Im Licht der Lofoten (Sophie Van der Linden)

Die schwedische Malerin, Keramik- und Textilkünstlerin Anna Boberg wurde am 3. Dezember 1864, als Anna Katarina Scholander in Stockholm geboren. Sie studierte zunächst Französisch, dann Kunst in Paris und heiratete 1888 den Architekten Ferdinand Boberg. Im gleichen Jahr stellte, die als Autodidaktin geltende Boberg zum ersten Mal aus. Die überwiegende Anzahl, ihrer zumeist in der schwedischen und norwegischen Arktis entstandenen, bemerkenswerten Landschaftsgemälde, findet man heute im Schwedischen Nationalmuseum in Stockholm. Anna Boberg, die 1893 auf der Weltausstellung in Chicago ihre Bilder ausstellen konnte und die 1900 gemeinsam mit ihrem Mann den schwedischen Pavillon auf der Weltausstellung in Paris mitgestaltete, wurde erst nach ihrem Tod die Anerkennung zuteil, die sie verdiente. Bei ihrer Beerdigung 1935, sie verstarb an den Folgen eines operativen Eingriffs, waren Kronprinz Gustav Adolf, Prinzessin Ingrid und Prinz Bertil anwesend und ehrten ihr Andenken.

Ihr Mann Ferdinand hingegen unterstützte sie in ihren mageren Zeiten und von Anfang an, konnte dank seiner Kontakte einige Türen für sie als Malerin öffnen, das in einer Zeit, in der Frauen noch für ihr Wahlrecht kämpfen mussten. Schweden erlaubte Frauen erst ab 1921 zu wählen und wenn Frauen malten dann bitte nur Blumen und Früchte, ganz gewiß aber keine Landschaften.

Das allerdings war nichts für Anna Boberg, sie reiste mehrfach für die Entstehung ihrer Bilder auf die Lofoten, dorthin, auf ihrer letzten Reise, ihre erste auf die Lofoten hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann 1901 unternommen, dürfen wir sie dank Sophie Van der Linden in dieser Geschichte begleiten. Das Alter begann in diesem Jahr seinen Tribut zu fordern und diesmal musste es Anna einfach gelingen, das Bild zu erschaffen, dass ihr in ihrer Heimat zum Durchbruch verhelfen würde. 1904 hatte ihr Mann Ferdinand ihr ein kleines Haus entworfen und auf der Insel Fyrön in Svolvaer gebaut. Hierher war sie in den vergangenen dreißig Jahren oft allein und im Winter gekommen und immer aktiv draussen unterwegs gewesen, um das Licht einzufangen. Auf Bildern, von denen ich nachfolgend ein paar Beispiele einbette, weil sie so wunderbar belegen, was Anna Boberg erschaffen hat. Mir war es durch diesen Roman möglich, eine Künstlerin kennenzulernen, die sich traute, die bereit war jeglicher Unbill zu trotzen. Kommt, seien wir mit ihr ein wenig unterwegs. Aber zieht Euch warm an …

„… wenn die Nacht nicht mehr weichen will, dann ist der Moment gekommen, loszufahren, dem hartnäckigen Ruf zu folgen. Dem des ohrenbetäubenden Windes, der Sternhaufen, der weißen Grenzenlosigkeit, die sich in wechselnde Nuancen einfärbt …“ Textzitat Sophie Van der Linden

Im Licht der Lofoten von Sophie Van der Linden

Sie hatte sich entschieden in diesem Jahr früher her zu kommen. Bereits im September, der Winter zögerte noch, als sie ankam, in dem Haus, das eher eine Hütte war und das ihr Mann für sie entworfen hatte. Damit sie hier immer gut untergebracht war. 

Trübes Wetter würde ihr in den folgenden Wochen die Perspektive verderben, ein schwerer Sturm zwingt sie, zusammengekauert in ihrem Kamin Schutz zu suchen. Er reißt ihrer Hütte die Treppe ab und sie hatte Angst in dieser Nacht, mutterseelenalleine hier. Alles fühlte sich danach an, als würden ihr diese von ihr so geliebten Inseln das Bild verweigern, das zu malen sie so sehr begehrte und die Zeit eilte gnadenlos weiter. Mit jedem Tag, mit dem der Frühling näher kam, schwand die Chance auf das Licht ein wenig mehr.

Man konnte es erwarten, aber nicht bestellen. Es kam wann es wollte, diesmal versteckte es sich vor ihr hinter Wolken und Schneefall. Es wurde Sylvester, sie hatte keine Lust zu feiern. Blieb allein, vermisste ihren Mann, beschloß schließlich sich in den kommenden Nächten trotzdem stundenweise den Wecker zu stellen, springt bei seinem Klingeln in ihre Felle, hält Ausschau und dann. Da war sie: Die Aurora Borealis, das Polarlicht, erst scheu, dann begann es zu tanzen und Anna begann zu malen ,,,

„Ich muss mich blind machen. Meer, Wind, Berg. Die drei großen Elemente. Seufzen, Raunen, Stille. Aber wie soll ich all das wiedergeben? Wie die Stille darstellen? Nicht die Ruhe, die Ungestörtheit. Nein: die Stille. Die von hier. Die trockene und unendliche. Die totale. Die Stille des Winters.“ Textzitat

Tagsüber sticht sie auf schwankenden Planken in See, watet durch Kabeljauköpfe in der Fischfang-Saison im Hafen, mietet ein eigenes kleines Boot, sitzt auf Höhe der Wasseroberfläche, der Wasserlinie, der ankernden Segelschiffe.

Auf dem Hafenwasser schwimmt nach dem Fangen eine klebrige Lackschicht, um sie herum am Ufer, die Hänge hinauf, spinnennetzartig, die Trockengestelle voll mit geköpften Fischkörpern.

Dann macht ein weiterer Sturm, ein Schneesturm diesmal, das Draussensein erneut unmöglich. Ihre Unruhe wächst, noch immer hat sie nicht das eine Motiv für ihr Bild, für DAS Bild gefunden …

Sophie Van der Linden, geboren 1973 in Paris, lebt und schreibt heute in Conflans-Sainte-Honorine. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 2013, „La Fabrique du Monde“, war für den Prix des Libraires und für den Prix du Premier Roman nominiert. 2014 folgte ihr zweiter „L’Incertitude de l’aube“ und 2016, „De terre et de mer“, der unter dem Titel „Eine Nacht, ein Leben“ 2018 ebenfalls bei mare auf Deutsch erschien. Mit ihrem aktuellen Roman „Arctique solaire“ wie „Im Licht der Lofoten“ im französischen Original heißt, stand sie auf der Shortlist für den Prix Orange du Livre.

Wie angehaucht von Winterkälte, fasziniert die deutsche Übersetzung dieses Romans aus dem mare Verlag (lieben Dank für dieses Besprechungsexemplar) von Valerie Schneider mit ihrer Authentizität und einer stimmig an die Zeit angepassten Sprache. In sternenklaren Nächten steht man mit Anna Boberg mitten im Nirgendwo an der Staffelei. In einer Mischung aus Briefwechseln und einem Stil, der mich an ein Tagebuch denken ließ, wirkt das Erzählen von Sophie Van der Linden, die sich für die Ich-Form entscheidet, sehr persönlich. Man kommt Anna Boberg nah, das obwohl wir uns nur einen kleinen Ausschnitt ihres Lebens erlesen, wie bei einem Blick durch’s Schlüsselloch, nur einen Moment darauf erhaschen. Sie teilt ihre Gedanken mit uns, ihren Schaffensprozess, ihre Sorge. Das ist es, was mir neben den Naturbeschreibungen, die ihre Bilder vor uns auferstehen lassen besonders gefallen hat.

Ein stiller, eindringlicher Roman ist Sophie Van der Linden gelungen. Ausgehend von der Einsamkeit dieser letzten Lofotenreise Anna Bobergs, streut sie Erinnerungen der zu Lebzeiten verkannten Künstlerin ein. An ihre Kindheit, an Aufenthalte in Italien, an ihre Flucht aus einem Mädchenpensionat, an Venedig und an Partys im Haus der Schauspielerin Sarah Bernard. An eine Reise nach Indien, im Gefolge des Kronprinzen, wo sie Sari tragend, als Frau endlich einmal ihren Bauch befreien durfte. Was für eine Korsettsträgerin wie sie, keine Kleinigkeit gewesen war. An wagemutige Unternehmungen mit ihrem Mann, dem sie in Liebe verbunden war. An ihren geliebten Garten und daran wie ihr der Vater das Studium dessen versagte, was sie so gerne hatte lernen wollen: Das Malen.

Mittels dieser Rückblenden entsteht nicht nur das Porträit einer spannenden, beherzten Frau, die uns wunderschöne Bilder hinterlassen hat, sondern auch ein Zeitgemälde. Erstaunlich, dass dies auf nur so wenigen Buchseiten gelingt. Gesellschaftliche Zwänge und Vorbehalte mischt Sophie Van der Linden mit Anna Bobergs ausgeprägtem Freiheitsdrang und ihrer Selbstbestimmtheit, die meinen größten Respekt hat.

Wir sehen was sie sieht. Hören was sie hört, schmecken, riechen, fühlen, frieren. Sind und bleiben nah bei Anna. Intensiv ist dieses Erleben, dieses Ringen um das Erschaffen ihrer Studie des Bergmassivs Store Molla, „Fjäll“ wird sie es nennen. Es ist das Gemälde, das 2021 Sophie Van der Linden im Pariser Musee d’Art Moderne zu dieser Erzählung inspiriert hat. Was ein Glück für uns, dass das Nationalmuseum Stockholm Teile seiner Sammlung ab und an ausleiht und es diesmal Anna Bobergs Bilder waren, die mit auf die Reise gingen.

So gerne würde ich diese Bilder auch einmal live sehen, jetzt wo ich dem nachspüren durfte was sie hat entstehen lassen. In dieser Landschaft mit ihr zumindest lesend unterwegs sein zu können, hat mir große Freude gemacht. Drum empfehle ich diesen wunderbaren Roman nicht nur den Kunstliebhabern unter Euch, sondern allen, für die das Nordland ein Sehnsuchtsziel ist.

Anmerkung: Das Hintergrundgemälde meines Titelfotos stammt nicht von Anna Boberg und stellt sie auch nicht dar, es ist mir in einem kleinen, feinen Museum in Bergen/Norwegen über den Weg gelaufen und ich fand es passt so schön.

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