Schmetterlinge (Josef H. Reichholf)

Blauer Schmetterling (Hermann Hesse)

Flügelt ein kleiner blauer
Falter vom Wind geweht,
Ein perlmutterner Schauer,
Glitzert, flimmert, vergeht.

So mit Augenblicksblinken,
So im Vorüberwehn
Sah ich das Glück mir winken,
Glitzern, flimmern, vergehn.

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 10.02.2019

Es ist soweit, sie hat mich wieder am Kragen gepackt. Die Sehnsucht nach den ersten Blüten, die Sehnsucht nach dem Frühling und der erste Strauß Tulpen des Jahres reckt vorwitzig die Köpfe auf meinem Küchentisch. Spätestens Mitte Februar hadere ich alljährlich mit dem laublosen Grau vor meiner Tür. Freue mich über unsere Zaubernuss, die ihre leuchtend gelben Blüten über die zusammengewehten Schneehäuflein im Beet streckt. Sie ist die Erste in jedem Jahr, die in unserem Garten blüht, treu und zuverlässig. Als hätte sie mich seufzen hören, verkürzt sie mir so die Zeit, bis Krokusse, Winterling, Schneeglöckchen und später Tulpen ihre Köpfe recken.

Bis SIE das erste Mal wieder unseren Garten besuchen, wird es wohl noch länger dauern und ich frage mich sorgenvoll, wie viele bzw. wie wenige es in diesem Jahr wohl sein werden. Sie machen sich rar, die Schmetterlinge, und lange schon sind es nur noch wenige Arten, die ich bei uns ausmachen kann. Was passiert hier in der Natur? Mit dem Bienensterben beschäftigt sich mittlerweile auch die Politik, zum Fernbleiben der Schmetterlinge findet man eher wenig bis nichts und doch ist es real. Gibt es hier einen Zusammenhang? Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 habe ich dieses Sachbuch entdeckt und beschlossen mich mit Bestseller-Autor Josef H. Reichholf auf die Suche nach Antworten zu begeben:

Schmetterlinge – warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet (Josef H. Reichholf)

Wir starten mit dem Autor in sein Buch am 15. Dezember 1958. Zu dieser Zeit beginnen seine Aufzeichnungen zum Thema Schmetterlingsforschung und er kann heute konstatieren, dass sich in den letzten fünfzig Jahren die Häufigkeit unserer Schmetterlinge um 80% reduziert hat. Während unsere Großeltern noch Sommerwiesen voller Schmetterlinge kannten und Waldstücke in denen es von ihnen nur so wimmelte, vermissen wir sie heute. 

Laien und Schmetterlings-Experten stellen fest, früher gab es mehr Schmetterlinge in Stück und mehr verschiedene Arten. Obwohl, und diese Zahlen finde ich doch noch beeindruckend, man Stand 2016 in Südostbayern laut Reichholf 1.100 Arten, und in ganz Bayern 3.243 verschiedene Arten nachweisen konnte.

Dieses “früher” läßt sich mittlerweile spezifizieren auf die Zeit, vor den Flurbereinigungen nach dem Zweiten Weltkrieg, auf den Beginn der Überdüngung unserer Böden, sowie auf die Zeit der Umdeutung großer landwirtschaftlicher Flächen zur Erzeugung von Biodiesel und Biogas. 

Bereits in den 1970er war das in den bayrischen Auwäldern zu spät ausgesprochene Rodungsverbot, welches deren Rückgang verursachte, sowie der Wegfall von zahlreichen Kiesgruben mit ihren Kleingewässern, für ein umfangreiches Artensterben der Wasserschmetterlinge verantwortlich. In diesem Kapitel erfahren wir u.a. dass deren Raupen unter Wasser atmen können. Genial!

Eindrucksvoll erklärt uns Reichholf mit welchen Methoden es ihm gelingt, Schmetterlinge verläßlich zu zählen und wie er zu diesen Zahlen kommt. Was für eine Energie und Engelsgeduld hinter dieser Arbeit stecken ist sagenhaft und zeigt deutlich wie sehr dem Autor diese geflügelten Wesen am Herzen liegen.

Erstaunt mit den Ohren geschlackert habe ich dann, als ich las, dass Schmetterlinge gerne den Handschweiß von Menschen aufsaugen, sich daran gar berauschen und wenn man im Sommer nur genug Geduld hat, kann man es schaffen, dass sie sich auf einer ausgestreckten Hand nur zu gerne niederlassen. Das will ich unbedingt ausprobieren, meine Schmetterlinge mit Schwitzehändchen verführen … 

Reichholf liefert uns auch die Antwort dafür, warum Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Admiral (siehe Foto links) und Kohlweißling unsere bekanntesten und häufigsten Tagfalter sind. Sie sind sogenannte Kulturfolger und in Zeiten der Überdüngung hat eine Pflanze, die ihre Raupen besonders lieben stark zugenommen, nämlich die Brennessel. Ist diese im Überangebot vorhanden, findet man auch unsere bekannten Falter häufig.

Alles hängt mit allem zusammen! Es schließt sich der Kreis, faszinierend!

Das der Kleine Fuchs ein Wanderfalter ist, und das er, wenn er an meinem Schmetterlingsflieder saugt, sogar aus dem Süden bis hierher geflogen sein kann,  die Alpen überquert hat, habe ich ebenfalls hier gelernt und das hat mich ehrlich verwundert. So ein kleines Ding übersteht einen Flug über verschneite Berge?

Wo wir schon beim Schnee sind … Das der zarte Zitronenfalter stets der erste im Frühling ist, war mir noch gar nicht bewußt aufgefallen, dass er bei uns überwintert, schon zu fliegen beginnt wenn es über zehn Grad Celsius ist und dass ein Frostschutzmittel in seinem Körper verhindert, dass er erfriert! Wo gibt es denn sowas? Er kann so, sogar zwanzig Grad unter Null überstehen. Unfassbar, oder!

Auf dem Foto links zu sehen ein Zitronenfalter mit Raureif und Kristallen bedeckt, rechts auftauend mit Tautropfen! (Quelle Fotos Dr. Eberhard Pfeuffer)

Auch giftige Arten die bei uns vorkommen, wie der Kohlweißling und das Blutströpfchen, läßt Reichholf nicht aus. Apropos Gift, auch Umweltgifte, in der Landwirtschaft eingesetzte Pestizide, nimmt Reichholf unter die Lupe, so z.B. das DDT welches in den 1960er Jahren auch bei uns in Deutschland zum Einsatz kam, wenn auch nicht in dem Maß wie in den Tropen. In unseren Breiten war es u.a. in der Folge seiner Anwendung verantwortlich für den Zusammenbruch der Maikäferbestände.

Außergewöhnliche Phänomene wurden ebenfalls von Reichholf  im Rahmen seiner Forschungen dokumentiert und er läßt uns in seinem Buch daran teilhaben. So erlebte er z.B. 2003 und 2009 im Botanischen Garten in München eine Invasion der “Distelfalter”. Im Frühling saßen dort auf den Büschen teilweise mehr Falter als Blätter und die Äste bogen sich unter ihrem Gewicht!!! Da wäre ich gerne dabei gewesen. Oder etwa hier: 2013 beobachtete Reichholf dann einen Massenflug des “Landkärtchens”. Er zählte bei einem einzigen Kontrollgang in seinem Forst mehr als 1.300 Falter. Diese Anzahl übertraf an einem einzigen Tag das sonstige Aufkommen eines ganzen Jahrzehnts. Was für ein Anblick das gewesen sein muss!

Im Foto links die Frühjahrsform des Landkärtchens und rechts die Sommerform. Unglaublich, ein und derselbe Falter! Quelle: Hanser Verlag, Schmetterlinge, Josef H. Reihholf)

Das oft auch Kommunen ohne über den Naturschutz nachzudenken handeln und Straßenränder entlang von Landstraßen zu früh im Jahr und neuerdings so bearbeiten, dass gleich komplett alles Grün mit der Wurzel abgefräst wird ist immer mehr zu bemerken. Der aufmerksam beobachtende Reichholf zieht auch hier seine Schlüsse: Pflanzen wie der schönen, himmelblau blühenden Wegwarte wird so komplett der Garaus gemacht, sie wächst dann nicht mehr nach, weil sie sich nicht mehr versamen kann. 

Leidtragende sind dabei nicht nur die Schmetterlinge, sondern auch die Hummeln. Auch bei ihnen ist in den letzten Jahren bereits ein eklatanter Bestandsrückgang zu verzeichnen und auch er kommt nicht von ungefähr.  Das weniger Schmetterlinge und Insekten auch weniger Feldvögel bedeuten – wem sag ich das. 

Wir Hobbygärtner wollen ja gerne etwas tun, kümmern uns aber häufig nur um die nektarspendenden Pflanzen für die Schmetterlinge selbst, weil wir sie dort gerne beobachten. Um die Futterpflanzen für ihre Raupen machen wir uns eher weniger Gedanken, Fraßspuren im Garten sind ja auch nicht so sexy …  Bei diesen Schönheiten, im Foto links, denke ICH über Brennesseln, Huflattich und Disteln jetzt aber trotzdem mal neu nach. Reichholfs Appell an die Kleingärtner ihre Anlagen giftfrei zu halten habe ich schon beherzigt und mit unserer Idee aus dem letzten Jahr, jetzt im Frühsommer einen Teil unseres Rasens in eine Wildblumenwiese umzuwandeln wird jetzt auch Ernst gemacht. Die Samentütchen liegen schon bereit.

Mein Fazit:

Ein großartiges Buch! Ein Wachrüttler, ein Augenöffner, aber auch ein Maßnahmenbuch. In dem ich viel mehr Antworten gefunden habe, als ich Fragen hatte. Reichholf arbeitet für den Laien anschaulich, teils bebildert und sehr gut verständlich eine Menge wissenschaftlicher Fakten auf. Seine eigene Leidenschaft für die geflügelten Schönheiten wirft er dabei mit in Waagschale. Er zeigt Zusammenhänge auf, wo wir/ich sie nie vermutet hätten, dies stets nachvollziehbar. Sein Buch “Schmetterlinge” – warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet, ist deshalb nicht nur etwas für Fans, sondern für alle geeignet, die sich für ökologische Zusammenhänge und Entwicklungen interessieren, die die moderne Landwirtschaft und unser bloßes Menschsein auf diesem Planeten verursacht haben.

Zum Ende seines Buches zieht er noch einmal Bilanz, damit wir im Faktenreichtum nicht den Überblick verlieren. Diese Zusammenfassung tut gut und ist klärend. Wer jetzt immer noch nicht genug hat, der findet auf den drei letzten Buch-Seiten noch weitere Lektüre-Empfehlungen aufgelistet.

Von mir gibt es uneingeschränkt das Prädikat “empfehlenswert”. So muß ein gutes Sachbuch sein! Josef Reichholf hat den kleinen Kerlen hier wahrhaftig ein Denkmal gesetzt.

“Begeisterung entsteht nicht über Distanz. Sie erwächst aus der Nähe. Die Raupe muß über die Hand krabbeln können, der große (“streng geschützte”) Schwärmer an der Fingerspitze oder an der Brust hängen dürfen, um dadurch zum unmittelbaren Erlebnis zu werden. Wir müssen Kindern auch sagen, warum über den Wiesen und Feldern keine Schmetterlinge mehr fliegen.” (Textzitat S. 266)

 

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