Das Museum der Welt (Christopher Kloeble)

Sonntag, 08.03.2020

Sie sind der Welt auf’s Dach gestiegen, mit einer Fotoausrüstung, die 200 Kilo wog. Im Himalaya. Das im Jahr 1855 und zwar auf den Kamet und mit den überwundenen 6.785 Metern haben sie einen neuen Höhenrekord aufgestellt. Sie schafften es bis ins verbotene Tibet. Waren in Darjeeling. Gleich zwei Pflanzengattungen wurden nach ihnen benannt die Schlagintweitia und die Schlagintweitiella. Einer von ihnen verlor den Kopf, wurde für einen Spion gehalten. Zwei von ihnen kehrten heim, mit 500 Kisten voller Exponate, 751 Bildern und Fotografieren. Mit Gipsabdrücken menschlicher Gesichter, Baumschnitten, Tierpräparaten, Landkarten und Messergebnissen, Aufzeichnungen über kulturelle Bräuche und und und … Ihre Lebenszeit sollte nicht ausreichen um all das auszuwerten, was sie auf ihrer Reise durch Indien und Hochasien eingesammelt hatten. Die Brüder Adolph, Hermann und Robert Schlagintweit. Reiseforscher, Alpinisten und Ornitholgen. Vergessene Helden, die finanziert von, und unter dem Banner der Britisch East India Company, und durch die Fürsprache Alexander von Humboldts 29.000 km in drei Jahren zurücklegten.

Ein Bild (Bildquelle Wikipedia) der drei habe ich für Euch herausgesucht, und diese wunderbare Geschichte aus der Feder von Christopher Kloeble, der die Brüder Schlagintweit, ihrem Schaffen und Streben, ihrem unstillbaren Entdeckergeist und Forscherdrang, wieder ans Licht hilft und ihnen noch dazu einen äußerst bemerkenswerten Reisegefährten an die Seite stellt:

von links Robert, Adolph und Hermann von Schlagintweit (1847)

“Wenn wir frei sein wollen, müssen wir wissen wer wir sind.”

Textzitat Christopher Kloeble Das Museum der Welt

Das Museum der Welt

1854. Kurz vor Ausbruch des ersten indischen Unabhängigkeitskrieges waren sie aufgebrochen. Hermann, Adolph und Robert Schlagintweit und Bartholomäus. Letzterer war mindestens zwölf Jahre alt und er hatte soeben das erste Museum Indiens in einer einfachen Holzkiste gegründet, er nannte es Das Museum der Welt und wurde, ist klar, dafür ausführlich verlacht. Das Museum der Armseligkeit solle er es besser nennen. Sie zerschlagen seine Kiste, er verliert seine Sammlung, und gewinnt ein Notizbuch mit blütenweißen Seiten. In ihm soll er fortan sammeln, es könne nämlich auch Gefühle und Gedanken aufnehmen, auch alle Exponate, die ihm bedeutsam erschienen, gleich wie schwer und groß sie auch sein mögen. Sein Mentor Vater Fuchs war ein kluger Mann, warum nicht auf ihn hören und dem Museum eine neue Form geben?

So trotzte Bartholomäus dem Spott, denn ist nicht das Festhalten an einem Traum das Beste überhaupt, und so beginnt er am 18. Oktober 1854 mit seinem ersten Eintrag …

Christopher Kloeble, geboren am 03. Juli 1982 in München, lebt in Neu-Delhi und Berlin. Kloeble schreibt für Literaturzeitschriften und entwickelt Stoffe für Film- und Fernsehproduktionen. Sein erstes Drehbuch schrieb er 2011 für die BR alpha Eigenproduktion Inklusion – gemeinsam anders.

Die Szenen um seinen Bartholomäus haben einen märchenhaften Touch. Mit seinem klugen, unverstellten Blick hat er mir schon beim ersten Kennenlernen ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert. Er ist der eigentliche Held hier, da gibt es gar nichts dran zu deuteln.

Gut, vielleicht ist er ein bisschen neunmalklug, ein klein wenig vorlaut, zu klein für sein Alter ist er auf jeden Fall. Seine Sprachgewandtheit jedoch, ist über jeden Zweifel erhaben und so wird Bartholomäus der Übersetzer der Brüder Schlagintweit. Seine, wenn auch rudimentären, Bayrisch-Kenntnisse waren dabei sicherlich nicht schädlich.

Es geht um den Zauber, um den, der sich im Alltäglichen versteckt. Humboldt selbst ist der Geist dieser Unternehmung und vielleicht ist es ja tatsächlich sein Haar, das Batholomäus wie den heiligen Gral hütet. Es geht um die,  die nichts besitzen außer Kleidung und Hoffnung. Um Schläge für die Unbeugsamen im Geist, mit der Bambusrute auf Fußsohlen, Kniekehlen, den gespannten Rücken. 

Und es geht um mehr: Ein Freund und Mentor verschwindet, eine verzweifelte Suche nach ihm beginnt. Zum ersten Mal Eiswürfel lutschen, zum ersten Mal ein Zimmer mit niemandem teilen müssen. Die Freiheit des Übersetzers, oder nennen wir es seine Macht. Eine Bildermaschine, sie nennen es Fotoapparat. Fluchen auf bayrisch. Was haben der Himmel und ein Zwirn bitte mit einem Hinterteil zu tun?

Die Kolonialzeit. Ich begegnen schier ungeheuerlicher Freundlichkeit und schmerzenden Worten. Rassen und Kasten, Mächtige, Demütige und Hasserfüllte. Großer Entdeckergeist trifft auf Bürokratie. Reiche Opiumhändler lauern in ihren Höhlen. Eine Geschichte so bunt wie die Farben Indiens. In denen Köchinnen wohnen, die nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen denken und deshalb viel schlauer sind, als man meint …

Gute Männer bringen Unheil. Ich erlebe ein Frauenbild, das im Indien jener Tag gang und gäbe war, undenkbar ist, am heutigen Weltfrauentag. Überschäumende Wut steigt in mir auf. Wut aber ist kein guter Ratgeber, das lerne ich ebenfalls:

“Höre nicht auf die Wut. Sie kann dich zu nichts zwingen. Vergrabe die Wut tief in dir.”

Textzitat Christopher Kloeble Das Museum der Welt

Aus friedfertigen Gärtnern werden Soldaten. Ein Land im Umbruch, im Aufbruch, im Aufbegehren gegen seine Besatzer. Gebrochene Versprechen und das Taj Mahal. Marmor aus Jaipur, weiß und schimmernd. Südindien, ein Arbeitselefant begleitet den Tross. Mangobäume und Vorhänge aus Schlingpflanzen wollen durchdrungen werden. Die Lastkamele geraten in flachen Flussbetten auf mit Algen bewachsenen Steinen ins Rutschen. 

” Wenn die meisten von uns Verräter sind, wer sind dann die wenigsten von uns? Sind das dann nicht die eigentlichen Verräter?”

Textzitat Christian Kloeble Das Museum der Welt

Bombay, Madras, Kalkutta. 1855 brachte sie ein Dampfer hierher, in diesen Schmelztiegel mit seinen prächtigen Gebäuden. Ein Kind zweier Welten sucht nach seinem Platz. Eine Frage die es zu entscheiden gilt wird gestellt, und die Unentschlossenheit, sie wiegt so schwer …

Diamantminen. Die Arbeiter, die hier in glühender Hitze schuften sind vollkommen nackt, damit sie nichts einstecken können, sogar ihr Kot wird kontrolliert. Die Wege der Schlagintweits trennen sich und Bartholomäus darf bei Adolph bleiben. Wilde Horden. Goldene Klöster, singende Eisenbrücken und Yak-Herden. Unheilvolle Pakete. Opfergaben um die Götter zu besänftigen, nicht jeder Bergpass ist ohne Schwierigkeiten zu überwinden und wenn die Träger desertieren ist das auch nicht gerade hilfreich. Augenbinden aus grüner Gaze sollen gegen die Schneeblindheit helfen. Eine Prophezeiung, die sich tatsächlich erfüllt.

“Schnee. Man soll mich einen Dummkopf nennen, aber ich habe ihn mir wärmer vorgestellt. Wie konnte ich hoffen, das er mir gefallen wird? Wer kein Freund von Wasser ist, findet einen Feind in Schnee. Er ist hart, aber nicht hart genug um mich zu tragen. Bei jedem zweiten Schritt brechen meine Füsse ein

Textzitat Christopher Kloeble Das Museum der Welt

Ich bin vernarrt in diesen kleinen Kerl, diesen Indier. Er hat so eine warmherzige, liebenswerte Unverstelltheit, zeigt eine so kindliche Freude. Kleider machen Leute, zu seinem mindestens dreizehnten Geburtstag erhält Bartholomäus seinen ersten Anzug, stattlich sieht er aus und gewachsen, größer scheint er mir irgendwie auch zu sein. Im entgeht nichts, seine Vielsprachigkeit öffnet ihm Türen, er erkennt das Wesentliche in den Dingen und er, er besitzt den Schlüssel zu meinem Leserinnen-Herz.

Sein Museum braucht keine Wände, es hat einen weiten Himmel, es hat alle Wetter und es hat alle Farben. Seine Bilder sind faszinierend und unser Führer, der uns seine Schätze vorstellt, kennt sich aus. Weil er mehr zu sehen vermag, als nur das Offensichtliche. Weil er so klar und unfassbar mutig ist. Verrat und Verräter, Loyalität und Treue und eine unbändige Neugier treffen auf ein Land, auf Landschaften, die fremd und beeindruckend und schön sind, aber auch unwirtlich, rau und gefährlich. Diese Geschichte wird weit vorne rangieren, im Wettrennen um meine Lieblingsgeschichte in diesem Jahr. Weil Helden wie Bartholomäus in der Buchstabenwalt rar sind. Weil ich mit ihm erwachsen werden durfte, wenn auch vor der Zeit. Weil er mir, während der Hörzeit, mit seiner kindlichen Weisheit ein Leitstern war, vor Tagesanbruch und in der Abenddämmerung auf meinem Heimweg.

Tretet ein und staunt, so wie Bartholomäus, so wie ich. Seht Euch satt oder hört Euch hungrig, habt Freude an dem, was Ihr hier erlebt. Ich für meinen Teil hatte einen Menge davon, auch dank –

Torben Kessler, der für mich quasi in Hör-Serie geht. Bis vor wenigen Tagen hatte ich noch Sommer bei Nacht von Jan Costin Wagner, ebenfalls von ihm vorgelesen im Ohr. In diesem Text hier gefällt er mir um einiges besser, als in dem zuletzt gehörten. Die humorvollen Stoffe liegen ihm wie ich finde mehr als die nachdenklichen, die Freude die er hier beim Vorlesen offenbar hatte, ist ihm deutlich anzumerken. Sein Lächeln durchdringt die Silben und ich kann es spüren, durch den Lautsprecher hindurch. Die Freude, die er mit mir teilt, wärmt mich. Seine Stimme umhüllt mich, während er mich mit Bartholomäus in die entlegensten Ecken schickt, manchmal da habe ich eine Träne im Knopfloch, dann trocknet Kessler sie mir …

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