Schafsinseln nennt man sie auch. Die insgesamt achtzehn Inseln vulkanischen Ursprungs im Nordatlantik, die Färöer. Seit dem Vertrag von Fámjin vom 29. März 2005, gehöhren sie, wie Grönland, als autonomer Bestandteil zum Königreich Dänemark.
Alle Inseln der Färöer werden inzwischen permanent bewohnt, wenn sie auch dünn besiedelt sind und so mancher Ort nur per Schiff oder zu Fuß erreichbar ist, was eine Herausforderung für jegliche Art Zustellung und Versorgung darstellt. Tórshavn, die Hauptstadt, zählt um die 13.900 Einwohner, ist Sitz der faröeischen Universität und politisches, sowie wirtschaftliches Zentrum der Inselgruppe, die neben der Schafzucht vom Fischfang lebt.
Wild und rau, zerklüftet, größtenteils unwegsam, leider war uns auf der Rückreise von Island 2017, nur ein Abstecher nach Tórshavn, die Stadt liegt auf Streymoy, und ein Streifzug durch deren Altstadt nebst Stadtpark auf der Halbinsel Tinganes möglich:

Uns lachte an diesem Tag die Sonne vom blauen Himmel, eine Seltenheit hier, ließ ich mir sagen und tatsächlich ist es seither mein Wunsch, die Inseln einmal wieder und dann bei Regenwetter zu besuchen. Verrückt, meint ihr? Nebelverhangen muss es hier magisch sein, sage ich und lasse mich derweil, um mir die Wartezeit bis zu einem Wiedersehen zu verkürzen, von dieser Autorin nach den Färöern entführen:
„Die Wirklichkeit wird porös dort oben im Eis, die Vögel kommen aus dem nirgendwo.“ – Textzitat Siri Ranva Hjelm Jacobsen

Insel von Siri Ranva Hjelm Jacobsen
Auf Kabeljau zu gehen, in den Fanggründen der Arktis, war kein Spaziergang und nichts für Fritz. Auf einer ersten Fahrt, sie dümpelten vor der Bäreninsel südlich von Spitzbergen, trotzte er Kälte und Eisbären, der strengen Routine an Bord, war lange krank danach. Ein Wunsch reifte in ihm, er wollte auswandern. Studieren in Dänemark. Dann zurück kommen. Im Kraftwerk arbeiten und Marita sollte seine Frau werden. Sie beide würden ein anderes Leben haben. Ein bessers.
Marita nahm an einem Sonntag nach dem Kirchgang in ihrem besten Kleid auf den Klippen Abschied. Von einem Kind, das sie unter dem Herzen trug, von ihrer Insel. Nach dem Gottesdienst, wo es letzte Umarmungen hatte, griff sie nach einem einzigen Koffer und ging. Es war ein Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. In der Fritz auf sie wartete aber auch ein Krieg. Als sie in Kopenhagen von Bord ging hatte Deutschland soeben Polen angegriffen und bevor es besser werden sollte, kam es erst anders. Fritz war ihr voraus gefahren vor einem Jahr, Lehrer würde er werden, nicht Fischer und nicht wie gewünscht Elektroingenieur. Marita war da schon mit ihm verlobt gewesen und sie war geblieben. Auf den Faröern. Zunächst. Das Kind, der Fötus, dem sie selbst vor ihrer Abreise mit einem Stück Draht das Leben genommen hatte, war nicht von Fritz und er durfte es auch nicht wissen. Es war von Ragnar. Seinem älteren Bruder. Fast ein Jahr lang schrieben Marita und Fritz Briefe nach Hause. Dann hörten sie auf. Es würde kein Abschied auf Zeit sein. Wir wissen das jetzt.

Siri Ranva Hjelm Jacobsen, geboren 1980, dänische Schriftstellerin und Literaturkritikerin, mit familiären Wurzeln auf den Färöern, lebt heute in Kopenhagen. Geschickt stellt sie zu Beginn dieser Geschichte einer Abreise eine Ankunft gegenüber. Dafür nutzt sie zwei Zeitebenen und die Vergangenheit berührt die Gegenwart. Was wir zur zeitlichen Einordnung erfahren, als Marita geht, die Grassodenhäuser, die Fischfabrik hinter sich lässt, ist General Franco regiert Spanien und die Welt steht auf der Schwelle eine Krieges.
Was ist uns Heimat? Kann man Heimat empfinden für eine Gegend in der man nie gelebt, die man die bewohnt hat? Kann man sie trotzdem vermissen? Diese Autorin lässt eine ihrer Protagonistinnen suchen, eine andere schickt sie fort. Für beide ist eine Landschaft, sind die Färöer, geographisch gesehen Heimat, der Ort ihrer Abstammung und Jacobsen nutzt die raue Schönheit dieser Gegend, bindet sie ein, nicht nur als Schauplatz oder Kulisse. Ein Eigenleben haben diese Inseln, Sturm ist ihr Atem, die Brandung ist ihr Herzschlag. Möglich, das man diesen Puls, auch in Abwesenheit spürt. Das er zieht an einem, wie der Wind an einer Schürze. „Komm zurück. Sieh dich um. Entscheide wohin du gehörst“.
Verwoben und verwachsen werden am Ende der Geschichte Zeiten und Erinnerungen sein. Sanft und eindrücklich erzählt, wird Schweres leichter. Wehmut und Vermissen. Leerstellen, die nach dem Tod der Großeltern eine namenlos bleibende Ich-Erzählerin, sie ist die Enkelin von Marita, schmerzen. Sie nimmt uns im gegenwärtigen Erzählstrang mit. Mit zurück. Auf die Inseln. Als Maritas Sterben aufhört, beginnt ihre Suche nach ihren Wurzeln. Nicht einmal ihren faröeischen Namen kann sie richtig aussprechen, hält ihr eine Kneipenbekanntschaft vor. Ein Weckruf. Der sie Nachts durch Tórshavns Stadtpark streifen lässt. Ruhelos die Antworten verarbeitend, die ihr die Verwandten am Tag auf ihre Fragen gegeben haben und mit dem Gefühl, dass da noch immer das Wesentliche ungesagt geblieben ist. Bilder steigen in ihr auf, sie werden genährt von Geschichten, die ihr der Großvater erzählt hat, der Zeit seines Lebens zurück wollte nach Faröer. Aber seine Marita, die hatte sich verweigert.
„Insel“ ist Siri Ranva Hjelm Jacobsens erstes Buch das in deutscher Übersetzung im MÄRZ Verlag erschienen ist. Ich darf mich für ein Besprechungsexemplar bedanken, das mich 184 Seiten lang hat staunen lassen. Staunen lassen darüber, wie man eine Landschaft wie einen lebenden Organismus als Protagonistin einbauen kann. Staunen lassen, wie Sprache tragen kann, auch und besonders dieses Gefühl, das einer Wurzellosigkeit. Des sich Fremdfühlens in der eigenen Familie, das nicht alleine daher rührt, dass man sich lange nicht gesehen ist und jetzt mehr Gast als Mitglied ist.
Zwischenzeilig und feinfühlig, immer nah bei ihren Figuren, so schreibt Hjelm Jacobsen und rührt dabei etwas in mir auf. Den Toten nachzugehen, ihre Spuren zu lesen, bedeutet nicht zwingend, das wir unsere Eltern, unsere Großeltern, am Ende wirklich kennen. Im besten Fall haben wir mit ihnen einen kleinen Teil ihres Lebens geteilt. Was wir kennen ist das Bild, dass wir uns von ihnen gemacht haben. Nicht alle Puzzleteile fallen für die suchende Enkelin hier an ihren Platz. Tun sie das jemals? Im Geheimen verrät die Autorin uns mehr als ihr, die sich auf das Ahnen und Raten verlegen muss, ein Kunstgriff, der mir sehr gefallen hat. Uns Lesende zu Mitwissern zu machen, das Geheimnis eines vergangenen Lebens für die Protagonistin aber zu wahren, das fand ich sehr clever gelöst.
Übersetzt hat diese feinsinnige Spurensuche ganz famos Franziska Hüther. Der Jugendliteraturpreisträgerin von 2021, sie hat seinerzeit den Siegertitel von Marianne Kaurin in der Sparte Kinderbuch aus dem Norwegischen übertragen, ist die Übertragung von „Insel“ ins Deutsche wunderbar gelungen. Glockenhelle und auch sturmumtoste Sätze hat es in ihrer Übersetzung und es wimmelt nur so von solchen, die man sich unterstreichen möchte. Poetisch schön ist dieser Text im Deutschen, einfühlsam und empathisch.
Mit ruhiger Hand und leisen Tönen erzählt, Hjelm Jacobsen, Natur und Landschaft behält sie dabei fest im Blick. Sie schickte mich nicht nur auf die Inseln, sondern auch auf eine Zeitreise, die sich aus dem Erinnern speist. Wie sonst lässt sich eine Spurensuche betreiben, wenn diejenigen über die man mehr erfahren möchte tot sind? Es bleiben nur Fragen, Erinnerungen, Fragmente und Hinweise. Wieviel lernen wir dabei über uns selbst? Warum wir fühlen und denken was wir denken und fühlen?
Wie sehr prägen uns Herkunft und Abstammung? Gegend und Landschaft oder eine Person, Menschen, mit denen wir uns verbunden haben. Wenn wir Heimat meinen, verstehen wir sie eher emotional oder körperlich?
Wir sind, wer wir sind. Zusammengesetzt aus Bruchstücken entscheiden am Ende wir selbst wer wir sein wollen.
Eigene Erinnerungen hat dieser Roman in mir aufgeweckt. Die Zeichnung der Inseln, die der Geschichte im Buch vorangestellt ist, gibt Orientierung und gleichzeitig ermöglichte sie mir eine vergangene Reise Revue passieren lassen. Noch nie zuvor und auch danach bislang nicht mehr, war ich dem Nordpol näher gewesen, stand in einer baumlosen, eiskalten Weite, die mich sprachlos machte. Alle in den Beitrag eingebetteten Fotos habe ich seinerzeit gemacht, sie sind stumme Zeuge dessen, was ich habe sehen dürfen. Auf und vorbei an den Faröern. An einem der Enden von Spitzbergen, unweit der Bäreninsel, die einem der Helden dieser Geschichte zum prägenden Wegweiser geworden ist.
Was für ein Auftakt meines Lesejahres! So darf es bitte gerne weitergehen. Ich bin erwartungsfroh und freue mich, dass der MÄRZ Verlag für 2026 die Veröffentlichung von Jacobsens „Meeresbriefe“ angekündigt hat.


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