Die Tanzenden (Victoria Mas)

Sonntag, 24.05.2020

Hoch aufragende Mauern, ein Moloch im 13. Pariser Arrondissement: Das Hôpital de la Salpêtrière erbaut unter Ludwig XIV. zusammen mit dem Hôtel des Invalides, galt im 19. Jahrhundert als die bekannteste psychiatrische Anstalt Europas. Sein Name geht auf eine Munitionsfabrik zurück die Salpeter herstellte und die zuvor auf diesem Gelände stand. Das Gebäude beherbergte in der Spitze bis zu 8.000 Patienten. Ähnlich der “Titanic” folgte man hier bei der Unterbringung einer strengen Hierarchie. Unten vegetierten Bettler, Prostituierte, gescheiterte Selbstmörder im Dunkeln und in den oberen Stockwerken gab es die Parade der Stars, der Hysterikerinnen, die man wie Schauspielerinnen feierte. Von 1825 – 1893 lehrte hier der Neurologe Jean-Martin Charcot, und für die Hysterikerinnen, die er regelmäßig auch öffentlich vorführte, wurde eigens ein Amphitheater auf dem Gelände errichtet. 1885 traf Charcot hier auf Sigmund Freud, dem er ein Lehrer für Hypnose wurde.

Die Autorin Victoria Mas öffnet in ihrem Roman Die Tanzenden für uns die Pforte dieses Krankenhauses. Tretet näher, tretet ein und über diese Schwelle. Uns die Leser und Hörer dieser Geschichte lässt sie nicht nur ins Auditorium, wir kommen auch in die dunklen Isolationszellen, in die  Schlafsäle der Frauen und wir lernen einige von ihnen näher kennen:

Hôpital de la Salpêtrière (Bildquelle Wikipedia)

Die Tanzenden von Victoria Mas

Eingeordnet, eingeschlossen, weggesperrt. Geisteskrank sind alle Frauen hier. Auch Louise, 16 Jahre alt. So sagen sie, und sie wird heute “vorgeführt”, in einer medizinischen Vorlesung. Die Aufmerksamkeit der Studenten im Auditorium, ist nicht nur ungewohnt, sondern auch überfordernd, lebt sie sonst doch im Verborgenen.

Studienobjekte. Ich schaue auf ein Mädchen, das im Körper einer jungen Frau steckt und versuche nachzuempfinden, wie es sein muss, vor allen so ausgestellt, ja benutzt zu werden. Alles durchdringende Blicke, auch wenn in ihnen medizinisches Interesse liegt, die sich wie abtastend anfühlen, die verlegen und unsicher machen. Nicht wissen, was gleich passieren wird, was sie einem antun werden …

Gemälde von André Brouillet 1887. Charcot demonstriert die Hysterie-Patientin Blanche Wittman im Hörsaal der Salpêtrière. Bildquelle Wikipedia

Victoria Mas, geboren 1987 in Le Chesnay, lebte acht Jahre in den USA, arbeitete dort beim Film, als Standfotografin, Übersetzerin und Script Supervisor. Nach ihrer Rückkehr studierte sie Literatur an der Sorbonne und arbeitet als freie Autorin und Journalistin. Für “Die Tanzenden” wurde sie mit dem Prix Stanislas und dem Prix Renoudot des lycéens ausgezeichnet.

Im französischen Original erschienen 2019, trägt der Roman den Titel Le bal des folles, “Der Ball der Verrückten”, was für eine Veranstaltung das war! Sprachlich anmutig ist seine deutsche Übersetzung gelungen. Mit großer Empathie für die handelnden Figuren ist er ausgestattet. Am Montmartre trinkt man Absinth, die Basilika befindet sich noch im Bau und das Viertel hier ist verrufen.

Hysterie nannte man den Gemütszustand, in dem sich die Frauen befanden, die vielfach von ihren Familien verstoßen worden waren und den Stempel, den man ihnen aufdrückte, um sie zu Verrückten zu machen. Mit Hypnose versuchte man sie zu “kurieren”, Anfälle versuchte man gezielt auszulösen um aus ihnen Schlüsse zu ziehen. Eingewiesen war man schnell. Gründe gab es reichlich, wenn man den gängigen Erwartungen als Frau nicht entsprach. Was für ein Bild! Was für ein Horror. Schuldig an der eigenen Meinung weggesperrt werden.

Lasst Euch nicht täuschen von diesem Röckchen aus Federn, hier wartet keine Ballett-Geschichte, kein Spitzentanz und kein munterer Reigen zu Musik, keine romantische Liebesgeschichte. Auch wann man zwischenzeitlich mal am Montmartre und bei den Bookinist unterwegs ist, eine ganz besondere Buchhandlung betreten darf, spielt das Gros der Geschichte hinter den Mauern der Salpêtrière.

Ein Ort voller Geister ist diese Anstalt. Die Frauen, die sie nicht lebend verlassen haben, haben ihre Seele hier zurück gelassen. Was für eine Schicksals-Sammlung man hier finden kann.

Wer hier einen Roman erwartet, in dem man tanzt, der täuscht sich. Wer sich aber auf eine mit leichter Hand erzählte Geschichte freut, die ein schweres Thema wie ätherisch schweben lässt, der ist hier richtig. Victoria Mas ist genau das gelungen. Vor uns erwacht eine Epoche und die Szenerie einer alt ehrwürdigen Klinik mitsamt Auditorium, Eisenbetten und Schreien, die einen frösteln lassen. Dem berühmtesten Nervenarzt von Paris kann man hier in den Fluren begegnen und dem Raunen zwischen den Zuhörer-Reihen während seiner Vorführungen beiwohnen.

Denn dieser Charcot gilt als Halbgott in Weiß. Er hatte einzig den medizinischen Nutzen im Sinn. Sagt man. Seine Heilmethoden sind für mich mehr als fragwürdig, nein, entwürdigend und teils sogar sadistisch. Der Zweck heiligt nicht jedes Mittel! Keinesfalls! 

Wie von Dämonen besessen winden sie sich am Boden. Das sind tatsächlich keine Frauen mehr, nur noch Objekte. Wie an Schnüren gezogen, durch Medikamente und Ärzte verbogen. Kein Winkel an ihnen und in ihnen ist noch privat. Sie sind irre und man muss lediglich dafür sorgen, dass die Bedingungen unter denen sie hier aufbewahrt werden akzeptabel sind. Das ist das was die Gesellschaft denkt und sie bestimmt auch wer als hysterisch oder irre gilt.

Ich erlebe eine Zwangseinweisung und mir graut es richtiggehend. Wie furchtbar, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, nur weil man der Norm nicht entspricht. 

Was machen Sie nur mit Ihr? Eugénie, wenn sie sie nach Widerworten aus dem Behandlungszimmer schleifen? Louise was haben sie Dir angetan? Sie haben dich umstellt und Du liegst am Boden. Die Rückkehr aus der Hypnose scheint dieses Mal nicht geglückt. Therese, das ist Dein zu Hause, die Aussicht auf Deine Entlassung ist für Dich wie ein Todesurteil. Wie gut ich Dich verstehen kann. Ich wäre Louise und Eugénie so gerne beigesprungen!

Der Wert einer Frau, woran bemisst er sich? Ehefrau werden, wenn man es noch nicht ist. So einfach ist das. Was aber, wenn man das gar nicht vor hat? Wenn man lieber selbst über das eigene Leben bestimmen will. Die ist doch “nicht ganz gesund, sie ist eine Irre”, heißt es da alsbald. Das vom eigenen Vater. Wie, sei hat “Erscheinungen” – et voilà ist man eingesperrt!

Wie weit der Weg doch gewesen ist, den die Frauen zurück gelegt haben um die Rechte, die sie heute haben zu erstreiten. Das nicht unter jedem Regime, stimmt, aber zumindest in Kern-Europa. Mas webt diese Gedanken ganz fein in ihr “Texttuch” ein

Wie erfüllend es ist, wenn man endlich weiß, wer man selbst ist, wer man sein darf. Ein Satz wie eine Ohrfeige, und der, der ihn ausspricht ahnt nicht, das er wie eine Initialzündung wirken wird. Wer darf über die geistige Gesundheit anderer entscheiden? Ist ein solches Urteil ohne Einschränkung möglich? 

Was passiert mit uns, wenn wir das Diesseits verlassen? Dieser Frage gehen die Weltreligionen nach und viele Geschichten ebenfalls. Und auch sie wirft Victoria Mas auf. Was geschieht mit wandernden Seelen und gibt es unter den Lebenden solche, die mit ihnen in Kontakt kommen können?

Spannend und sanft zugleich. Nicht viele Geschichten schaffen das, eine solche Gegensätzlichkeit zu vereinen. Reiht Euch ein in diese Quadrille, lasst Euch einladen zu diesem letzten Ball, dreht Euch mit mir im Kreis, bis Euch Schwindel erfasst. Was für eine wunderbar schreckliche Geschichte. Herrlich atmosphärisch erzählt.

Es lebe die Courage. Es lebe die Lust am Leben. Es lebe die Freude daran, Frau zu sein! Frauen schreiben anders, und das ist auch gut so! Dieser noch jungen Autorin wünsche ich auf ihrem Weg alles Gute und das Erobern noch vieler weiterer Leser-Herzen. Ich lege sie Euch vertrauensvoll ans Herz, nicht nur den Frauen unter Euch und bitte hört sie, auch wegen ihr …

Wiebke Puls, Vollblut-Theaterschauspielerin, geboren 1973 in Husum, ist Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen, wurde vielfach als Schauspielerin ausgezeichnet und 2018 auch für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert. Sie liest ausgeprägt einfühlsam und sanft, ist für mich eine Idealbesetzung für diesen Text. Mal bittend, mal flehend, nachdenklich, unerbittlich, verletzlich was auch immer er von ihr fordert, ihr abverlangt, sie weiß es zu geben. In der richtigen Dosis. Sie schafft es, dass ich blinzelnd, nachdem der letzte Ton verklungen ist, aus einer anderen Welt auftauche. Ihre Stimme hat mich hypnotisch hineingetragen in eine andere Zeit, hat mich gehalten, wenn ich kurz davor war zu eskalieren. In einer meiner Lieblingsszenen ist sie liebevolle Briefvorleserin. Auf bald, Frau Puls, denn ich habe noch ein Hörbuch von Ihnen in meinem Vorrat, auf das ich mich jetzt umso mehr freue!

Mein Dank geht an den HörbuchHamburg Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

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