Eine Straße verläuft im Dazwischen. Sie schlängelt sich zwischen dem Leben hindurch. Bleibt dabei ungerührt. Trennt und verbindet.
Auf ihr bewegen wir uns fort. Treten auf der Stelle. Halten an. Kehren um. Fangen neu an. Treffen einander. Willkommen in der Heidestraße. Im neuen Roman von Robert Seethaler. Wo all das passiert. Und mehr.
Die Straße von Robert Seethaler
„Wer nichts hat kann in Büchern alles finden.“
Textzitat R. Seethaler
Aus der ehemaligen Kohlenhandlung soll ein Antiquariat werden. Erzählen sie sich. Beim Bäcker. Einen Imbiss. In dem man sich treffen kann. Auch spät noch. Das hätten sie beser gefunden.
Ein Straßenfest im November? Was für eine Schnapsidee. Lichterketten sollen die Heidestraße dann beleuchten. So will es das Komitee. Das sich streitet. Über die Kosten. Ein Loch in der Kasse. Ihre Idee und überhaupt. Auch andere proben den Aufstand. Im Altersheim. Weil das Essen immer schlechter wird. Man das Rindfleisch vom Abend, das schon nicht zu zerkauen war, am nächsten Mittag im Gulasch wiederfindet. Eine Schande ist das.
Das Fest eskaliert. Die Polizei unterbesetzt. Es kommt zu einer Schlägerei. Einer Anklage. Einen Polizeischüler hat es schwer erwischt.
Die Straße leer und kalt. Bald ist Dezember. In den Pfützen zittert das Licht und die Beleuchtung die man jetzt überall aufhängt, hilft nicht gegen die Kälte.
Eilig sucht man Schutz. Zum Beispiel in der Bäckerei, in der man noch anschreiben lassen kann. Wo man Straßenklatsch genußvoll teilt. Oder man geht Mittags ins Gasthaus, das macht ihr Doktor so. Der nicht mehr ganz jung ist, alleinstehend, der sich aufopfert für seine Patienten und der am Abend deshalb etwas zu viel trinkt. Ein Blumenladen, eine Fleischerei, eine Kneipe und ein Altersheim, aber keinen Bus und keine Straßenbahn hat man hier. Die Männer in den feinen Anzügen, die in der Heidestraße auftauchen, finden das gut und Worte dafür um diese Straße werbewirksam zu verkaufen.
Was folgt sind bedrohte Mieter und eine Wohnungsumwandlungsverordnung. In dem Haus, in dem das Antiquariat neu eröffnet hat, ist die Heizung ausgefallen, man will sie offenbar nicht mehr reparieren, den verräumten Bücherschätzen rückt der Schimmel auf die Seiten. Als sei der Weihnachtsumsatz nicht schon eine Katastrophe gewesen.
Eine Nichte beerbt ihre Tante. Die Familie hat es so gewollt, ihr soll die Wohnung gehören, wenn die Tante stirbt. Doch diese Wohnung, in der sie als Kind glücklich sein, will nicht ihr zu Hause werden und als sie hört, wie sich die Nachbarn fragen, ob der mit dem Antiquariat ganz richtig im Kopf ist, hilft das nicht. Seltsam sei der. Irgendwie. Einen Buchladen zu eröffnen, hier bei Ihnen, so weit ab vom Schuss. Obwohl ein bisschen leid tue er ihnen schon auch, weil er seine Bücher so zu lieben scheint. Wegen der feuchten Kälte hat er sich einen Ventilator geliehen und lüftet jetzt reihum seine Bücher. Renoviert hat er auch. Semiprofessionell. Was ihm auf die Füße fällt. Der Lack ist es. Den er auf seine Regale aufgetragen hat. Der diffundiert.
Dann kommt er. Der Brotkäfer. Erst sind es nur kleine Löcher im Papier. Dann werden es mehr. Viel mehr.
Robert Seethaler hat es wieder getan. Mich vereinnahmt und begeistert. Der 1966 in Wien geborene Schriftsteller arbeitet heute in Wien und Berlin. Er hat uns bereits mit zahlreichen Romanen beschenkt, die preisausgezeichnet wurden. Unter ihnen Der Trafikant [2012], und mein Liebling Ein ganzes Leben [2014], A Whole Life, der es 2016 auf die Shortlist des International Booker Prize schaffte. Zuletzt schlüpften Der letzte Satz [2020] und Das Café ohne Namen [2023] aus seiner Feder. Meine Beiträge zu den von mir gehörten Titeln verlinke ich Euch am Ende dieses Beitrags und es ist unschwer zu erkennen, dass Seethaler einer meiner Lieblingsautoren ist. Wenn sich seine Texte verbinden mit meinem Lieblingshörbuchsprecher, dann kann es nur großartig werden.
Matthias Brandt, geboren 1961 als jüngster von drei Söhnen des früheren deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt und Robert Seethaler, sind für mich immer ein Match. Brandt, der mir auch das Telefonbuch vorlesen dürfte, hebt Seethalers leise Töne und seine Zwischenzeiligkeit auf das nächste Level. Neben der Schauspielerei, Brandt studierte Musik und Theater, wirkte seit 1989 in mehr als 80 Filmproduktionen mit, arbeitet er selbst als Autor, Blackbird, titelt sein Romandebüt von 2019. Auch dazu findet ihr meinen Beitrag am Ende dieses Textes.
Diesmal ist es die Erzählart Seethalers, die mich für diesen Roman eingenommen hat. Gedankensplitter und Gesprächsfetzen sind zusammengefügt wie ein Puzzle aus tausend Teilen und nach und nach ergeben sie ein Bild. Mit zärtlicher Genauigkeit betrachtet er dabei seine Figuren. Lässt sie uns erzählen, nicht er tut das über sie.
Fragmentarisch, bestehend aus kaleidoskopartig aneinandergereihten Blickwinkeln ist dieses Erzählen aus dem Leben entlang dieser Straße, der Heidestraße. Einer Straße, wie es wahrscheinlich viele in Deutschland gibt und wie es sonst keine mehr gibt. Denn die Menschen, die hier ein und ausgehen, ihre Schicksale und Geschichten gibt es so kein zweites Mal.
So ist das mit Straßen und so ist das mit dem Leben. Es hält uns auf Trab, ob wir ihm folgen wollen oder nicht, ob wir es selbst in die Hand nehmen oder ob andere für uns lenken.
Alltagsbegebenheiten, Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen teilen sie mit uns. Es regnet durch defekte Dächer, die Hausverwaltung stellt die Ohren auf Durchzug oder ist gar nicht erst erreichbar. Es werden immer weniger die noch ausharren nach einer Kündigungswelle. Man bessert die Angebote nach. Will voran kommen. Dann brennt es.
Hier wird geliebt, gelebt und gestorben. Auch unter einer Heiligenfigur und im Blumenladen. Also zumindest versucht hat sie es. Die Blumenhändlerin. Sich zu vergiften. Mit Hilfe einer ihrer Pflanzen. Dem Zerberusbaum. Benannt ist der nach dem Höllenhund, dem dreiköpfigen, aus der griechischen Mythologie und giftig halt.
„Wörter sind keine Bauklötzchen, die man beliebig zu schiefen Satzkonstrukten aufstapelt, nur um dann die Fragilität des ganzen Werkes zu bestaunen. Sie sind Bedeutungsträger. Sie müssen für sich und ihren Inhalt stehen. Sie müssen Bestand haben, bis in alle Ewigkeit.“
Textzitat R. Seethaler
Erinnerungsbilder und Alltagsbeobachtungen. Robert Seethaler zeichnet mit Worten, macht eine Nebenstraße zu einer ganzen Welt, garniert mit alltagsphilosophischen Einwürfen, sanft gleitet die Stimme von Matthias Brandt über den Text, hebt ihn auf, lässt Ihnen einen Moment in der Luft hängen, macht Pausen zwischen den Sätzen, damit ich Ihnen nachhängen kann und das tue ich.
Sehe Kinder nach, die in bunten Gummistiefeln die Straße entlang rennen und hüpfen, sehe Zettel die am Boden liegen auf der Straße, die der Wind aufnimmt, jemand steht am Fenster, ich schaue mit ihm hinaus, schaue auf all das was sich verändert hat in der Straße. Was uns bislang gar nicht aufgefallen ist. Darauf was war und was ist. Die Straße stört das nicht. Auf ihr geht das Leben weiter. Immer.
Rund vier Stunden Hörzeit liegen hinter mir, ich spule nochmal zurück, weil ich mich noch nicht verabschieden will aus der Heidestraße, von ihren Bewohnern. Rundum habe ich diese Zeit und die Geschichte genossen. Wer lieber lesen mag, den erwarten zweihundertvierzig poetisch, melancholische Seiten zum Eintauchen in diese Welt zwischen zwei Bordsteinen. In der Gefühle einfach sind auf den ersten Blick, auf den zweiten haben sie einen doppelten Boden.
Ich darf Danke sagen, dem Verlag Hörbuch Hamburg für dieses Besprechungsexemplar und Matthias Brandt. Für diese wunderbare herzwarme Lesung.
Und ja, jetzt weiß ich es sicher. Das letzte Kapitel ist zu Ende, die letzte Silbe im Hörbuch verklungen, das ist eine Lieblingsgeschichte sein, eine die mir bleiben wird und die ich mir nicht zum letzten Mal angehört habe. So schön.





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