Streulicht (Deniz Ohde)

Nach Hause kommen, als Erwachsene ins Elternhaus. Es mit neuen, mit anderen Augen sehen was man als Kind geliebt hat. Was man als Kind gehasst hat. Was man vermisst. Bis heute. Ein Platz am Tisch ist leer und er bleibt auch leer. Das Leben geht weiter. Niemand hält es auf. Es geht immer weiter. Die Gardinen zerstreuen das Licht, das von Draußen herein fällt, das sich wie ein Schleier auf das legt was vergangen ist.

Streulicht von Deniz Ohde

Die Schornsteine des nahen Industrieparks rauchen im Hintergrund und ihr Rauch steht in jedem Zimmer. Dreimal so groß wie der Ort an seinem Rand ist diese Anlage, die ihn nährt und beherrscht. Drei Schlote hat die Müllverbrennungsanlage in der Nähe des Ortes in dem diese Geschichte spielt und vielleicht hat sie ja die Tapeten gelb gefärbt.

Ein Fluss fungiert als Trennlinie, wie eine gestrandete, fliegende Untertasse glüht der Park bei Dunkelheit, gekrönt von Streulicht. 

Chlor wird hier hergestellt und manchmal rieselt das Salz, das bei der Produktion entsteht, aus der Luft auf die Autos. Dann gibt es Gutscheine für die Anwohner, damit sie ihre Wagen waschen lassen können. Wasserdampf, viel davon, steigt permanent auf und im Winter ist ihr Ort oft der einzige in dem Schnee liegt. Ein dicker, klebriger, vollgesogener. Industrieschnee.

Als der Hund zugebissen hatte, waren alle aus dem Häuschen. Beim Umzug war es passiert und dabei hatte er so zutraulich gewirkt. In der Notaufnahme tapte der Arzt ihr Gesicht unter dem Auge. Er war zuversichtlich, dass nichts zurück bleiben würde, weil Kinder heilen schnell. Man kehrte zurück zum Tapetenablösen, und im Auto hatte sie ja bereits wieder gelacht, die Kleine … 

Erlebnissplitter, Erinnerungsfetzen, sortiert die Protagonistin und lässt uns daran teilhaben wie es war hier aufzuwachsen im Schatten der Schornsteine. Als Ich-Erzählerin wirft sie mit uns einen Blick über die Schulter zurück. Einen Blick zurück, auf ihre Herkunft, ihre Eltern, auf Mitschüler und Lehrer. Sich lösen von einem vorbestimmten Leben, vom ständigen Kampf gegen Prägung und die eigene Abstammung,  die in den Augen anderer weniger wert ist. Die man nicht abstreifen kann. 

Blacklight. Black Sabbath, eine Shisha-Pfeife und zwei Sofas im Keller. Hier hatten sie legendäre Partys gefeiert. Selbst ernannte Rap-Kings hatten treffsicher am Takt vorbei gesprochen. 

Routine und die Angst, die Verweigerung von Veränderung. Wer so aufwächst, dem fällt es schwer sich frei zu schwimmen, oder aber er rebelliert gegen die muffige Enge, gegen sich wiederholende Muster und einen vorgezeichneten Weg. 

Deniz Ohde, geboren 1988 in Frankfurt/Main, studierte Germanistik in Leipzig. Mit ihrem Roman “Streulicht” war sie nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020 (Shortlist), und wurde ausgezeichnet mit dem aspekte – Literaturpreis 2020 und dem Literaturpreis der Jürgen Ponto Stiftung im gleichen Jahr. Feinfühlig bringt sie mich zum Nachdenken, zum Überdenken meines Standpunktes.

Mit sprachlich schmerzvoll schönen Bildern zeichnet sie. Die Industrielandschaft, die sie als Kulisse für ihren Roman wählt, legt mit ihren Auswürfen einen Schleier auf das was jenseits der Ortsgrenze geschieht. Im Sommer als Rauch und Nebel, im Winter als Schnee, der alles umhüllt, auf das es leiser und dumpfer werde. Wird es aber nicht …

Häme und nein, kein Kopftuch. Den Nachnamen verbergen, den zweiten Vornamen geheim halten, damit kein Rückschluss möglich war. Ihre Herkunft und die Bilder, die sie erzeugte konnte sie nicht verleugnen.

“Alle Anfeindungen glitten mir aus den Händen, glitten an der verspiegelten Scheibe herab und rutschten langsam zu Boden, wo sie kleben blieben, wie ein Stück zerkautes Zellophan. Jede Anfeindung spielte sich zwischen den Zeilen ab und war immer schon wieder verschwunden, wenn ich sie ansprechen wollte.”

Textzitat Deniz Ohde Streulicht

Nicht nur ihre Figuren hat die Autorin stets fest im Blick, auch die jeweiligen “Gegenüber” behält sie genau im Auge, wach und präzise zeichnet sie sprachlich nach was sie sieht. Das Zwinkern der Augen, das Leben, das in Mimikfalten eingesunken ist. Mit einem hohen Detailierungsgrad baut sie ihre Szenen.

Ja, auch wir kennen Schubladen genug und sorgfältig sortieren wir alle die uns begegnen ein, sammeln Eindrücke von diesen Personen und legen sie mit in den jeweiligen Schubfächern ab. Einmal so eingeordnet lassen wir so schnell keinen mehr aus seinem Fach heraus. Besonders wenn die allgemein vorherrschende Meinung der eigenen auch noch entspricht. 

Fassaden überzogen von Feinstaub. Eine düstere, trostlose Stimmung ergreift mich und diese Schwermut, die unter Ohdes Sätzen liegt, verlässt mich nicht mehr bis zum letzten, von ihr wunderbar ausformulierten.

Nur nicht auffallen, im Leben möglichst unauffällig und gut durchkommen, sich anzustrengen führt zu nichts. Wenn das die Maxime des eigenen Vaters ist, wie befreit man sich davon? Nicht versetzt, muss die Schulform wechseln. Sommerferien als Außenseiter. Dann eben kein Realschulabschluss, oder doch? Aber dann auf der Abendschule.

Alte Gewohnheiten und ein Elternhaus in dem noch alles ist wie es war. Mit einer gehörigen Portion Melancholie führt mich Ohde in ihre Geschichte hinein. Lässt ihre Protagonistin nach Hause kommen. Erwachsen ist sie jetzt, wegen einer Hochzeit ist sie hier. Freunde mit denen sie früher auf der Wiese am Fluss gespielt hat wollen sich trauen.

Staubige, kurvige Straßen, Prügel mit der Eisenstange prügelt. Hier war ihre Mutter hergekommen, zu einer Schwester nach Deutschland war sie geflohen, aus der Türkei. Geboren in einem Land fern der Heimat der Eltern. Pendeln zwischen zwei Welten. 

Wie sehr lassen wir uns davon leiten, vom Äußeren auf das Innere eines Menschen zu schließen und denken, das kann er nicht weil? Das darf er nicht, denn … Können sich Lehrer von solchem Schubladendenken frei machen? Mich hat erschrocken, dass man in unserem Land für Bildung kämpfen muss wenn man leistungsbereit ist. Kämpfen für den Wiedereintritt in ein Schulsystem, durch dessen Raster man gefallen ist, weil zwanzig Lehrer bei einer Notenkonferenz eine Schülerin übersehen, die sich soweit in sich zurück gezogen hat, dass sie wie ein stilles Mäuschen unter dem Tisch zu sitzen scheint …

“Niemand hatte sich je die Zeit genommen den Scheffel ausfindig zu machen unter dem mein Licht stand … Der Scheffel waren die Wände, gegen die Nachts die Aschenbecher flogen. Der Scheffel war “sei still” und “sprich lauter”. Zwei Forderungen die ich gleichzeitig erfüllen sollte …”

Textzitat Deniz Ohde Streulicht

Ohde wertet nicht, sie zeigt nur auf. Klug und weitsichtig. Zeichnet ein Erleben nach, dass mich hart schlucken lässt. Wie sie die Schuldfrage aufwirft, die Tatsache, dass ihre Heldin die Schuld stets bei sich sucht. Auch dann noch, als man sie auf dem Schulhof absichtlich über den Haufen rennt und bewusstlos und blutend liegen lässt.

Vieles von dem was diesen Text ausmacht, passiert bei mir gar nicht beim Lesen sondern erst danach. Stoffe die wirklich nachklingen, solche die man später immer mal wieder zitiert, weil sie sich so tief eingegraben haben, sucht man als Leser, dieser hier ist so einer.

Dieser Roman empört mich und das soll er ruhig. Es ist gut so. Und hoffentlich empören sich auch noch viele andere, über das worum es ihm geht, respektive ihr, Deniz Ohde. Lasst Euch also aufwühlen, wachrütteln und zündet den Funken der bewirkt, das es uns allen bewusst ist, dass wir selbst es immer in der Hand haben, wie vorurteilsfrei wir jemandem gegenübertreten. Wie wir jemanden annehmen und ob wir, die wir an Lebenserfahrung schon einiges aufgesammelt haben, wirklich bereits sind die Jüngeren zu fördern, oder ob wir sie nur belehren wollen. Eines besseren belehren, weil wir es ja besser wissen …

Marit Beyer, Sprecherin für Rundfunk und Fernsehen, studierte in Stuttgart und St. Petersburg, unterrichtet am Institut für Sprechkunst in Stuttgar. 2015 wurde sie nominiert als Beste Sprecherin für den Deutschen Hörbuchpreis, sie ist für mich eine wahre “Ohrenweide”, von ihrem ersten vorgelesenen Satz an hat sie mich. Wenn sie liest, fühlt es sich für mich so an, als breite sie die Arme aus um mich in ihre Umarmung aufzunehmen, in diesem Fall ungekürzt, rund 480 wunderbare Minuten lang. Warm und traurig klingt ihre Stimme und sie nimmt Ohdes Ton auf, als wäre es der ihre. Sie klingt jung und verletzlich in der Rolle dieser Ich-Erzählerin, sie berührt mich, versteht es, diese Geschichte auf eine Ebene zu heben, die diese Fassung zu einem Ausnahme-Hörbuch macht. Ich habe ihren Vortrag sehr gemocht und ihn nur widerstrebend verlassen, habe dann schnell den Stift genommen und es für meine Jahres-Bestenliste notiert.

Mein Dank geht an den BonneVoice Hörverlag für dieses Besprechungsexemplar.

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2 Kommentare

  1. Petra
    27. November 2020

    Sehr gerne Heidi, es freut mich, dass Dich dieser Roman auch so angeregt hat wie mich. Auf die Stimme dieser jungen Autorin dürfen wir weiterhin gespannt sein, will ich meinen. LG von Petra

  2. Heidi
    27. November 2020

    Vielen Dank liebe Petra, habe die Geschichte gerade zu Ende gehört.
    Und wieder einmal bin ich wach gerüttelt, obwohl ich dachte es sei nicht mehr nötig. Wie schnell man wieder in alte Denkmuster verfällt wird mir gerade bewusst. Darüber muss ich mal nachdenken.
    Liebe Grüße, Heidi

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