Meeresbriefe (Siri Ranva Hjelm Jacobsen)

Das Meer, die Meere, faszinieren uns nicht erst seit Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“. Die Tiefsee, was in ihr lebt, ist bis heute und trotz der Möglichkeit mit U-Booten abzutauchen, noch nahezu unerforscht. Dunkel und unergründlich bleibt es für uns in dieser Tiefe. Dem Druck, der hier herrscht, halten unsere Körper nicht Stand. Der Atem geht uns aus auf dem Weg nach unten. Einst war da EIN Urmeer, das unseren Planeten bedeckte. Dann erhob sich das Land. Es teilte das Meer in unsere Meere. Trennte sie voneinander.

Was wäre wenn, diese Meeresteile, versucht hätten über die Zeit hinweg miteinander zu kommunizieren? Diesen Gedanken greift eine Autorin auf, von der ich zu Jahresbeginn einen Roman vorgestellt habe, den ich ich sehr mochte. Meinen Beitrag dazu findet ihr wie gewohnt, verlinkt am Ende dieses Textes hinter dem Cover.

Insel hieß er, erzählte eine Auswanderergeschichte von den Faröern. Die dänische Schriftstellerin Siria Ranva Hjelm Jacobsen ist hier aufgewachsen.

Ihre Idee, in ihrem Kurz-Prosatext „Meeresbriefe“ das Mittelmeer und den Atlantik zu Schwestern zu erklären und die beiden Briefe wechseln zu lassen, hat mich sehr gelockt. Nicht gerechnet hatte ich damit, wie facettenreich eine so kurze Erzählung sein kann.

Was wäre wenn, der Atlantik dem Mittelmeer nicht nur schreiben, sondern wenn beide sogar einen Plan ausgehecken würden? Einen Plan, um sich des „Geziefers“ an seinen Ufern zu entledigen, dem sie offenbar gleich waren, angesichts der Tatsache wie es mit ihnen umging? Was, wenn sie sich verschwörten, sich wieder zu vereinen? Was nur funktioniert, wenn die Landmasse die sie trennte, unterging …

Meeresbriefe von Siri Ranva Hjelm Jacobsen

Schwester Mittelmeer hat nicht nur Skrupel eingedenk dieses Plans, sondern ist traurig. Wo sollen die Vögel noch landen, wenn das Land verschwindet? Sie konnten ja nichts dafür. Immer wieder muss Schwester Atlantik sie aufheitern und die hält an sich, zügelt ihre Schroffheit, auch dann, wenn wieder einmal die Rede auf Ikarus kommt. Der seinem Vater Dädalus, trotz eindringlichster Warnung, abgestürzt und ertrunken war. Ein Trauma für die Schwester. Oft dachte das Mittelmeer dieser Tage wieder an ihn …

Es wird schwerer, Schwester
Ich bin nicht mehr ich selbst. Tag um Tag füllen sie mich mit etwas Wesenlosem, Fremdem, stopfen mich voll damit. Ist das eine Form der Rache:
Schreib bald und erzähl mir eine Geschichte.
M.

Unsere Meere sind krank. Wir wissen das. Auf ihrem Grund Müll, in ihren Wellen Mikroplastik. Ihre Temparatur. Zu hoch. Wir messen sie und wissen nicht weiter. Tun wenig bis nichts. Dagegen. Sind hilflos, wenn Klippen fallen, eine zornige Gischt an ihnen zerrt. Wagen uns gar hinaus auf die vor Wut kochenden Wasser, halten uns für unzerstörbar.

Was haben sie alles gesehen auf unserem Planeten. Was haben die Wellenschläge, die an ihre Ufer branden ihnen alles erzählt? Millionen Geschichten müssen es sein und einige davon teilen sie hier miteinander. Die beiden. Der Atlantik, rau und wild und das Mittelmeer, verträumt und wohlwollend.

Siri Ranva Hjelm Jacobsen, geboren 1980 lebt heute in Kopenhagen, für ihren Roman „Insel“ wurde sie 2019 mit dem MARetica-Preis ausgezeichnet. Manchmal entdeckt man Autorinnen und Autoren, schlägt eine Geschichte, ein Buch von Ihnen zu und will sofort mehr. So ist es mir nach „Insel“ ergangen.

In Form eines Langgedichtes setzt sich Hjelm Jacobsen mit dem Klimawandel, seinen Auswirkungen auf den Meeresspiegel, mit dem Zustand der Weltmeere auseinander. Allein für die Idee, zwei Ozeane einander Briefe schreiben zu lassen, habe ich ihren Text schon gefeiert. Wie sie beiden Meeren unterschiedliche Stimmen verleiht, dem Mittelmeer eine träumerische, dem Atlantik eine weise und kämpferische, fand ich großartig.

Das man für ihren Briefwechsel, der mit seinen 64 Seiten, die nicht alle mit Worten bedruckt sind, auch noch unterschiedliche Lesarten finden kann, ist bemerkenswert. Sie lesen sich wie ein lyrisches Gleichnis und Jacobsen legt den Finger, mit Sätzen aus Salz und Seeluft, nicht nur auf die Wunde unserer Untätigkeit angesichts des Klimawandels, sondern lässt die beiden ungleichen Schwestern auch im Sinne einer Familienzusammenführung paktieren. Wie sie dabei sprachlich und im Deutschen für sie, Franziska Hüther, Methapern für menschliches Ungemach und menschliche Schwächen gleichermaßen finden lässt, habe ich sehr gemocht und diesen schmalen, sehr besonderen Text, deshalb ausgesprochen gerne gelesen.

Alle Lyrikfans also aufgemerkt, hier schreibt eine Autorin, die uns, wie schon der Rattenfänger von Hameln den Kindern, mit ihren Wortbildern lockende Töne einflüstert und von der ich sehr gerne noch mehr lesen möchte.

Danke an den März Verlag für diese Entdeckung. Ich durfte die PDF-Fassung lesen, daher keine Einschätzung dieses Mal zu Haptik und Optik der Printversion. Freuen darf man sich aber auch in der digitalen Fassung über elf Zeichnungen der 1975 geborenen dänischen Künstlerin und Illustratorin Dorte Naomi, die den Text stimmungsvoll untermalt. Übersetzt hat aus dem Dänischen feinfühlig und inspiriend, wie auch schon „Insel“ von Jacobsen, die 1988 geborene Franziska Hüther. Sie studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt a.M. und Reykjavik und wurde 2021 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

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