Melmoth (Sarah Perry)

“In dem Moment lernte ich, das der Schmerz alles auslöscht, was uns zu Menschen macht. Er reduziert uns auf etwas, das noch geringer ist als ein Tier. Ich hätte alles getan um ihm auszuweichen. Ich hätte mir sogar die Zunge abgebissen.”

Zitat Sarah Perry Melmoth

Die moderne Adaption eines Klassikers aus dem Genre Schauerroman. Wenn das nichts für mich ist, dachte ich bei mir, als ich über diese Geschichte gestolpert bin. Melmoth der Wanderer erschien bereits 1820, stammt aus der Feder von Charles Robert Maturin und gilt als „der beste englischsprachige Schauerroman” der Schwarzen Romantik. Er umfasst knapp 800 Seiten und enthält sechs Erzählungen, die teils verzahnt sind und alle handeln sie von Melmoth, der 150 Jahre auf Erden wandern wird um seine Wissensgier zu befriedigen. Dafür hat er seine Seele an den Herrn der Finsternis verpfändet. Es hat Parallelen hier zu Faust und Gretchen, ja sogar Goethe hat ein paar der Romanpassagen übersetzt. Klingt spannend? Fand ich auch, schauen wir doch mal, was eine britische Erfolgsautorin mit ihrer Interpretation daraus gemacht hat:

Melmoth von Sarah Perry

Zögernd trat Helen über die Schwelle. Die Tür zur Wohnung ihrer Freunde stand einen Fingerbreit offen. Auf ihre Rufe hatte niemand geantwortet. In der Wohnung selbst hatte sich eine ohrenbetäubende Stille ausgebreitet. Diese wurde jetzt, als Helen eintrat, durchbrochen von einem Geräusch, das nicht menschlich klang. Helen wagte sich weiter vor. In der Küche fand sie eine zusammengesunkene Gestalt im Rollstuhl. Auf dem Tisch standen drei Gläser, sowie einige leere Flaschen, niemand war mehr hier, niemand außer ihrer leblos wirkenden Freundin. Die kalte Hand der Angst griff nach Helen, als sie den Arm ausstreckte um Thea zu berühren …

Sarah Perry, geboren 1979 in Essex lebt heute in Norwich. Ihr Roman Die Schlange von Essex war einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. So kann man es in den Verlagsangaben lesen. Ich habe diese Geschichte noch auf meiner Leseliste, fühlte mich thematisch eher von diesem hier magisch angezogen hat.

Perrys neuer beginnt in Prag. Die Stadt an der Moldau, mit ihrer Karlsbrücke, ihrer Burg diente vielen Romanen bereits als Schauplatz. Ganz aktuell kann man Prags Kulisse auch in der von Orlando Bloom mit produzierten Serie Carnival Rowe bestaunen. Eine Stadt, die in allen Zeiten, besonders für das Gespenstische, das Geheimnisvolle, den immer richtigen Rahmen zu bieten scheint, so wie vielleicht sonst nur noch das schottische Edinburgh. 

Die Geschichte beginnt mit Helen Franklin, einer eher unscheinbaren Frau, deren Broterwerb ganz unspektakuläre Übersetzungen sind. Sie ist auf dem Heimweg von ihrer Arbeit, es ist zwei Wochen nach Weihnachten, als sie die erste Begegnung der besonderen Art hat. Die Britin hat die Stadt Prag und ihr Exil hier selbst gewählt, ihr karges Leben, sie ist offenbar dabei sich selbst zu bestrafen. Wofür? Diese Frage schwebt über der Szenerie und die Blicke, die Perrys Heldin über ihre Schulter wirft, auf Schritt und Tritt, wie sich anderen verweigert, sich jegliche Annehmlichkeit versagt, lässt mich rätseln.

Dann treffe ich auf eine Zimmerwirtin, die anmutet, als sei sie den Märchen der Gebrüder Grimm als Hexe entstiegen. An den üblichen Verdächtigen mangelt es unter Perrys Figuren nicht, aber wer ist diese Melmoth?

Das ewige Leben sei ihre Strafe. Der Frau, die Jesu Auferstehung als Zeugin leugnete soll diese zuteil geworden sein. Fortan habe sie überall dort zu erscheinen wo Leid und Trauer, Finsternis und Tod am ärgsten seien, was für ein Fluch … Und Melmoth war nur einer der Namen, den man ihr gab. 

In dieser Geschichte hier erscheint sie zuerst Karel, dann Helen Franklin, beiden ist vorher das Manuskript, des erst kürzlich verstorbenen, über neunzigjährigen Herrn Hoffmann in die Hände geraten. Gehalten werden die Seiten von einer uralten Mappe, von der ein seltsamer Geruch ausgeht. Karel und Helen verfallen diesem Text und geisterhafte Erscheinungen spuken alsbald durch ihre Tage und Nächte. Schlaflos, sich nur noch von Alkohol und Zigaretten ernährend stürzt zunächst Karel ab und verschwindet. Für Helen verschwimmen Trugbilder und Realität immer mehr und die Geister ihrer Vergangenheit greifen nach ihr. 

Feigheit, Flucht und nagende Schuldgefühle. Alte Geschichten und Sprünge in der Zeit untermauern meine Vermutungen und Ahnungen. In allen Zeiten, und zu allen Zeiten schien diese Melmoth aufgetaucht zu sein. Ich  begegne Menschen, die Verfolgung leiden aufgrund ihres Glaubens. Der Scheiterhaufen wartet auf diejenigen, die nicht abschwören wollen. Geisterhaft ist Melmoths Erscheinung, und von einem betörenden Duft nach Lilien wird sie begleitet, sogar Zellenwände kann sie durchdringen. Körperlos und doch körperlich. Beschützerin, Schreckgespenst, Todesfee, Schutzengel, Zeugin oder bloßes Trugbild? Man droht Kindern mit ihr, so wie mit dem schwarzen Mann. Beobachtend streift sie durch die Welt und durch die Zeit, und wen sie im Blick hat, den verlässt sie nicht mehr …

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir uns nicht rational erklären können, Gründe und Ursachen die den Nährboden für Perrys Geschichte bilden. Denn Aberglauben beherrscht uns Menschlein schon von jeher. Ganz frei von ihm, sind die wenigsten von uns. 

Was mir irgendwie nicht hilft bei dieser Geschichte. Jedes Lesejahr beschert einem ja nicht nur Highlights, sondern leider auch Enttäuschungen und ich muss sagen, dass diese hier mich enttäuscht hat, sogar bis kurz vor den Abbruch geführt und mich auch am Ende angelangt, unversöhnt mir ihr zurückgelassen hat. Vielleicht waren auch meine Erwartungen an einen wiederauferstandenen Schauerroman zu hoch. Für mich hatte der Plot zu viele Längen, war nicht Fisch, nicht Fleisch. Versuchte von allem etwas anzubieten. Ließ es an Spannung fehlen, an dem gewissen Etwas, diesem unterschwelligen, unheimlichen Prickeln, verlor sich, trotz einzelner guter Textpassagen, z.B. denen, die in den Slums von Manila enden, in belanglosem und in einem eher konfusen Konstrukt aus Rückblenden, Text und Tagebuch-Einwürfen, streckenweise fragmentarisch und unzusammenhängend. Den Protagonisten fehlten die Ecken und Kanten. Was ich schade finde, bietet doch die Grundfigur, durch alle Legenden und Kulturen hindurch, alles was eine schaurig-schöne Geschichte braucht. Dort wo die Sprache Anlauf nahm szenisch und bildhaft zu werden, wurde das von einem zuviel an Melodram wieder aufgesogen. Daran konnte auch sie nicht mehr viel verbessern:

Julia Nachtmann, deutsche Schauspielerin, gehörte bis 2013 zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, hier wurde sie 2006 mit dem Boy-Gobert-Preis ausgezeichnet, ist neben Rundfunk-Produktionen auch im Hörbuch zu erleben. Hier u.a. in den Texten von Nele Neuhaus. Für Sarah Perrys Story setzt sie ihre Stimme ausdrucksstark und lebendig ein, sie macht ihre Sache gut, ich bin mir allerdings nicht sicher, ob nicht eine männliche Vorlesestimme diesen Roman mehr gestützt hätte, trotz weiblicher Hauptfigur. Zumal ein übergeordneter Erzähler uns als Hörer und Leser immer wieder auch direkt anspricht. Was für mich ein charmanter erzählerischer Kunstgriff ist.

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2 Kommentare

  1. Petra
    29. Dezember 2019

    Liebe Angela, ja manchmal paßt es einfach nicht. Zum Glück gibt es ja immer noch genügend Nachschub! Komme Du auch gut im neuen Jahr an, wir lesen uns! Beste Grüße von Petra

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