Amerika (Kai Wieland)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 17.02.2019

Wie konnte man denn bitte auf Gummi kauen? Meine Schwiegermutter war noch ein Schulkind, als die ersten amerikanischen Soldaten nach Kriegsende mit offenen Jeeps in ihr Dorf an der Nahe rollten. Ihren ersten Afroamerikaner überhaupt, und das oder vielmehr ihn kaugummikauend, erlebte sie kurz darauf wie im Schock. So was war einfach nicht vorstellbar, mit Genuß auf Gummi zu kauen …

Die Soldaten zogen den einzigen Trumpf, den es damals gegen die Angst von Kindern gab – Schokolade. Für die Dorfkinder war der Kontakt mit den Soldaten verbunden mit Abenteuer und Süßigkeiten und für meine Schwiegermutter mit einer exotischen Frucht. Denn als in der Nähe ihres Ortes auch noch ein Güterzug voll mit Orangen entgleiste, war dies ein paradiesischer Tag für Kinder und Erwachsene in dieser entbehrungsreichen Zeit.

Das mit der Schokolade und dem Kaugummi hielt Martha, die wir gleich noch näher kennen lernen werden für eine Mär. Sie und die Rillingsbacher Kinder hatten damals, als die Amerikaner nach dem Krieg mit ihren Panzern in ihr Dorf rumpelten um zu bleiben, und auch danach nur Staub und Schmutz zwischen den Zähnen …

Amerika (Kai Wieland)

“Des einen Glück, des andern Strick.” (Textzitat)

Rillingsbach, im Schwabenland, irgendwo zwischen Backnang und Murnau, ein Dorf, zwanzig Häuser, zwei Straßen, eine davon eine Sackgasse. Zahlreiche verschlossene Fensterläden, Leerstände und allenthaben verrostende landwirtschaftliche Gerätschaften.

Im Erdgeschoß eines ehemaligen Dreisterne-Hotels, das erst zum Zwei-Sterne-Hotel wurde, dann zum Vereinsheim, trotzte jetzt “Der Schippen”  eine Gaststube mit rustikalem Charme dem Zahn der Zeit. Hinter dem Tresen schenkte immer noch Martha aus, ihr Großvater hatte in den 1930er Jahren das Hotel eröffnet und in seiner Glanzzeit auch bewirtschaftet. Jetzt war nur noch Martha übrig, sie logierte wie ihr eigener Gast über der Wirtschaft, war quasi ihr eigenes Zimmermädchen …

Gerüchten war ein junger Mann hierher gefolgt, seines Zeichens und von berufswegen Chronist, Gerüchten über Rillingsbach. Gerüchten, denen er hier auf den Grund zu gehen gedachte und die ein Geheimnis um die Rillingsbacher gewoben hatten …

Zwei Söhne hatten sie in den Krieg schicken müssen, nur einen hatte er wieder ausgespuckt, Erwin. Wenn die Eltern ehrlich waren, hätten sie lieber ihren Hans wieder zurück gehabt, laut sagten sie das zwar nie, ein Geheimnis war es aber dennoch nicht im Dorf. War Erwin schon vor seinem Einrücken schwierig gewesen, nach seiner Heimkehr und vor allem nachdem er eine Ausbildung als Kopfschlächter abgeschlossen hatte, und nicht mehr von seinen Messern zu trennen war, fürchtete man in Rillingsbach nicht nur seinen Jähzorn …

Kai Wieland, geboren im Schwabenland,  genau genommen in Backnang im Jahre 1989, legt mit Amerika seinen ersten Roman vor, und landete mit dem Manuskript auf der Shortlist der ersten Blogbuster-Staffel, dem Preis der Literaturblogger für das beste Nachwuchstalent.

Denis Scheck, ihn zitiere ich in letzter Zeit ziemlich häufig, fällt mir gerade auf, bezeichnete ihn als “schwäbischen William Faulkner, der zur Entdeckung einlädt”. Und in der Tat, trifft der junge Mann einen ganz einen eigenen Ton, zeichnet ein Bild seiner schwäbischen Heimat zwischen Licht und Schatten. Augenzwinkernd schaut er dem dörflichen Volk auf’s sprichwörtliche Maul. Sprachlich modern, mal mit einem trockenen Humor, mal ernst, dabei stets authentisch, hat er auch mir eine große Freude mit seinem Roman gemacht. Stofflich gibt es durchaus genug zum Nachdenken, und trotzdem ist er angenehm leicht zu lesen. Was allerdings nicht implizieren soll, dass diesem jungen Autor der sprachliche Anspruch fehlt, ganz im Gegenteil. Ausgefeilte Sätze, blank poliert wie schimmernde Perlen, reiht er stilsicher aneinander.

Mittels Erinnerungsrückblenden läßt Wieland die in die Jahre gekommenen Interviewpartner seines Chronisten erzählen. Ein Todesfall steht im Mittelpunkt aller Fragerei, das ist schnell klar und ein jeder der Gesprächspartner kann mit Bier oder Whiskey Cola vor der Nase an der Theke des “Schippen” ein Schippchen beitragen. Nur allzu gerne würde unser Stenograph in ihr Innerstes blicken können, die Ecken ausleuchten, die so vor im zu verbergen suchen, die dunklen und tatsächlich, nach anfänglichem Zögern, oder vielleicht auch wegen des Alkohols, plaudert es sich plötzlich leichter und der ein oder andere auch etwas aus …

So erfahren wir von Alfred, der es als einziger Rillingsbacher über den großen Teich nach Amerika geschafft und 1981 eine äußerst seltsame Reise mit seiner Erna unternommen hatte. Für ihn war aber nicht etwa der Grand Canyon Sehnsuchtsziel gewesen, sondern er wollte die Heimat der Mutigen besuchen, wie er sagte, die Orte an denen große Männer ihr Leben aushauchen hatten müssen, J. F. Kennedy, Martin Luther King und und und.

Man berichtet uns von Pfarrern, die ihre Schäfchen bei jedem Kartenspiel in die Tasche steckten, von der “wilden” Hilde, die ihre Freiheit zu finden hoffte, indem sie von zu Hause abhaute. Von Marthas Brüdern, den Zwillingen Heinz und Erhardt, die nach dem Krieg und erfolgreichen Schwarzmarkt-Geschäften ihr Glück im Drogenhandel zu machen hofften. Von Dorflehrern, deren schlurfende Schritte wie gemacht waren für böse Träume und der die Erwachsenen schwindlig reden konnte, bis diese seinen Wahnsinn für Moral und Bildung hielten (so Martha, unsere mittlerweile sechzigjährige Schankwirtin).

Wer hatte hier welche Rolle gespielt und was hielt man noch nach Jahren mit beharrlichem Schweigen unter Verschluß? Nicht nur unser Chronist kratzt sich da fragend am Kopf. Ob gefürchtet, oder geachtet, verkannt oder verlacht, hier kennt jeder jeden. Sagt man doch so in einem Dorf, oder nicht? Vorsicht, kann ich da nur sagen, denn …

“Wer legt fest, ob einer ein Jemand ist oder ein Niemand? Perspektiven sind eine tückische Sache.” (Textzitat)

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