Hochdeutschland (Joachim Schimmelbusch)

Sonntag, 03.06.2018

Gastbeitrag von Andreas

Morgen war es wieder soweit, wir würden eine Klassenarbeit schreiben. Ein Aufsatz war angekündigt. Die Klassenlehrerin beruhigte uns. Wir seien für diese Herausforderung gerüstet. Unser Wortschatz wäre in Ordnung und in Grammatik seien wir auf einem guten Weg.

Diese Szenerie ist glücklicherweise schon Jahre, ähm, Jahrzehnte her. Unser Portfolio an Wörtern ist mittlerweile angewachsen zu einem Schatz, und dass nur durch Lesen und das Leben.

Glaubt man der Tagespresse (hier ein Auszug aus Welt vom 26.04.2018) sieht es bei den heutigen Schülern in Deutsch nicht rosig aus: 22 Prozent der Gemeinschaftsschüler erreichten 2018 den Mindeststandard nicht – 2017 waren es nur 11 Prozent. Auch bei den Haupt-/Werkrealschülern war die Leistung im Vorjahr deutlich besser. 2017 erreichte ein Viertel das Mindestniveau nicht, 2018 waren es schon beinahe die Hälfte.

Wäre hier der Ansatz von Victor hilfreich? Victor ist der Hauptakteuer im Buch „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch. Er fordert: „Die einzigen Bodenschätze der Bundesrepublik sind in den Köpfen ihrer Bürger verborgen, und so muss unser primäres Ziel sein, jedes Kind so zu fördern, als ob es aus einer wohlhabenden Establishment-Familie käme.“ Als Yuppie ist unsere Romanfigur auf die Butterseite des Lebens gefallen und beim Einkauf in einem MediaMarkt trifft ihn der Funke der Erkenntnis. Es muss sich etwas ändern in diesem Land. Er schreibt ein Manifest. In dieser Erklärung fordert er „um nicht leichtfertig unsere Demokratie zu riskieren, müssen wir von einem obsessiven Ich zu einem entschlossen Wir zurückgelangen“.

Selbstverständlich geht es in diesem Buch auch um Geld, Verteidigung, Werte und vieles mehr. Der Wert des Pamphlets wird schließlich erkannt und in ein Parteiprogramm integriert.

Was ist für mich bemerkenswert an diesem Buch?

Es soll eine Politsatire sein. Mal was anderes. Entscheidend für das Kriterium „besonders“ sind Sätze wie (Textzitat): „Die beherzte Deregulierung der deutschen Kapitalmärkte, die Victor neben der Inkompetenz auch einer kindlichen Lust der politisch Verantwortlichen geschuldet sah, die Talare der sozialen Marktwirtschaft zu lüften, hatte in der Stadt eine neue Klasse von Angestellten geschaffen, die ungefähr ab ihrem 30. Lebensjahr über eine Million Euro im Jahr bezogen.“

oder

(Textzitat): „In sparsamen Mittelklassewagen werden wir über die makellosen Oberflächen kurviger Landstraßen durch rauschende Mischwälder fahren, um dann auf fugenlosen Autobahnen unseren sinnstiftenden Arbeitsplätzen entgegenzustreben.

Solche und ähnliche Satzperlen, die mich beeindruckt haben, gibt es in diesem Buch in Hülle und Fülle.

Von mir gibt es daher eine ganz eindeutige Lese-Empfehlung für diese 214 Seiten.

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