Die Wahnsinnige (Alexa Hennig von Lange)

“Sie haben meine Beine mit kochendem Wasser übergossen, sie haben meine Haut mit glühendem Metall verbrannt. Doch ich bin ruhig geblieben. Ruhe bei all dem Leid erscheint den Menschen nicht normal.”

Textzitat Alexa Hennig von Lange Die Wahnsinnige

Über diese Frau streiten sich die Gelehrten. Johanna von Kastilien galt als verhaltensauffällig. So würden wir das wohl heute formulieren. Die Tochter von Isabella der Katholischen hielt nichts von der Beichte, ging nicht zur Messe, verweigerte sich dem höfischen Protokoll. Sie konnte und sie wollte die im Glauben tief verhaftete Lebensweise ihrer Mutter, ihre Art der Regentschaft nicht teilen. Als Thronerbin, die sie aber nun einmal war, ging genau das nicht.

Johanna aber soll, muss Kastilien regieren. Denn in der Erbfolge sind alle vor ihr verstorben. Sie aber will alles andere als das. Selbstbestimmung und ein freier Wille sind die Luft, die sie zum Atmen braucht.

Mit sechzehn Jahren, mit hundert Schiffen, zwanzigtausend Männern und Frauen bricht Johanna nach Flandern zu ihrer Zwangsverheiratung auf. So viele sollten sie beschützen und konnten es doch nicht. Vor der Demütigung, vor der Zurückweisung dieses Mannes, Philipp der Schöne, Erzherzog von Burgund, der sich gern auch mit anderen Frauen vergnügte, vor aller Augen, der in ihr eine Eifersucht schürte, die sie Kopf und Kragen kosten würde. Ihre Rivalinnen soll sie körperlich attackiert haben. Deshalb schrieb man sie dem Wahnsinn zu und auch weil sie sich entzog. Ihrer Rolle als unauffälligen, demütigen Ehefrau, als Regentin, als Mutter. Niemand hatte damit gerechnet, das sich Johanna in dieser Bündnis-Ehe in ihren Mann verlieben sollte und ganz einfach nur wieder geliebt werden wollte.

Als Philipp 1506 im Fieber verstarb, nur wenige Monate nachdem er mit ihr endlich den begehrten spanischen Thron, das Zepter der Macht eines Weltreiches ergattert hatte, da tat  Johanna was? In ihrer Trauer zog sie monatelang mit seinem Sarg durch Spanien, das nachdem ihr eingefallen war, das ihr Mann in Grenada hatte begraben sein wollen. Jetzt hielt man sie endgültig für verrückt. 

“Ich war die Gefangene meines Mannes. Ich war die Gefangene meines Vaters. Nun bin ich die Gefangene meines Sohnes. Seit meinem dreißigsten Lebensjahr darf ich mich nur noch unter strengster Bewachung den Gang hinunter bewegen, um für einen Moment aus den Fenstern hinunter auf den Fluss zu sehen.”

Textzitat Alexa Hennig von Lange Die Wahnsinnige

Aber zurück zu Lück, worüber streiten sich nun die Gelehrten? Zwei deutsche Historiker zumindest. Gustav Adolf Bergenroth und Wilhelm Maurenbrecher, die in den 1860ziger Jahren die Archive durchforsteten nach Hinweisen auf Johannas Wahnsinn. Was der eine für eine Depression, eine Psychose, vielleicht sogar für eine von der Großmutter vererbte Schizophrenie hielt, ordnete der andere ein als Opfernschaft einer machtpolitischen Intrige, die Vater und Sohn um Johanna gesponnen hatten. Ihrer Geisteskrankheit wegen stempelten sie sie als nicht regierungsfähig ab. Man hielt sie über 45 Jahre lang in Gefangenschaft. 15 Jahre lang teilte sie diese Isolation mit ihrer Tochter Katharina.

Die Wahnsinnige von Alexa Hennig von Lange

“Sie sah hinauf in den Himmel aus rußigem Schwarz. Im Namen der katholischen Kirche ließ ihre Mutter Ungläubige auf Scheiterhaufen verbrennen und beraubte damit das gesamte Firmament des Lichtes.”

Textzitat Alexa Hennig von Lange Die Wahnsinnige

Erneut bin ich unterwegs auf einer Zeitreise, aber hier möchte ich nicht sein, nicht bleiben. Wenn ich auch ihr sehr gerne begegnet bin. Dieser Johanna von Kastilien. Der Rauch von nicht nur einem Scheiterhaufen verdüstert mir den Himmel. Eine engstirnige, eine machtbessene, fanatische Katholikin regiert Spanien und versucht ihre Tochter zu dominieren. Die kämpft, für sich, für ihre Freiheit, ihre Selbstbestimmung, scheitert – zumindest für die Außenstehenden.

Jede Menge historischer Fakten gibt es, die man über Johanna “Die Wahnsinnige” zusammentragen kann, Hennig von Lange nutzt nur einige davon als Rahmen für ihre Geschichte und interpretiert sie sehr modern. Sie beginnt im Prolog, den ich persönlich am stärksten fand, mit der Internierung von Johanna im Jahr 1525, springt dann zurück nach 1503. Johanna hat ihr viertes Kind zur Welt gebracht, ihre Mutter hält sie in Spanien fest, ihren Mann und ihre drei übrigen Kinder hat sie monatelang nicht gesehen. Entfremdet hat sie sich, sie hadert mit sich. Wir erleben eine Frau, die in einem tiefen inneren Dilemma steckt, die als Thronerbin die Macht nicht will, es gleichzeitig aber verlockend findet, sie für Reformen einsetzen zu können. Eine Frau die gerne ihren Weg gehen will, die sich verwirklichen will, die rebelliert gegen Prägung und Dominanz, die sich auflehnt …

“… ich fordere ja nicht nur eine Stadt, ein Land, eine Kolonie oder eine Insel, sondern eine komplette Neuordnung des altbekannten Verhältnisses zwischen Mann und Frau.”

Textzitat Alexa Hennig von Lange Die Wahnsinnige

Alexa Hennig von Lange, geboren 1973, veröffentlichte 1997 ihren Debütroman “Relax”, 2002 wurde sie mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Ihren aktuellen Roman hat sie in eine sehr moderne Sprache gewandet, was sich für mich anfangs wie ein Widerspruch angefühlt hat. Obwohl mir ihr Erzählton sehr gefällt, finden sich Worte und Sätze, die sich für mich in diesem Kontext, dem historischen fremd anfühlen. So hätte sich eine Figur seinerzeit nicht ausgedrückt. Die Fragen die sie aufwirft sind hingegen sehr aktuell. In wie vielen Familien wird der Weg, den der eigene Nachwuchs nehmen soll, fest vorgezeichnet? Wie befreit man sich da ohne ein Zerwürfnis zu riskieren? Wie entfaltet man sich, wenn andere um einen herum Mauern errichten?

Literarisch habe ich ihre Geschichte als anmutig empfunden, als sehr konsumig auch. So hat sie mich bisweilen an eine Telenovela erinnert, der sehr ausgeprägt geschilderten Beziehung von Johanna zu ihrem Philipp wegen. 

Von daher verlasse ich diesen Roman, der mir mehr Fragen aufgibt als er mir Antworten liefert, auch mit gemischten Gefühlen. Was vielleicht beabsichtigt ist. Oder aber, ich habe den Text nicht verstanden, weil es für mich nicht geht einen historischen Roman zu schreiben, ohne einen historischen Roman zu schreiben. 

Denn vieles über diese Johanna von Kastilien erfahre ich nicht im Roman. Ich lese es mir gerade an. Weil mich Alexa Hennig von Lange darauf neugierig gemacht hat, dafür mochte ich ihre Geschichte. Von der ich mir 50 oder vielleicht auch 100 Seiten mehr gewünscht hätte, damit sie dort etwas mehr Opulenz hätte unterbringen können und das was diese Frau noch ausgemacht und dort hin gebracht hat, wo sie am Ende gelandet ist. In einer lebenslangen Gefangenschaft, die sie fraglos, spätestens jetzt ihre geistige Gesundheit gekostet haben muss.

War Johanna tatsächlich wahnsinnig? Zumindest nach all dem was man ihr zugemutet hat, wäre es nur eine logische Konsequenz gewesen. Wer kann gesund bleiben, wenn man ihn jahrzehntelang einsperrt? Die Zwänge, ihr Umfeld, die Schablonen die man ihr übergestülpt hat, die diese ihre Wutausbrüche in jungen Jahren heraufbeschworen haben. Drei ihrer Kinder hat sie zur Welt gebracht, da war sie selbst noch eines. Verpflanzt in eine Welt, von Spanien nach Flandern, die ihr völlig fremd gewesen sein muss. Auf sich allein gestellt. Einem Mann an die Hand gegeben, der sie betrogen und auch geschlagen hat, dem sie auf eine seltsame Art hörig gewesen sein muss.

Eine Frau, die einen Leben gelebt hat, in dem sie soviel Widerstand und Ablehnung erfahren musste, ausgerechnet von denen, die sie geliebt hat, Ehemann, Vater, Sohn. Genau der historische Hintergrund war es, der mich gerade im Zusammenspiel mit den sehr modernen feministischen Fragen die Hennig von Lange stellt, die Entscheidung für das Lesen dieser Geschichte hat treffen lassen und genau der ist, der für mich auch am Ende zu kurz gekommen ist. Die Figur der Johanna, ihre Entwicklung als Frau, ihre Rolle, habe ich erst verstanden als ich mir weitere Sachinformationen erschlossen habe, genau das hätte ich mir im Roman gewünscht. Eine so ungemein spannende Zeit ist das gewesen, die Welt war im Aufbruch in eine neue Zeit, gerade erst hatte man Amerika entdeckt und diese Frau hat ihren Platz in ihr gesucht …

“Gestern war ich klug und wollte die Welt verändern. Heute bin ich weise und möchte mich verändern.”

RUMI

Mein Dank geht an den Dumont Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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