Der andere Arthur (Liz Moore)

Manchmal braucht es einfach eine Geschichte, in die man einziehen kann wie in ein Zimmer in einem behaglichen Wellnesshotel. Man hängt seine Jacke an den Haken, schlüpft in Bademantel und Pantoffeln und genießt es, dass kein Termin nach einem ruft. Die Zeit darf einfach mal vergehen ohne Verlustgefühl. Ohne den Gedanken daran, was noch alles zu tun ist. Wie warmes Wasser in eine Wanne plätschert die Handlung dann dahin, man darf mitfühlen, schaut sich um und lernt die Figuren reih um besser kennen. So hat sich dieser Roman für mich angefühlt, der mich auf das Beste unterhalten und nach New York mitgenommen hat. in ein altehrwürdiges Brownstonehouse in Brooklyn, nur einen Häuserblock entfernt vom Prospect Park. Hier wohnt Arthur Opp, Literaturprofessor adé.

Der andere Arthur von Liz Moore – aus dem Englischen von Cornelius Hartz

Bei seinem letzten Arztbesuch hatte Arthur Opp zweihundertsiebzehn Kilo auf die Waage gebracht. Inzwischen müssten es zwischen zweihundertfünfzig und dreihundert Kilo sein. So genau weiß Arthur das nicht, denn er wiegt sich nicht. Nicht mehr und es muss mehr als ein Jahrzehnt her sein, dass er sein Haus verlassen hat. Sein Elternhaus, das ihm nach dem Tod der Mutter nebst einem Fond zugefallen ist. Ein Erbe, das es ihm ermöglicht hatte mit dem Arbeiten aufzuhören. Als es schwierig geworden war. Das war etwa achtzehn Jahre her. So lange lag auch seine letzte Beziehung zurück. Der Ethikrat seiner Universität hatte Einwände, man hatte ihn angezeigt, weil die Frau, die er traf nicht nur deutlich jünger war als er, sondern sie war eine eingeschriebene Studentin. Wenn auch nicht mehr seine.

Arthur hatte seinen Job als Professor hingeschmissen, noch bevor die angesetzte Befragung vielleicht eine andere Wendung hätte bringen können. Denn Charlene Turner wollte und konnte ihn da schon nicht mehr treffen, beide schrieben sich aber über viele Jahre und Arthur log. Darüber, wie gut es ihm gehe. Selbst nach dem 11. September 2001, der nicht nur für ihn alles verändert hatte. Das Leben ging seither in New York andere Wege und als sich seine Verflossene jetzt, nach Jahren, meldete klang das nach einem Hilferuf. Sie hatte einen Sohn, Kel. Der war jetzt bald achtzehn und um seine Zukunft sorgte sie sich. 

Ausgerechnet Arthur Opp, der nicht einmal mehr sein Obergeschoss betrat, selbst wenn er es gewollt hätte, die Stufen kam er nicht mehr hinauf, der sich in seinem Untergeschoss eingerichtet hatte und von dort aus dem Leben anderer und dem Zerfall seines geliebten Hauses tatenlos zusah, sollte helfen. 

Warum hatte Charlene ihm jetzt dieses Foto geschickt? Darauf zu sehen, wie sie in einem Telefonat klar stellt, war ihr Sohn, Kel.. Der zu kämpfen hatte, mit seiner Collegebewerbung, einem Sportstipendium und mit seiner Mutter. Die dem Alkohol mehr zusprach als gut für sie war. Wer ihm helfen soll, liegt auf der Hand. Arthur Opp, denn laut Charlene sei der Literaturprofessor der klügste Mensch den sie kenne.

Arthur musste sich entscheiden, wollte der Achtundfünfzigjährige weiterhin in seinem Schneckenhaus leben oder sich auf Charlene und ihren Sohn einlassen. Was auch bedeutete, dass nach rund sieben Jahren zum ersten Mal wieder jemand sein Haus betreten würde. Sie heißt Jolanda und gehört zu einem Reinigungsdienst, den Arthur bestellt, weil er sich schämt, für sich und für sein verwahrlostes Zuhause. Diese Jolanda wird eine Rolle in seinem einsamen Leben übernehmen, von der er nichts ahnt, als er ihr zum ersten Mal seine Räume überlässt und sie loslegt …

Ach ja, Kel will allerdings nicht aufs College, er will lieber Profi Baseballer werden und ein Scout der Mets macht ihm Hoffnung. Ihm, dem Underdog aus dem Armenviertel. Diese Hoffnung allerdings schwindet, als Kel seine Mutter leblos auf dem Sofa vorfindet. Das Schild an der Zimmertür mit der krakeligen Schrift der Mutter „komm nicht rein, ruf die Polizei“, hatte er ignoriert und stattdessen einen Krankenwagen gerufen. Die Sanitäter schafften es, dass sie wieder atmete, aber ob sie wieder aufwachen würde, konnten und wollten ihm die Ärzte nicht sagen.
Einen Brief hatte sie ihm hinterlassen, auf dem Umschlag sein Kosename. So hatte sie ihn nur als Kind genannt. Sein Inhalt würde für ihn alles auf den Kopf stellen.

Liz Moore, geboren am25. Mai 1983 in Boston/Massachusetts, lebt und unterrichtet in Philadelphia an der Temple University. Ihren ersten Roman, „The Words of every Song“ veröffentlichte die Liz Moore von Haus aus Musikerin 2007.
„Der andere Arthur“ ist ihr zweiter Roman, der im Original „Heft“ titelt, was soviel wie „Schwere“ oder „Gewicht“ bedeutet und der 2012 erschienen ist und der 2015 auf der Longlist des International IMPAC Dublin Literary Award stand. Die feinfühlige deutsche Übersetzung von Cornelius Hartz ist seit Januar 2026 erhältlich und segelt damit im Kielwasser ihrer beiden Erfolgstitel „Long Bright River“ und „Der Gott des Waldes“. Letzterer wurde von Barack Obama auf seine Sommerleseliste gesetzt und Ersterer wurde mit Amanda Seyfried in der Hauptrolle als Serie verfilmt.

Uve Teschner und Timmo Niesner lesen die sehr empfehlenswerte Hörbuchfassung aus dem DAV Verlag. Rund zehneinhalb Stunden ist man ganz Ohr, was ich bei Teschner eigentlich immer bin. Timmo Niesner kannte ich im Hörbuch bislang nicht, seine Stimme aber, die kam mir gleich bekannt vor und kein Wunder. Denn Niesner arbeitet nicht nur als Drehbuchautor, sondern ist auch die deutsche Synchronstimme von Elijah Wood (Frodo Beutlin in Der Herr der Ringe). Über Uve Teschner muss ich nicht mehr viel sagen, wenn er als Sprecher eines Hörbuchs ausgewiesen ist, dann lese ich die Geschichte nicht. Ich höre ihm zu. Regelmäßig und mit großer Freude und immer beeindruckt davon, wie er es schafft den Figuren in literarischen Texten Tiefe zu geben und wie er Spannungstexte zum Nägelkauen stimmlich auflädt.

Wir saßen schweigend am Tisch bis der Raum voller Stille war und ich mich vor lauter Angst etwas kaputt zu machen überhaupt nicht mehr traute noch etwas zu sagen. Ich war still wie eine Blume.
Textzitat Liz Moore

Unaufgeregt, spielt Moore in „Der andere Arthur“ die Klaviatur der leisen Töne, erzählt von zerbrochenen Träumen und verpassten Chancen, von Lebenslügen und dem Glück, das in den kleinen Dingen liegt. Mit den beiden Hauptfiguren Arthur und Kel setzt sie zwei gegensätzliche Erzählperspektiven ein und stellt Kel, der Armut nicht nur buchstabieren kann, Arthur, der privilegiert ist, aber den Halt verloren hat, mit ihren Lebensgeschichten einander gegenüber. Als Bindeglied fungiert Charlene Turner, die auf ihrem Lebensweg ebenfalls abgedrifftet ist. Moores Charaktere sind nahbar gezeichnet,  

In Rückblenden erfahren wir, wann das Essen anfing die Kontrolle über Arthur Opp zu übernehmen. Wie es ihn veränderte, wie es für so vieles Ersatz wurde, Trost, wie es ihn beschämte, isolierte, soweit brachte das Genuss in heute reute.

Der deutsche Titel von Moores Debüt „Der andere Arthur“ spielt mit der Namensgleichheit der beiden Protagonisten, deren Erleben des Geschehens sich erzählend abwechselt. Charleens Sohn Kel heißt mit vollständigem Vornamen ebenfalls Arthur. Der Titel spielt mit der Veränderung, die in Arthur Opp vorgegangen ist. Der wie wir alle, vor Jahren noch ein anderer war. Diese Doppeldeutigkeit mochte ich und auch wie diese Geschichte davon erzählt, wie es ist den Anschluss an die Welt zu verlieren und wie man ihn wieder finden kann. Wie sie von Begegnungen erzählt, die Türen öffnen, besonders die, die nach innen führen und das es manchmal genau die Begegnungen sind, von denen man das am wenigsten erwartet, die lebensverändernd wirken..

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