Wir gehen offenbar davon aus, dass wir immer Wälder haben werden. Einen Ort im lichten Schatten, an den wir flüchten können, wenn uns der Alltag zuviel wird. Aber ist das auch so? Holz ist nachwachsend, unser Hunger danach, nach Energie und billigen Möbeln ist das aber auch. Die Hitze unserer Sommer, anhaltende Trockenheit und Schädlinge setzen ihnen zu. Wird unser Wald da hinterher kommen? Wie wird unsere Heimat, meine Heimat, aussehen ohne ihn? Ohne Baumriesen zu denen ich aufschauen kann? Ohne all das, was in ihm eine Heimat gefunden hat?
Was ist uns Heimat überhaupt? Diese Frage habe ich in meinen Beiträgen immer wieder gestellt und sie treibt mich nach wie vor um. Ist dieser Begriff so konkret wie wir ihn formulieren oder vielmehr, ist unsere Heimat auch dort, wo wir sie benennen? So vieles ist in Bewegung geraten. Gefühlt gibt es mehr Ungewissheiten als Gewissheit dieser Tage. Worauf können wir noch vertrauen? Heimat ist ein Ort, an dem wir nicht bleiben müssen, an den wir aber, immer wieder, zurückkehren können. Auch, wenn wir Zusammenhalt spüren, ob in Familie oder Wohnverwandschaften, haben wir das Gefühl von Heimat. Und dann gibt es diese Orte, an denen wir nie zuvor waren, die wir vermissen, wenn wir sie verlassen wie ein Zuhause. Seelenorte. An denen wir mehr sind, als bloße Bewohner auf Zeit. Hier gehören wir her.
„Dieser Wald, den man nicht aus sich herausbekommt, auch wenn man ihn verlässt. Der wurzelt, unter dem Herzen, hinter den Lungen, und man hört ihn deiner Sprache an und sieht ihn in deinen Augen.“
Textzitat Hannah Häffner
Die Riesinnen von Hannah Häffner
Liese Riessberger liebte das Kind unter ihrem Herzen. Von Anfang an. Ihr Mann der Bernhard tat das nicht. Denn Cora war kein Junge, war nicht der erhoffte Sohn und der Großvater, ihr Schwiegervater, dem der Bernhard eh nie genügte, der sah das auch so. Einen Sohn aber soll Liese nie empfangen, auch ein weiteres Kind. Ihr genügt ihre Cora. Diese wütende, klapperdürre Mädchen mit den hellroten Locken. Die hat sie von ihr, genauso wie ihre Körpergröße, die schon im Kindesalter beachtlich ist. Der Bernhard schlägt sie zum ersten Mal, da ist sie knapp vier. Findet dann immer wieder einen Grund. Teufelsbrut, Satanskind, werden sie ihr in der Schule hinterher rufen. Mit einem blaugeschlagenen Auge wird sie nach Hause kommen. Deshalb.
Als der Bernhard stirbt. Ein Verkehrsunfall, fühlt Liese nichts. Dann Erleichterung. Dabei wird es erst jetzt richtig schwer für die zwei. Hier im Dorf. Nicht nur weil das Geld fehlt, sondern weil Liese so ist wie sie ist. Eine Riesin, groß, dünn, rothaarig, eine Aussenseiterin, die nur wegen dem Bernhard wer gewesen war. Die Frau vom Metzger. Wer ist sie jetzt? Wer will sie sein? Der Franz, auch einer der am Rand dieser Dorfgemeinschaft steht, wagt eine Annäherung. Für ihn ist Liese schön. Sie stößt ihn weg. Obwohl sie weiß und spürt, da ist mehr. Da könnt‘ ein kleines Glück sein zwischen ihnen. Wenn sie doch nur ihren Mut finden könnte.
Ihre Cora, die hat ihn. Mut im Überfluss und eine Wildheit, eine Klugheit, die Liese stolz macht. Das Werden ihrer Tochter will sie begleiten, in alle Richtungen soll sie wachsen können. Dafür lebt sie und das Blatt wendet sich. Liese findet ihren Mut, nicht immer, aber öfter. Ist jetzt selbst die Metzgerin und ihr Geschäft beginnt sich zu entwickeln. Bleibt. Obwohl sie gehen will und dann geht Cora. Kaum hat sie die Schule beendet. So jung ist sie, mit dem Kopf durch die Wand will sie, alles ist ihr eng. Frei will sie sein und gehen mit wem sie will, dann kommt alles anders, denn diese wilde Zeit schenkt ihr ein Kind. Aber keinen Mann der bleibt.
Hannah Häffner, geboren 1985 in Heidelberg, studierte Politkwissenschaften, lebt und arbeitet heute als freie Texterin und Autorin mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart. Es gibt bereits einige Romanveröffentlichungen von ihr, 2020. 2022 und 2023 erschienen drei Ost- und Nordseekrimis aus ihrer Feder. Für dieses mir zur Verfügung gestellte Besprechungsexemplar bedanke ich mich bei Penguin Random House. „Die Riesinnen“ erhielten reichlich Vorschußlorbeeren bereits vor Erscheinen und auch ich war gespannt auf diesen Roman, der Themen verhandelt, die mir wichtig sind. Der von der Bedeutung von Heimat erzählt und davon wie sie uns prägt, von Blutsbanden, von Zusammenhalt, davon Risiken einzugehen, Zutrauen zu schenken um Vertrauen zu gewinnen, vom Über-Sich-Hinaus-Wachsen, davon, was uns dafür erdet,
Kennt ihr auch diese Geschichten in die man förmlich hineinfällt? Nach den ersten Seiten schon entwickelt sich eine Art Sucht. Man sehnt sich danach zu den Figuren zurückzukehren, muss man ihr Buch zuschlagen. Möcht‘ ihr Erleben teilen. Liebt und leidet mit Ihnen. Sie sind selten diese Geschichten und kostbar. Nach ihnen sucht man nicht. Sie finden einen. Zum genau richtigen Zeitpunkt. So war es bei mir und den Riesinnen. Herz über Kopf habe ich mich verliebt in diesen Roman. Bin verschwunden zwischen seinen Seiten, um aufgewühlt und herzwund am Ende wieder aufzutauchen. Ihr werdet mir bleiben. Ihr drei und das sage ich nicht oft. Euer Herz, eure Kraft, die Verbundenheit und die Sprache, der Ton, mit dem Eure Autorin, die Hannah Häffner mir von Euch erzählt hat. Der ist mir unter die Haut gekrochen. Nicht gut zur Seite legen habe ich Eure Geschichte können, so sehr gedrängt hat sie mich. Mit ihrer Wechselhaftigkeit, ihren Höhen und Tiefen.
So eigenwillig wie Ihr, ist auch der Sound Eurer Geschichte. Eine Geschichte, die die Generationen verbindet, mit allem was sie trennt. Wunderschön und klangvoll, angefüllt mit poetischen Sprachbildern, die in meiner Leseseele vor Anker gehen. So liebevoll und warmherzig betrachtet die Hannah Euch, staunend, wie eine Porzellanfigur, die man sich nicht in die Hand nehmen traut. Das schreibt sie, die Hannah, nur eines dieser unzähligen Bilder, die sie in mir pflanzt, wie ein Eichhörnchen eine Nuss, aus der ein Baum wird. Diese zweite große Liebe der Liese ist es, die zum Wald in ihrer Heimat, die etwas in mir aufrührt. Eva, ihre Enkelin versteht ihn anders. Das Uralte, das Mystische. Wie sehr ich das fühle, wie nah mir der Wald immer schon gewesen ist. Als Kind hat er mir eine Welt bedeutet. Barfuß auf einem Bett von Tannennadeln zu stehen, sein Harz an den Händen und in den Haaren. Seine Schmetterlinge, die Pilze und der Farn in seinen Schatten. Das Rauschen über mir. Zum Durchatmen schön. All das habe ich bei den Riesinnen wieder gefunden. Es steht zwischen den Zeilen, dann wieder ganz deutlich und wunderschön formuliert da. Dieser Wald ist Heimat und das ist auch etwas Gutes. Da ist nicht nur Dorfzwang und Tradition, die schwelt an seinen Rändern. Er selbst ist der Kitt, der alles zusammenhält. Der Herzfaden. Der die zu ihm zurückführt, die ihn verlassen. Die seinen Ruf mehr spüren als das sie ihn hören. Er ist unsere Urregion und älter als wir alle. Macht mehr mit uns als wissen.
„Falls es so etwas wie Heimat gibt. dann ist ihre mächtig und alt. Keine lächerliche Stadt von Menschenhand gemacht, sondern atmend und wachsend, voller Tod und Leben.“
Textzitat Hannah Häffner
Im Roman brechen Höfe die Ordnung, sie sind gemacht um ihm, dem Wald, die Stirn zu bieten oder um sich auf seine Seite zu schlagen, schreibt Hannah Häffner auf der zweiten Seite ihrer Geschichte und ich ahne, dass dieses fiktive Schwarzwalddorf, Wittenmoos, etwas umgibt was nicht alltäglich ist und damit meine ich nicht den geplanten Bau eines AKWs, gegen das man demonstriert.
Wild und wüst und voller Poesie, sei er dieser Roman, meint ihre Autorenkollegin Doris Knecht. Mein Herz klopfte jedenfalls gleich zu Beginn schon laut und fest, solche Satzmelodien lieb‘ ich ja. Man liest sich an ihnen fest, lässt sich die Worte einzeln auf der Zunge zergehen. Möchte diese Sätze behalten und nicht mehr vergessen.
So lesen sich Lieblingsgeschichten. Solche, die für immer bleiben. So wie ihr mir. Liese, Cora, Eva. So schön Euch lesen zu dürfen. Danke, liebe Hannah Häffner für das Teilen dieser Gedanken, das Herzblut. Für diese Heldinnen.
Wer mag, kann diesen Roman auch hören, Jördis Triebel liest die ungekürzte Hörbuch-Fassung, die ich verpasst habe, weil ich diese Geschichte wie im Rausch gelesen haben. Sie umfasst 10 Stunden und 42 Minuten. Für mich die Gelegenheit, sie nicht ein zweites Mal zu lesen, sondern sie mir dann vorlesen zu lassen. Ich freue mich schon jetzt drauf.

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