Blackbird (Matthias Brandt)

*Rezensionsexemplar*

Mittwoch, 16.10.2019

Nicht alles haben wir in der Hand, so einigem werden wir ausgeliefert. Als würde uns das Leben ins eiskalte Wasser werfen und zu uns sagen: So, jetzt strampel mal schön …

Wenn einem klar wird, das ein alter, abgeschrabbelter, abgeliebter Teddybär tatsächlich als Trostspender dient, in den Händen eines Menschen, der mehr zum eigenen Leben gehört, als jeder andere, dann wird einem die Luft knapp. Ich kenne einen solchen Teddy und es zerreißt mir fast das Herz, als ich in diesem Text hier auch einen entdecke.

Wenn wir von Herzensbüchern reden, dann bedeutet das für jeden von uns etwas anderes. Dieses hier ist eines für mich, lest mit mir weiter und ich erzähle Euch warum …

Blackbird von Matthias Brandt

Manfred Gunnar Schnellstieg, alias Bogi, war Mottes, Morten Schuhmachers, bester Freund. Freunde können mit fünfzehn, knappen sechzehn die Pest sein, oder eben auch nicht, so wie bei Motte und Bogi.

Das Telefon hatte am “Tag der Nachricht” endlos lange geklingelt, die Schuhmachers saßen auf halb gepackten Kisten und den Ruinen ihrer Familie, die Eltern vollzogen gerade ihre Trennung, und als Motte schließlich widerwillig ran ging, meldete sich Bogis Vater am anderen Ende der Leitung. Drucksend erklärte dieser jetzt, Bogi wäre im Krankenhaus, das war dann jetzt auch das Aus für die gefassten Pläne und für die zwei Flaschen Amselfelder die sich organisiert hatten … 

Kinderstation. Giraffen am Fenster, als wenn Bogi hierher gehören würde und überhaupt, da sollte man mal nicht aggressiv werden. Verändert kam ihm sein Freund vor. Nein, nicht äußerlich. Aber er wirkte schon so, als gehöre er jetzt hierher und halt nicht mehr zu ihm.

Und dann war da noch die Sache mit Jaqueline auf ihrem Hollandrad, die ein Kribbeln bei Motte ausgelöst hatte, und die begann als Bogi schon im Krankenhaus lag. Das war dumm weil, er ihn jetzt nicht mehr um Hilfe bitten konnte, nicht jeder eignete sich zum Liebesbrief-Kurier und diese Mission, wem sollte er sie sonst anvertrauen … 

Matthias Brandt, jüngster von drei Söhnen unseres Ex-Kanzlers Willy Brandt, ist Schauspieler, Autor und Hörbuch-Sprecher und mein Lieblings-Bücher-Flüsterer. Endlich gibt es wieder etwas Neues von ihm. Diesmal liest er mir seinen eigenen Roman Blackbird ungekürzt in 6 Stunden und 56 Minuten vor. Von fünf möglichen Sternen vergebe ich zehn, und verneige mich. Seine Satzpausen, das WIE er betont und die Ruhe, mit der er spricht, jedem Wort hänge ich nach. Seine Worte bleiben lange in der Luft und in mir. Wie er hier die Balance hält zwischen Lachen und Weinen, finde ich großartig!

Die Leichtigkeit und die Beiläufigkeit mit der Brandt erzählt haben mich sofort für ihn und Morten eingenommen. Seine Liebe zum Detail macht seine Figuren nahbar und schon nach wenigen Absätzen meint man sie so gut zu kennen, das man ihnen um die nächste Ecke begegnen könnte.

Seine Geschichte hat mich voll erwischt, ich bin verliebt in jeden Ton, auch wenn sie mir den Hals zuschnürt, mich beklommen macht. Vielleicht auch, oder besonders deshalb. Geschichten die tief berühren, ohne rührselig zu sein, gibt es nicht viele gute. Hörbücher, die so vorgelesen werden auch nicht. Wenn ich jetzt wieder schreibe, die Figuren sind authentisch, die Handlung alles andere als oberflächlich, wirkt das abgegriffen und banal. Dieser Roman verdient Worte, die ich nicht parat habe. Erspürt sie, erlebt sie selbst, das ist mir ein Herzenswunsch. 

Brandt sorgt mit einer satten Prise Jugendsprache für einen wunderbaren Humor, der wie hineingetupft wirkt in diese Geschichte, wie Wolken auf einen blauen Sommerhimmel. Dieser Humor, dieser Ton, lockert auf, er mildert die Melancholie und den Schmerz, der sich von Anfang an hinter den Kapiteln duckt. Ich lache laut auf, obwohl mir zum Heulen ist, das schafft er immer, der Herr Brandt. Kein einziges Wort will ich verpassen.

Gewitzte Schülersprüche, Lieblingslehrer und verhasste Pauker geben sich hier die Klinke rund ums Lehrerzimmer und die Sportlehrer sind eh irgendwie immer die Schlimmsten. Hier werden Mitschüler schon mal beim Fussballspiel vom Blitz getroffen, fallen von Bäumen und landen aufsehenerregend in einem Laubhaufen mit Heugabel.

Was, wenn man mehr Wut in sich hat als Traurigkeit und Trauer und nicht weiß wohin damit. Wenn die Tränen auch bei den Jungs schnell kommen und man sich dafür hasst. Scheiß Pubertät! 

Eine Geschichte davon, das man sein bisheriges Leben nicht mehr zurück haben kann. Man sich wehren kann, so viel man will, es verleugnen kann, es trotzdem unumkehrbar bleibt was man da gerade erlebt. Es mehr Kraft und Mut braucht, als man hat, als man geben kann. Man sich drückt vor Krankenbesuchen, weil man Angst hat, sich endgültig fremd zu werden.

“Wahrscheinlich gibt’s für die wirklich wichtigen Dinge die man fühlt keine Worte, jedenfalls nicht die richtigen. Man tut eigentlich immer nur so als ob.” (Textzitat)

Diese Geschichte könnte jederzeit spielen, Brandt verortet sie in den Siebzigern, mit reichlich Musik, und so als werfe er einen Blick zurück auf seine eigene Jugend. So wie er es in seiner Geschichten Sammlung Raumpatrouille schon getan hat, die habe ich mir noch aufgehoben (zum Glück, so habe ich jetzt noch eine Reserve!). Wir sind bei ihm, reisen mit in eine Zeit, in der man sich noch Postkarten schrieb, Trinkgeld in D-Mark ausgezahlt wurde. Wohltuend anders findet hier noch Kommunikation zwischen den Jugendlichen statt, ohne Smartphone und Kurznachrichtendienste. Eine Zeit, in der man sich noch in Plattenläden traf und welche sammelte. Platten meine ich, nicht Läden. Unvorstellbar im Download-Zeitalter.

Verlogenheit trifft auf jede Menge unsortierter Gefühle und auf schwarze Vögel. Amseln, die auf dem Baum vor dem Krankenzimmer ständig auf der Suche nach etwas sind. Das sie auf Englisch Blackbird heißen, sowie einer von Bogis Lieblingssongs, lernen wir beim Warten. Weil Krankenhausaufenthalte immer bedeuten, dass man wartet, als Patient, als Angehöriger, darauf das andere machen, darauf das es besser wird, darauf das …

Brandt erzählt nur aus der Perspektive von Motte, lässt ihn als Ich-Erzähler auftreten. Seine Geschichte erzählen vom Erwachsen werden, vom Wachstumsschmerz. Wir hören ihm dabei zu, wie er seinen ersten Liebesbrief schreibt. Wie er sich abmüht, stammelt und streicht. Brandt liest das so vor, dass ich Motte nur allzu gerne beim Formulieren geholfen hätte. Ich wünsche ihm so, dass der Empfängerin diese Zeilen so gefallen wie mir, in ihrer Hilflosigkeit, ihrer Echtheit. Abgerungen hat er sich diese Worte und er verstand jetzt, was seine Deutschlehrerin damit meinte wenn sie über Frank Kafkas Texte sprach.

Zum ersten Mal Gras rauchen, wie irre lachen und warten auf Gelassenheit, auf einen neuen Blickwinkel, und auf das, was andere daran so toll finden. 

Ein Wiedersehen und eine Umarmung, die Kraft hat und Kraft gibt. 

Alte Häuser, alte Leben, Ratlosigkeit und ein Abschied. Ein Abschied von dem was war und von dem was nicht mehr kommen würde.

Wann ist es eigentlich Herbst geworden? Ich tauche auf, fahre durch einen Regen aus golden leuchtenden Blättern. Wir reden viel von Achtsamkeit dieser Tage. Mit Sprechern wie Matthias Brandt im Ohr gelingt es achtsam zu sein, man taucht ein, ist nur noch bei ihm und seiner Geschichte. Einer Geschichte die alles hat und alles gibt.

Der letzte Ton dieses Hörbuchs hängt noch in der Luft und mir fällt wieder Astrid Lindgren ein, mit ihrem Ausspruch: “Sei frech, und wild und wunderbar!” Denn die Zukunft ist nicht nur ein Versprechen, sie gehört uns allen!

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