Wenn Elke Heidenreich auf einem Buchrücken zitiert wird, werde ich hellhörig. In diesem Fall steht da von ihr zu lesen: „Ein Sog. Irgendwann lässt einen so viel Armut, Stärke, Schicksal, Tapferkeit, Geschichte, Versuch von Liebe, unbekanntes Landleben gar nicht mehr los.“ Meine Rezension könnte ich damit gleich beschließen, denn besser kann man nicht zusammenfassen was einen hier erwartet. Ich wage dann allerdings doch einen Versuch, Ihr kennt mich:
DIE KAHLEN
Im Kreis gejagt
das Laub
von einem schwachen Lachen
Der Herbst wendet
die zitternden Lindenblätter
die gespreizten Kastanien
und lässt sie
in den kalten Graben fallen
Sie wehren sich nicht
Zitat Kerstin Specht (Mittelberge)
Mittelberge von Kerstin Specht
Nur an Lichtmess konnte man die Stellung wechseln. Nur an diesem einen Tag im Jahr. Die Starken hatten dann die Wahl. Sie sind begehrt. Die Alten und die Welken hingegen müssen bleiben. Müssen um ein Gnadenbrot bitten.
Verdunklung, Granaten, Pakete, Schokolade, Bohnenkaffee und Sperrstunden.
Der Krieg kommt und der Krieg geht. Er hinterlässt Schweigende, Fehlende und bringt Geflohene. Vertriebene. Fremde in ihr Dorf und eine Fabrik. Für Gummilitzen. Sophie geht in den Konfirmandenunterricht. Bricht sich beim Sturz vom Rad den Arm. Die Eltern haben keine Zeit. Müssen auf den Acker. Was soll man sonst essen im Winter? Eine Nachbarsfreundin geht mit ihr. Zu Fuß zum Behelfsarzt in die Stadt. Dort bekommt sie einen Gips und eine schwarze Armbinde.
Die Zeit ist gnädig, lässt die Eltern und Sophie den Krieg überstehen, auch wenn es manchmal nur Grassuppe gab und die Schnitzel in eine Streichholzschachtel gepasst hätten, Geld wird gebraucht und für Sophie scheint es keine Stellung zu geben. Dann kommt es anders. Ein Forstmeister bietet dem immer kränkelnden, an Asthma leidenden Mädchen eine Stelle an. Man bezahlt sie nicht, es gibt ein Taschengeld, viel Arbeit, aber dieser Mann ist gütig wie ein Vater. Sophie atmet auf und bleibt. Bis der Forstmeister stirbt und seine Frau sie nicht halten kann.
Da landet Sophie in der Fabrik. In einer für Fernsehchassis. Der Holzstaub macht ihr Asthma schlimmer. Aber der Lohn ist gut. Endlich steht Sophie auf eigenen Beinen und sie spart. Für ein Leben mit Max. Der entscheidet alleine, was es zu entscheiden gibt. Zur Verlobung gibt es einen vergoldeten Blechring. Die Mutter schnaubt.
„Die Magie der Wörter, eines Wortes, zweier Buchstaben, wird aufgerufen, die sie binden soll – ja“. Textzitat
Ein Gewitter donnert über den Kirchplatz. Sophie ist nass bis auf die Unterwäsche und jetzt verheiratet. Mit dreiundzwanzig. Der Blumenschmuck auf dem Hochzeitsauto verhagelt. Die Hochzeitsnacht fällt aus. Ist Ehe so?
Kerstin Specht, aufgewachsen in Oberfranken, hat Germanistik und evangelische Theologie studiert. Sie schreibt seit 1990 Theaterstücke. Für Mond auf dem Rücken erhielt sie den Else-Lasker-Schüler Dramatikerpreis. Mittelberge ist ihr erster Roman und ich finde ihn schlicht großartig. Er ist bitter, so bitter und poetisch und eigenwillig und sein Ton – außergewöhnlich. Erschienen ist diese Perle im Münchner Indiependent Verlag STROUX edition, ich darf mich ganz herzlich für dieses Besprechungsexemplar bedanken und wieder einmal bei Dir, liebe Birgit, für diese großartige Empfehlung!
Kurze Szenen, wenig Worte. Dafür auf den Punkt präzise und mit Sätzen, die wie Pfeile ihr Ziel treffen. Diese Sätze leuchten von innen heraus, sie haben Widerhaken, sind akrobatisch schön, und haben in meinem Leseherz Sturm geläutet. Kerstin Specht schreibt, als hätte sie ihre Feder im Feuer geschmiedet und ihre kleine Sophie, die mit offenem Blick und weit offenem Herzen in die Welt schaut, kriecht mir beizeiten unter die Haut. In bitterer Armut wächst sie auf und ihr junges Leben wird vom frühen Tod des Bruders überschattet. Specht erzählt von Alltagsmomenten, fragmentarisch, eher aufzählend und ein ganzer Kosmos entsteht vor meinem inneren Auge. Sie braucht nicht auszuerzählen, damit wir verstehen was in Kriegszeiten eine Kinderlandverschickung bedeutet hat, wie es sich anfühlt einen geliebten Menschen zu verlieren und das man dafür nie bereit ist.
Die passenden Worte zu finden für das, was ich hier gelesen habe, fällt mir diesmal schwer. Das Gefühl, damit weder der Geschichte noch ihrem so besonderen Ton gerecht werden zu können, hat noch immer, noch nach dem Lesen, die Oberhand.
Es gibt Geschichten, die legt man beiseite und rasch verflüchtigt sich die Erinnerung daran. Dann gibt es die, die bei uns bleiben. Manchmal können wir nicht einmal sagen warum, manchmal treffen sie einen wunden Punkt und manchmal eben auch mitten ins Herz. So war das hier mit mir und der Sophie, mit Bes und dem Vetter. Sie sind mir so nah gekommen, haben mich auf eine Zeitreise mitgenommen. Nach Oberfranken, in die 1930er Jahre. Ich wünsche diesem Roman und seiner Autorin, dass er auf jedem Bücherverkaufstisch liegen möge. Wer mit Worten und in einer Reduziertheit so berühren kann, von dem dürfen wir hoffentlich noch viele weitere Texte lesen. Ich für meinen Teil, werde die Augen danach offen halten.
Doch, ja, das ist es. Mittelberge ist ein neues Lieblingbuch. So wie am Ende die Mama von Sophie den Mittelberg vermisst, so fehlen mir die Figuren dieser Geschichte, kaum habe ich sie zugeschlagen. So fühlen sich Herzensbücher an.
Familiengeschichte, Dorfchronik, Zeitpanorama, so viel steckt da drin. Nicht kontinuierlich wird erzählt, sondern wie ein Mosaik setzt sich diese Geschichte aus Momentaufnahmen, Versen und kurzen Kapiteln zusammen. Beobachtungen, Erinnerungen und Lebensabschnitte reihen sich aneinander, wie Perlen auf einer Schnur. Manchmal ist mir, als blätterte ich durch ein Familienalbum. Schaue auf Menschen und Gesichter, in ihre Herzen.
Eindringlich und so bemerkenswert ist die Sprache des Romans! Die Bilder entstehen lässt, ohne das es dafür Methaphern braucht. Deren Sparsamkeit eine Kraft, eine Wucht entfaltet, dass es mich sprachlos macht. Poesie mischt sich mit Sachlichkeit, mit Nüchternheit, Specht erklärt nicht, lässt ihre Figuren, allen voran Sophie, agieren, Dialoge und Beobachtungen sprechen für sich. Sprechen ihr aus der Seele.
Verlorene Jugend. Verlorene Liebe. Eine Ehe als Pflicht?
Ein feiner, oft hintergründiger Humor und Dialekteinwürfe machen das Schwere, das Unsagbare leichter und immer wieder sind Gedichte oder poetische Einschübe in den Text eingeflochten, oder den Kapiteln vorangestellt, sie verdeutlichen und verdichten, rühren mich an.
Wer Mittelberge in die Hand nimmt, erwartet vielleicht einen Heimatroman. Das Cover deutet es an und genau das ist er nicht. Obwohl er von Heimat erzählt. Von dem was wir Heimat nennen, wenn wir an ein Zuhause denken. Von dem was uns hält und abhält. Zu Bleiben. Kerstin Specht ist dabei weit davon entfernt zu romantisieren, ein Dorfleben in jener Zeit und überhaupt schon gar nicht, sie zeigt Armut, soziale Enge, Gewalt und Verlust schonungslos, verliert aber auch Menschlichkeit und Lebensmut nicht aus dem Blick. Denn wo Schatten sind, ist immer auch Licht. Die Entwicklung, die dabei ihre Sophie als Figur nimmt, ist wunderbar. Von ihrer Stärke wünsche ich uns allen einen Löffelchen voll und mehr Romane wie diesen!

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