Früher war nicht alles besser. Wir wissen das. Denn jede Zeit hat ihre Kümmernisse, Ihre Kriege und Trümmer. Seinerzeit hat die Industrialisierung Arbeitsplätze und Berufe sterben lassen, heute erledigt das die Globalisierung. Eben sorgen sich die Landwirte der EU was wohl künftig preiswertes Rindfleisch aus Südamerika für ihr Auskommen bedeutet, derweil die Gastronomen sich freuen: MwSt runter, Marge hoch. Das unaufhaltsame Wegsterben landwirtschaftlich genutzer Flächen hat längst begonnen und die oft neu mit Solarmodulen bestückten Lücken werden sich nicht mehr Weizen oder Mais schließen. In dieser Geschichte durfte ich einen Blick über den Zaun auf Gestriges werfen, der mich angesichts dessen, was in diesem Ort, der Autor nennt ihn Austal, geschieht, sehr berührt hat. Ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, hier bleibt ebenfalls nichts wie ist. Kann es ja nicht …
Im Schnee von Tommie Goerz
Der eifrig fallende Schnee hatte seinem Gartenzaun Mützchen aufgesetzt und die Welt ringsum Max und seine Apfelbäume still gemacht. So still, dass er das Totenglöckchen vom Kirchturm erst nicht gehört hatte. Es galt dem Schorsch. Was er erst später erfuhr, durch den Dorffunk, auf den war noch immer Verlass.
Vorgestern erst waren sie noch gemeinsam auf ein Bier beim Stanglwirt gewesen. Immer schon, ein Leben lang, hatten sie beide viel zusammen gemacht und seine Äpfel, die hatte der Schorsch Wenzel immer gerne gegessen. Der Martini und der Rheinische Krummstiel waren seine Liebsten gewesen und die hatte er sich immer beim Max geholt. Was jetzt werden sollte ohne den Schorsch. Der Max wusste es nicht und wollte auch nicht denken.
Austal würde wohl aussterben. Denkt er aber doch. Einen Metzger hatten sie schon lange nicht mehr, Lilos Gemischtwarenladen war längst geschlossen und das Sägewerk auch. Tot umgefallen war der Chef. Danach hatte keiner mehr weitergemacht. Die Jungen gingen in die Stadt. Kaum einer blieb. Manchmal kam wer zum Wandern. So wie der hier, der halb durchgefroren am Bahnhof gestanden hatte. Der Max wohnte am Gleis 3 und was wollte er machen, er ließ den Burschen rein. In seine Küche. Auf eine Wurst und einen Kräutertee. Den hatte der Schorsch auch immer gern getrunken. Spezialmischung. Alle Kräuter sammelte der Max dafür selbst. Kurz bevor der Zug einfuhr ging der Bub und der Max, der ging auch. Rüber zum Schorsch. Für die letzte Wache. So war das hier Brauch.
Nach Ölofen, Stall und Holz riecht es in der Stube als sich die Männer des Dorfes zur Totenwache und um das Sofa mit dem Schorsch herum setzen. Oft machten sie das nicht mehr. Sich die Nacht teilen. Die Männer und Frauen des Ortes. Wenn jemand starb. Meist wollten die Angehörigen den Toten nicht mehr über Nacht im Haus haben. Der Max findet es geht nur so. Das Abschied nehmen. Das Erinnern. Für das man einen Schnaps braucht. Weil es schmerzt. Einen aus Birnen, einen Selbstgebrannten, den hatte der Stanglwirt mitgebracht. Das half beim Durchhalten und Aushalten.
Tommie Goerz ist das Pseudonym von Marius Kliesch, geboren 1954 in Erlangen. Der promovierte Soziologe und Autor veröffentlichte 2010 seinen ersten Kriminalfall „Schafkopf“, seit 2017 schreibt er ausschließlich. Für seinen Roman „Meier“ wurde er 2021 mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet, 2022 räumte er mit „Frenzel“ den Crime Cologne Award ab.
Es braucht nicht immer Pauken und Trompeten damit ein Text Nachhall erzeugt, oft sind es die leise Töne, die den Unterschied machen. Wie man sie anschlägt, das weiß Tommie Goerz ganz genau. Figuren die einem bleiben und nicht nur die gibt es bei Goerz auch. Gleich zu Beginn stellt er Max ans Fenster und uns vor. Der schaut auf seinen Garten voll mit Apfelbäumen und alten Sorten. Es hat zu schneien begonnen, als das Schicksal ausholt und mit voller Wucht trifft. Wie ein Schalldämpfer wirkt er ja oft, der Schnee. Aber diesmal. Ist das anders. In Max kann es erst einmal nicht ruhig werden. Denn so einfach ist das nicht. Das mit dem Loslassen.
Was für eine herzwarme, liebevolle Figurenzeichnung ist das denn bitte? Man möchte sie alle persönlich kennenlernen. In diesen Ort umziehen, an dem die Uhren anders ticken, auch wenn nicht alles rosig ist und so viel was gut ist vergangen.
Die Buchausgabe von „Im Schnee“ hat schmale 175 Seiten und es ist erstaunlich welchen Kosmos Tommie Goerz auf solch engem Raum erschaffen hat. Die sehr empfehlenswerte ungekürzte Hörbuchfassung gelesen von Thomas Loibl nimmt uns für 4 Stunden und 8 Minuten ungeheuer empathisch mit in eine Geschichte, in der die Zeit einmal still gehalten hat. In der ganze Lebenswirklichkeiten untergegangen sind. Vom Erinnern daran und das eben nichts bleibt wie es war, davon erzählt sie. Das wunderbar unaufgeregt. Bildhaft und anrührend zugleich hat mich der Erzählton von Tommie Goerz sofort umarmt. Ohne Anlauf und Übergang war ich sofort mittendrin statt nur dabei und ich freue mich jetzt auf eine weitere Geschichte von ihm, die schon hier bereit liegt und „Im Tal“ heißt.
Das „Nie-Wieder“, das in dem alten Max nach dem Tod seines Freundes herumspukt, wie Geschwister waren sie gewesen und schon als Buben immer beieinander, die Frage „wer wird der/die Nächste sein“, haben mich mitfühlen lassen. Die eigene Angst vor dem, was man nicht kontrollieren kann, tritt jedes mal näher an uns heran, wenn man jemanden zu Grabe tragen muss. Sehr gemocht habe ich diese Gedanken, das WAS Tommie Goerz dazu einfällt und das WIE er das tut, das auch.
Besonders das Erinnern an alles was gut war, das mit einem ganz eigenen Humor versehen in den Ritzen und Spalten der Geschichte aufleuchtet und Schweres leichter macht, ist ihm so gut gelungen. Die Dankbarkeit, die am Anfang eines Verlustes weniger und später mehr und mehr das Vermissen mildert, die schafft das auch, die Schwere nehmen. Dankbar ist auch der Max und reuig, weil er dem Schorsch etwas verschwiegen hat. Etwas, so stellt es sich im Verlauf der Totenwacht heraus, das nicht nur ihn betrifft, andere im Raum hatten es ihm seinerzeit gleich getan. Hatten sie durch ihr Schweigen Schuld auf sich geladen? Was wäre gewesen wenn …
„Sie tauschten ihre Zeit für Geld und jammerten dann dass sie keine Zeit mehr hatten.“ Textzitat
Die aus der Neusiedlung wohnten aber lebten nicht hier. Vorbei die Zeit, in der alle zum Max kamen, weil nur er noch reparieren konnte, was nur er reparieren konnte. Mit Maschinen da kannte er sich aus, die Ordnung und Klarheit in ihrem Inneren, die hatte er immer gemocht.
Das Zusammenleben mit den Bauern, ihren Gewohnheiten, ihrer Wortkarkeit, den Traditionen und Ritualen. Das auch. Gewöhnt hatte am sich. Aneinander. Über Himmel und Hölle und die Frage wohin man geht, wenn man abberufen wird, redeten sie jetzt bei Bier und Schnaps. Auf eine Leiche, die vielleicht einer im Ort im Keller hat, kommt die Sprache, auf den Bürgermeister, den niemand gewählt haben will, auf die Kinder, die einem nicht vergönnt waren und auf den Sohn, der sich aus Liebeskummer das Leben genommen hat. Allerdings bespricht man Liebeszeug nicht wirklich, auch jetzt nicht. Da machte Mann einen Strich drunter. Am Bett eines Toren teilt sich bislang Ungesagtes leichter, das Leid und die Schuld. Die bis heute drückt. Man versteht sich. Kennt sich schließlich ein Leben lang. So war das hier.
Um Mitternacht dann. Die Wachablösung. Die Frauen des Ortes scharen sich um das Sofa mit dem Schorsch. Der Max bleibt. Wie verbinden sich Mon Cheri und die Kartoffelernte? Man strickt mit Zopfmuster, die Wolle hat man selbst gesponnen.
Anekdoten und Geschichten in der Geschichte verbinden sich zu einem leisen Vielklang. Wie bei einem mehrstimmigen Chor hören wir alle zusammen und manchmal auch nur Eine oder Einen. Was für eine feine Milieustudie das ist. Eine, die die Seele wärmt und am Ende da greift sie endgültig nach meinem Herzen. Ach, Max. Mit Deiner Geschichte kann man herrlich aus der Zeit fallen. Du wirst mir fehlen.

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