Das Seil (Stefan aus dem Siepen)

Donnerstag, 31.05.2018

Wieviel Geheimnis, vielleicht auch Zauber steckt in unserem Alltag? Was davon nehmen wir überhaupt noch wahr? So sehr sind wir ständig in Eile, hetzen von Termin zu Termin, von Erledigung zu Erledigung. Was könnte passieren, wenn wir über etwas stolpern, dass so gar nicht in unseren Tag, unser Umfeld gehören würde? Wären wir neugierig? Gingen wir ihm nach? Was wären wir bereit für die Entdeckung, die Aufklärung zu opfern? Wie weit würden wir gehen?

Oha, neugierig wäre ich! Gewiß doch, aber auch mutig genug? Puh, da liegt die Sache schon anders. Wähne ich mich doch lieber in Sicherheit, ein Wagnis eingehen, bei dem meine körperliche Unversehrheit vielleicht sogar in Frage gestellt wäre, das ist nicht mein Ding. Tja, was wenn man aber am Anfang des Weges noch gar nicht absehen kann, dass es hier in der Mitte, oder am Ende um die Wurst geht, Gefahr und Unheil in einer stillen Ecke lauern? Was dann? Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen – an dieses Sprichwort habe ich im Fall dieses Romans nicht nur einmal gedacht.

Das Seil, ein Dorf, ein Geheimnis …

Na, kommt schon, reißt Euch zusammen, ich geh auch vor. Stefan aus dem Siepen führt uns, wir bleiben schön dicht zusammen, immer am Seil entlang:

Ganz harmlos lag es da, mitten auf dem Feld. Ganz arglos hatte er sich ihm genähert um es in Augenschein zu nehmen. Ja, es war tatsächlich ein Seil, das da lag. Nein, nicht zusammengerollt, sondern lang ausgestreckt, ja gespannt war es, sein Ende verlor sich. Von da wo er stand, hatte er es nicht absehen können. Ein Stück weit war er dem Verlauf des allein Seils gefolgt, bis an den nahen Waldrand und dann wieder umgekehrt, kopfschüttelnd. Zurück im Dorf hatte er von seinem Fund zu erzählen begonnen, Unglauben geerntet.

Am folgenden Tag hatte sich die Kunde des merkwürdigen Fundes nicht nur herum gesprochen, nein, alle aus der kleinen, abgeschiedenen Dorfgemeinschaft hatten sich jetzt hier versammelt, am Seil. Ratlos, etwas bang die Frauen, neugierig die Männer, schauten sie erst es und dann sich an, beschlossen dann dem Ganzen auf den Grund zu gehen. So waren drei von ihnen aufgebrochen. Sie hatten gleich wieder zurück sein wollen und dann berichten. Die Zeit verging, Ungeduld machte sich breit, Unglauben, wo blieben die drei denn nur. Einige der Umstehenden hatten Hälse gereckt, unruhig getrippelt – da, da vorne kamen sie in Sicht. Erst zögernd dann eilig waren sie den Rückkehrern entgegen gehastet. Was war da passiert auf dieser harmlos begonnenen Expedition immer am Seil entlang? Leblos, bewußtlos und blutüberströmt sank einer der ausgesandten Männer jetzt vor ihnen zu Boden …

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit ausführlich den Plot zu beschreiben, halte ich mich hier bewußt zurück. Auf keinen Fall möchte ich zuviel vorwegnehmen. Nur soviel sei verraten, dieses Stöffchen hat mich echt in Atem gehalten. Auf ganz leisen Sohlen schleicht sich diese Geschichte an und reißt einen mit.

Schwankend zwischen Reiz, Verführung und Angst bricht ein Dutzend Männer auf um den Verlauf, das Ende, das Geheimnis des Seils zu ergründen. Unbedingt will man mit den Frauen und Männern dieses kleinen Dörfchens diesem Rätsel auf den Grund gehen. Die Handlung entwickelt eine unglaubliche Eigendynamik. Was in diesem Wald passiert, Pardon am Seil, damit hätte ich sowas von nicht gerechnet.

Wie es ist, über diesen Widerstand hinauszugehen, den einen Punkt, an dem man nicht mehr umkehren kann, es kein zurück mehr gibt. Wie es uns Menschlein ergeht, wenn wir uns immer tiefer verstricken und nicht mehr aufhören können. Wider besseren Wissens, obwohl wir die Furcht wie einen Stachel spüren und das schlechte Gewissen beständig an uns nagt, das Chaos beginnt unsere gewohnte Ordnung auf den Kopf zu stellen. Eine Parabel vom Feinsten, von einem Meister des geschliffenen Wortes.

Sogar Anleihen an den “Rattenfänger von Hameln” habe ich für mich entdeckt. Das hat mir schon bei seinem Luftschiff gefallen, dass aus dem Siepen seinen Lesern soviel Raum für eigene Interpretationen läßt. Hier kann tatsächlich jeder etwas eigenes für sich herauslesen. Das macht seine Geschichten ideal für Leserunden, es läßt sich vortrefflich darüber diskutieren und über die Besprechung entdeckt man noch mehr Details als beim Lesen selbst.

Das Seil ist mein zweiter Roman von Stefan aus dem Siepen. Nach seinem Luftschiff bin ich von diesem Kleinod aus seiner Feder fast noch einen Tacken mehr begeistert. Inhaltlich hat mich dieser Plot mehr abgeholt und in Verbindung mit der Kraft seines Ausdrucks und der Feinheit seiner Sprache habe ich hier in 2018 einen Leseschatz für mich gehoben und einen neuen Lieblingsautor gefunden!

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2 Kommentare

  1. Petra
    31. Mai 2018

    Liebe Angela, sehr gerne! Freut mich wenn ich Dich neugierig machen konnte.
    Dieser kleine, feine Roman ist mehr Parabel als Thriller, und die Mystik darin schleicht
    unterschwellig umher … LG Petra

  2. 31. Mai 2018

    Hallo liebe Petra,
    Deine Rezension hat in mir ein umheimlches Gefühl ausgelöst plus Neugier. Eigentlich bin ich kein Thrillerfan, aber diese Geschichte scheint etwas Mystisches in sich zu haben. Danke für den Eindruck!

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