#Listenaktion2018 – Lieblingsautorinnen

“Was ist eigentlich Dein Lieblingsbuch”? Jetzt steh ich wieder da, fange an “rum zu eiern” und ringe um eine Antwort. Finde keine, denn es gibt einfach zu viele Geschichten, die mich im jeweiligen Lese-Moment gepackt, zum Lachen, Weinen, Fingernägel kauen oder Zähne klappern gebracht, die sich in mein Herz gegraben haben. Jede auf ihre Art, mit ihrem eigenen Ton.

Vielleicht mag ich deshalb diese alljährliche Listen-Aktion der genialen Facebook-Gruppe “Die Bookaholics Deutschland” (bei der ich Mitglied sein darf!) so gerne. Hier ist es erlaubt bis zu zehn Lieblingen zu benennen, muss sie auch nicht in eine Reihenfolge bringen. Einzig zum Motto müssen sie passen.

Liebe Bookas, Danke, dass ich dabei sein darf, ich verlinke hiermit Eure geniale #Listenaktion2018 zu meinem Blog, and here we go. Ich sortiere mal ein bisschen nach Genre und suche meine Bücher-Apotheke ab, nach meinen Lieblings-Ladys in der Buchwelt …

Romane:

(1) Jessica Grant – die erstaunlichen Talente der Audrey Flowers

Wer schon ein paar Kilometer mehr auf seinem Lebenstacho hat, der hat sie wahrscheinlich auch schon erleben müssen, eine Zeit in der es einem körperlich so richtig mies geht. Mich hat vor einigen Jahren ein Bandscheibenvorfall wörtlich zu Fall und wochenlang ins Krankenhaus gebracht. Bis dahin hatte ich immer nur andere über Schmerzen reden hören. In einer solchen Phase braucht man Beistand, den ich zum Glück auch hatte, menschlich und ja, tatsächlich auch “buchlich”. Darf ich vorstellen? Sie heißt Audrey, Freunde nennen sie Oddly und meine Freundin ist sie bis heute geblieben. Das, weil sie die Welt mit anderen Augen sehen kann, vielleicht weil sie an einem 29. Februar geboren ist, und bislang nur sechsmal offiziell Geburtstag hatte. Vielleicht auch, weil sie einfach eine Macke hat, eine liebenswerte. Als ihr Vater stirbt, kehrt sie zur Beerdigung nach Hause zurück, wird von einem rasenden Tannenbaum, der auf dem Rücken eines Pick-Up-Trucks liegt am Kopf getroffen und kommt einem Familiengeheimnis auf die Spur. Immer dabei Winnifred, ihre Schildkröte und die wunderbar warmherzige Sprache der Autorin. Es war dieses Roman Debüt der Neufundländerin Jessica Grant, das für mich mit keiner anderen Geschichte zu vergleichen ist die ich bislang gelesen habe und das ich ganz lange mit niemandem teilen wollte, bis jetzt, denn mit Euch teile ich sie gerne. Vorsicht: Herzensbuch!

(2) Amy Tan – Der Geist der Madame Chen.

Noch so eine Verrückte. Bibi Chen ist Antiquitäten-Händlerin in Manhattan und sie wird ermordet. Das ist aber erst der Anfang der Geschichte und noch lange nicht alles, denn jetzt nimmt die Handlung erst Fahrt auf. Bibi hatte eine Reise geplant, mit Freunden, als Reiseleiterin wollte sie sie mitnehmen in ihre Heimat Asien und jetzt soll sie tot sein? Das war nun wirklich nicht einzusehen. Kurzer Hand ist sie deshalb als Geist mit dabei. Dumm nur, dass man da nicht mehr wirklich eingreifen kann wenn was schief geht und das tut es reichlich. Denn die Gruppe wird entführt mitten im burmesischen Dschungel … Dieser Plot ist einfach, Verzeihung, eine saucoole Idee. Humorvoll, mit Herz und Verstand hat mich Amy Tan gleich mit entführt …

(3) Marion Poschmann – Die Kieferninseln

Wie ein Lockruf wirken Romane auf mich, die mich mit auf die Flucht nehmen. Die Aussicht darauf, sich einmal aller Pflichten entledigen, alle Zwänge abschütteln zu können, ohne die Frage “was kommt danach” beantworten zu müssen, was für eine Aussicht! Dumm nur, dass am Ende einer jeden Flucht, egal wie schnell man rennt, wie weit man läuft, man immer bei sich selbst ankommt. So ergeht es auch dem Helden in den Kieferninseln. Er träumt seine Frau betrüge ihn und bricht Hals über Kopf, völlig irrational, in einer Kurzschlußreaktion, aus seinem Leben aus und auf nach Tokio. Dort angekommen, spielt ihm das Schicksal an einem Bahnsteig, einen Weggefährten zu. Den jungen Japaner, der sich dort das Leben nehmen wollte, und schon über die Brüstung gestiegen war, konnte er mit der Idee davon abhalten, dass es doch wahrlich bessere Orte geben müsse, seinem Leben ein Ende zu setzen. So kommt es, das beide gemeinsam aufbrechen, auf den Spuren eines alten japanischen Wanderdichters, bis hin zu den Kieferninseln, dem schönsten Ort in Japan. In Marion Poschmanns Roman kann man in geschmiedeten Sätzen baden, es wimmelt von Ihnen. Ich liebe genau das, Sätze die man mehrfach lesen will und muß, das und die Stille, die zwischen diesen Sätzen wohnt. Vorsicht: Wortgewaltig!

(4) Mareike Fallwickl – Dunkelgrün fast schwarz

Wochenlang sah man ab Ende Februar diesen Jahres ein Buch-Cover bei Instagram, dieses hier. Ein dunkelgrüner Farnwedel vor schwarzem Hintergrund. Von Buchhändlern und Lesern gefeiert und mit Lob überhäuft, da kann ich dann nicht anders, ich muss wissen was es mir einer solchen Geschichte auf sich hat. Tja, was soll ich sagen. Mich hat sie tatsächlich auch kalt erwischt, diese Dreiecksgeschichte. Modern gewandet, sprachlich geschliffen und spannend erzählt die österreichische Bloggerin Fallwickl in ihrem Roman von einer verhängnisvollen Sandkastenfreundschaft zweier Jungs. Wie immer, oder so oft ändert eine Frau alles, die im Teenager-Alter plötzlich zwischen den beiden steht. In Rückblenden erzählt, spürt man wie das Unheil sich anschleicht, treibt einen der Plot voran, entwickelt eine regelrechte Sogwirkung. Was läßt einen zu dem Menschen werden, der man im Erwachsenalter ist? Wie viel Anteil haben Eltern, Umfeld und man selbst? Kommt als “Arschlochkind” schon auf die Welt? Ein Debüt-Roman, der mich wirklich überrascht hat, mit einer Autorin, die ich deshalb künftig auf dem Radar behalten werde.

Historisches:

(5) Eleanor Catton – Die Gestirne

Da hält man einen ganz schönen Wälzer in der Hand, oder auch ein Hörbuch mit über dreißig Stunden Spielzeit. So what, jede einzelne Minute habe ich genossen. Warum? Diesmal ist es die Erzählstruktur, das WIE diese Geschichte aufgebaut ist, was für mich eine absolute Alleinstellung ausmacht. Das und die Sprache der noch jungen Autorin, die einen sofort zurückversetzt in der Zeit. Zurück nach Neuseeland in die Zeit des Goldrausches, genauer nach Hokitika. Dort landet in einer stürmischen Nacht ein junger Mann mit dem Schiff an, beinahe Schiffbruch haben sie im Beiboot in der starken Brandung erlitten und er gerät unversehens im einzigen Hotel der Stadt in eine Männerrunde am Kamin, die geheimnisvoller nicht sein könnte. Catton erzählt aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Geschichte eines abenteuerlichen Gold-Diebstahls. Wie bei einem Puzzle aus hunderttausend Teilen fügt sie dabei Stück um Stück ihre Geschichte zusammen. Wie bei einem Blick in ein Kaleidoskop, erlebt man so Fragmente der Ereignisse immer wieder neu. Dabei bedient sich die Autorin verschiedener Sternkonstellationen und setzt die handelnden Figuren miteinander und zueinander in Beziehung. Schlicht genial! So ist es bis heute eines meiner absoluten Lieblingsbücher und Hörbücher geblieben.

(6) Sabrina Janesch – Die goldene Stadt

Hallelujah! Frau Janesch steht auf dieser Liste weil sie mir den guten alten Abenteuer-Roman zurück gebracht hat. Chapeau, ist alles was ich dazu sagen kann. Brillant recherchiert und sprachlich hervorragend, erzählt sie die Geschichte von Rudolph August Berns, einem Deutschen, der Machu Pichu, die vergessenene Stadt der Inka in Peru schon vor seinem dafür berühmt gewordenen Entdecker Bingham gefunden hat. Im Gegensatz zu Bingham, dem das Tiffany-Vermögen seine Expeditionen finanziert hat, war Berns ständig klamm und auf der Suche nach Investoren. Besessen, gerissen, verkannt und vergessen, eine unglaublich tragische Figur. Spannend, exotisch und wunderbar bildhaft erzählt. Nie hat mir eine Geschichtsstunde soviel Spaß gemacht, sogar am Panama-Kanal hat sie mich auf den letzten zweihundert Seiten noch mitbauen lassen, dann wenn man meint, da kann doch jetzt nichts mehr kommen. Ich bin schon sehr gespannt auf die nächste Idee dieser Autorin und für mich steht jetzt schon fest, ich bin wieder dabei, egal wo dann die Reise hingeht!

(7) Lily King – Euphoria

Und noch ein Roman, der von einer bedeutenden realen Persönlichkeit inspiriert ist. Margaret Mead war eine große Ethnologin, deren Feldforschungsergebnisse in den 1930er Jahren wegweisend waren. King nennt ihre Hauptfigur Nell Stone und läßt sie mit ihrem Ehemann Fen in den Dschungel von Neuginea aufbrechen. Dort treffen beide nicht nur auf teils brutale Stammesrituale und namenlose Krankheiten, sondern auch auf den Forscher-Kollegen Andrew Banks, der nicht gerade vom Erfolg verwöhnt schon aufgeben will. Das zu einer Zeit, an der auch Nell gesundheitlich schwer angeschlagen, mit sich, Fen und ihrem Vorhaben ringt. Eine Dreiecksgeschichte und ein großes Wagnis wunderbar einfühlsam erzählt, gewürzt mit Seitenhieben auf den Kolonialismus. Die Figuren sind der amerikanischen Autorin dabei ebenso eindrucksvoll gelungen, wie ihr Erzählstil und ihre Dramaturgie.

Jugendbuch:

(8) Brenna Yovanoff – Schweigt still die Nacht

Noch eine Figur, die Euch unbedingt vorstellen muss. Zwischen diesen Buch-Seiten wohnt Mackie. Mackie ist ein Freak! Den Stempel hatte er schnell weg, von seinen Schulkameraden aufgedrückt. Er ist immer derjenige, der am Boden kniet, den Kopf zwischen den Armen und dem schlecht ist, wenn ein anderer Nasenbluten hat. Dabei ist es nicht das Blut, was ihm diese Übelkeit bereitet, es ist das Eisen. Das war schon immer so, und Eisen ist einfach überall. In der kleinen Stadt, in der Mackie bei seinen Eltern und seiner Schwester wohnt stimmt aber mehr nicht, als nur Mackies “Metall-Allergie”. Über den Kinderbetten der Neugeborenen hängen jetzt zur Abwehr Scheren, Messer und andere spitze Gegenstände. Nachts bleibt kein Fenster offen und doch liegen des morgens oft nicht mehr die gleichen Kinder in ihren Bettchen. Auch Mackies Schwester hatte in dieser Nacht vor vielen Jahren einen Mann in einem langen dunklen Mantel gesehen, der durch das Fenster gekommen war, und sich über Mackies Wiege gebeugt hatte … Gruselig, stimmungsvoll und besonders was Handlung und Sprache betreffen. Wo kommen wir her, wo gehören wir hin? Ein Aufruf zu Spurensuche, ein Pladoyer für Toleranz, herrlich verpackt und wohltuend anders. Für mich noch immer ein Geheimtipp, nicht nur für Jugendliche.

Paßt in keine Schublade:

(9) Svealena Kutschke – Stadt aus Rauch.

Kennt Ihr das? Als Viel-Hörer bzw. Leser hatte ich schon oft das Gefühl, alles wurde schon einmal erzählt, wird nur umverpackt und neu aufgegossen. Es ist einfach nur Klasse, wenn man dann auf einen Roman stößt, der frisch ist und einfach in so gar keine Schublade passen will. Selten ist mir eine Geschichte begegnet, die soviel unterschiedliches zusammenbringt wie diese, einen so weiten Bogen spannt. Sagen, Mythen und einen Generationenroman verbindet, das sprachlich und mit einer Ausdrucksweise, die mich sprachlos gemacht hat. Der Roman spielt überwiegend in Lübeck an der Trave, beginnt als historischer mit mystischen Elementen (hier versteinert schon mal ein Kriegsheld ganz buchstabengetreu und auch die Trave hat ein Eigenleben), mit einer Clique von Punks kommen wir später bis nah an die Jetzt-Zeit. Die eingesetzten Metaphern und die Figur der Jessie haben mich für sich eingenommen. Oft denke ich an die besondere Stimmung der Geschichte zurück, die wie Zafon sagen würde, keinen Anfang und kein Ende braucht. Erobert habe ich sie in der Hörbuch-Fassung, die ich grandios eingelesen finde und die die Atmosphäre wunderbar trägt.

Spannung auf hohem Niveau:

(10) Ayelet Gundar-Goshen- Löwen wecken

Dieser Plot ist wie ein Albtraum, ein wahr gewordener Albtraum. Die Monster, die hier zwischen den Seiten hausen, sind keine Orks oder Wehrwölfe, sie heißen Vorurteil, Schuld und Reue, Feigheit und Verlangen. Mich hat er gepackt, dieser Plot, von der ersten Seite an. Irgendwann habe ich aufgehört den Kopf zu schütteln und mich gefragt, wie hätte ich wohl gehandelt, schwankte permanent zwischen Empathie und Wut für bzw. auf den Protagonisten …

Es ist eine dieser mondhellen Wüstennächte, in der ein Mann überfahren wird und noch an der Unfallstelle verstirbt. Der Fahrer, ein angesehener Neurochirurg, übermüdet nach einer langen Schicht, begeht Fahrerflucht. Wiegt diese Tat jetzt schwerer weil er als Arzt sie begeht? Das Opfer ist einer von vielen Flüchtlingen aus Eritreer. Wiegt diese Tat jetzt leichter, weil das Opfer quasi namenlos, gesichtslos ist? Der Einstieg in sein persönliches Teufelsrad beginnt für unseren Arzt mit dem Verlust seiner Geldbörse am Unfallort, die gefunden wird und zwar von der Ehefrau des Unfallopfers. Sie ist es, die kurz danach in seiner Tür steht und kein Geld will, sondern etwas ganz und gar anderes … Sprachlich agiert die Autorin sehr direkt, mutig, radikal und schonungslos nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Kein leichter Stoff, den sie sich da ausgesucht und außerordentlich gut verpackt hat. Nach Israel kommt man ja auch nicht alle Tage und zu dem was sich dort in der Flüchtlingsfrage und in Bezug auf medizinische Grundversorgung abspielt auch nicht. Kreiseln wir doch immer um die im guten alten Europa durch vermeintliche Überfremdung vorherrschenden Fragen. Lesenwert, heute mehr denn je!

So, ich habe fertig! Es war mir ein Fest, diese kleine Reise durch mein Bücher-Regal zu machen. Jetzt bin ich gespannt, ob wir den ein oder anderen gemeinsamen Liebling haben, oder ob ich Euch einladen darf, einen von den meinen mit mir zu teilen!

Eure Petra

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