Tiger (Polly Clark)

Vom Aussterben bedroht. Kategorie “stark gefährdet”. Ist mittlerweile nicht nur er. Der Amurtiger, auch Sibirischer Tiger. Zoologisch eine Unterart des Tigers und die größte lebende Katze der Welt, mit einer Kopf-Rumpflänge von bis zu 2,30 m, einer Schwanzlänge von 1,0 Meter. Männliche Exemplare bringen schon mal 300 Kilo auf die Waage. Weniger als fünfhundert Tiere leben noch in freier Wildbahn, verteilt über den Fernen Osten Russlands und die angrenzenden Länder Nordkorea und China. Sie werden meist nicht alt, 20 – 30 Jahre haben sie zu erwarten und sie brauchen viel Raum. Das obwohl die zumeist nachtaktiven Tiere Einzelgänger sind. 200 – 400 Quadratkilometer groß ist ihr Revier und um ihren Energiebedarf zu decken, schließlich müssen sie der Kälte ihres bisweilen unwirtlichen Lebensraum ja trotzen, brauchen sie etwa zehn Kilo Fleisch am Tag. Also, will Mann oder Frau sie aufspüren, braucht es vor allem Geduld und Vorsicht ist das Gebot der Stunde …

Tiger von Polly Clark

So geschickt, hatte er sich angestellt. Dachte er. Fraglos würde er genau deshalb reich werden. So richtig reich. Im Grunde war alles doch ganz einfach, nicht? Falle aufstellen, gut tarnen, sich verstecken und auf die Lauer legen. Schnapp. Tiger tot. Fell ab = reich. Tja. Soviel zu einem scheinbar genialen Plan. Brauchte der König des Waldes nur noch mitspielen. Und das tat er auch. Aber nicht nach den Regeln des Jägers, er hatte da seine ganz eigenen …

“Wenn sich der Wald in Gestalt eines Tigers manifestiert, ist die Verwandlung vollkommen. Ein Geräusch ist Unvollkommenheit und hat hier nichts verloren.”

Textzitat Polly Clark Tiger

Lautlos. Unsichtbar. Tödlich. Das war er allerdings. Denn die ihm zugewiesene Rolle als Opfer stand ihm nicht. Er war der König dieses Waldes. Ihn einfangen? Da mussten schon andere kommen. Vielleicht auch mehr von ihnen. Von diesen merkwürdigen Zweibeinern. Die nach Wodka stanken. Zehn Meilen gegen den Wind. Als er hätte er keine Nase und als könne er sie nicht auch im Dunkeln wittern. Zuerst der Hund. Der quiekte nicht einmal als er ihn riss. Sein Herr lag im Gebüsch und schnarchte von Alkoholdunst umwölkt. Gut, würde er eben warten bis er aufwacht. Er hatte Zeit und ein bisschen Spaß musste es schon machen und wenn sie vor ihm davon liefen, das gefiel ihm immer noch am besten …

Polly Clark, *1968, britische Schriftstellerin in Toronto/Kanada geboren, veröffentlichte ihren ersten Roman 2017. “Tiger” ist ihr zweiter und seit 2. November 2020 in der deutschen Übersetzung von Ursula C. Sturm erhältlich.

Von Tigern wollte ich lesen. Titelnomen est Omen dachte ich mir und ein magischer, spannender Prolog fing mich auch rasch ein. Dann ein Cut, urplötzlich geht es um Menschenaffen, einen Überfall, um den Jobverlust einer Wissenschaftlerin, die mit einer Medikamentenabhängigkeit kämpft und ich fühle mich als hätte jemand eine Nadel in mein Spannungserwarten gepikst. Ganz allmählich entweicht die Luft wie aus einem Ballon und macht meiner Enttäuschung Platz. Seitenweise bin ich jetzt im Affenkäfig gefangen, statt draußen zu sein. In Sibirien, im Gebüsch, auf der Pirsch, bei den Tigern.

Geht da noch was? Frage ich mich, schließlich hat der Verlag ein geradezu euphorisches Zitat von Mareike Fallwickl auf dem Schutzumschlag abgedruckt, das auch ich nicht übersehen habe. Ich zweifle und lege den Roman erst einmal zur Seite. Vielleicht der falsche Zeitpunkt? Vielleicht eine übersteigerte Erwartung? Wie konnte ich die auch nicht haben. Das Cover ist wunderschön, schlicht und es schimmert beinahe seidig, dreht man es im Licht. Verlockend nicht? 

Sprachlich habe ich dann auch eher eine Autorin in der Hand, die nach meinem Geschmack, etwas mehr an ihren Sätzen hätte feilen dürfen. Sehr belletristisch ist der Ton, vielleicht war ich aber auch aus meiner vorhergehenden Lektüre einfach zu sehr verwöhnt, oder es liegt an der Übersetzung? Das Original kenne ich nicht, kann nicht vergleichen, tue es auch nicht. Folge meinem Lesegefühl. Clarks Prosa wird vom Verlag hervorgehoben, aber sie war nicht die meine. Im Gegenteil. 422 Seiten lang suchte ich nachdem was besonders an ihr ist. 

Mit anderen Worten, dieser Roman und ich hatten einen geradezu steilen Start, dann einen tiefen Fall und eine Pause. Einen Wideraufgriff.

Ein Durchatmen und dann, ich presste mein Gesicht ganz fest in ein Gebüsch, hielt den Atem an und staunte. Da war er: Mein Tiger! Geschmeidig glitt er durch das Unterholz, hier gehörte er her und sonst nirgendwo. Auf keinen Fall hinter Zoogitter. Ich folgte jeder seiner Bewegungen wie gebannt und Dank Polly Clark kann ich ihn sogar denken hören. Aber nur kurz, machte sich Erleichterung in mir breit, als mir aufging, wie Clark hier die Brücke zwischen den Affen und Tigern schlägt. Auf ihr wandert Frieda, ihre englische Primatenforscherin. Ihr Leben, ein Ritt wie auf der Rasierklinge. Was sie ihr zumutet – sorry, nicht nachvollziehbar für mich.

Ohne Konsequenzen bleiben gewaltsame Übergriffe auf sie vor Zeugen, da kann ich nur den Kopf schütteln. Sie betritt einen Tigerkäfig, drinnen eine offensichtlich misshandelte Kreatur, und wird abgeleckt statt aufgefressen. Klingt märchenhaft, ist wenn in einen realen Kontext eingebettet, aber einfach nur unglaubwürdig. Die Frage ob beides Metaphern sein sollen für vielleicht Dominanz und Seelenverwandtschaft konnte ich mir im weiteren Verlauf nicht schlüssig beantworten. Bei wohlwollender Betrachtung könnte man es aber so deuten. 

Was hatte ich mich auf diesen Roman gefreut! Üben Raubkatzen doch von jeher eine große Faszination auf mich aus. Müsste ich jetzt das Gefühl, das ich beim Lesen hatte mit einem Wort beschreiben, wäre es: Enttäuschung.

Denn für mich waren die Tiger im Roman nicht die Hauptdarsteller. So hatte es mir der Titel eingegeben. Sie fungieren als Bindeglied zwischen vier Romanteilen die mir von gescheiterten Existenzen und immer wieder von Beziehungen, Beziehungen, Beziehungen erzählen. Während die Einen dem Alkohol verfallen sind, sind die Anderen abhängig von Schmerzmitteln und hängen in ihrem Trauma fest. Diese Traumata ihrer Figuren, insbesondere das von Frieda, waren mir dann aber auch zu dick aufgetragen. Ich fühlte mich als Leserin zu sehr aufgefordert permanent bedauern zu müssen. 

Ein gutes Drittel der Geschichte spielt in einem Zoo, wo ich schon auch einem Tiger begegne, einer Tigerin genau gesagt, die aber räudig, einäugig und bedauernswert ist. Würde Clark diese Tatsache jetzt anklagend nutzen, hätte ich ihr noch verziehen, das sie mir größtenteils die majestätische Schönheit dieser Tiere unterschlägt und eher Charakterzüge wie Jagdinstinkt und Gefährlichkeit betont um einen Spannungspunkt zu setzen. Was ich schade und zu kurz gesprungen finde. Soviel Potential bleibt in der Geschichte ungenutzt.

Am ehesten wiedergefunden habe ich mich etwa ab Seite 300. In diesem Teil des Erzählstrangs treffe ich auf Edit, die Tochter eines Schamanen der Udeh, darf im Wald leben mit ihr und ihrer kleinen Tochter. Hier spüre ich sie, eine Prise Exotik. Hier folge ich der Spur einer Tigerin und ihrem Wurf, finde Blut in ihren Fußabdrücken. Jetzt endlich, gegen Ende der Geschichte bin ich ihm auf der Fährte, einem Tiger in seinem Habitat und hier findet auch er statt. Der Kampf um Leben und Tod, zwischen Tiger und Bär. 

Ein Leben in Zwingern, Kisten und hinter Gittern. Bejagt und zur Schau gestellt. Diese letzten Seiten machen mich traurig, versöhnen mich auch ein wenig, entschädigen mich für das was ich über weite Strecken im Roman vermisst habe. Es geht um neuen Mut, um neue Ziele um ein Auswilderungsprogramm und um den Erhalt einer bedrohten Art. Das hatte ich mir gewünscht von diesem Roman. Abenteuer, Wildheit und Freiheit, nicht das diese wunderbaren, faszinierenden Tiere lediglich das verbindende Element in einem Beziehungsgeflecht sind.

Aber, mit dem Lesen ist es schließlich so wie mit dem Essen. Was dem Einen ein  Genuss ist, ist dem Anderen ein Graus. Das hält die Welt der Geschichten schön bunt und so soll es auch bleiben. 

Mein Dank geht an den Eisele Verlag und die Agentur Politycki & Partner für dieses Lesexemplar.

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