Bis heute steht ein Familienunternehmen im thüringischen Lauscha für die Hohe Kunst der Okularprothetik. Seit 1868 werden hier künstliche Menschenaugen aus dem eigens dafür entwickelten Kryolithglas hergestellt, welches weicher ist als herkömmliches Glas, somit einen hohen Tragekomfort und die Erhaltung der natürlichen Funktionen rund um das Auge ermöglicht. Der Gründer, Okularist und Vorfahre des heutigen Inhabers, Ludwig Müller-Uri, hat das Verfahren erfunden, das auch heute noch Anwendung findet. Ein beeindruckender Beruf, Okularist, so viele Schicksale gehen durch seine Hände. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was es heißt ein Auge zu verlieren. Thomas Hettche gibt in seinem aktuellen Roman, den ich heute vorstellen möchte, seiner Hauptfigur diesen Beruf mit. Der empathische Max versucht aber nicht nur Menschen ihr Gesicht wieder zu geben, sondern er verliebt sich auch noch einmal, das in einem Alter, indem es anders ist sein Herz zu binden. Weil weniger Zeit bleibt und weil der eventuelle Verlust des geliebten Menschen keine abstrakte Vorstellung mehr ist.
„Liebe ist eines jener seltenen Wörter die uns auffordern zu tun was sie bezeichnen. Was viel über die Liebe sagt, aber nicht was sie ist.“
Textzitat Thomas Hettche
Liebe von Thomas Hettche
Ein Sommerfest irgendwo an der Ostsee. Ein hölzerner Steg führt hinaus in die Dunkelheit. Max, dreiundsechzig, ist mit einer Flasche Wein und einem Glas hierher geflogen. An den Rand des knisternden Schilfs, vor den Partygesprächen, vor den Gesprächen und Gedanken über die Liebe. Als er sich ans Ufer setzt, übernimmt der Zufall die Regie, andere hätten vielleicht gesagt es war das Schicksal, weil hier begegnet Max der etwa gleichaltrigen Anna zum ersten Mal. Die Nacht verbirgt sie zunächst voreinander und das sie miteinander schweigen konnten, verband sie vielleicht mehr als ihr Gespräch in jener Nacht. Wer kann das schon sagen. So jedenfalls hat es mit ihnen beiden angefangen. Max erinnert sich für uns und erzählt. Wie alles begann. Wie eins zum anderen kam.
Was ist das mit mir? Warum lese ich nicht gerne Liebesgeschichten, aber gerne über die Liebe und diese Geschichte hier wird ab jetzt zu meinen Lieblingen in 2026 gehören. Weil sie einen Sound hat, der mir das Herz öffnet und weil Matthias Brandt, der mein Bücherflüsterer ist, diesen wunderbar poetisch melancholischen Erzählton von Thomas Hettche so erhebt, wie es das Lesen alleine nicht könnte. Es gibt Texte, die müssen vorgelesen werden und dieser hier gehört für mich dazu. Als Martina Gedeck in dieses Duett der leisen Töne vorlesend einstimmt, bin ich mir sicher. Lieblingsgeschichten werden genau aus diesen Wortfäden geknüpft.
Diese rund drei Stunden Hörzeit der ungekürzten Hörbuch-Fassung aus dem Argon Verlag, vielen lieben Dank für das Besprechungsexemplar, habe ich genossen. Sehr gerne hätte ich einen Nachschlag gehabt, weil ich mich einfach nicht satt hören konnte, nicht weil die Geschichte als solche nicht rund ist. Im Gegenteil.
Matthias Brandt, geboren 1961 in Berlin, Schauspieler, Grimme-Preisträger, ausgezeichnet mit dem Bayrischen Filmpreis, der Goldenen Kamera, zweimaliger Preisträger des Deutschen Hörbuchpreise, jüngster von drei Söhnen unsere Alt-Kanzlers Willy Brandt, übernimmt den größten Teil dieses Textes. Martina Gedeck, geboren 1961 in München, Schauspielerin, Preisträgerin des Deutschen Hörbuchpreises, hat u.a. mit Robert de Niro gedreht und wirkte in dem oscarprämierten Film Das Leben der Anderen mit, ergänzt Brandt hier in einer Art und Weise, die mich staunen macht. Beide lassen Max und Anna lebendig werden. einfühlsam und herzwarm.
Hettche lässt Max und Anna sich über Monate Textnachrichten schreiben, wie Annas Zögern und Max‘ Sehnsucht in diese wenigen Worte passen, fand ich beeindruckend. Die Zeit steht still zwischen den beiden während Anna wartet, das sich ihre Gefühle beruhigen. Was sie nicht tun.
Zitate von Hegel, dessen Gedanken über die Liebe, philosophische Gedankenanstöße, verleihen Hettches Text Tiefe und Nachdenklichkeit. Sprachlich fand ich ihn einfach nur schön, ausgefeilt und ausgewogen, rund und sanft erzählt er von freundlicher Ernsthaftigkeit, Beharrlichkeit und Konsequenzen. Von Neu-Anfängen und Ängsten, mal leidenschaftlich, mal zärtlich, immer poetisch sanft.
Was ist Liebe überhaupt lässt der Autor seinen Protagonisten fragen und ich frage mich, was ist Liebe für mich?
Wie gelingt es, wenn zwei sich in einer Partnerschaft verändern, immer wieder aufs Neue eine Verbindung zu schaffen? Ist Liebe Arbeit, weil man an einer Beziehung arbeiten muss? Überhaupt dieses „müssen“. Ist es noch Liebe wenn man beständig dieses „ich muss“ spürt?
Im Duden findet man unter 1 a-c) folgende pargamatisch sachliche Definition für Liebe: Starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem [nahestehenden] Menschen; auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.; sexueller Kontakt, Verkehr.
Wenn man sich in der Literatur umschaut, finden sich zahlreiche berühmte Liebespaare, ungleiche und solche mit großem Altersunterschied. Die Liebe scheint alle Klüfte überwinden zu können, hat viele Facetten und sie reicht über den Tod hinaus. Dabei kann man sie auch verlieren und einer, der die Fragilität der Liebe ganz wunderbar in Worte gefasst hat, ist für mich Erich Kästner. Er nannte sein Gedicht, das mir in Bezug auf die Liebe immer als erstes einfällt,
Sachliche Romanze Als sie einander acht Jahre kannten und man darf saqen: sie kannten sich gut), kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut. Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Küsse, als ob nichts sei, und sahen sich an und wußten nicht weiter. Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei. Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken. Nebenan übte ein Mensch Klavier. Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort und rührten in ihren Tassen. Am Abend saßen sie immer noch dort Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort und konnten es einfach nicht fassen. ○ Atrium Verlag und Thomas Kästner Aus: Lärm im Spiegel. Leipzig, Wien: C. Weller Co. Verlag, 1929
Thomas Hettche, geboren in einem Dorf am Rand des Vogelsbergs, lebt in Berlin, mehrfach wurde er bereits für sein Schreiben preisausgezeichnet. Mein Herz hängt seit 2020 an seinem Herzfaden. An seiner Geschichte über die Augsburger Puppenkiste, mit der er für den Deutschen Buchpreis nomminiert war. Meine Besprechung dazu hänge ich Euch unten gerne noch einmal an. Auch der Idee seines letzten Romans Sinkende Sterne bin ich gerne gefolgt. Die Grundstimmung dieser seiner neuesten Geschichte, ihre Atmosphäre und Szenenbilder, haben mich gehalten, wie die Umarmung eines Freundes, den man lange nicht gesehen hat und ich fand sie auch insofern besonders, weil sie mit einem Satz endet, der mich hat aufmerken lassen, lange hängt er mir noch nach. Nicht nur an Max und Anna, an die Glücksmomente, die sie haben teilen dürfen, habe ich denken müssen, sondern daran, wie das Leben mit uns spielt und wie wenig Einfluss wir oft genau auf die Dinge haben die von Bedeutung sind.
„Das schwarze riesige Meer des Todes. Wir alle spielen an seinem Strand, auf jenem schmalen Streifen Sand, auf den für eine Weile das Licht der Sonne fällt .“ Textzitat Thomas Hettche



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