Das Flüstern der Bäume (Michael Christie)

Hier sickert das Morgenlicht durch die Äste, knistert trockenes Laub unter meinen Schritten, hier überragen mich die Lebensbäume und ich frage mich, was sie mir erzählen könnten, wenn ich nur ihre Sprache verstünde. Als wir unseren Spaziergang begonnen und uns von unserer Reisegruppe abgesetzt hatten, lauschten mein Mann und ich in die Stille. Hoben unseren Blick zu den mächtigen Kronen der Bäume, die gepflanzt zwischen den einzelnen Gebäude hoch über uns aufragten. Port Arthur, ehemalige Gefängnisinsel im australischen Bundesstaat Tasmanien. Hierher verschifften die Briten dereinst ihre Straftäter. Kasernierten sie, gängelten sie. Gleich ob sie wegen Mord und Totschlag oder wegen dem Diebstahl eines Brotes schuldig gesprochen worden waren. Die Bäume hier, im heutigen UNESCO Weltkulturerbe mussten alle ihre Schreie gehört, in sich aufgenommen haben und nur wer ganz genau hinhörte, kann das Flüstern hören, das aus jener anderen Zeit zu uns herüberweht …

“Bäume verformen die Zeit oder vielmehr schaffen sie eine Vielzahl von Zeiten, hier dicht und jäh, dort ruhig und geschmeidig.”

John Fouls A Tree

Das Flüstern der Bäume von Michael Christie

Wir schreiben das Jahr 2038. Flugreisen verschlingen ein Jahresgehalt. Der Wald, der einzige noch existierende Primärwald in Kanada ist zu einer Pilgerstädte geworden. Für die, die es sich leisten können. Die es sich noch leisten können saubere Luft zu atmen. Wenigstens kurzzeitig. Für die Dauer eines Aufenthaltes hier in diesem Luxusresort.

Das grüne Herz dieser Erde hat noch nicht zu schlagen aufgehört. Das sollen die Menschen glauben, die in den von Staub beherrschten Großstädten zu Hause sind und hierher kommen um sich zu erholen. Man macht ihnen weiß, das der Wald noch am Leben ist. Das die Lunge, die unser Planet zum Überlegen braucht noch atmet. Hier sollen sie sich ausruhen die geschundenen Städterseelen, in der Natur baden, zu Bäumen beten die mehr als ein Leben haben vergehen sehen. 

Bisonherden. Eine Fahrt auf dem Rücken eines Zuges, wie ein Ritt auf einem stählernen Drachen. Über weites Land. Durch Alberta nach Calgary. Hunderte Bahnschwellen aus kanadischem Holz reisen über den Pazifik nach Japan. Ein Deal mit J.D. Rockefeller. Ahornbäume lassen mich an das flammende rot des Indian-Summer denken.

Ein Wirbelsturm, sein Herz 1,5 Kilometer breit. Zehntausend Bücher aus einer zärtlich behüteten Privatbibliothek reißt er saugend in den Himmel. Unter diesen Seiten befinden sich auch die eines begehrten Tagebuches. Ein Dichter und ein reicher Holzfäller in einer verbotenen Beziehung. Christie erzählt mit einer wohl dosierten Prise Drama. Viele seiner Protagonisten  sind gebrochen wie ein trockener Ast und man kann sie nicht mehr heilen. Naturbeschreibungen in satten Farben wechseln sich ab mit seinen Figur- und Erlebniszeichnungen. Um vier Generationen bildet ein magischer Ort die Klammer.

“Holz ist eingefrorene Zeit. Eine Landkarte … Die Zeit …, sie ist auch keine Straße, sie führt in keine bestimmte Richtung. Sie lagert sich nur an, im Körper, in der Welt, wie Holz es tut, Schicht um Schicht, erst hell, dann dunkel. Jede Schicht baut auf der vorherigen auf, kein Jahr kann ohne das vorangegangene existieren. Jeder Triumph und jede Katastrophe sind auf ewig in ihre Struktur eingeschrieben …”

Textzitat Michael Christie Das Flüstern der Bäume

Ein Sturz aus acht Metern und neununddreißig Zentimetern. Eine Wirbelsäule die bricht, knapp über dem Steiß. Ich mochte diesen Roman von Christie gerne, die von Holz erzählt und Leben meint. Die Querverbindungen schlägt und Geheimnisse hütet. Der Erzähltrick uns Leser aus der Zukunft immer weiter zurück zuführen in die Vergangenheit lüftet diese Stück für Stück, oder Ring um Ring, wie bei den Jahresringen eines Baumes, folgt man ihnen zum Herzen eines solchen Riesen, zu seinem Kern. Ein Roman, der gesättigt ist mit schönen Sätzen und der Liebe zur Natur. Der aufzeigt, was passiert, wenn wir sie zugrunde richten mit einem Blick der fest auf Profit gerichtet ist. Eine Geschichte, die mich durch ihre Kapitel hat fliegen lassen. Man wendet eines und ist gespannt auf das nächste. 

Sehr stimmig hat der Autor sich das ausgedacht und auf eine Weise, die ich nicht richtig erklären kann hat mich diese Geschichte zur Ruhe kommen lassen. Sie wärmte mich, ich konnte mir gut vorstellen, wie man sie sich am Kamin erzählt, während das Holz in ihm knisternd verglüht. 

Michael Christie, kanadischer Schriftsteller und studierter Psychologe, geboren in Thunder Bay/Ontario veröffentlichte 2019 seinen zweiten Roman “Greenwood”, der in der deutschen Übersetzung von Stephan Kleiner 2020 unter dem Titel “Das Flüstern der Bäume erschien” und der im gleichen Jahr mit dem Arthus Ellis Award für den besten Roman ausgezeichnet wurde.

Bäume sind soviel mehr als Luftfilter und bedroht werden sie nicht nur von den Menschen. Sondern auch von viel kleineren unsichtbaren, geruchlosen Eindringlingen. Von Pilzen, die ihre Leitungsbahnen verstopfen, ihre Blätter welken und verdorren, sie von innen verdursten lassen. Wer einmal so wie ich einen Baum auf diese Weise hat sterben sehen, in unserem Garten waren es zwei, sich dann vorzustellen in unseren Wäldern würde ein solcher Schadorganismus grassieren, den lehrt es das Fürchten … 

Spannend und auch lehrreich ist dieser Roman. Der auch von der Macht der Wörter erzählt, von der Kunst des Lesens, von Schoten, Samen und Setzlingen, von Staub, Sand und Dürre. Christie zeigt die Verwundbarkeit eines Organismus jenseits jeglicher Anpassungsfähigkeit auf. Gemahnt uns, verpackt in einer gut erzählten Familiengeschichte, das zu schützen was wir lieben, das zu achten was wir nicht als Einzelne besitzen, aber gemeinsam nutzen. Unsere Wälder. Er zieht Parallelen zwischen dem Konstrukt Familie und einer Baumgemeinschaft. Macht uns bewusst, wie symbiotisch jedes dieser Gefüge funktioniert.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2038 in einer Baumkathedrale in  Greenwood/Kanada. Bücher aus Papier sind längst eine Rarität geworden, in dieser Zeit die nach dem “großen Welken” begonnen hat.

Eine Entscheidung für die Bäume und gegen eine Beziehung. Christie macht einen Schwenk nach 2008. Ich lerne Liam, Tischler und Sohn von Willow, einer Tochter aus reichem Haus kennen. Die Erbin eines großen Vermögens, wird Umweltaktivistin verschenkt Haus und Insel, sucht sich einen VW Bulli als neues Zuhause aus. Michael Christie dreht weiter fleißig an der Zeitschraube, Umdrehung für Umdrehung erzählt er seine Geschichte rückwärts. 1974 begegne ich der eigensinnigen Willow, da war ihr Sohn Liam noch nicht einmal geplant. Mit ihrem Vater hat sie nichts gemein, dafür hält sie mit ihrem Onkel, der im Gefängnis einsitzt einen regen Briefwechsel aufrecht.

Wer ist dieser Onkel Everett? Warum ist er hinter Gittern gelandet und dann auch offenbar für sehr lange. Darüber lässt uns der Autor erst einmal im Unklaren. Er nutzt ihn und seine Geschichte, um uns noch weiter zurückzuführen in der Zeit, als Willow noch ein Baby war, nach 1908. Hier kollidieren zwei Züge. Zwei Brüder überleben das Inferno und werden zu Waisen. Ein Ortsvorsteher nimmt diese unterschiedlichen, ungeschliffenen Buben, Harris und Everett auf. Mal verfallen sie in Zoff und Zank, mal ist es so, als würden ihre vier Hände zu einem einzigen Körper gehören. Ein falscher Axthieb ist es, der für die beiden den Anfang vom Ende markiert.

“Um ihn herum wird die Stadt immer düsterer. Eisgepanzerte Wolken schleifen ihre grauen Bäuche über die Dächer verklinkerter Mietshäuser. Ein Krüppel schiebt sich auf einem Stück Autoreifen durch die Gegend. Eine Frau steckt den Kopf in einen Mülleimer und schreit. Die Stadt, so wird ihm bewußt ist eine Art Irrgarten, in dem Seelen umherstreifen und zusammenbrechen, verdammt durch irgendetwas das sie getan haben oder etwas das sie nicht tun können.”

Textzitat Michael Christie Das Flüstern der Bäume

Bunt und stimmungsvoll sind die Szenenbilder die Christie beschreibt. Sattes literarischen Popcornkino ist das, ich lehne mich zurück, seine Sätze sind prall, in ihnen steckt pulsierend das Leben mit all seinen Facetten und nichts menschliches, kein Zwist scheint ihm fremd. Ich habe sie gemocht seine Figuren, die tiefen Wurzeln, die diese Geschichte in der Natur hat und auch geographisch komme ich ganz schön rum. Nach Toronto, Vancouver, Japan und Indien. 

In diesem Jahr, in dem ich nicht reisen kann, hat mir diese Geschichte eine Tür zu einer vergessen geglaubten Erinnerung weit aufgestoßen. Staunend und mit einem Gefühlssturm in meinem Inneren bin ich durch sie hindurch getreten. Dafür liebe ich das Lesen. Das Hören von Geschichten nicht minder, zu etwas ganz besonderem wird das Hören dann, wenn man einen Sprecher wie …

Stefan Wilkening an seiner Seite hat, der seinen Vortrag so sonor und geheimnisvoll anlegt. Der für mich rund 17 Stunden lang ein echter Ohrenschmeichler gewesen ist. Ich mag Hörbuch-Sprecher, die einen so wunderbaren Crisp in der Stimme haben ausgesprochen gern. Die Stimme von Wilkening, der nach einem Theologiestudium sein Schauspieldiplom gemacht hat, der u.a. auch “Den Wolkenatlas” von David Mitchell eingelesen hat, wärmte mich, wie es der Werkstoff tut, aus dem diese Geschichte geschnitzt ist. Das Holz. Das selbst seiner lebenden Form beraubt noch ein Eigenleben hat und es für mich auch dann noch behält, wenn es zu Stein geworden ist …

Mein Dank geht an Der Hörverlag für dieses Besprechungsexemplar.

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