Ein Gentleman in Arles (Anthony Coles)

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 07.02.2019

Auf los geht’s los – wir experimentieren wieder in der Bücher-Apotheke nach dem Motto:

“Ein Roman – zwei Meinungen”. Im letzten Jahr hatten mein Mann Andreas und ich zum ersten Mal den gleichen Roman zeitnah gelesen und ihn dann aus unser beider Sicht besprochen. Das hatte Euren Zuspruch gefunden und uns ermuntert es bei Gelegenheit zu wiederholen.

Tja. und diesmal ist jetzt Denis Scheck Schuld, dass wir uns genau diesen Krimi gemeinsam vorgenommen haben. Er hat ihn auf der Buchmesse in Frankfurt im vergangenen Herbst hochgehalten und wärmstens empfohlen. Andi und ich haben uns angeschaut und was soll ich sagen? Zwei Seelen – ein Gedanke …

Na, was meint Ihr? Gehen wir zwei nach dem Lesen einig mit Herrn Scheck?

Ein Gentleman in Arles (Anthony Coles)

Das meint Andreas:

Monsieur Peter Smith, ein ehemaliger Mitarbeiter seiner königlichen Majestät, hat sich zur Ruhe gesetzt und ist dem regnerischen, britischen Wetter entkommen. In Arles bewohnt er mittlerweile ein kleines Häuschen mit seinem Hund Arthur. Während des Besuchs der antiken Arena, in deren Nähe er wohnt, wird er in der Mittagshitze des südfranzösischen Sommers niedergeschlagen. Er erwacht und findet eine „drückende Last”, einen Mann auf sich liegend, und – diese Last ist tot …

Nachdem Peter sich von England und seinem elektronischen Adressbuch verabschiedet hatte, wollte er eigentlich seine Ruhestand genießen und hier in Frankreich ein Buch über römische Sarkophage schreiben. Stattdessen bekommt er es mit Klein- und Großkriminellen und mit schönen Frauen zu tun. Was sich zunächst als einfache Mordgeschichte gibt, entwickelt sich wendungsreich zum Wirtschaftskrimi, und ein bisschen Thriller ist auch mit dabei, ja und Arles, immer wieder Arles.

In einer ausgesprochen liebevollen Weise wird diese Stadt, die Provence, die Camargue und deren Menschen, die der Autor als typisch tolerant schildert, beschrieben und so vor dem lesenden Auge lebendig. Die Rhone, die untergehende Sonne, die Rinder der Camargue, die Wälder und Hügel der Provence, die kleinen Bistros von Arles und die Sterne-Restaurant. Es ist alles da, was das Leben bereichert und angenehm macht. Sicherlich ist es auch ohne weiteres möglich, nur nach der Schilderung der Spazierwege von Monsieur Smith, die Stadt zu erkunden.

Während der Mittag- oder Abendessens wird eine sehr feine, freundliche Sprache gesprochen. Das ganze Buch ist voll von charmanten Sätzen und einem feinen Humor. Es ist ein wahrer Lese-Genuss, wobei der Gaumen der Protagonisten auch seine Freude hat. Dieses leckere Essen, diese Weine, unfassbar, da hätte ich nur zu gerne gekostet!

Als kleinen Schönheitsfehler werte ich, dass unser Peter Smith nach einem Schlag auf den Kopf unter einer Leiche wieder aufwacht, das wirkte auf mich doch etwas zu konstruiert, dies schadet aber weiteren Verlauf der Geschichte und der Lesefreude nicht.

“Die spinnen die Römer”! ruft Obelix und Petra sagt:

Das waren einfach auch großartige Architekten und Baumeister diese Römer. Staunend stehe ich heute noch immer vor dem, was sie uns an Bauwerken hinterlassen haben,  gleich ob in Trier, was in der Nähe meines Heimatortes liegt, in ihrer ewigen Stadt Rom, oder auch in Südfrankreich. Vor der Arena in Arles habe ich im Sommer 2015 mit Andreas gestanden, die Hitze flirrte noch nicht über den knochenweißen Quadern, wir waren im zeitigen Frühling unterwegs, anläßlich unserer Silberhochzeit.

Okay, gut, vielleicht sind für mich auch die Erinnerungen an diese schöne Reise, ein bisschen ein Grund dafür, warum ICH mich entschieden habe diesen Krimi zu lesen. Das und weil für mich bei einer Krimi-Reihe immer die Figuren wichtig sind, und ganz besonders die Hauptfigur.

Die eher schrulligen, schrägen, die wortkargen, die undurchsichtigen oder die “Wasserfallplauderer” haben es mir dabei angetan, gleich ob männlich oder weiblich, und ich sag’s Euch – dieser Gentleman, oder besser diese beiden inkl. der Madame, mit Namen Aubanet, die sich im Roman kennenlernen, haben es tatsächlich faustdick hinter beiden Ohren.

Peter Smith, fünfundsechzig Jahre jung, leicht übergewichtig (kein Wunder bei den Schlemmerorgien!) und sein Kumpel David Gentry, ausgestattet mit der britischen Unempfindlichkeit gegen Hitze und Kälte, stets korrekt in Tweed gekleidet, stolpern wie Andreas schon erzählt hat über eine Leiche und landen in einem Kriminalfall für den sich niemand außer der Familie des Toten zu interessieren scheint …

Der eigentliche Held der Geschichte ist für mich allerdings ein anderer, Andreas hat ihn auch schon erwähnt: Windhund Arthur. Seine Wettrennen über Tisch und Stuhl, um vor David den Lieblingsplatz auf dem Sofa zu verteidigen – sind saucool! Pardon, besser filmreif!

Sein Herrchen Smith ist ebenfalls nicht so leicht zu erschrecken oder zu beeindrucken, auch nicht im polizeilichen Verhör, da scheint er sich auszukennen. Apropos auskennen, Verhörtechniken mit und ohne Körpereinsatz, Küchenhandtücher und Fragen die keine Ausflucht mehr ermöglichen, sind ihm ebenfalls bestens vertraut ?! Sein Freund David kriegt auch einfach jede Information, sein Netzwerk ist eng geknüpft und besteht aus ganz schön vielen feinen Knoten!

Also ich sag’s Euch, wenn ich nur wüsste was diese beiden im Dienst ihre britannischen Majestät so alles getrieben haben! Dieser Schlawiner von einem Autor füttert uns, seine Leser erstmal nur mit Bröckchen und Andeutungen, die in mir einen ganz bestimmten Verdacht keimen lassen. Sehr raffiniert, so einen Köder auszulegen für Band zwei, der im Mai 2019 in deutscher Übersetzung erscheinen soll.

Wer weiß, vielleicht machen wir dann ja wieder einen gemeinsamen Spaziergang in Arles und hoffen, dass uns diesmal keiner eins überbrät ;-).

Anthony Coles, Kunsthistoriker und Autor verbringt seit einigen Jahren seinen Ruhestand im schönen Arles – und er hat einen Windhund namens Arthur! Den hat er kurzer Hand seiner Hauptfigur Peter Smith mitgegeben und wir dürfen ihn im Krimi so auch kennen lernen. Anthony Coles merkt man mit jedem Satz seine Liebe zu seiner neuen Wahlheimat an. Die Carmarque präsentiert er als Garten der Genüsse, sein Blick auf Arles, fällt ebenso wertschätzend aus, wie der des großen impressionistischen Malers van Gogh dessen Perspektive er hier gleich mehrmals einnimmt.

Der langen Rede kurzer Sinn: Von uns beiden gibt es eine vorführlingshafte Lese-Empfehlung für die charmant erzählten, sommerlichen Abenteuer von Gentleman Peter Smith und (naturellement!) von Arthur …

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