Das Schicksal und die Geschichte von Natascha Kampusch löste 2006 ein riesiges mediales Echo aus. Entführt mit zehn Jahren in Wien auf dem Weg zur Schule von Wolfgang Přiklopil, gelang Natascha Kampusch nach acht Jahren Gefangenschaft die Flucht, ihr Entführer nahm sich an diesem Tag das Leben. 3096 Tage titelt ihre Biographie, die in Deutschland und Österreich zum Bestseller wurde und an ihr Schicksal musste ich denken, als ich in diesem Roman einige Kapitel weit gekommen war. Er stammt aus der Feder von:
Liz Nugent, geboren 1967 in Dublin, irische Autorin für Radio, Fernsehen und Theater, legte 2013 mit Die Sünden meiner Väter ihren Debütroman vor, der als Crime Novel of the Year bei den Irish Book Awards ausgezeichnet wurde. Es folgten Kleine Grausamkeiten (2020) und Auf der Lauer liegen (2022), alle landeten auf den irischen Bestellerlisten. 2023 im englischen Original und 2024 in feinfühliger Übersetzung von Kathrin Razum wurde Seltsame Sally Diamond im Deutschen veröffentlicht. Nugents vierter Roman, der wieder zu Crime Novel of the Year bei den Irish Book Awards gewählt wurde ist mein erster von ihr. Aber nicht mein letzter, soviel sei an dieser Stelle schon verraten. Ich mochte ihren liebevollen und genauen Blick, den sie für ihre Hauptfigur hat sehr. Ihre Sally ist seltsam und besonders. Autistisch? Vielleicht. Verhaltensauffällig. In jedem Fall. Grob, manchmal. Aber nicht böswillig und so schließt man sie rasch ins Herz. Also ich. In meins und darum geht es:
Seltsame Sally Diamond von Liz Nugent
Sie hatten sie abgeholt und verhört. Stundenlang. Ihr Haus auf den Kopf gestellt. Sie dann gehen lassen. Ob man ihr glaubte? Also, ich schon. Weil Sally ist anders. Ist so. Alle wissen das, wussten das, aber jetzt hat sie eindeutig den Vogel abgeschossen. Also Ehrlich. Oder? Den eigenen Vater verbrennen. Dann auch noch, also, in der eigenen Mülltone und nicht rückstandslos. Das ruft die Polizei auf den Plan und eine Helferin. Die Ärztin der Familie. Die kennt Sally, seit ihrer Adoption.
Ethisch und moralisch war es nicht vertretbar einen Leichnam wie Müll zu entsorgen, das erklären sie Sally, die nach eigener Aussage nur des Vaters letzten Wunsch befolgt habe. Was sich allerdings als nicht ganz richtig herausstellen wird. Denn da gibt es Briefe des Vaters an seine Sally.
Gepflegt hatte sie ihren Papa bis zum Schluß. Krebs hatte er und wollte nichts mehr dagegen tun. Sorgte aber noch vor, Für sie. Zu dumm, dass sie seine Briefe erst gelesen hatte als alles schon passiert war. Es so gekommen war, wie es musste. Uns erklären sie in der Folge einiges und nichts ist mehr so oder bleibt so, wie es anfänglich anmutet.
Die Geschichte machte einen Satz. Eine Rolle rückwärts in der Zeit.
Irland. Ein Mädchen wird entführt. Sie ist elf Jahre. Der Täter. Ein Zahnarzt. Er sperrt sie ein. Vergeht sich an ihr. Sie wird schwanger. Einmal. Zweimal.
Ein Teddybär namens Toby rührt alles wieder auf. Bei Sally. Die nicht Sally heißt. Sondern Mary. Das sagen sie ihr jetzt. Nennen sie “beschädigtes Kind”. Das tat man öffentlich und nicht nur damals als Ihre Mum, Denise, sich umgebracht hatte und sich die Presseberichte überschlugen. Vieles, nein, im Grunde alles, hatte man vor ihr geheim gehalten. Erst nach dem Tod ihres Vaters öffnet sich Tür um Tür und wir Lesende gehen mit Sally durch eine jede, mit vor Staunen weit geöffneten Augen.
Ehrlich, geradeheraus und ohne Argwohn manövriert sich Sally durch Gespräche. Schlicht, einfach und klar formuliert Liz Nugent ihre Sätze, ihre Antworten, viele davon rührten mich an. Genau deshalb. Vielleicht.
Psychothriller steht auf dem Etikett das man Nugents Geschichten anheftet und wer jetzt denkt das ist nichts für mich, dem empfehle ich, hineinzulesen, aber Vorsicht, möglicherweise lässt er Euch nicht mehr los. Denn außer Sally lernen wir noch ihren Bruder Peter kennen. Den der Vater isoliert und dem er weiß macht, dass er an einer todbringenden Krankheit leide. Andere Menschen dürften ihn nicht berühren, er dürfe keinen Hautkontakt haben. Das Kind glaubt ihm. Entwickelt eine Furcht, die in Hysterie gipfelt, wenn es unter Menschen muss, beispielsweise in einer U-Bahn. Denn das wird erforderlich. Als man das Versteck des Vaters, das indem er seine Mutter und Schwester gefangenhält auffliegt. Vater und Sohn fliehen aus Irland ans andere Ende der Welt. Nach Neuseeland.
Hier wachsen in dem jugendlichen Peter Zweifel. Ob das Frauenbild, das der Vater ihm vermittelt wirklich richtig ist. Er gewinnt, am Vater vorbei, in einem Nachbarsjungen einen Freund. Den er auf grausam tragische Weise verliert. Man sieht es kommen und kann es doch nicht fassen, als es geschieht. Will es nicht glauben.
Nugent führt uns in Zeitsprüngen zurück. Peters und Sallys Entwicklung wechseln sich ab und ich frage mich, als der Teddy bei Sally auftaucht, werden die beiden sich begegnen? Sie werden und das was am Ende aus Peter wird, nein, kein Wort mehr …
Wer meint es hier gut mit wem? Wem kann man vertrauen? Immer wenn ich meine das klar zu haben, stellt Liz Nugent meine Meinung gleich wieder auf den Kopf. Es ist übel was hier geschieht, wirklich übel und was Prägung und Grausamkeit in einem Kind, einem Menschen anrichten, nimmt die Autorin im Detail auseinander.
Man möchte alles erzählen was man hier aufdeckt und dann auch wieder kein Wort zuviel darüber verlieren. Es würde das Leseerleben derer schmälern, die diese Geschichte noch entdecken wollen und dieser Zwiespalt in den man als Lesende gerät, passt zum Verhalten vieler Figuren. Wie kann das bitte alles wahr sein?
Bisweilen war ich sprachlos, was die Autorin noch alles aus Hut zieht und auch die Einordnung ihrer Geschichte in ein Genre will mir nicht recht gelingen. Derweil im Roman eine Spurensuche beginnt und Presse, Polizei und Podcaster versuchen Zusammenhänge herzustellen. Ich verstehe immer mehr und auch rein gar nichts mehr. Was passiert in dem Gehirn eines solchen Menschen? Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Lässt sich das mit einer Krankheit rechtfertigen?
Es geht um Entführung und um mehr als eine Gewalttat, um sexualisierte und psychische Gewalt. Man will sich die Augen zuhalten und lugt dann doch zwischen den Fingern durch. Wenn Fachleute, Psychiater, meinen, wieder gut machen zu können. Das alles ist bisweilen harter Tobak, auch wenn Nugent es versteht nicht zu sezieren und den Fokus mehr auf die Auswirkungen solchen Handelns legt. Sie versucht erst gar nicht zu erklären. Denn das könnte man nicht. Wie kann man jemandem helfen, der so etwas durchleidet? Wie ihn wieder in die Selbstständigkeit entlassen? Seine Entwicklung unterstützen?
Wer solche Geschichten gut aushalten, wer auf ein Happy End verzichten kann, dem sei sie empfohlen. Sie ist unglaublich gut konstruiert, sprachlich kristallklar und direkt und diese Sally, als Hauptfigur kann man nicht mehr so einfach vergessen. Ich für meinen Teil bin gespannt auf Neues von dieser Autorin, denn das soll es demnächst geben und ihre älteren Titel entdecken, das habe ich mir auch vorgenommen.

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