizten, fensterlosen Kellerverschlag, kaum größer als ein Sarg, lernt er hier aus Angst vor schlechtem Wasser einen Durst kennenlernt, den er nie mehr verlieren wird, entwickelt eine ausgeprägte Phobie gegen Schmutz und eine Leidenschaft für Perfektion die ihresgleichen sucht, aber wohl schon in ihm angelegt gewesen ist.

Anschaulich, eine Unmenge Details sind im Text untergebracht, sprachlich eloquent und geschliffen, geistreich und lebensweise, verpackt Jonathan Lee Leben, Wirken und Wahrnehmungen dieses außergewöhnlichen Mannes. Ich folge ihm gern, durch das, was ihn zu dem gemacht hat, der er war. Ein philosophischer Ton begleitet mich, ich darf eine Figur erleben, die weit ausholend mit einer beeindruckenden Tiefenschärfe gezeichnet ist, all ihre Facetten wirken wie aufpoliert und auf das Allerbeste unterhalten fühlte ich mich ebenfalls.

Tote in den Straßen, Schwärme von Fliegen auf ihnen. Bettelnde Kinder. Hier war New York schwer zu ertragen. Green wurde schwer krank mit Anfang zwanzig, ein Fieber holte ihn, er verlor Arbeit und Unterkunft. Fand zu einem tieferen Glauben, wurde getauft.

“Instinkt ist eine Geneigtheit die der Erfahrung vorausgeht. New Yorker Lektionen sind schnell gelernt.”

Textzitat Jonathan Lee Der grosse Fehler

Ein großer öffentlicher Park. Welch revolutionärer Gedanke! Kosteten doch alle Parks der Stadt bis lang einen stattlichen Eintrittspreis. Um Gesindel fernzuhalten und Kriminelle. Als oberster Rechnungsprüfer einen städtischen Bankrott verhindernd, das Schulsystem in der Stadt verbessernd wirkte Green nicht nur architektonisch prägend für New York, nach seiner Ermordung wurde Halbmast geflaggt um seine Verdienste zu würdigen.

Ich erfahre von einem ersten Attentat auf sein Leben, das rund dreißig Jahre vor dem liegt, welches ihm den Tod brachte. Als er gegen Korruption und einen New Yorker Senator und Großgrundbesitzer vorgegangen war. Höre von Kritikern, Neidern und Bewunderern. Von einem Mann der offenbar immer öffentlich besprochen wurde. Von den Reißbrett-Anfängen dieser Mega City, von der Anbindung Brooklyns, die vielen nicht gefiel, Green war einer ihrer Verfechter und Pionier.

Bessie Davis. So also heißt der Grund und die Ursache für Greens Ermordung. Unerhört. Unerhört reich war sie. Ihre Haut zu dunkel um dafür geachtet werden. Ihr Wohlstand entstammte einer Quelle über die man nicht sprach. Betörend und berechnend. War sie auch. Inspector mcCluskey verschluckte sich ihr gegenüber an seinen Hormonen, wie schon zahlreiche Männer vor ihm.

Ein Roman spannend wie ein Krimi, und für alle Fans guter Hörbücher, von diesem Roman hier gibt eines, und sein Sprecher ist eine Bank wenn es um Spannung und atmosphärische Geschichten geht, nebenbei bemerkt, ist er einer meiner erklärten Lieblingssprecher:

Wolfram Koch, geboren am 10. Februar 1962 in Paris, deutscher Schauspieler liest so empathisch, dass ich seinem Vortrag bereits nach den ersten Sätze erliege. Seinen kunstvoll eingesetzten Pausen, seiner unaufgeregten Anspannung, seinen präzise sitzenden Zwischentönen, seinem Crisp. In seiner Stimme könnte ich baden. Er ist und bleibt eine Ohrenweide, nimmt mich stimmlich bei der Hand auf dieser Lebensreise. Von New York nach Trinidad. Des Glaubens wegen. Des Rechtes wegen. Es geht um die Abschaffung der Sklaverei. Durch Fieberträume, Einsamkeit und Sehnen. Zu Begegnungen die für Andrew Green lebensprägend waren.

So wie die mit Samuel J. Tilden, späterer Präsidentschaftskandidat. Seine Leidenschaft, nicht nur die für Jura und Bücher, wird Andrew Green verändern. Ihre Freundschaft gründet sich auf Spaziergängen. Ihr Umfeld, insbesondere Tildens Familie sorgt dafür, dass sich beider Wege wieder trennen. Denn es war und blieb undenkbar, dass sich die Händer zweier Männer auf diese Weise in der Öffentlichkeit berührten.

Der amerikanische Traum, jeder kann ein gutes Leben führen. Unter dem Fluss entstehen Fundamente. Man muss Brücken bauen, will man verbinden, dafür lohnt es zu kämpfen. Auch hier. Besonders hier.

Alles löst sich, alles klärt sich am Ende. So profan wie pragmatisch. Was für eine Tragik einen großen Geist, einen integeren Mann so sterben zu sehen …

 

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