Dahinter das offene Meer (Ben Smith)

*Rezensionsexemplar*

Montag, 17.02.2020

Vorsicht! Druckfrisch … 

Wenn es mich geradezu drängt zu schreiben, weil ein Text den Schlüssel zu meinem Leserinnen-Herz herum gedreht hat, es hüpfen lässt vor Freude oder es überquellen lässt vor Empörung, vor Sorge um eine Zukunft, die so vielleicht vor uns liegt. Wenn alles aus mir raus muss, jetzt gleich, dann war es ein gutes Buch für mich. In diesem hier drängeln, sich klein und dicht bedruckt die Sätze auf den Seiten, als würden nicht genug von ihnen Platz finden, zwischen diesen beiden Buchdeckeln, weil es soviel hierzu zu sagen gibt. Zu dem was auf uns wartet, wenn wir die Welt, wie wir sie heute kennen zertreten haben. In unserer, mit unserer, Arglosigkeit und Unvernunft. Weil wir die Zeichen, die uns das Wetter, das Klima heute schon schickt, missgedeutet und ignoriert haben, bis alles um uns herum nur noch eines ist: Einsam, öde, grau und feucht.

“Tage, Monate, Jahreszeiten zogen lose und unbestimmt mit dem Treibgut vorüber. Manchmal fühlte es sich kälter an, und es gab mehr Stürme, manchmal hob eine Springflut das Wasser näher unter die Plattform. Aber kalt war es immer, und Stürme gab es auch immer.

Textzitat Ben Smith Dahinter das offene Meer

Dahinter das offene Meer von Ben Smith

Irgendwo in der Nordsee. Sturm hat es hier immer und Salz und Gischt und Grau. Sie waren hier um zu reparieren. Auch wenn es schier aussichtslos schien, hier vor diesem Horizont von Windrädern. An die sechstausend waren es und über achthundert von ihnen rosteten mit Fehlfunktionen vor sich hin. Nur noch neunundfünfzig Prozent ihrer Leistung stellte die riesige Anlage für das Festland bereit und mit jedem Defekt verschwand ein weiteres Prozent. Teils lösten sich die mächtigen Räder aus ihren Fundamenten und neigten sich der Wasseroberfläche entgegen. Schmierfett troff aus Rissen und Spalten wie aus offenen Wunden. Es war einsam hier und es gab nur ihn und den alten Mann. Jem wusste es, früher war hier einmal Land gewesen. Ein ganzer Kontinent, mit Wäldern, Tälern und Dörfern, bevor das Wasser gekommen war. Die Zeit, sie spielt keine Rolle hier, die Uhr zeigte Mittag oder Mitternacht, oder viertel nach fünf, sie verrann langsam, zäh wie Sirup.

Sein Vater hatte vor ihm zu diesem Wartungsteam gehört und er war verschwunden, spurlos. Er war ihm gefolgt, die Firma hatte ihn hier her geschickt, in diese sturmumtoste Wasserwüste. Den Vertrag seines Vaters musste ein Familienangehöriger erfüllen, so einfach war das und auch so schwer. Seither lebte er mit dem knurrigen Alten auf der Plattform und wartete. Auf ein Versorgungsschiff, das etwa alle drei Monate anlegte, oder auch nicht. 

Unheimlich wurde es, wenn der Nebel kam. Dann verschwand der Park, Rotorblatt um Rotorblatt, Stumpf um Stumpf. Abgeschnitten von allem, auch optisch, waren sie dann, hier auf ihrer Plattform, zu zweit allein …

Ben Smith, geboren 1985 studierte Literaturwissenschaft und lehrt heute kreatives Schreiben an der Universität von Plymouth. Dort arbeitet er auch an mehreren Projekten zum Thema Klimawandel. Dies ist sein erster Roman, der sprachlich und das muss ich gleich vorweg schicken, damit ich es nicht vergesse, voll von Sätzen ist, die wie Faustschläge sind, so eine Wucht entwickeln sie. Klar und poetisch. Rau und genial schön. So genial wie der Erzählton von Smith, den sein Übersetzer Werner Löcher-Lawrence für uns grandios in Deutsch eingefangen hat.

Die Szenerie des Zerfalls und wie Smith das Wasser mit seiner steten Kraft, seiner Beständigkeit zu einem Hauptdarsteller seines Romans macht ist beeindruckend. Eine Szenerie, wie bei Mad Max, die uns aber nicht von fremden Mächten aufgebürdet wird, sondern die wir allein, durch unser Handeln, unsere Taten, herbeigeführt haben. Wenn der Meeresspiegel steigt, aufgrund anhaltender Erwärmung, wird Landschaft um Landschaft verschwinden. Pflanze um Pflanze und auch all die Nahrungsmittel die wir heute kennen.

Künstlich, unwirtlich und fremd. Eine Welt wie aus Albträumen, die leider alles ist, aber nicht an den Haaren herbei gezogen. Die Feuchtigkeit kriecht hier aus jedem Satz und mehr als einmal habe ich nachgeschaut, ob die Buchseiten nicht auch schon Wellen schlagen. Die Kälte schleicht beim Lesen in mich hinein, macht mich stumm und atemlos.

Smith startet ruhig in seine Geschichte, lässt seine Helden nach Konserven auf dem Meeresgrund fischen. Ihr Inhalt ist rot und weich und süß. So süß, dass es kaum zu ertragen ist. Ganz allmählich beginnt er dann, die Spannungsschraube Umdrehung um Umdrehung anzuziehen. Ein literarisches Kammerspiel, eine Dystopie, eine Mahnung, eine Anklage, eine Horrorvision ist sein Text. Beklemmend, bedrückend und eisig kalt. So kalt ist es hier …

“Festigkeit ist nichts als eine Unterbrechung des fortwährenden Flusses, ein Hindernis, das zu überwinden, ein Ungleichgewicht, das zu korrigieren ist.

Textzitat Ben Smith Dahinter das offene Meer

Flackernde Überwachungsmonitore und kein Stück Horizont ohne Windräder. Das Salz es legt sich auf alles, es klebt auf der Haut, auf dem Metall, es frisst, es zersetzt, stetig und unaufhörlich.

Was war hier geschehen und wann? Warum wollte man ihm nichts sagen? Warum schwieg auch sein “Partner” beharrlich? Was war seinem Vater zugestoßen? Was wusste dieser Schiffsführer? Was deutete er da an, während der Schwarzgebrannte ihnen in die Kehle versengte.

Der Schein einer Taschenlampe tastet sich durch die regenfeuchte Luft. Das Wasser scheint von überall her zu kommen und ein rhythmisches Klopfen ist deutlich zu hören. Er wusste, er musste es jetzt tun, denn wenn der Wind drehte würde seine letzte Chance vertan sein …

Diese Art Sturm lehrt uns das Fürchten. Haushohe Wellen schieben heran, der Horizont verschwindet. Synchron und einem Ballet-Ensemble ähnlich drehen die Windräder ächzend ihre Köpfe aus dem Wind. Die, die es nicht schaffen rotieren, rotieren und rotieren bis sie rot verglühen.

Düster ist es hier, am Abgrund der Menschheit und Smith wirft den Faktor Mensch mit in die Waagschale. Vater und Sohn, Sohn und Vater. Blut ist dicker als Wasser und wenn das Band einer Freundschaft zerreißt, man den letzten Halt verliert, ist die Hoffnung alles was man noch hat. Auch hier, in einer Welt aus Wasser, aus Grau und Metall und Verfall.

Smith hat eine Dystopie geschrieben, die für mich aber viel mehr ist als das, weil sie erschreckend realitätsnah und nachvollziehbar ist. Sein Szenario liegt nicht auf Jahre hin in der Zukunft, denn wenn wir nicht jetzt die Reissleine ziehen, was Konsumverhalten und Umweltbewusstsein anbelangt, liegt eine solche uferlose Welt vor uns. Vielleicht reden wir noch von dreißig guten Jahren, bis die Wasser steigen, Küstenlinien verschwinden und ein anderer Kampf beginnt. Weil mich das nach dem Lesen immer noch umtreibt, nicht los lässt. Weil Smith mich besorgt, bekümmert und wütend macht und weil er einfach nur, Verzeihung, saugut erzählt, verneige ich mich vor diesem Roman. In seine vershaften Einwürfe, die Evolution, betreffend bin ich schockverliebt und bleibe es. Diese unfassbare Grundstimmung, sie haftet an mir. Sie beschert mir ein Lese-Highlight in diesem Jahr –

Weil man hier den Rost fühlt, die Gicht spürt, das Salz trocken auf den Lippen schmeckt, den Unbillen einer wütenden See ausgesetzt ist, aber nicht auf einem Schiff, sondern auf einer Plattform, die bei Sturm in den Verankerungen quietscht, mir Angst macht und die doch mein Anker ist. Mein einziger. Was für eine Welt, was für ein Leben und doch hängen sie an ihm, sie kämpfen tapfer gegen den Zerfall und um ihr Überleben, an jedem neuen Tag der hinter diesen Rotorblättern anbricht …

“Steine werden zu Kieseln zerrieben. Das Meer steigt Jahr für Jahr um eine Kieselbreite. Plötzlich hat alles eine Grenze. Was gestern noch fester Grund war, ist nun unsicheres Terrain.

Textzitat Ben Smith Dahinter das offene Meer
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