Asa (Zoran Drvenkar)

Morgens ist es noch immer dunkel wenn ich aus dem Haus gehe und am Abend hat uns die Sonne bereits wieder verlassen, wenn ich mich nach dem Dienst auf den Heimweg mache. Nicht selten ziehen Nebel auf und hüllen den Tag in grau. Ich komme schlechter aus dem Bett in dieser Jahreszeit, zünde Kerzen an um Lichtnahrung zu haben. Jetzt lese ich vermehrt über menschliche Abgründe, über das was im Alltäglichen lauert. Suche nach besonderen Thrillern oder Kriminalromanen. Habe ich in diesem hier einen gefunden? Den Platz 2 des Deutschen Krimipreises 2025 reklamiert er für sich, er stammt aus der Feder von:

Zoran Drvenkar, geb. 19. Juli 1967, kroatisch-deutscher Schriftsteller, der seit seiner Kindheit in Berlin lebt und hauptsächlich in deutscher Sprache schreibt. Zweimal gewann er den Deutschen Jugendliteraturpreis und 2010 den Friedrich-Glauser-Preis für seinen Thriller ,,Sorry„. 2023 wurde seine Geschichte „Du„, um vier Londoner Teenagerinnen und einen Drogenhändler, als achtteilige TV-Serie verfilmt. „Then You Run„, so der Titel der deutsch-britischen Produktion. Mit Asa platzierte sich Drvenkar nach Erscheinen aus dem Stand auf Platz 1 der Krimi-Bestenliste September 2025 von Deutschlandfunk Kultur. Hielt sich im Oktober auf Platz 2, rutschte im November auf Platz 5. Drei Monate in Folge in der Top5 dieser Liste, das sprach für mich eine deutliche Sprache. Jetzt also auch noch der Deutsche Krimipreis, das war ein Lockruf für mich. Besonders als ich entdeckte, das ER diesen Thriller aus dem Suhrkamp Verlag in der Hörbuch-Fassung eingelesen hat, da griff ich zum Kopfhörer:

Uve Teschner, geboren 1973 in Leipzig, Synchron- und Hörbuchsprecher, hatte ich lange nicht auf den Ohren und ich habe ihn vermisst. Seine grandiosen Lesungen von Wedora von Markus Heitz oder auch literarische Texte wie z.B Geister von Nathan Hill, die er mir eindringlich und lebendig in die Ohren gelegt hat, habe ich in allerbester Erinnerung. Er hat mich auch bei dieser Hatz an die Hand genommen, mir die Haare zu Berge stehen lassen, hat die Heldin aber auch zu mir auf Abstand gehalten, was konsequent ist, hält sie doch auch die Welt, die eigene Familie, kämpferisch zu sich auf Abstand und nicht nur das.

Das Schicksal liegt vor dir auf der Matte und gibt nicht auf.“ Textzitat Zoran Drvenkar

Asa von Zoran Drvenkar

1908. Mitten hinein ins Leben ihrer Sippe, der Kolberts, platzen wir. Ein Zweig dieser Familie, es sind einunddreißig Personen, hat sich versammelt und der Autor nimmt mit einem Satz vorweg, dass sie alle, wie sie sich hier und heute zu einem Familienfest zusammengefunden haben, den Ersten Weltkrieg nicht überleben werden.

„Jäger sein nicht Beute“ wird die Losung der restlichen Familienmitglieder und diesem Motto gemäß lassen sie gewaltvoll Taten folgen. Er hat diesen Leitsatz geprägt, der Geologe Marten Kolbert, der auf einer Expedition in die Antarktis einen Arm und den Verstand verloren hat. Angstattacken und Wahn befallen ihn seither regelmäßig wie ein Fieber. Seine Söhne erzieht er mit eiserner Hand, straft drastisch und sie folgen ihm wie Hunde. Sind loyal und genau diese bedingungslose Loyalität ist es, die an einem verhängnisvollen Tag mit ihrem Gewissen in Konflikt gerät und eine Spirale der Gewalt in Gang setzt.

Der Familienclan der Kolberts, ist das zentrale Element dieser Gesichte, im gegenwärtigen Zeitstrang ist Eugen ihr Patriarch und seine Frau Augusta die harte Hand im Hintergrund. Beide sind die Großeltern von Asa väterlicherseits. Das größte Haus im Ort gehört zu ihnen. Es ist ein Ort mit acht Höfen und dreiundsiebzig Häusern, im fiktiven Thule, in der Uckermark. Hier steht keines der Häuser leer, allen geht es gut. Der Kolberts wegen. Viele der Dörfler sind ihnen zur Dankbarkeit verpflichtet. Ein Vorzeigedorf also? Zweimal schon hatte das Fernsehen berichten wollen über diese so tadellose Gemeinschaft. Eugen Kolbert hatte jedes Mal abgelehnt. Warum? Ist es tatsächlich Edelmut oder gilt es etwas zu verbergen?

Unbeugsam, klug, mutig bis zum Anschlag und unerschrocken scheint seine Enkelin Asa zu sein. Aber auch unnahbar. So begegne ich ihr in dieser Geschichte. Dvenkar lässt sie tanzen wie eine Puppe an Fäden und töten. Man erfährt vin grausamen Spielen, zu denen man sie als Kind gezwungen hat und die mich an die Tribute von Panem erinnern, sie haben sie zu einer Killerin gemacht, das und ein Elite Bootcamp in Afrika.

Hier wacht Asa auf, kurz nach einem tödlichen Schuß auf ihren Vater. Abgeschoben hat man sie, verbunden mit der leisen Hoffnung, das sie das, was hier auf sie wartet nicht überleben wird. Ihre Großmutter und ihr Großvater waren sich uneinig darüber was mit ihr passieren soll nach dem Tod des Vaters. Denn das Attentat auf ihn hatte auch ihr gegolten, so viel ist mir jetzt klar, auch das Oma und Opa alles daran setzen sie zu brechen. Der erste Besuch ihrer Großmutter, nach drei Monaten in diesem Camp, lässt daran keinen Zweifel mehr.

Das diese vermeintlich liebevollen Großeltern zwei Morde in Auftrag gegeben haben, liegt rasch auf dem Tisch. Das wissen aber erst einmal nur wir Lesene. Was wir nicht wissen ist, warum und was die beiden noch auf dem Kerbholz haben und dieser Autor hat auch nicht vor es uns alsbald zu verraten. Seine Geschichte schlägt stattdessen Haken wie ein Hase. Macht Purzelbäume rückwärts. Immer wieder hat es Rückblenden, das erfordert Aufmerksamkeit, ist aber auch das Salz in der Suppe dieser Geschichte. Diese Zeitsprünge sind es, die ihr, finde ich, Halt geben, dann wenn sie düster wird, roh und unerbittlich sind sie geschickt eingebaut. Nach und nach, ähnlich wie beim Memory spielen, deckt Drvenkar die passende Karten auf, setzt seine Sprache ein um Gefangene zu machen. Clever konstruiert, steckt viel drin in diesem Thriller, so manches verbirgt sich hinter den gewaltvollen Überblendungen der historischen Erzähläste. 

Eine ganze Familie ist hier der Feind und der Sprengstoff, der sie zerstören kann, kommt aus ihrem Inneren. Asa ist Teil dieser Familie und sagt ihr den Kampf an. Sie nimmt Rache. Man erlebt filmreife Actionszenen hautnah.

Dann, wenn sich Jäger und Beute atmlos verfolgen und man selbst mit hetzt etwa und es bereits auf den ersten Seiten zur Sache geht, keine Sorge, nur eine Prüfung, sagen sie. Dabei geht es um Leben und Tod. Eines der Kinder, dass diese „Prüfung“ bestehen muss ist Asa, sie schlägt ihre Verfolger und taucht im nächsten Kapitel als Erwachsene vierzigjährige Frau wieder auf. Ein sechsjähriger Gefängnisaufenthalt liegt hinter ihr und sie konfrontiert ihren Paten, einen reichen Waffenhändler. Was ist das zwischen den beiden? Was ist gemeint mit dem „Projekt“, das sofort auf Eis gelegt werden soll?

Ich suche nach der Motivation hinter der Motivation, finde Vordergründiges und Hintergründiges, diese Mischung mochte ich. Sie ist spannend, was die Geschichte zu einem Pageturner macht und man kommt rum.

Finnland, Istanbul, Oslo. Ist Teil des Landes, Teil der Kälte. Zoran Drvenkar zeichnet seine Satzbilder ausgesprochen szenisch. Ohne Brutalität kommt er dabei nicht aus. Teils sehr explizite Schilderungen von Gewalt hält er für nötig, auf die ich hätte verzichten können. Sie unterstreichen die Ruchlosigkeit derer, die hier das Sagen haben, keine Frage, aber für mich ist nicht wichtig, wohin das Blut spritzt wenn ein Schuss trifft, ich mag es subtiler lieber.

Das solltet ihr wissen, wenn ihr Euch für diese Geschichte entscheidet, deren Erzählen meinem persönlichen Lesegeschmack nicht wirklich entsprochen hat. Es hätte auch eine Spur weniger Pathos für mich gebraucht. Diese Sache mit den Kindern, ihre Konditionierung, wie bei Kindersoldaten, fand ich schwer aushaltbar. Warum bin dran geblieben, immerhin waren satte 700 Seiten oder 18 Stunden und 18 Minuten Hörbuchzeit zu erlesen, respektive zu erlauschen?

Die Frage nach dem Warum. Die über gefühlt jedem Kapitel steht. Die war es denke ich zuvorderst und weil diese brutal-rasante Geschichte auch von Schuld erzählt, davon wie es funktioniert sie anzunehmen, zu akzeptieren und davon, das zu Handeln Konsequenzen hat. Immer. Was es aus uns macht, wenn niemand da ist, der uns auffängt wenn wir innerlich in Flammen aufgehen. Der wahre Feind steht oft genugt nicht mit einer Waffe vor uns, die Arroganz ist es, die uns blind macht.

Wie schnell es gehen kann, das Abhängigkeiten entstehen und wie diese sich machtvoll über Generationen halten, davon zu erzählen ist Zoran Drvenkar stimmig gelungen und schiebt man seinen Action-Vorhang zur Seite, steht am Ende die Antwort auf die W-Frage nackt und deutlich da.

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