Die Vögel (Tarjei Vesaas)

Dunkle Wolken jagen über den November-Himmel. Jetzt beginnen SIE sich zu sammeln. Auf hohen Bäumen. Man hört sie diskutieren. Vielleicht beraten sie über ihre Flugroute? Vielleicht wer sie führen soll? Jedes Jahr verlassen uns im Winter viele Zugvögel gen Süden und wenn wir den Ruf der Wildgänse über uns hören, wissen wir, jetzt ist er bald da. Der Winter.

In meiner Erinnerung war mein Vater oft von Federn umgeben und meine Liebe zu den Vögeln, besonders zu den wilden, freien, kleinen Piepkugeln die in unseren Gefilden auch eisiger Kälte trotzen, Fliegengewichte alle samt, habe ich wohl von ihm geerbt. Federleicht und auch wieder nicht, klar und knapp und auch poetisch, traurig, mutig und …. überhaupt.

“Es war ein guter, warmer Juliabend und die alten Holzwände atmeten den Tag in der Sonne aus.”

Textzitat Tarjei Vesaas Die Vögel

Die Vögel von Tarjei Vesaas

Federn. Mit ihnen fingen die Indianer einst Träume. Hier fangen sie Mattis. Mattis ist der Dussel. So sagen sie. Er ist in Gedanken immer irgendwo. Irgendwo im Nirgendwo und in dieses Irgendwo kann ihm meist niemand folgen. Vielleicht noch Helge, seine Schwester, mit der er hier allein lebt. In einer ärmlichen Behausung. Nach dem Tod der Mutter und nach dem Unfall des Vaters, der so grausig war, dass man gar nicht mehr daran denken mag. Mattis ist jetzt bald vierzig Jahre alt, sein Leben verläuft im Einerlei aber jetzt, ab jetzt, ab diesem Abend, dieser Nacht wird alles anders.

Er ist sich sicher. Warum sonst, sollte der Schnepfenstrich, der Balzflug der Schnepfen in dieser sommerwarmen Nacht sonst direkt über ihre Hütte gegangen sein? Sie verlegten ihn nie diese Vögel, ihren Flug, ihre Route, wirklich nie und nachdem Mattis sie gesehen hatte, schenkten sie ihm in dieser Nacht einen Traum. Einen der ihm Flügel verlieh, einen der alles verändern würde …

Tarjei Vesaas, geboren am 20. August 1897, verstorben am 15. März 1970, norwegischer Romancier, Lyriker und Dramatiker, war mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert, hat ihn aber nie erhalten. “Die Vögel” erschien erstmals 1957 und ist Vesaas international bekanntester Roman. Karl Ove Knausgard bezeichnete ihn gar als “den besten norwegischen Roman, der je geschrieben wurde”.

Als rätselhaft und zart würde ich diesen Roman zu aller erst beschreiben. Er ist ganz leise erzählt und wie schon sein “Eis-Schloss”, das ich so mochte, ist er von meisterlicher Knappheit. Kurze prägnante Sätze hat er, die trotzdem alles spiegeln was im Herzen von Vesaas Held vorgeht und in seiner Gedankenwelt. Sie erleben wir aus seiner Perspektive und Mattis ist eine ganz besondere Figur. Sie schimpfen ihn Dussel, ich aber bin mir nicht sicher, wer hier eigentlich der Dussel ist. Sensibel und empfindsam saugt Mattis die Zwischentöne dieser Welt auf, durchdenkt sie, hört Töne und sieht Farben, die den Schwarz-Weiß-Denkern in seiner Umgebung völlig abgehen. Er hört auch das Ungesagte, auch dann wenn seine Schwester “ihre Sätze wie Nägel einschlägt”. Weil er nicht nur die Ohren dafür nutzt, sonst auch sein Herz. So wie man bei Vesaas das, was er nicht schreibt am lautesten hört, am deutlichsten spürt. Das macht diesen Autor für mich am meisten aus und bislang gibt es keinen Erzählton, den ich mit dem seinen gleichsetzen würde. Seinen Satzbildern fehlt jegliches schmückendes Beiwerk und trotzdem leuchten sie, wie von innen heraus. 

Hinrich-Schmidt-Henkel muss hier als Übersetzer alles gegeben haben um diesen Ton zu erhalten. Er sorgt dafür, das diese Satzkunststücke auch im Deutschen in mir nachklingen, lange noch nach dem Lesen. Vesaas lenkt meinen Blick auf Abhängigkeiten in Beziehungen. Darauf, wie Ausweglosigkeit und Einsamkeit sich anfühlen, wenn man anders tickt als alle anderen.

Der Schluss ist es, der mich so richtig beim Kragen gepackt hat. Einen solchen “Showdown” hätte ich dieser Geschichte, die sich auf so leisen Sohlen anschleicht so überhaupt nicht zugetraut. Diese Unausweichlichkeit, bis zuletzt wollte ich nicht daran glauben, trotz aller drohender Vorahnung, die über Vesaas Sätzen hängt wie eine dunkle Gewitterwolke, die sich zum Ende hin krachend und blitzend entlädt.

War es in seinem Roman “Eis-Schloss” die Kälte die mir in die Knochen kroch, die so beschrieben war, das mich heute noch fröstelt, so ist es hier die Zartheit die mich überrumpelt hat. Die Leichtigkeit eines Flügelschlags, die so stark kontrastiert mit der Klarheit von Vesaas Sätzen, das ich wieder eine Gänsehaut bekomme. Sie und die Kargheit der in dieser Geschichte beschriebenen Existenzen. Helge, Mattis Schwester steht Tag für Tag auf und ihr Tagwerk ist nur auf ein einziges Ziel gerichtet, den Lebensunterhalt für sich und den Bruder zu sichern. Etwas zu essen muss schließlich jeden Tag auf den Tisch und das zu finanzieren funktioniert nur mit der eigenen Hände Arbeit. Sie strickt und verkauft ihre Pullover, während der vergeistigte Bruder es mit der Arbeit so gar nicht hat. Nichts kann er zu Ende bringen, an keiner noch so einfachen Arbeit bleibt er dran. Seine Gedanken sind Schuld nicht er, sie gehen ihm immerzu “über Kreuz” …

Drückende Verantwortung und auch die Frage “Was ist mein Leben wert” wirft Vesaas auf. Was ein Leben ausmacht, was man selbst als sinnerfüllend empfindet, ich grüble mit Helge. Bin mit ihr schlaflos, nicht selten weint sie sich in den Schlaf. Während Mattis spürt das da etwas vorgeht, in seiner Schwester, schürt erst ihre Niedergeschlagenheit seine Angst, dann ihr Glück.

Was soll nur aus ihm werden, wenn sie nicht mehr ist? Ein Fremder taucht auf, ein Holzfäller der Arbeit sucht und sich bei Ihnen einquartiert. Wenn man es genau nimmt, hat Mattis ihn sogar hierher geführt und dann hat die Schwester auch plötzlich nur noch Augen für ihn …

Ein Fährmann auf einem einsamen See. Angst die mit kalter Hand nach einem Herzen greift, das sich nicht wehren kann. Gefühle die so groß sind, das sie sich nicht in Worte fassen lassen. Eine toter Vogel landet auf dem Küchentisch und die Stimmung beginnt zu kippen. Mattis treibt eine Sorge um, die ihn nicht mehr los lassen will und dann schlägt auch noch der Blitz ein und ein Baum verliert den Kopf …

Mattis ist eine ganz besondere Figur. Eine wie ihn findet man nicht alle Tage zwischen zwei Buchdeckeln. Er sucht nach dem Wesen der Dinge, ist treu und so ungeschickt ehrlich, das man automatisch mit ihm leidet. Mein Herz für die vergessenen Geschichten lässt er noch einmal richtig fest und laut klopfen. Er sorgt dafür, das meine Faszination für die Symbolkraft von Vesaas Geschichten ungebrochen bleibt. Was bin ich froh, dass es Verlage gibt die sich solcher Geschichten noch annehmen, die sie behutsam neu übersetzen lassen. Sie auch von der Haptik und Cover-Gestaltung her so wunderbar verpacken. So nachhaltig und stimmig. Die dafür sorgen, das es klärende und interpretierende Nachworte wie dieses hier von Judith Hermann gibt.

Ein dickes Dankeschön geht daher an den Guggolz Verlag, dafür das man uns solche Geschichten schenkt, und für dieses wunderbare Besprechungsexemplar.

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