Dschinns (Fatma Aydemir)

Die Welt hält nicht an. Wir wissen das. Sie dreht sich weiter. Kümmert sich nicht, wenn jemand von der Bühne des Lebens abtritt. Gleich welchen Schmerz das verursacht. Bei denen die trauern. Ob sich Lebensträume bis hierher erfüllt haben, spielt keine Rolle mehr. Alles Ungesagte bleibt ungesagt.

Wir, diejenigen die zurückbleiben, nennt man jetzt die Hinterbliebenen und wir halten uns fest an unseren Erinnerungen, die uns ein Fenster sind. Manchmal aber ist dieses eines mit Sprüngen oder gar ein blindes. Der Tod eines Elternteils kann wie ein Brennglas wirken und in dieser Geschichte tut er das auch. Ihre Autorin betrachtet die Handelnden wie mit dem Vergrößerungsglas und sie und ihr Personal haben uns einiges zu erzählen:

Dschinns von Fatma Aydemir

Die Geister die ich rief. Einsamkeit die bleibt. Ein Traum, der sich beinahe erfüllt hat. Am Ende eines Lebens. Hüseyin ist tot. Er war ein fleißiger, sparsamer Vater von vier Kindern und über 30 Jahre verheiratet. Mit der gleichen Frau. Seine Wurzeln, haben zuletzt mit zunehmendem Alter, und nach einem Leben in Deutschland, immer fester an ihm gezogen. Haben ihn gerufen heimzukehren, aber nicht in sein Heimatdorf, sondern an den Bosporus, nach Istanbul, hier kauft er von seinem Ersparten eine Wohnung für den Ruhestand. Den er nicht mehr erleben soll. Denn ein Herzinfarkt lässt alles enden bevor es beginnt …

Alle in dieser Familie, die mir mehr Brüche zu haben scheint als uns der Dschinn, der den Vater in den Tod begleitet, zu Beginn des Romans verraten hat, alle lernen wir kennen, nacheinander kommen sie zu Wort. Auch die Älteste, Sevda. Zwischen ihr und ihrer Mutter Emine herrscht Eiszeit. Schon lange und auch jetzt fehlt sie. Genauso wie Hakan, der älteste der beiden Söhne, beide verpassen sie die Beerdigung des Vaters … 

Fatma Bahar Aydemir, geboren 1986 in Karlsruhe, deutsche Journalistin und Schriftstellerin lebt seit 2012 in Berlin. Mein Mann hat bereits mit Begeisterung ihren Roman Ellbogen gelesen, das werde ich noch nachholen, hat gleich zwei Preise für diesen ihren Debütroman erhalten. 2017 den Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour-Front-Literaturfestivals und denn Franz-Hessel-Preis im gleichen Jahr.

Verpasste Gelegenheiten. Gab es wohl reichlich. Fatma
Aydemir beleuchtet sie und bleibt dabei in Dschinns ganz eng bei ihren Figuren. Sie schaut mit ihnen auf Fehler und Erinnerungen, Vermissen und Bedauern, das sprachlich in einer Intensität, dass man die Wahrnehmung der Einzelnen als Leser:in körperlich selbst spürt.

Sie kennt ihre Helden in-und auswendig. Ihre Dämonen, Wünsche, Träume und Hoffnungen. Davon erzählt sie, und von dem was passiert wenn es passieren muss. Ich hänge an ihren Sätzen, als hätte sie mich mit einem Bann belegt. Sie sind prall wie eine reife Frucht, ich koste sie aus. Jeden Einzelnen. Auch die bittersüßen. Und die ganz bitteren auch. Sie sogar ganz besonders. Ihren Nachgeschmack habe ich noch lange im Mund. Dafür sorgt nicht nur Fatma Aydemirs Erzählton, sondern in der Hörbuch-Fassung, (von der, ist es zu glauben, ich ein von Autorin und Vorleserin signiertes Exemplar ergattert habe, das ich hüte wie einen Schatz):

Sesede Terziyan, geboren 1981 in Nordenham, deutsche Schauspielerin. Auch sie lebt in Berlin, liest die ungekürzte Fassung, die etwas mehr als 12 Stunden umfasst, leicht stockend. Ich zögere nur kurz, verstehe dann, wie gut diese ihre Satzpausen tun und passen. Sie lassen dem Nachhall Raum und geben mir Gelegenheit meinen eigenen Gedanken zu folgen. Die tragen mich zu dem ein oder anderen Streit in meiner Familie. Wir haben nichts mit dieser kurdisch-türkischen Familie gemeinsam und auch so viel. Menschliche Konflikte sind eben doch universell, das lehrt mich diese Geschichte. Die so vieles ist. So lerne ich von Sesede Terzyian wie man einige Begriffe im Türkischen ausspricht. Sie klingen schön, rund und sanft, wenn sie sie in den Mund nimmt, auch die Namen der Protagonisten und ich mag diesen Sound, diese Mischung aus Aydemirs Text und ihrer Stimmfarbe und Aussprache, und streiten kann sie erst! So unglaublich leidenschaftlich, das packt mich dermaßen an! Sie platziert Aydemirs Worte mitten in meinem Herzen. Schleudert die Sätze wie Pfeile. Einen nach dem anderen. Ohne Schrammen kommt man da nicht raus, aus ihrem Vortrag und das ist gut so!

Brandanschläge, Befreiungsversuche, die Kluft zwischen Tradition und Moderne, Entwurzelung, Heimat und Entfremdung haben eigene Vokabeln. Ihre Sprache lernt man nicht freiwillig.

Was tun wir alles nur um andere zu beeindrucken? Wie oft handeln wir nicht aus Überzeugung, nicht weil es Bedeutung hat oder weil es uns etwas bedeutet, sondern um zu gefallen? Um zu verbergen. Um uns zu schützen. Vor verbalen Schlägen vielleicht. Vor der Wahrheit.

Aydemir beginnt ihren Erzählreigen mit dem jüngsten Spross, Ümit. Sie beobachtet genau, nichts entgeht ihr, kein Glucksen, kein unterdrücktes Kichern von ihm, kein noch so abwegiger oder abschweifender Gedanke. Nein, Verliebtsein kann man nicht mit oder durch Suggestion heilen. Queer-Sein auch nicht, und das ist auch keine Erfindung der Medien. 

Wer einsam ist, ist auch frei. Er hat die Freiheit seine eigenen Gedanken zu formen. Das sagt Aydemir über ihre Sevda. Sie war das letzte der Geschwister das seinerzeit nach Deutschland nachkommen durfte. Lebte nach dem Weggang der Eltern noch zwei Jahre allein bei den Großeltern, da war sie zwölf und einsam.1981 stand damals auf dem Kalender, als der Vater sie endlich zu sich holte, fremd geworden war sie sich inzwischen. Besonders ihrer Mutter, die das Leben in dem neuen Land, das Sevda aus der Ferne so aufregend vorgekommen war, vorzeitig hatte altern lassen, die hart geworden war und noch strenger. Sie schloss Sevda ein, zur Schule gehen durfte sie zunächst nicht, aber früh heiraten, einen Mann, der am Ende nicht das war, was er zu sein vorgab …

Peri ist die mit dem Nasenpiercing. Sie studiert in Frankfurt. Germanistik. Sie hatte weg gewollt aus dem Kaff, in dem die Familie lebte und hatte sie rasch alle nicht nur räumlich hinter sich gelassen. Glaubt sie. Bewusstseinserweiternde Substanzen haben dabei geholfen. Vielleicht. Ihren Vater hielt sie spätestens seit diesem Workshop ihrer Frauengruppe für autoritär. Den stillen, in sich gekehrten Mann, der ihr Vater auch gewesen war, ihn vermisste sie. Jetzt und ihr fällt auf, wie gut er seine Gefühle stets zu verbergen verstanden hatte. Besonders vor seinen Kindern. Peri sagt, es gibt Gedanken, die nur im Dunkeln zu uns kommen und sie selbst beherbergt Schatten von denen nicht einmal die Geschwister etwas ahnen. Da ist sie offenbar ganz die Tochter ihres Vaters.

Hakan, der Älteste, der Gebrauchtwagenhändler, der Stress hat mit den Albanern, der gelernt hat wie man Geld wäscht, der noch immer von einer Hollywood Karriere träumt, der wenn er einen Raum betritt im Mittelpunkt stehen muss. Er kommt zu spät, weil er die Strecke in die Türkei lieber mit seinem Alfa fährt, weil er nicht tatenlos rumsitzen, mit leeren Händen in Erinngerungsschleifen rotieren will. Er ist lieber mit reichlich Red Bull unterwegs auf stockdunklen Landstraßen, vorbei an Nicht-Orten. Am Ende hat er aber den Kopf doch voll mit brummenden Gedanken. Denkt an seinen Baba. An ein nächtliches Aufeinandertreffen, an Scham, Demütigung und heiligen Zorn. Der Vater im Pyjama, er mit blutender Nase im Wohnzimmer und als die Strafe, der Hausarrest, auf dem Fuß gefolgt waren, im Versuch seine Leidenschaft für Breakdance und die Schauspielerei zu ersticken …

So viel sie auch miteinander sprechen, in dieser Familie, so wenig geben sie einander preis und was immer in diesem Raum geblieben ist, nach dem Tod des Vaters, es fordert sie heraus …

“Vielleicht sind das die Dschinns. Die Wahrheiten, die immer da sind, die immer im Raum stehen, ob man will oder nicht, aber die man nicht ausspricht, in der Hoffnung dass sie einen dann in Ruhe lassen. Das sie im Verborgenen bleiben. Für immer.”

Textzitat Fatma Aydemir Dschinns

Aydemirs Geschichte beginnt mit Hüseyin und endet in der Erzählung mit Emines Erleben. Sie hütet bis zum Schluss das Geheimnis der Familie. Das ihrer Ehe. Dazwischen bewegte ich mit ihren Kindern zwischen den verschiedensten Wahrheiten und einer Gewissheit: Jeder von ihnen kennt eine andere. So ist es und so bleibt es. Auch nach diesem furiosen Roman-Finale. Besonders danach.

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