Dankbarkeiten (Delphine de Vigan)

*Rezensionsexemplar* 

Donnerstag, 12.03.2020

Vorsicht! Herzensbuch voraus! Druckfrische Neuerscheinung, seit 10.03.20 erhältlich.

Dankbarkeit. Nehmen wir dieses Gefühl eigentlich noch bewusst wahr? Spüren wir ihm nach? Sind wir dankbar dafür, das wir in einem Land leben, in dem Frieden herrscht? Dafür das wir satt werden, das an jedem Tag. Das wir eine gute Arbeit haben, das an unserer Seite ein Mensch lebt, der uns liebt? Wie oft hadern und zweifeln wir stattdessen mit dem und an dem was vor uns liegt, sind besorgt, bekümmert oder gleichgültig. Was wartet im Alter auf uns und wer? Wird es jemanden geben, der da ist und sich kümmern kann, wenn wir die Fähigkeit verlieren für uns da zu sein? Wenn wir mit alltäglichen Verrichtungen nicht mehr klar kommen, die Erinnerung verlieren, die Sprache, der dann ein gutes Wort, eine Berührung für uns übrig hat?

“Man muss kämpfen. Um jedes Wort. Jeden Zentimeter. Nichts aufgeben. Keine Silbe, keinen Konsonanten. Was bleibt, wenn die Sprache nicht mehr da ist?”

Textzitat Dankbarkeiten Delphine de Vigan

Dankbarkeiten von Delphine de Vigan

Hier saß sie nun. Im einzigen Sessel des Zimmers und schaute auf die kahlen Wände. Marie räumte ihre Tasche aus und suchte tröstend ihren Blick. Michka wusste, zu Hause bleiben war keine Option mehr gewesen, den Wohnungsschlüssel hatte sie vorhin zum letzten Mal im Türschloss gedreht, unwiderruflich. Hatte verschenkt, was sie hier nicht mehr brauchen würde, ein paar Briefe, ein paar Fotos und Kleidung mitgenommen. Soviel hatte sie verloren in den letzten Tagen, Wochen und Monaten. Nicht nur die Worte, die ihr nicht mehr passend einfallen wollten, ihre Sätze fühlten sich falsch an. Erzeugten Lacher wo keine hingehörten. Das ihr, der einst sprachkundigen Korrektorin einer Zeitschrift.

Ständig suchte sie nach etwas, nach dem richtigen Ausdruck und nach Dingen. War starr vor Angst wenn Nachts die Alpträume kamen und wenn sie am Tag Menschen sah, von denen sie nicht mehr wusste ob sie tatsächlich auch DA waren. Sie konnte nicht mehr allein sein, deshalb war Marie zunächst bei ihr geblieben, in all diesen Nächte. Am Tag aber musste Marie zur Arbeit und sie hatte ja auch ihr eigenes Leben. Ihr zur Last fallen war das letzte was Michka wollte. Also war es richtig, dass sie jetzt hier war, im Altenheim. Alle waren auch nett hier, kümmerten sich und es gab andere Bewohner, die nicht einmal so alt waren wie sie. Warum also, fühlte es sich dann falsch an, so wie eine Endstation … ?

Delphine de Vigan, geboren am 1. März 1966 in Paris, begann mit dem Schreiben als sie noch in einem Meinungsforschungsinstitut arbeitete, spät am Abend und in der Nacht schrieb sie. 2015 wurde sie für ihr Nach einer wahren Geschichte mit dem Prix Renoudot und dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet. Keine Ahnung, wie sie das macht, aber bei ihren Texten läuft mir immer das Herz über. Was mir bleibt ist ihr “Danke!” zu sagen, für diese und andere Geschichten von ihr und dafür, dass ich Michka kennen lernen durfte. Ein Danke geht auch an die Übersetzerin Doris Heinemann, ohne ihre Arbeit wäre mir diese Geschichte zu erleben nicht möglich gewesen.

In ihrem Roman Dankbarkeiten wagt de Vigan einen Ausblick auf das, was auf uns Warten kann, wenn wir ein Alter erreichen in dem die Selbstständigkeit abnimmt. Dies so lebensecht und warmherzig, das mir die Tränen kamen. Ich bin mit Michka und Marie im Zimmer gesessen und habe den alten Geschichten, den Erinnerungen gelauscht. Wenn der Tag nicht mehr viel neues bringt, dann schaut man unweigerlich zurück auf die Zeit, die voll war von Ereignissen und Menschen. Auf die, die man hinter sich gelassen hat, nicht? Was, wenn aber auch jetzt noch, jeder Tag etwas bereit hält? Etwas, das vielleicht auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. So wie hier, wenn Jerome, der Logopäde, kommt und Michka herausfordert, mit seinen Übungen, seinen Tests …

“Ich bin Logopäde. Ich arbeite mit den Wörtern und dem Schweigen. Dem Ungesagten. Ich arbeite mit der Scham, dem Geheimnis, der Reue. Ich arbeite mit dem Fehlenden, mit verschwundenen Erinnerungen und solchen, die durch einen Vornamen, ein Bild, einen Duft wieder geweckt werden. Ich arbeite mit den Schmerzen von gestern und denen von heute. Mit den vertraulichen Mitteilungen. Und der Angst vor dem Sterben. Das gehört zu meinem Beruf.”

Textzitat Dankbarkeiten Delphine de Vigan

Einige der Text-Passagen habe ich mir leise vorgelesen. De Vigans Sätze so federleicht, schimmerten dann zart vor mir in der Luft. Ein jeder von ihnen hat mich berührt, oder zum Lächeln gebracht, wehmütig und im Herzen ist sie stets bei ihrer Michka. Die sie so liebevoll zeichnet, als sei es eine Person aus Fleisch und Blut die in ihrem eigenen Leben eine Rolle gespielt hat. Ich sehe was sie sieht, fühle was sie fühlt, bin vom ersten Satz an mittendrin in dieser Geschichte von Freundschaft, von Bindung, von Nähe. Bin dankbar. Dankbar sie habe lesen zu dürfen, das ich mich zwischen den Zeilen mit Michka habe ausruhen dürfen.

Erleben zu können, dass es jemanden gibt der versteht, ist ein großes Glück. Wenn er oder sie uns dann beistehen, gleich wie und in welcher Situation, ist Dankbarkeit zu zeigen, das geringste was wir tun können und der größte Lohn den man zahlen kann …

Wenn ich alt bin, dann werde ich? Ja, was? Marie hat einen Plan und ich frage mich, was werden wir umsetzen können, von dem was wir uns vornehmen? Wie viel Selbstbestimmung wird noch möglich sein, wie viel Neugier auf das, was noch kommt. Oder wird das Warten, so wie es hier anklingt zur Hauptbeschäftigung werden? Werden uns eher die körperlichen Gebrechen quälen oder die des Geistes, oder nichts davon?Wenn ich so wie Mischka hier, meine Sprache verlöre, das so wie sie auch aktiv wahrnehmen müsste, was dann?

Eine wunderbare Geschichte über das Menschsein, über das Alter, welches seine Schleifspuren in uns hinterlässt, ist de Vigan da gelungen. Mir wird deutlich, wie wichtig es ist, offen auszusprechen, was man auf dem Herzen hat, weil man nie wissen kann, ob es eine zweite Gelegenheit dafür geben wird.

Ach, Michka, so konsequent und so selbstbestimmt bist Du, bis in die letzte Faser. Herrscherin über den richtigen Zeitpunkt, in aller Klarheit, ich umarme Dich. Meine allerliebste Buchstabenverdreherin, meine liebste Wortsucherin, Du fehlst mir schon, da habe ich die letzte Seite noch nicht umgeblättert. Marie, gib gut acht auf Dich und schau Dir Jerome doch mal genauer an, ich glaube, er ist ein guter Kerl …

Diese Autorin braucht keinen epischen Bogen um zu sagen, was sie zu sagen hat. Sie ist die Meisterin des kurz gefassten, längst hat sie sich in mein Herz geschrieben. Meine Bewunderung für ihre klare Beobachtungsgabe, für die Feinheit mit der sie erzählt, die Sanftheit und Eindringlichkeit ist ungebrochen. Sie schafft es, das ich auch dieses schmale Buch von ihr niederlege, ihm seufzend nachhänge und mich nur der Gedanke tröstet, das ich hoffentlich bald wieder etwas von ihr lesen kann. Zwei Romane von de Vigan habe ich noch entdeckt, die ich noch nicht kenne: Nach einer wahren Geschichte und Tage ohne Hunger, behalte ich mir als stille Reserve noch etwas auf meinem Merkzettel …

War das tatsächlich schon 2018 als de Vigan mich mit Loyalitäten im Sturm erobert hat? Alle drei Romane Dankbarkeiten, Loyalitäten und No & ich, mit letzterem schaffte sie 2007 ihren Durchbruch als Autorin, sind mehr als lohnend und ich empfehle sie sehr, sehr gerne von Herz zu Herz:

 

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3 Kommentare

  1. Petra
    13. März 2020

    Da freu ich mich. Wenn Du Loyalitäten von Ihr noch nicht kennst, auch unbedingt mal rein lesen … LG und wie immer sehr gerne! Petra

  2. Dorothee
    13. März 2020

    Dieses Buch sprach mich sofort an, nachdem ich die Leseprobe gelesen hatte…
    Ein toller Tipp von Dir! Danke!

  3. Dorothee
    12. März 2020

    Das schau ich mir mal an…

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