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Digitale Müllabfuhr. “In Schick” nennt sich das Content Moderation. Jede Social Media Plattform engagiert Mitarbeiter, zumeist Subunternehmen, damit täglich Hunderte gemeldeter Videos, Fotos, Clips und Beiträge gesichtet, bewertet und wenn nötig auch entfernt werden. Grotesk, brutal, sexistisch. Schlimm, schlimmer am Schlimmsten. Nicht nur was von Nutzern angezeigt wird, wird angeschaut und ggf. bereinigt, sondern auch das was den Richtlinien des jeweiligen Anbieters widerspricht, was durch deren Filter rutscht. Was machen diese Bilder, jene nicht enden wollende Flut teils verstörender Eindrücke mit diesen Menschen, die ihre Arbeitstage zwischen ihnen aushalten. Was macht es mit ihrer mentalen Gesundheit? Ihrer Einstellung? Mit ihrem Menschenbild? Welchen Arbeitsbedingungen sind sie ausgesetzt? Kayleigh, die Protagonistin dieses Romans ist neu bei einem solchen Unternehmen, jung und sie braucht das Geld. Denkt zu Beginn noch das es leicht verdient ist, sie kennt ja die Regeln, klingt alles easy. Soweit …

“Ich wusste, worauf ich mich einließ. Ich wusste, was ich da machte und ich war ziemlich gut darin.”

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Ein Brief soll erklären. Vielleicht konnte er das. Erklären, das Kayleigh kein Opfer war. Sie hatte das Geld gebraucht. Ihrer Schulden wegen. Einfach den Job gemacht. War dann gegangen. So einfach war das. Der Anwalt, der sie immer wieder anruft, ihr Nachrichten schickt, sieht es anders. Sie muss ein Opfer sein. Wie die anderen. Etwas an ihr, etwas in ihr, muss doch kaputt gegangen sein. Das konnte doch niemand unbeschadet überstehen. Auch wenn sie nur sechs Monate dabeigewesen war, hatte sie sich Stunde um Stunde, Tagein, Tagaus, mit Holocaustleugnern, Tierquälerei,  Selbstverstümmelung, Gewaltorgien, Sexismus  Rassismus, Terrorismus und mit wer weiß was noch zu beschäftigen, nur mit krankem Kram eben, den musste das krank machen. Klar. Was sonst und alle stellten sie ihr, wie er, die immer gleiche Frage, sobald sie wussten was ihr Job gewesen war: “Was war das Schlimmste, das Du Dir hast ansehen müssen?” Nicht das man sensationsgeil wäre, man wüsste es nur eben gerne …

Hanna Bervoets, geboren am 14. Februar 1984, lebt in Amsterdam, und ist nach Verlagsangabe eine der meistgelesenen Autorinnen der Niederlande. Ihr Debütroman erschien 2009, sie wurde vielfach preisausgezeichnet u.a. 2017 mit dem Frans-Kellendonk-Preis. Dies ist von insgesamt sieben Romanen erst ihr zweiter der in deutscher Übersetzung erschienenen ist, beide Male ist es Rainer Kersten der aus dem Niederländischen für sie übertragen hat. Nr. 1 trägt den Titel Flauschig und ich hab mir davon jetzt eine Leseprobe organisiert. Denn Bervoets ungeschönter Blick auf unsere digitale Welt, in der wir uns täglich ganz selbstverständlich bewegen, hat mich auf links gedreht, ihr schriftstellerischer Umgang damit, ihre Klarheit, ihr leicht spröder Ton hat mich beeindruckt. Ganz ungemein.

Mir war so, als würde ich ihrer Ich-Erzählerin gegenüber sitzen, wie einer realen Person und ich hörte ihr zu. Nur an der Oberfläche hatte ich mir bislang einen Begriff davon gemacht, wie die Säuberung von unerwünschten Inhalten innerhalb von Social Media funktioniert. Bervoets macht mich betroffen und beteiligt mich. Ich bin ja auch Teil des Systems, mit meinem Blog, meinen Profilen, mit meiner Präsenz trage ich diese Plattformen mit. Vertraue darauf, dass man mich verschont mit all dem Mist kranker Hirne, der dort kursiert. Das ihn bevor er verschwindet wer sieht, ist logisch, notwendig, die Bedingungen unter denen das geschieht aber sind es nicht.

Hatten wir wirklich nur zwei Pausen, eine davon kaum sieben Minuten, die damit vergingen, dass wir an den zwei einzigen vorhandenen Toiletten anstehen mussten? Jep. Saßen sie uns im Nacken, wenn wir weniger als fünfhundert Tickets pro Tag schafften? Natürlich. Bekamen wir eine Verwarnung, sobald unsere Trefferquote auf unter neunzig Prozent sank? Ganz bestimmt.

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Bervoets steckt meine Gedanken in eine Zentrifuge und drückt auf Start. Ein Augen- und Ohrenöffner ist ihr hier gelungen!
Ich schüttle den Kopf und frage mich, ob dieser Job auch besonders anfällig macht für Ideologien wie “Die Erde ist eine Scheibe” (Flat-Earth-Theorie), die offenbar tatsächlich Anhänger hat! What?!! Was passiert da in den Köpfen? Was macht jemanden plötzlich für solch krude Thesen empfänglich? Erfährt man eine Gehirnwäsche nachdem man quasi tonnenweise diesbezügliches Material gesichtet hat?

Die Autorin konfrontiert ihre Protagonistin nicht nur mit dieser Frage, denn ein Freund und Kollege hat sich infiziert mit einer solchen Idee, sie lässt sie auch mit ihren Beziehungsprobemen kämpfen. Bietet ihr mal Zuflucht, dann täuscht sie sie mit Alkohol, Drogen und Sex. Das sind wohl doch keine Freundschaften die sich aus ihrem Team heraus entwickelt haben, auch wenn es sich anfangs so anfühlte. Keine:r vermag Kayleigh den Halt zu geben, den sie sucht. Zu sehr kämpfen alle mit ihren eigenen Dämonen. Können nicht mehr schlafen, gehen nicht mehr ohne Elektroschocker aus dem Haus oder auch gar nicht. Krass sind die Widersprüche, different die Ansichten. 

Bervoets löst eine Nachdenklichkeit in mir aus, die tief greift und weiter reicht als bis zu der Frage, wer sich eine solche Aufgabe antut. Wer sind die wirklichen Bestimmer über ethische Normen im Internet und in den sozialen Netzwerken? Wer entwickelt welche Filter und lässt sie wirken? Wie unterscheidbar ist echt noch von fake? Wo beginnt Zensur und wo endet Schutz? Was machen welche Nachrichten und Informationen, ihre Häufung, mit uns, unserer Sicht auf Themen und das Weltgeschehen?

Verknappt auf lediglich 112 Seiten ist dieser Text aber inhaltlich so dicht, das alleine das einen Applaus wert ist. Das Nachwort und die Quellenangaben im Anhang lassen darauf schließen wie tief die Autorin sich mit diesem Thema beschäftigt hat. Wie wichtig es ihr ist.

Sie transportiert das mit einer sachlichen Nüchternheit, indem sie ihre Protagonistin genauso erzählen lässt und die eindringlich gelungene Übersetzung von Rainer Kersten sind es dann auch, die mich neben dem Geschilderten besonders angefasst haben. Ich muss über weite Strecken die Luft beim Lesen angehalten haben, denn am Ende entweicht sie mir mit einem Stoß.

Im Nachwort betont Bervoets auch die Fiktionalität der geschilderten Handlung um gleichzeitig klarzustellen, “Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit seien alles andere als zufällig”. Fiktiv hin oder her, Roman vor und zurück, das hier fühlt sich nicht weit genug weg an von der Realität um mich nicht aufzuwühlen. Wie wenig Gedanken ich mir bislang darüber gemacht habe, was geschieht wenn ein Beitrag auf einer Social Media Plattform gemeldet wird. Welche unglaubliche Menge an auffälligen Beiträgen es täglich zu bearbeiten gilt und wie notwendig psychologische Betreuung für diejenigen wäre, die sich das antun. Müssen.

Ein Mindestmaß an Menschlichkeit würde das bedeuten. Denn es sind eben nicht nur Maschinen, Bots, die diesen Job machen. Haben wir das vergessen in unserer schönen neuen digitalen Welt?

Mit einer Vollbremsung beendet Bervoets ihren Roman und ich stehe da mit hängenden Schultern gemeinsam mit ihrer Heldin. Was hatte ich erwartet? Was und wie hätte diese Geschichte anders ausgehen können? Was nicht endet kann kein Ende finden. Wer keine offenen Enden mag wird vermutlich hadern. Ich für meinen Teil konnte zwar den letzten Schritt Kayleighs innerlich nicht mitgehen, aber die noch immer oder schon wieder losen Fäden zum Schluß fand ich meisterlich konsequent. Lest selbst und schreibt mir, wie es Euch ergangen ist, ich verspreche auch, Euren Beitrag nicht zu entfernen …

Mein Dank geht an die Autorin für das Aufgreifen dieses Themas und an den Verlag Hanser Berlin für das Rezensionsexemplar.

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