Was Nina wusste (David Grossmann)

Goli Otok, ist kroatisch für “nackte Insel” und dieser Name ist Programm. Die Felseninsel Goli Otok liegt in der Adria zwischen dem kroatischen Festland und der Insel Rab. Etwa 15 Minuten dauert die Fahrt mit einem Ausflugsboot bis hierher. Von 1948 bis 1988 beherbergte dieses karge Eiland Werkhallen und Gefängnisse. Heute zeugen nur noch Schutt und Ruinen von dem was hier geschah und selten sprechen Zeitzeugen über das was sie hier erlebt haben. Gleich ob sie als Gefangene oder als Wächter hier gewesen waren. Hierher verschleppten sie diejenigen, die die Partei Titos für unbelehrbar hielt, politische Gefangene, hier wollte man sie brechen, sie umerziehen, unter Zwangsarbeit und Folter …

“Schreib alles auf was dir durch den Kopf geht, zum Schluss hängt alles mit allem zusammen. In den Tiefen wird alles Gesetz.”

Textzitat David Grossmann Was Nina wusste

Was Nina wusste (David Grossmann)

Nina knapp 17 Jahre alt, dünn, als sphinxartig beschreiben spöttisch Schulkameraden ihre Erscheinung, sie habe in Belgrad und auf der Straße gelebt, flüstern sie hinter ihr her, während sie ihre Mutter in einem Gulag als politische Gefangene festhielten und bevor Ihnen die Flucht nach Israel gelungen war. Raphael ist 16 als er ihr zum ersten Mal begegnet und bei ihrem ersten Aufeinandertreffen schon wehrt sie ihn ab, mit einem Kopfstoß, der eine Beule zurücklässt und eine tiefe Verbundenheit.

Zwei Seelenverwandte begegnen, berühren und verlieren sich. Nina und Raphael. Schlagen, kratzen und beißen sich. Er verliert zwei Zähne und nicht selten selbst die Beherrschung. Jetzt und später. Unklar ist, wer von beiden, auf die Idee kam, dass ein Kind Ruhe und Zugewandtheit in ihre Ehe bringen könne. Wie man sich doch irren kann. 

Eine neue Frau übernimmt der Mutter Stelle und eine Enkelin, Gili, die keine leibliche ist erzählt. Von dem was Nina wusste, und deren Mutter Vera. Von dem was Raphael, ihrem Vater noch einfällt. Von dem, was sie, Gili, das Opfer, die Verstoßene einer unsteten Mutter, von all dem bislang auf Film bannen konnte. Und diese Bilder, sie lügen nicht, schaut doch: Die Kamera, sie schaut ihm auf Hände und Gesicht, wenn er spricht …

David Grossmann, geboren 1954 in Jerusalem, wurde u.a. 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der israelischen Gegenwartsliteratur. 2017 erhielt er den Man-Booker-Preis für “Kommt ein Pferd in die Bar”. Die wunderbare deutsche Übersetzung von “Was Nina wusste” stammt, wie auch schon bei seinem “Pferd”, von Anne Birkenauer.

Die Grundlage seines Nina-Romans bildet die Lebens-Geschichte von Eva Panic-Nahir, die Grossmann 2002 kennen gelernt und die ihr Leben, ihre Erlebnisse auf der Gefängnisinsel Goli Otok, zuvor einem Dokumentarfilmer erzählt hatte. Sie inspirierte Grossmann zu seiner Figur der Vera. Die wie aus Krupp-Stahl gemacht scheint.

Was für ein Vorteil es doch ist, wenn man einen Autor erst für sich entdeckt, nicht vergleichen, die so gelesene Geschichte für sich stehen lassen kann, ohne nach einem Besser oder einem Schlechter zu suchen.  Ich finde ja, bei Grossmann geht es ähnlich wie bei Saša Stanišić um Herkunft, dies mit einer Dringlichkeit die ungeheuer intensiv ist. Als überaus verletzlich zeichnet Grossmann dabei seine innerlich zerrissenen Charaktere.

Einfühlsam leuchtet er die Mutter Tochter Beziehungen in seiner Geschichte aus. Spürt Grund und Ursache nach und der Wurzel der Dinge. Eine frühe Prägung kann niemand verleugnen, sie macht uns zu dem der wir sind. Sie hat Macht über uns, jederzeit und es braucht einen unbeugsamen Willen und Kraft um sich ihr zu widersetzen. Feinsinnig und mit Satz Kunstwerken, die eine Wucht entfalten, die man so spürt wie eine Ohrfeige, die noch lange nach dem Schlag auf der Haut brennt, so schreibt Grossmann.

So ist es denn auch seine Sprache die mir ganz besonders gefiel, mit welchen Worten und Satzbildern er Szenen einfängt hat mich tief beeindruckt. Dann z.B., wenn er von Lebensartisten schreibt, davon wie das geht, einen Menschen zu spüren ohne ihn zu berühren, oder darüber, dass Schreie Löcher in die Luft reißen, dann hat er mich zappelnd am Haken. Und diese verdammte Zartheit von der erzählt, die neben den Verbrechen, dem Verrat und der Rohheit, vom “Stechen im Seelengedärm” erzählt, das es mich schmerzt bis auf die Knochen. 

Kleine Widerhaken und Tentakel haben die Gemeinheiten, die verbalen Verletzungen die man sich hier zufügt. Jedes Wort wie ein Pfeil im Streit, er trifft sein Ziel. Immer. So entsteht aus Geplänkel plötzlich Tiefe, ich reibe mir staunend die Augen und frage mich, wie macht man das? Er kann doch auch nur Worte aneinanderreihen, dieser Herr Grossmann wie wir alle und dennoch, steht da etwas beständig zwischen seinen Sätzen, etwas das Kraft hat, das drängend ist. 

Ein Drama als Geschenk zum 90. Geburtstag. Eine Mutter und eine Tochter schenken sich nichts, während die ganze Sippe die Oma hochleben lässt. Längst verschüttetes wird ausgegraben und alte Wunden werden aufgerissen. 

Beziehungsunfähig. Das ist es was sie ist. Als ich zum Ende hin dann erfahre was sie so hat werden lassen, nicke ich stumm.

Jedes Lächeln ist von Traurigkeit überschattet. Eine Alzheimer Diagnose verursacht eine Reise und der Wunsch alles aufzuzeichnen was war, was ist und vielleicht auch was werden soll.   

Gegen das Vergessen. Alles erzählen, jetzt und vollständig. Aufrichtig wollten sie miteinander sein. Nur noch das. Es auf Zelluloid bannen und ich darf bei der Entstehung dieses Filmdokumentes, das auf einer Reise nach Kroatien entsteht dabei sein. Grossmann entblößt seine Figuren dafür für mich in einem Seelenstriptease.

“Vielleicht ist das Leben eben nicht jedermanns Sache”. Lässt Grossman Nina sagen. Eine ohnehin instabile Grundmauer gerät ins Wanken, wenn man jetzt das Fundament dieser kleinen Familie nicht stützt, dann wird es brechen. Kann er ein Stützpfeiler sein? Raphael der Filmemacher, mit dem es die Kritiker nicht gut gemeint hatten, der einen Neuanfang als Sozialarbeiter wagt und der kämpft, mit der Bitterkeit und gegen seine Verbitterung. Seine Tochter Gili will die Erinnerungsspeicher der Familie auffüllen, endlich die Lücken schließen, ihre eigene Wut verstehen.

Wie liebt man jemanden, der genau das nicht zulässt? Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Ist das der Kitt, den dieses Familien-Fundament braucht? Eine Reise zurück in die Vergangenheit, ein Film als Dokument, als Zeugnis und Beweis. Zu viert brechen sie auf, Ehemann und Ehefrau, Mutter, Tochter und Großmutter, dahin wo alles begann. Nach Goli Otok … 

“Es ist so hässlich, wie alle Gewalt hässlich ist. Ausgerissene Türen, Gegenstände die verbrannt wurden und so verformt sind, dass man nicht mehr erkennt was es einmal war. Rost und Staub. Aus einem betonierten Platz wachsen krumme Eisenstangen empor. Stacheldraht windet sich in zerschlagenen Fenstern”.

Textzitat David Grossmann Was Nina wusste

Goli Otok. Wo akuter Vitamin Mangel bei den meisten Insassen Nachtblindheit verursacht hatte. Dorthin, wo sie seinerzeit dafür gesorgt hatten, das jeder des anderen Feind wurde. Wo die Sonne sengend gebrannt hatte und wo sie nur denen gestattet hatten eine Kopfbedeckung zu tragen, die ihnen Namen genannt hatten. Zwei Jahre und zehn Monate, davon hatte Vera siebenundfünfzig Tage, jeweils den ganzen Tag lang, in glühender Hitze auf der gleichen Stelle stehend verbracht. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Wo kommt die Kraft her, die einen eine solche Behandlung überstehen lässt?

Die beiden Schauspielerinnen und Hörbuchsprecherinnen Julia Nachtmann, geb. 1981 und Maria Hartmann, geb. 1958 übergeben sich hier lesend den Staffelstab, wobei die erstgenannte den Löwenanteil der Geschichte liest und für mich war sie, ist sie eine echte Offenbarung! Joii …, der osteuropäische Akzent mit dem sie Oma Vera sprechen lässt, ist zum Niederknien!

Beide Vorleserinnen verstehen es eine Empathie in ihre Stimme zu legen, dass mich fröstelt, so lebensecht wirken durch sie Grossmanns Figuren. Besonders Dank Nachtmann komme ich den Protagonisten ganz nah. Jeder Streit, jedes Weinen wird ungeheuer eindringlich erlebbar. Wer sich also für das Hören dieser Geschichte entscheidet, der wird eine Inszenierung dieses Textes erleben, die ihn wie von Innen leuchten lässt!

Mein Dank geht an das Team des HörbuchHamburg Verlages für dieses Besprechungsexemplar.

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