Drei (Dror Mishani)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 13.10.2019

Lebensgefährten. Gefährten im Leben. Menschen berühren sich, ihre Leben, ihre Wege und verlieren sich. Wir hoffen auf Ehrlichkeit und Offenheit, wenn wir jemanden neu kennen lernen. Sind enttäuscht, verletzt, wütend, wenn wir das Gegenteil davon feststellen. Wenn wir Erwartungen, Hoffnungen an diese Beziehung geknüpft haben, Vertrauen in sie gesetzt haben und sie sich auflöst wie eine Fata Morgana. Sich anfühlt wie ein Abschied auf Raten, oder wie einer mit Zeter und Mordio …

“Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten.” Lukas 9,56

Drei von Dror Mishani

Kennengelernt hatte sie ihn auf den Chat-Seiten eines Dating-Portals. Er war Anwalt. Wo sie vorsichtig war, war er mitteilsam. Er kümmerte sich um die Ansprüche von Israelis mit osteuropäischen Wurzeln. Was offenbar ein einträgliches Geschäft war, in unruhigen Zeiten waren fremde Pässe begehrt.

Ihr erstes Treffen sollte in einem Cafe in Tel Aviv stattfinden, auf neutralem Boden, das war ihr wichtig. Nach ihrer Scheidung fühlte es sich ungewohnt an und irgendwie auch falsch, einem völlig Fremden gegenüber zu sitzen und privates preiszugeben. Die Trennung von seiner Frau war einvernehmlich gewesen, seine beiden Töchter sah er regelmäßig, Geldsorgen hatte das Anwaltsehepaar auch keine, deshalb sei alles unkompliziert verlaufen, plauderte er zwanglos daher. Unkompliziert! Wie konnte eine Trennung von einem Menschen, den man geliebt hatte nicht kompliziert sein? Die Versöhnlichkeit, die er ausstrahlte hatte sie irritiert und gleichzeitig angezogen, seltsam widerstrebend hatte sie sich auf ihn eingelassen, in mehreren Anläufen, als wäre in ihr schon immer klar gewesen, das nicht alles an ihm Wohlwollen war …

Dror Mishani, geb. 1975 in Cholon bei Tel Aviv ist Literaturwissenschaftler und israelischer Autor, sein Fachgebiet “Die Geschichte des Kriminalromans”. Mit seinem Roman “Drei” gelang ihm sein Durchbruch, “Drei” wurde zu einem Bestseller in seinem Land, die Verfilmung wird geplant. “Drei” findet man auch im September 2019 auf der Krimi-Bestenliste von Deutschland-Funk-Kultur auf Platz 5 wieder, das obwohl er für mich, doch mehr von einem Roman denn von einem Krimi hat.

Die Geschichte erzählt behutsam von Verletzungen, von Vorsicht, Kalkül und Kontrollfragen. Chronologisch reihen sich die Ereignisse aneinander, kontinuierlich baut sich Spannung auf. Wer sich schon einmal gefühlt hat, als habe man ihn wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Wer schon einmal belogen und betrogen wurde, der wird gut nachvollziehen können, was die Protagonistinnen dieser Geschichte auszuhalten haben und was sie umtreibt. 

Wir erfahren von Scheidungskindern, die nach der Trennung der Eltern psychologischen Beistand brauchen, die sich lange von diesen Wunden nicht erholen, die empfindsam sind und Narben zurück behalten. Die dem Elternteil bei dem sie verbleiben, und das mit eigenem Kummer kämpft, einen Neustart erschweren, und nicht nur das. Die stete Mahnung, dass es dem eigenen Kind nur schlecht geht, weil man selbst einen Teil der Schuld trägt, wiegt wie ein schweres Gewicht.

Geschäftsreisen und neugierige Nachbarn, halb leere Wohnungen, die wirken als sei sein Bewohner gerade erst eingezogen, oder aber kurz davor wieder auszuziehen. Eine Wohnung in der es kaum persönliches gibt. Wie auch immer, hier scheint jemand zu leben, der auf dem Sprung ist. Auf dem Sprung wie ein Panther, oder aber auf der Hut … 

Eiskalt und berechnend. Beziehungssüchtig und/oder beziehungsgestört, eine körperliche Verbindung ist gar nicht das Ziel, sondern die Balz. Dieser Reigen, dieses Abtasten, das Sich-Aufeinander-Einlassen.

Eine verhängnisvolle Affäre. Er lügt, betrügt und ist feige. Dieser Mann ist gefährlich, ist ihnen gefährlich nahe gekommen. Gibt vor sie zu verstehen, so gut zu verstehen …

Wo Eifersucht und Rachegelüste sich treffen, setzt Mishani subtil Werkzeuge bei seinen Helden ein, die seiner Geschichte geschickte Wendungen geben. Wer übernimmt hier welche Rolle? Wer ist Opfer, wer Täter? 

Drei unterschiedliche Frauen mit den unterschiedlichsten Motiven und alle drei finden den gleichen Mann. Eine Geschiedene, eine Fremde in der Fremde, eine junge Mutter auf der Suche nach einem Abenteuer. Sie finden ihn, einen Schmeichler, einen guten, aktiven Zuhörer. Einen Täuscher, einen Liebhaber, einen Lügner …

Wo steuert diese Geschichte mit mir hin? Ins Verderben? Kann es Hoffnung geben? Diese Geschichte, dieser Mann, er macht sich rar und treibt es auf die Spitze und mich in die Enge. Ich bin bei den Frauen, bei jeder von ihnen, besonders bei denjenigen, die ein eigenes Geheimnis zu haben scheinen …

Den eigenen Tod vor Augen, mit einer Klarheit und im Bewusstsein seiner Unumkehrbarkeit. Verbitterung, Selbstsucht und Ignoranz. Ein Strudel von Abhängigkeiten bewegt sich durch die Geschichte.

Vom Trost, den der Glaube geben kann. Die Wege des Herrn sind unergründlich und hier laufen die Fäden so  zusammen, als hielte sie ein Marionettenspieler in seinen Händen.

Von einander weg, auf einander zu. Von Bindungen die tief gehen, von solchen die an der Oberfläche bleiben und von denen die abreißen. Hass ist ein starkes Gefühl, das man auch nicht mit Tabletten betäuben kann.

Kapitel mit harten Brüchen, die einen ins Ungewisse entlassen. Sprachlich klar und präzise, schnörkellos. Raffiniert und wie Schachfiguren schiebt Mishani seine Protagnisten über das Spielfeld. Wir wissen zunächst nicht, wer ist hier König, Springer und wer Bauer. Die Damen im Spiel scheinen an Macht zu verlieren. Wer wird geschlagen, wer wird triumphieren, wer siegen? Ein ausgeklügeltes Konstrukt wartet hier auf seine Leser und Hörer.

Ermittler betreten hier recht spät die Bühne des Geschehens. Widersprüche sorgen dafür, das eines zum anderen führt und ich bange mit. Im letzten Teil, in dem der Erzählstil plötzlich wechselt und sich auf die Zukunft ausrichtet, in jedem zweiten Satz das Wörtchen “wird” auftaucht, stelle ich mir auch eine “Wird-Frage”: Wann wird das, was hier geschieht aufhören ….

Franz Dinda, geb. 1983 in Jena, liest diese ungekürzte Fassung in 501 Minuten. Der Schauspieler arbeitet auch als experimenteller Autor und schaffte es 2018 mit seinem Lyrikdebüt auf die Hotlist des Preises der unabhängigen Buchverlage. Das was er da veröffentlicht hat, muss ich mir auf jeden Fall noch näher anschauen. Sein Vortrag von Mishanis Geschichte ist reduziert, ja leicht verhalten und wirkte auf mich so lauernd wie die Geschichte selbst. Stimmlich ist er angenehm im Ohr, klar, deutlich und gut akzentuiert. Mir hat das Team Mishani/Dinda gefallen. Sehr sogar.

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2 Kommentare

  1. Petra
    14. Oktober 2019

    Da hast Du mir etwas voraus, Dorothee. Die beiden Krimis schaue ich mir auch mal an. Danke für den Tipp. LG von Petra

  2. Anonymous
    13. Oktober 2019

    Ich fand schon die Krimis um den Ermittler Avi Avraham sehr besonders und toll:
    “Vermisst” und “Die Möglichkeit eines Verbrechens”!
    Schönen Sonntag!
    L. G. Dorothee

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