Zu Beginn dieses Romans reise ich recherchierend zunächst einmal an den Anfang einer anderen Geschichte. Nämlich an den des Cocktails <Negroni>. Heute ein Klassiker auf jeder Barkarte, konnte sich dieses alkoholische Mischgetränk aus drei Spirituosen zunächst bis in die 1950ziger Jahre nicht durchsetzen. Erfunden hat ihn, auch wenn es die unterschiedlichsten Storys seine Entstehung betreffend gibt, wohl der Barmann des Caffe Casoni, Fosco Bruno Sabatino Scarselli, der für einen Stammgast, Graf Camillo Luigi Manfredo Negroni, der seinen <Americano> etwas „verstärkt“ haben wollte, das Soda, zu Orangenbitter und Wermut durch einen Schuss Gin ersetzte. Das passte dem Draufgänger, Haudegen und Grafen so gut, das der neue Drink ihm fast zum Grundnahrungsmittel wurde. Warum erzähl ich das, fragt ihr Euch? Na, weil es gleich um einen Spionageroman gehen wird und weil Ian Flemmings James Bond, in seinem ersten Fall Casino Royale einen <Vesper>, einen dem <Negroni> sehr ähnlichen Drink bevorzugte und in diesem neuesten Coup aus der Feder von Kristof Magnusson, wird schon im Prolog <Negroni> getrunken und zwar mit Folgen …
Die Reise ans Ende der Geschichte von Kristof Magnusson
Das Gift in seinem Drink hatte Dieter Germeshausen nicht herausgeschmeckt. Der Negroni hatte den Nebengeschmack gut überdeckt und als er vom Stuhl rutscht denkt sein Gegenüber erst noch er habe wohl einen zuviel gekippt.
Germeshausen, siebenundzwanzig Dienstjahre, Geheimdienstmitarbeiter des BND und Doppelagent hatte untertauchen wollen. Jahrelang war er Anlaufstelle für Überläufer des Warschauer Paktes gewesen, hatte Wohnungen organisiert und neue Identitäten beschafft. Manchmal ließ er sie auch sterben, also die wichtigsten seiner Klienten, organisierte dann Beerdigungen, inszenierte Selbstmorde oder Unfälle. Am liebsten hier. In Italien. Der Mittelmeerraum war seine Spezialität und die italienische Verwaltung so herrlich flexibel. Anerkennung für das was er für den Nachrichtendienst tat, blieb ihm verwehrt, bei Beförderungen wurde er mit Eifer übergangen und paradoxerweise war ihm das Ansporn seine Aufgabe noch besser zu erfüllen. Was ihn mehr und mehr von seinen Kollegen entfernte und letztlich auch von Vorgesetzten. Am Ende wurde er nicht einmal mehr kontrolliert, denn ihm traute man am allerwenigsten zu, dass er ein Geheimnisverräter sein könnte. Frustiert bot er sich (zusätzlich) dem KGB an und der nahm ihn mit Freuden auf. Dann hob sich der Eiserne Vorhang, dahinter Gorbatschow und seine Berufsgrundlage löste sich quasi in Luft auf. Nicht nur das. Die Maulwurfsjagd der westlichen Geheimdienste begann und ihm kam bislang nur zu Gute, dass noch nie jemand auf seiner Dienststelle so richtig Notiz von ihm genommen hatte. Man versetzte ihn nach Italien und er lebt in ständiger Angst enttarnt zu werden. Er brauchte einen Plan B und der könnte dieser Dichter sein.
Jacob Dreiser, jung, erfolgreicher und über die Landesgrenzen hinaus bekannter Lyriker, war gesellig, konnte sich als der Künstler der war überall einladen, war ein stets gern gesehener und willkommener Gast und was vielleicht am Wichtigsten war, man vertraute sich ihm an, oft ungefragt, plauderte munter drauf los von Heimlichkeiten, Beziehungen. Man suchte aktiv den Draht zu ihm, nicht umgekehrt. Kurz um, er hatte Talent. Für Menschen.
Dreiser begegnet Germeshausen zum ersten Mal auf einer Gartenparty in der russischen Botschaft in Rom Anfang der 1990ziger. Was er nicht weiß, dieses Aufeinandertreffen ist kein Zufall, sondern Kalkül. Das von Germeshausen und Dreiser springt darauf an. Viel zu eitel und zu gelangweilt um es nicht zu tun. Viel zu geschickt manipuliert von diesem Agenten. Man trinkt und diskutiert darüber, ob der Fall der Berliner Mauer, das Ende des Kalten Krieges, auch tatsächlich das Ende der Geschichte ist. Hellsichtig vertritt Germeshausen den Standpunkt, dass alte Feindbilder, die sich Jahrzehnte lang in Herzen und Köpfen manifestiert haben, unbeeindruckt von Perestroika und Glasnost fortbestehen. Jacob Dreiser, von Hause aus wohl eher Glückspilz und Optimist widerspricht ihm. Er sieht die Welt offen für diesen Wandel und hat seinen Blick fest auf die Möglichkeiten geheftet, die sich daraus ergeben. Noch.
Es kommt, wie es kommen muss. Germeshausen stellt dem Dichter eine erste Aufgabe. Harmlos wie er sagt. Nicht einmal illegal. Na, dann.
In Jacob kribbelt es, er hängt am Haken, ist jetzt „Spion“, findet das toll und eine Unbekannte ist sein erstes Ziel. Sie soll er treffen, die richtigen Fragen stellen und Antworten bekommen. In einem Restaurant im Stadtzentrum, in dem dicke Schinken aus Parma von der Decke hängen.
Was sich zunächst anfühlt wie eine Episode aus „Versteckte Kamera“ wird schnell ernst und ernster und wie es sich für einen guten Spionageplot gehört, betritt alsbald auch eine kapriziöse Frau die Bühne. Die Oberschichten-Mailänderin Francesca hat russische Literatur studiert, arbeitet als Italienischlehrerin an der russischen Botschaft in Rom, hat sich emanzipert, liebt was sie tut. Arbeitet „nebenbei“ als Informantin für den KGB, ihr Kulturattaché hatte sie angeworben und neuerdings hatte sie ein Auge und ein Ohr auf Germeshausen, den sie bislang nur flüchtig kannte und der, wie man hörte, gerade dringend an Geld zu kommen versuchte. Germeshausen war unterwegs nach Almaty/ Kasachstan und Francescas Führungsoffizier meinte, sie solle ihn besser begleiten, das tut sie. In Chanel-Stiefeln. Germeshausen wiederum ahnt, das Francesca ihn überwachen soll, weiß nur nicht in wessen Auftrag. Egal, was er wusste, konnte er kontrollieren. Dachte er …
Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, Autor von Theaterstücken und Romanen, Übersetzer aus dem Isländischen, gelesen habe ich die wunderbare Gedichtsammlung Nachtdämmern von Steinnun Sigurðardóttir in seiner Übersetzung, lebt heute in Berlin. Vielleicht kennt Ihr den Kinofilm „Männerhort“ mit Elyas M’Barek, Detlev Buck und Christoph Maria Herbst? Die Vorlage dazu stammt von Kristof Magnusson und sein letzter Roman „Ein Mann der Kunst“, hat mir ausnehmend gut gefallen. Ich verlinke Euch am Ende nochmal meinen Beitrag dazu. Kristof Magnusson hat seinen aktuellen Roman in Rom geschrieben, wo er 2023 von der Villa Massimo mit dem Rom-Preis ausgezeichnet wurde.
Was haben ein Lyriker, ein Geheimdienstler und eine Italienischlehrerin gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten Blick und in diesem Fall einen Coup. Den letzten, den ein BND Mitarbeiter und Doppelagent für sich plant.
Mit diesem Plan beginnt ein Katz und Mausspiel. Eines, das inmitten der Hoffnung und des Zerfall einer alten Weltordnung dafür sorgt, dass man eilig umblättert. Hat uns Magnusson bereits etwa im Prolog die Pointe verraten? Könnte man sich fragen, aber wer Kristof Magnusson kennt, der weiß, so einfach macht er es uns nicht und wenn in seinem Klappentext „Abenteuergeschichte“ steht, dann ist auch eine drin. Eine die clever gebaut ist, kurzweilig und mit einer Figurenzeichnung die herrlich kautzig ist. Der Plot schlägt Haken wie ein Hase, weil bei Spionen ist das auch so, nicht? Und Autoren sind eh die besseren Spione, meint der Autor augenzwinkernd in einem Interview. Ehrlich, keine Ahnung, aber was seine Geschichte angeht, da bin ich ganz bei ihm. Genau dieses Anti-Helden-Ding, denn das ist sein Dichter für mich, mochte ich. Seinen Erzählton eh, weil er nutzt keinen Schenkel-Klopfer-Humor, sondern einen ganz feinen und wie er die weltverändernden politischen Entwicklungen dieser Zeit, die Vibes der Neunziger und nachdenkliche Töne einbindet, fand ich grandios. Seine Szenenbilder sind en detail, liebevoll ausgestaltet und atmosphärisch. Er stellt Verbindungen her, öffnet meinen Blick. Man möchte alles verraten und ich muss mich beim Schreiben kneifen es nicht zu tun. Weil es würde Euch die Entdeckerfreude mindern und Magnusson lohnt sich. Sein Ideenreichtum zeigt sich sowohl in der inhaltlichen Unterschiedlichkeit seiner Texte, als auch in seinen Romankonstrukten und die Kuriosität die er einbaut, macht so gute Laune. Ehrlich. Also, was immer er sich als Nächstes ausdenkt, ich bin dabei!
Danke, lieber Kristof, ich könnt schon wieder, einen Roman von Dir lesen und liebes Team des Klett Cotta Verlages für dieses Besprechungsexemplar und wie versprochen, geht es hier zum Vorgänger:


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