Einstein im Bade (Daniel Mellem)

Über Politik lässt sich trefflich streiten, Gleiches gilt mit Sicherheit auch für unterschiedliche wissenschaftliche Standpunkt. Im Jahr 1920, vom 19.-25. September, so kann man es auf der Homepage Bad Nauheims nachlesen, kamen zum 86. Kongress der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte rund 2.600 Teilnehmer in der Kurstadt zusammen. Unter ihnen diese heutigen Berühmtheiten: Albert Einstein, dessen Relativitätstheorie(n) und Ansichten in Kollegenkreisen in die Kritik geraten waren und die beiden Nobelpreisträger Max Plank und Philipp Lenard. Es kommt zu einem denkwürdigen öffentlichen Disput zwischen Einstein und Lenard, letztgenannter zählte zu Einsteins schärftsten Kontrahenten, am 23. September im Badehaus 8. Einstein, zu diesem Zeitpunkt noch kein Nobelpreisträger, sollte den seinen ein Jahr später, 1921, erhalten. Auf diesem historischen Ereignis, dem Zusammentreffen der beiden Rivalen, gründet dieser Roman, der uns allein durch seinen bezaubernden, leicht antiquierten Erzählton in diese Zeit zurückversetzt. Mein Kopfkino lief in Sepiatönen los und ich hatte beständig, während zwischen den Seiten Hoteldirektor Kleeberger, so beflissen und eilfertig herumwuselt, mir persönlich von den sich zuspitzenden Ereignissen erzählte, Theo Lingen vor Augen …

Einstein im Bade von Daniel Mellem

Seinen Gästen liest er nicht seit nunmehr fünfzig Jahren die Wünsche von den Augen ab, er sieht sie voraus. Einen geringeren Anspruch hat Herr Kleeberger, Hoteldirektor im Rastenden Kranich nicht. Eben gerade nimmt er schweren Herzens die Beschwerde eines prominenten Gastes auf und versteigt sich in ein Versprechen mit Folgen. Der Nobelpreisträger Professor Philipp Lenard hatte, so sein Standpunkt, frühzeitig ein Zimmer mit Blick auf den ruhigen Innenhof für seine Teilnahme am diesjährigen Kongress reserviert und muss bei seiner Anreise feststellen, dass sein Zimmer doppelt vergeben worden ist. Kein geringerer als Max Planck hat sich dort bereits eingerichtet und Lenard is not amused. Herr Kleeberger verspricht, keine Ahnung wie er das angesichts des ausgebuchten Hauses halten will, Abhilfe und bittet für einen Tag um Geduld, dann werde ein solches Zimmer frei …

Achtundsechzig Jahre alt, die meisten davon im Dienst eines Hotels, das er vom Großvater und Vater übernommen hat, Herr Kleeberger hat sein Leben im Dienst am Gast gelebt und als die Buchungen zurückgingen, sich auch nach dem Krieg nicht mehr erholten, musste er es einsehen. Er war der Pleite näher als einem Comeback und es brauchte einen, einen was? Elektrischen Lift, das jedenfalls meint seine erste Hausdame, das Fräulein Meisinger, ein Vollprofi und seit fünfundzwanzig Jahren im Kranich. Sie liebäugelt mit einer Kündigung, was der Direktor durch Zufall herausfindet. Lauscher an der Wand, hört seine eigene Schand. Sagt man da wohl. Nicht aus der Zeit gefallen, aus der Mode gekommen, seien Konzept und Wesen des Hotels und wolle es eine Chance haben, brauche es einen neuen Direktor. Das sagt sie ihm ins Gesicht.

Die viel beschworene Ruhe, die man hier einst gesucht und hatte finden können, schien ausgedient zu haben in dieser bewegten Zeit, konstatiert der Chef und ist betroffen, nein, tief getroffen. Eine Namensänderung sei wichtig, meint eine Stammgästin und unser Direktor ist, was? Ratlos und so was von in der Tradition verhaftet. Was soll er tun? Über den eigenen Schatten springen? Schwierig.

Inmitten dieses Dilemmas reist ein weiterer Gast an, der hat das Potenzial jede Party zu sprengen, es ist kein Geringerer als der Mann, der das wissenschaftliche Lager und die Zunft der Physiker zutiefst gespalten hat. Albert Einstein. Ihn unter dem gleichen Dach wie seinen schärfsten Kritiker Professor Lenard unterzubringen? Mutig. Ich ziehe schon mal den Kopf ein und wünsche unserem Hoteldirektor viel Glück. Das wird er jetzt brauchen, denn das Vorhaben, das er da zur Rettung des Namens, der Ehre und des wirtschaftlichen Fortbestandes seines Hotels wegen gefasst hat, ist mehr als gewagt …

Daniel Mellem, geboren 1987, lebt in Hamburg, hat in Physik promoviert. Sein 2020 veröffentlichter Debütroman „Die Erfindung des Countdowns“ wurde ausgezeichnet mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis, er befindet sich noch in meinem Hörbuchvorrat und ich bin jetzt sehr gespannt darauf. Die Physik und ihre Helden, ihr Licht und ihre Schatten, scheint sein Thema zu sein. In <Einstein im Bade> lässt er humorvoll und mit Geist, Genies und ihre Thesen aufeinanderprallen. Hinreißend zeichnet er die nostalgisch angehauchte Szenerie des Bad Nauheims jener Tage nach. Man flaniert unter den prominenten Gästen, lauscht Wortwechseln, versteht in der theoretischen Tiefe nur Bahnhof und Abfahrt und das spielt sowas von überhaupt keine Rolle. Dem Charme dieser Geschichte kann man nicht ausweichen und will es auch nicht. Man erliegt ihm.

Das Leben schreibt die besten Geschichten, so viele davon sind unerzählt, so viele vergessen. Umso schöner ist es, dass Daniel Mellem diese dem Vergessen entrissen hat. Er nutzt seinen künstlerischen Spielraum um zu fiktionalisieren, fabuliert einen Hoteldirektor nebst leicht marodem, aber charmantem Hotel herbei, das bei Licht betrachtet schon zur damaligen Zeit aus der Zeit gefallen war und in das man, also ich, trotzdem nur zu gerne sofort einchecken würde. Der Ruhe wegen. Die man hier noch respektiert. Wie hält man diese aber, wenn Murphys Law regiert? Der arme Direktor Kleeberger sucht nach Kräften das aufziehende Chaos zu managen. Bangt um die Zukunft seines Hotel, um die Zukunft generell.

„Was wäre das für eine Welt, in der das Heute für den einen gestern ist und für den anderen morgen? Wie kann ich in so einer Welt jemanden zu Gast haben? Wie kann …“ Textzitat Daniel Mellem

Hotelgeschichten mag ich ja, der Gedanke, dass hier aus Zufallsbekanntschaften mehr werden kann, hinter jeder Zimmertür Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten einziehen. Welche das wohl sein mögen, frage ich mich jedes Mal wenn ich einen Hotelflur entlang gehe. Was ist der Anlass ihrer Reise, warum sind Sie hier, was haben Sie sich für diesen Tag vorgenommen? Welche Aufgaben und Anstrengungen meistern Management und Personal tagtäglich damit sich alle gleichermaßen wohlfühlen? Nur zu gerne werfe ich da, wenn ich es darf, einen Blick hinter die Kulissen, in Küche und Weinkeller.

Letzteres kann man in dieser Geschichte nur bedingt, aber im Speisesaal bei Grauburgunder, Tafelspitz und Rouladen oder Nachmittags bei Kirschkuchen mit geschwungener Sahne im Innenhof, erhasche ich immer einen Blick auf die Teller. Das diplomatische Geschick und die hohe Kunst des Gastgebens durfte ich genießen. Darüber wie sich vermeintlich gut betuchte über dieses Wohlwollen erheben, die völkischen Ansichten so mancher Gelehrter, empörend.

Wer hätte das gedacht, das ich, die ich in Physik in der Schule am liebsten ganz hinten gesessen bin, einmal gerne mehr über diese Herren Physiker erfahren möchte? Das hat er geschafft, der Daniel Mellem und wie er die Bälle zwischen Pazifisten und Nationalsozialisten fliegen, lässt, at it’s best. Was für ein Spaß!

Dem unermüdlichen Ringen um den Beweis folgen, weil nur das in der Physik die ersehnte Anerkennung bringt, das mochte ich auch. Recherchieren, was wer wirklich mit wem hatte und warum, welches Licht, vielmehr welche Schatten die nationalsozialistische Ideologie auf Professor Lenard wirft. So muss das sein, das mich eine Geschichte anstupst, tiefer zu schürfen. Dazuzulernen.

Daniel Mellems erzählt dabei mit leichter Hand, wie schüttelt er nur diese Sätze am laufenden Band aus dem Ärmel? Seine Geschichte umspannt einen Zeitraum vom 19. – 27. September 1920, eine prägende Woche, im Leben seiner Hauptfigur. Lasst Euch nicht täuschen von der Leichtigkeit dieses Textes, sie ist komplexer als es auf den ersten Blick scheint. Vom wissenschaftlichen Kontext einmal abgesehen, stehen nicht nur zwischen den Zeilen Themen wie Antisemitismus, das Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen, die Furcht vor Veränderungen.

Ohne den geringsten Hauch von Albernheit, häufig durch den in die Zeit gehörenden, leicht gesteltzen, mal versnobten Erzählton, hat mich Daniel Mellem während des Lesens mit einem Dauerschmunzeln versehen und auch danach noch ist es, schwups, wieder da, nimmt mein Gesicht in Besitz und meine Gedanken reisen zurück in den Text und zu meinen Lieblingspassagen. Diese Art Humor liebe ich in der Literatur, wunderbar augenzwinkernd unterhält er allerbestens. Gar nicht mehr aus der Hand legen konnte ich diesen feinen Roman, wollte ich doch wissen, ob die unvermeidliche Eskalation, die da bevorsteht, gut ausgehen kann. Für den Herrn Kleeberger und für alle Anderen. Für die auch.

Liebenswert ist Mellems Figurenzeichnung, herrlich verschroben so Mancher, viele eigensinnig, etliche streitlustig und mit dem Wunsch der Streitschlichtung behafftet Andere. Habe ich schon gesagt, wie sehr mir seine Sprache und dieses Erinnernde Ich-Erzählen gefallen hat? Stimmt, eingangs, Kopfkino in Sepia meets Theo Lingen. Sehr gerne wiederhole ich mich und empfehle diesen Titel von Herzen denen, die eine Aufheiterung brauchen. Aus Gründen. Ich sage, Dankeschön dafür, lieber Daniel Mellem, liebes Team von Kein & Aber für diesen Tipp und das Rezensionsexemplar. Ihr hattet recht, es hat so gut für mich gepasst!

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