Grand Hotel Europa (Ilja Leonard Pfeijffer)

Hotelgeschichten. Ich liebe Hotelgeschichten. Habe ich das schon gesagt? Menschen im Hotel von Vicky Baum, oder auch Hotel Angst von John von Düffel, fallen mir da spontan ein. Oder auch, einer meiner Lieblingsfilme ever: Best Exotic Marigold Hotel, der in Jaipur spielt, so charmant! Je verstaubter desto lieber, besonders die historischen Gemäuer haben es mir angetan. Kein Wunder das, mich diese Geschichte hier angezogen hat wie ein Magnet. Kommt, checken wir ein ins Grand Hotel Europa, das Ambiete ist großartig, ein junger Page erwartet uns beflissen direkt am Eingang und dieser Concierge, Herr Montebello ist ein echtes Unikat, versprochen …

Grand Hotel Europa von Ilja Leonard Pfeijffer

Das Grand Hotel Europa. Hier schien niemand auf der Durchreise zu sein. Alleine das man an seinem Stammplatz im Restauran einen schweren silbernen Servierttenring mit eingraviertem Namen vorfand, bei soviel Mühe konnte man nicht sofort wieder abreisen. Kundenbindung ganz raffiniert und mit Stil. 

Was für ein plätscherndes Spektakel. Im Springbrunnen vor dem Hotel  hatte man die Wassernymphe wieder aufgeweckt. Herr Montebello war aus dem Häuschen! Alles das machte er möglich: Der Investor Herr Wang aus China. Der jetzt und heute auf einem Meeting mit den Stammgästen in der großen Halle besteht. Er lässt bitten und der Schock könnte nicht größer sein, auch wenn dazu Champagner gereicht wird. Der barocke Kronleuchter, war er auch defekt gewesen, so blieb er doch das Zeugnis einer glanzvollen, wenn auch verblichenen Epoche und handwerklicher Kunstfertigkeit, war ausgetauscht worden gegen einen mit LED – Lämpchen und Swarovski Kristallen. Sogar Farbwechsel und Discolicht waren jetzt möglich. Ein Hoch auf Europa meint Herr Wang und erhebt sein Glas, ich habe Gänsehaut …

In diesem Hotel gibt es keine einzige Uhr, man muss seine eigene Zeit von draußen mitbringen will man ihr folgen. Einzig die Glocke, die die Gäste zu den Mahlzeiten ruft verleiht dem Tag seine Struktur. Was für ein Bild, ich liebe es!

Ilja Leonard Pfeijffer, geboren 1968 in Rijswik, niederländischer Schriftsteller und Dichter, siedelte sich 2008 nach Genua um, wo er auch heute lebt. In den Niederlanden zählt er zu den bekanntesten Autoren. Sein letzter Roman war dort 2019 das meistverkaufte Buch des Jahres. Im Interview gibt er an, dies sei das perfekte Buch um sich den Urlaub zu verderben. Also, ich war gespannt und erlebe tatsächlich eine fulminante Reise und Geschichte, angereichert mit geradezu raumgreifenden, philosophischen Diskursen.

Europa produziert kaum noch und es spricht nicht mit einer Stimme. Kaum ein Gebrauchsgut das wir in Händen halten, das nicht aus einer chinesischen Manufaktur stammt. Die Träume der Europäer kommen aus Hollywood, unsere Kleidung ist “Made in Bangladesch” .

Gewählt sind Pfeijffers Worte und wohl werden sie gesetzt. Einen wachen Blick und wohl so einiges an Recherche setzen diese Gespräche, die hier in gepflegter Atmosphäre stattfinden voraus. Wo man von dienstbaren, diskreten Geistern umwuselt wird.

“Die Zukunft Europas, ist das Europa wie es leibt und lebt. Ein Erholungsgebiet für den Rest der Welt. Stellt sich die Frage ob das schlimm ist …

Textzitat Ilja Leonard Pfeijffer Grand Hotel Europa

Der grandiose Caravaggio, auch seinem Schaffen und einem verschwundenen Gemälde von seiner Hand, respektive der Suche nach ihm darf ich hier begegnen. Ich erfahre von dem Geheimnis das sich um des Malers Tod rankt aus berufenem Mund.

Was in diesem Hörbuch geschieht lässt sich schwer alles in einer einzigen Rezension fassen. So viel bringt Pfeijffer in seinem Roman, den Ira Wilhelm wunderbar übersetzt hat unter. Reiseerlebnisberichte aus Thailand, Pakistan, Mazedonien, Abu Dhabi, Malta und Amsterdam.

Was er Touristen hier erleben lässt zieht mir teilweise die Schuhe aus, so wird selbst davor, bei einer öffentlich vollzogenen Vergewaltigung dabei zu sein, nicht zurückgeschreckt! Schließlich ist man ja kein normaler Tourist, der nur hergekommen ist um die Sehenswürdigkeiten zu bestaunen. 

Die losen Fäden seiner Geschichtensammlung nimmt das Alter Ego Pfeijffers auf und verknüpft sie zu einem roten. Reichlich Seitenhiebe auf die Auswüchse des Massentourismus, seine Auswirkungen auf den Klimawandel bringt er unter. Er überlegt laut, das das alte Europa gut daran täte sich mehr nach Afrika zu öffnen. Schaut liebevoll aber auch kritisch auf Italien, seine Wahlheimat. 

An den Pranger stellt er touristisches Verhalten, die Suche nach dem vermeintlich authentischen Erlebnis und wählt dafür ganz drastische Bilder. Verwegene Ideen, gar mittelalterliche Folterfantasien erblühen bei seinem Helfen, wirft er seinen Blick auf die Touristen, die getreu nach dem Motto agieren “Und alle benehmen sich daneben”. Hämische und augenzwinkernde Blicke sind das und daneben dann das Bestreben unseres ich-erzählenden Schriftstellers, gleich wo ER auftaucht als Einheimischer durchgehen zu wollen, belustigen mich. 

Seinem eher in der Vergangenheit verhafteten Dichter stellt er als Pendant den Hotelpagen Abdul gegenüber. Der vorwärtsgewandt nach seiner Zukunft sucht, während Schriftsteller Ilja in der Vergangenheit wühlt. Es geht turbulent zu und auch gemächlich, genussvoll und auch eine Affäre mit einer kapriziösen Kunsthistorikerin die ad acta gelegt werden muss ist Teil des Ganzen. 

Und Pfeijffer schreibt geradezu malerisch. Wortgewandt und ironisch lakonisch. Kaum habe ich mit meinem Schriftsteller im Grand Hotel Europa eingecheckt, unternehme ich auch schon einen Spaziergang durch Venedig mit ihm, und der ist nicht nur sprachlich wunderschön. Die Lagunenstadt präsentiert sich mit dem Charme der Vergänglichkeit. Holzpfähle schimmern im Wasser auf dem Gondeln treiben. Ummauerte Gärten und geheime Feste mit Maske. Statuen und reichlich Blattgold, auf Soireen tanzen Schönheit und Neid miteinander, war man zu Gast bei der Familie, die die kostbarste Kunstsammlung der Stadt ihr eigen nannte. 

Dann ein Szenenwechsel: Schwenk auf eine Demonstration gegen Flüchtlinge aus Afrika. Gegen Kreuzfahrer die mit gefährlichem Wellenschlag die Stabilität der mittlerweile fragilen Palazzi gefährden.

Zurück im Hotel eine Zigarettenpause vor dem Haupteingang mit Abdul, der davon erzählt wie er von zu Hause geflohen ist, durch die Wüste, von den Schreckensbildern die sich in seinem Herzen eingenistet haben. 

Warum sind wir heute unterwegs? Was treibt uns um bei der Urlaubsplanung? Ist es wirklich das Entscheidende ein Selfie vor möglichst exotischer Kulisse posten zu können? Sagt das über uns aus wer wir sind? Wetteifern wir deshalb mit Freunden und Kollegen um das anspruchsvollste Urlaubsziel? Wundern uns dann, wenn wir an dort dann auf zahlreiche andere Reisende treffen, fühlen uns gestört und des perfekten Eindruckes beraubt. Die Billigflieger haben die Welt verändert, sie kleiner werden lassen, wir Europäer schwärmen aus, bis in die hintersten Ecken der Welt, keiner ist mehr vor uns sicher, während die asiatischen Touristen das alte Europa bestaunen wie ein Museum des Vergangenen? Pfeijffer wirft provokant Fragen auf die mich nachdenklich machen und nicken lassen.

Gibt es auch Kritik von mir? Ja, gibt es. Diese schriftstellernde Hauptfigur, Schwerenöter und Frauenflüsterer mit ausschweifendem Sexleben (was sehr detailreich dargelegt wird, seufz, Männerfantasien halt), den mochte ich nicht wirklich. Aber herrlich reiben kann man sich dafür an ihm. Mit ihm versöhnt mich, dass er ein Europäer ist, ein waschechter, der an die europäische Idee glaubt und unsere Werte fest in seinem Kodex verankert hat. Und es hat ja auch seine Clio, seine Muse, die ihm trefflich Paroli bietet, was die streiten und verbale Aufwärtshaken austeilen kann. Wunderbar! Das hat er aber auch verdient. Der Herr Schriftsteller, wenn ihr mich fragt. 

Wie aus der Zeit gefallen, muten die Bilder an, die Pfeijffer zeichnet in dieser Zeit der Pandemie, wo vor allem das Reisen ausgesetzt ist. Bilder, vom Gedränge auf dem Markusplatz, vor den Uffizien, in der Sixtinischen Kapelle, hat es das tatsächlich so gegeben? Man möchte sich die Augen reiben …  

Eine ungeheuer dichte, bemerkenswerte Geschichte ist Pfeijffer da gelungen, ich höre mich an ihr satt. Wie eine Matroschka Puppe verschachtelt, ganz und gar erstaunliche Fakten und Zahlen hat er  zusammengetragen und in seine Geschichte verpackt. Sie ist in jedem Detail von “Hand gemacht”. Opulent und abenteuerlich und ER garniert sie, ist für mich die Kirsche auf der Torte: 

Thomas Loibl, geboren 1969 in Brüggen am Niederrhein, deutscher Schauspieler, spielt gerne die “schwierigen” Typen und war schon für den Grimme Preis nominiert. Die ironischen Noten dieser Geschichte sind echt seins. Sie versteht er besonders gut aufzugreifen und zu verstärken. Er treibt diese Sätze auf die Spitze gekonnt und professionell. Großes episches Kino für die Ohren ist das, ungekürzt war ich satte 19 Stunden und 24 Minuten lang u.a. auf den Hotelfluren des Europa mit Loibl unterwegs. Besser hätte man mich nicht an die Hand nehmen können. Er ist der perfekte Erzähler für diesen Stoff, stimmlich hat er die notwendige Introvertiertheit um diesen Protagonisten nachzuzeichnen, schaffte es seine permanente Grundempörung zu betonen. Er versteht es, die Formulierkunst von Pfeijffer auf den Punkt in Szene zu setzen. Die Freude, die er beim Lesen des Textes empfunden haben muss hört man zwischen den Zeilen. Sehr schön!

Wer also einmal so richtig den Kopf darüber schütteln will, was in der Welt so alles unternommen wird um Touristen zu bespaßen, wer sich fragt, lernen wir aus dieser Pandemie und gibt es ein Umdenken auch in der Reisebranche? Den lade ich ausdrücklich ein, sich von diesem Autor einmal den Spiegel vorhalten zu lassen. Denn das kann er und wer das mag, der ist bei ihm richtig, blattgoldrichtig …

Mein Dank geht an den Verlag Hörbuch Hamburg für dieses Hör-Exemplar.

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