Königskinder (Alex Capus)

Es waren zwei Königskinder,
die hatten einander so lieb,
sie konnten beisammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief …

Donnerstag, 14.02.2019, Valentinstag

Irgendwie hatte ich sofort die erste Strophe dieses Volksliedes beim Lesen des Roman-Titels “Königskinder” von Alex Capus im Ohr, das und die Erinnerung an eine Winternacht vor einigen Jahren vor Augen, als ich von der Spätschicht mit dem Wagen allein auf dem Weg nach Hause war.

Es hatte heftig zu schneien begonnen, so heftig, dass ich nach den ersten Kilometern unterwegs aussteigen und meinen Scheibenwischern helfen musste, weil der Pappschnee eine dicke Schicht auf die Windschutzscheibe geklebt hatte. Das auf der Landstraße, außer mir weit und breit kein anderes Fahrzeug. Den Straßengraben konnte ich gar nicht mehr ausmachen, und nachdem ich ausgestiegen und einmal um meine Motorhaube herumgelaufen war, um meine Beifahrerseite frei zu kratzen, landete ich auf dem Hosenboden selbst im Graben.

Mich aufrappelnd, fluchend und schimpfend, durchnässt und durchgefroren bin ich wieder eingestiegen und im Schritt-Tempo weiter geschlichen. Zum Glück, keine Sorge, bin ich dann nach über einer halben Stunde Fahrzeit, für eine Strecke, für die ich sonst fünf Minuten brauche, heil zu Hause angekommen. Ich hätte dieses letzte Stück zur Not auch zu Fuß gehen können, hätte nicht im Wagen übernachten müssen, so wie die beiden in diesem Roman, Tina und Max …

Königskinder (Alex Capus)

Ihr roter Toyota Corolla quälte sich durch das immer stärker werdende Schneetreiben die Pass-Straße weiter aufwärts. Max und Tina starrten angestrengt durch die Windschutzscheibe nachdem sie in einem Anflug von Arroganz, die Straßensperre, die aufgrund der schlechten Wettervorhersage eingerichtet worden war, umfahren hatten. Den Jaunpass, mit seiner Passhöhe von 1586m hatten sie sich für den Heimweg ausgesucht, nachdem sie ihren jüngsten Sohn in seiner Hotelfachschule abgesetzt hatten. Eigentlich hatten sie nur etwas mehr Landschaft auf der Strecke genießen wollen …

Als sie jetzt die Passhöhe erreichten, und Tina den Wagen abwärts steuerte, wurde das Wetter noch schlechter. Auf der Westseite des Berges drückte noch mehr Schnee gegen den Hang und nach der übernächsten Kurve rutschte ihr Wagen von der Fahrbahn in den Straßengraben und blieb dort bergseitig stecken. Es war jetzt 20.46 Uhr und es würde bei minus 1 Grad Außentemperatur und 12 Grad im Wageninnern eine lange Nacht werden für die beiden. Ohne Proviant und Wasser nur mit ein paar Pfefferminzbonbons und einer alten Picknickdecke mussten sie jetzt ausharren, auf Hilfe warten. Um ihnen die Zeit zu vertreiben begann Max, der hier in der Gegend aufgewachsen war eine Geschichte zu erzählen, nach einer wahren Begebenheit, wie er sagte. Er deutete aus dem Wagenfenster auf den Berghang, dort konnte man schemenhaft durch das Schneegestöber eine Melkhütte erkennen, die sich unter einen Felsvorsprung duckte.

Und so beginnt eine Geschichte in der Geschichte, im Jahr 1779, im Berner Oberland, mit Jakob Boschung, einem jungen Mann, zweiundzwanzig Jahre alt, der seine drei Geschwister und die Eltern in einem Winter an die Grippe verliert, allein zurückbleibt und bei einem kinderlosen, brutalen Onkel landet, dem das ganze Dorf dabei zusah, wie er mit dem Gürtel und seinem ungeliebten Neffen umging. Jakob lief weg, flüchtete sich in das Erbe was ihm von den Eltern geblieben war, in eben diese Melkhütte, jagte Gemsen, schnitze Knöpfe aus ihren Hörner, vernähte ihre Felle. Im Sommer überließ ihm der reichste Bauer des Ortes eine Rinderherde, so hatte er  Arbeit, machte Käse und war versorgt bis zum nächsten Winter, wenn er auch allein blieb. Bis zu dem Tag, nach dem Almabtrieb der Rinder, an dem er auf dem Hof seines Auftraggebers auf dessen Tochter Marie, neunzehn Jahre traf …

Alex Capus, geb. 1961 in Frankreich, studierte Geschichte, Philisophie und Ethnologie. Seine bisherigen Romanveröffentlichungen wurden in über dreißig Sprachen übersetzt und weltweit millionenfach verkauft. Er steht mit seinen Geschichten dafür, sorgfältig recherchierte Fakten mit einer jeweils fiktiven Erzählung zu verbinden. So geht er auch diese hier an.

U.a. nimmt er uns mit nach Versailles, läßt uns dort versteckte Tapetentüren und verborgene Wendeltreppen entdecken. Das nachdem wir uns vorher erst einmal die Nase zu gehalten haben, weil es hier zum Himmel stinkt. Mangels Kanalisation und ordentlichen Aborten, ist das Gelände rund um das Schloß mit Exkrementen bedeckt, die Fassade des Schlosses ist mittlerweile rußgeschwärzt. die vielen schlecht ziehenden Kamine haben ihm nicht gerade gut getan. Die Gärten und Wege sind von Unkraut überwuchert – das hatten wir uns irgendwie romantischer vorgestellt. Der König ist längst Pleite, der Adel lebt komplett auf Pump, wir stehen am Ausbruch der französischen Revolution … 

Wir erleben ein mutiges junges Paar, das sich heiligem väterlichem Zorn stellt. Einsame Bergnächte, guten Almkäse, goldene Herbste und kreischende Gletscher, buntes Markttreiben, knüppelnde Knechte, freiwilligen Militärdienst beim französischen Heer. Staunen über das damalige Strafmaß, eine volljährige Bauerntochter durfte man ungestraft entführen, auf Pferdediebstahl aber stand die Galeerenstrafe. 

Capus springt als Erzähler zwischen der eigentlichen und der Rahmenhandlung immer hin und her, was für mich den eigenen Charme des Romans ausmacht. Durch die unterschiedlichen Szenerien die er hier ersonnen hat, gestaltet sich die Geschichte abwechslungsreich und lebendig.

Wäre da nicht diese Tina, eine Hauptfigur, die ihm nach meinem Geschmack etwas zu nervig geraten ist. Sie unterbricht ihren Max hundertfach, versucht den Lauf der von ihm erzählten Geschichte zu beeinflussen, ich wäre ihr ausgestiegen – egal bei welchem Wetter, meine Geduld stellte sie auf eine harte Probe. Sie nimmt mir etwas von dem Erzählgenuß, den ihr Max heraufbeschwört, der mich stellenweise so erreichte, als säße ich nicht in meinem Auto und hörte zu, sondern auf dem Rücksitz bei den beiden.

Alles in Allem konnte mich dieser Roman leider nicht komplett abholen. Sowohl bei der Rahmenhandlung, als auch bei der historisch verbrieften,  eingebetteten Geschichte fehlten mir die Höhen und Tiefen. Zu beliebig plätscherte für mich besonders die Rahmenhandlung vor sich hin. Zu oberflächlich sind mir die Figuren gezeichnet. Sprachlich ist Capus hingegen stilsicher, wortgewandt und eloquent plaudernd unterwegs. Er legt uns zahlreiche wohl formulierte Sätze in die Ohren.

In der Hörbuch-Fassung mit ungekürzt 5h 13min, unterstützt ihn dabei gekonnt Ulrich Noethen, der hier als angenehmer und eleganter Begleiter agiert. Der erfahrene Sprecher, er wurde 2017 mit dem Deutschen Hörbuchpreis als Bester Interpret ausgezeichnet, und erfolgreiche Schauspieler Noethen, spielt sich selbst nicht in den Vordergrund, das hat er gar nicht nötig, sondern er läßt der Geschichte und ihren Figuren Raum. Er liest gekonnt akzentuiert, grantelt auch schon einmal grießgrämig wo es notwendig ist, man lehnt sich gerne zurück und hört ihm zu. Bereits drei andere Capus Romane hat er eingelesen, man kann ihn also durchaus als Stammsprecher des Autors bezeichnen. Sehr passend auch aus meiner Sicht.

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