Die Pest (Albert Camus)

Den schwarzen Tod nannte man ihn, oder sie: Die Pest. Im 14. Jahrhundert wütete sie auch in Europa. Eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte nahm seinerzeit ihren Anfang in Zentralasien, über die damaligen Handelsrouten, u.a. die Seidenstraße, gelangte die Seuche auch nach Deutschland. Weltweit zählte man damals 25 Millionen Tote. Immer wieder sollte die Krankheit danach lokal begrenzt wieder aufflammen. Etwa 1665/66 in Südengland. Allein in London starben damals 70.000 Menschen. Am Ende des 19. Jahrhunderts begann eine dritte große Pest-Pandemie in China. In Madagaskar verzeichnete man zuletzt 2017 noch über 120 Pest-Tote …

Dieses Bakterium, mit Namen Yersinia pestis ist tückisch, es schläft nur ein. Es überlebt im Zweifel Jahre, ja ein ganzes Jahrzehnt, weil es das kann. In Kleidungsstücken, auf Gegenständen. Es ruht und wartet, geduldig um dann, wenn alle Erinnerung an es längst verblasst ist, seine Ratten, seine Flöhe, wieder zu wecken …

Die Pest von Albert Camus

Der Schauplatz: Oran, eine französische Präfektur an der algerischen Küste. In den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts. 

Hier trieb man Handel, arbeitete viel, vermehrte Reichtum und Wohlstand. Alles begann mit einer toten Ratte im Hausflur, über die der Arzt Bernard Rieux am Morgen auf dem Weg zu einem Patienten stolperte. Am Abend begegnete ihm eine zweite Ratte. Vor seiner Wohnungstür. Sie lebte noch. Kur. Ihr Fell war feucht, ihre Schnauze blutig, sie brach vor ihm zusammen, erbärmlich quiekend. Am Tag darauf, schippte sein Hausmeister dann schon drei Tote Ratten aus dem Treppenhaus auf die Straße …

Sie krochen heraus, der Hunger treibt sie, sagen die Alten. Hunderte Rattenkadaver sollten es in den kommenden Tagen werden. In Fabriken, Wohnhäusern, hinter Mülltonnen fand man sie. Dann waren es tausend Ratten allein an einem Tag, die Behörden waren überfordert. Das Amt für Schädlingsbekämpfung sammelte Morgen für Morgen die toten Tiere ein und ließ sie verbrennen.

Der Hausmeister des Wohnhauses von Monsieur Rieux war in der Folge das erste menschliche Opfer. Knoten am Hals und hohes Fieber zeichneten ihn. Die Zunge schwarz und geschwollen.

Nur nicht schwarzsehen. Ansteckung war doch gar nicht bewiesen. Viele auch in den Haushalten Kranker waren ja noch gesund! Tapfer ignorierte man das Offensichtliche.

Dann begannen sie Zeitungen zu schweigen. Die Bewohner, in Angst, begannen nachzudenken. Man wagte es nicht, obwohl man es längst wusste, das Kind beim Namen zu nennen. Diese Krankheit, es war die Pest. 

Panik griff um sich. Diejenigen, die die Zeichen deuten konnten wussten, es würde mehr Tote geben. Schnell. Immer schneller. Wenn man nicht entschieden handelte. Jetzt gleich.

Doch erst einmal herrschten Machtlosigkeit und Verleugnung statt Konsequenz und Disziplin. Gewohnheiten galt es zu ändern. Das aber stieß auf Widerstand. Auf Unverständnis. Auch dann noch als man zwanzig Tote und mehr am Tag mit den gleichen Symptomen zählte.

Der Name dieser Krankheit tat im Grunde nichts zur Sache. Und doch – jeder Dämon brauchte einen Namen. Dieser hier machte keinen Unterschied, was Stand oder Hierarchie anbelangte. Vor ihm waren alle gleich. In den Gefängnissen starben Häftlinge, Aufseher und Direktoren gleichermaßen. Besonders dort wo man in Gruppen zusammenlebte schlug er zu …

Also ich hatte hier eine Dauer-Ganz-Körper-Gänsehaut. Es hat so unglaublich viele Parallelen zur aktuellen Corona-Pandemie! Die Nicht-Handelnden und der Unglaube. Es gibt sie auch hier, die die hartnäckig leugnen, die die ihre Macht bedroht sehen, die die keine Rücksicht nehmen wollen, die die Verschwörungen spinnen und die ihre Gewohnheiten nicht verändern wollen, und es gibt auch sie: Die Angst. Die nackte Panik nicht mit dem Leben davon zu kommen. Angehörige qualvoll sterben zu sehen, in Isolation zu geraten. Der Glaube und die, die Gott gut kennen versuchen zu fassen was geschieht.

Die Vorboten des Schicksals darf man nicht ignorieren. Gefühlt jeder hat während des Corona Lockdowns diesen Roman von Albert Camus gelesen. Camus (*1913 – +1960), französischer Schriftsteller und Philosoph, arbeitete während der Kriegsjahre als Journalist in Paris für den Widerstand. Fünf Jahre schrieb er an “Die Pest”, im Juni des Jahres 1947 wurde die Novelle erstmals veröffentlicht. 1957 erhielt Camus den Literaturnobelpreis. Also ich hatte nicht das Gefühl hier einen Klassiker in der Hand zu haben, so gegenwärtig ist er. Was vielleicht auch mit an der Übersetzung von Guido G. Meister liegen mag.

Gegliedert in 5 Akte, weshalb man dieses Drama auch schon als Theaterstück mit Erfolg inszeniert hat, ist es eine Chronik dafür und darüber wie wir dem Bösen gegenübertreten. Camus geht dabei mit einer Feinheit in die Tiefe, vor der ich großen Respekt habe, die mich sehr angefasst hat.

Die Hörbuch-Fassung bietet mehr. Mehr Schaudern, mehr Gänsehaut. Ein bedrohliches Anschwellen von Orchesterklängen zwischen den Kapiteln jagt sie mir über den Rücken. Wie eine heranrollende Welle. Man spürt sie tief im Bauch. Diese Musik stützt die dramatische Zuspitzung der Ereignisse. Großartig inszeniert und vorgetragen ist sie auch. Er lässt mich frösteln mitten im Hochsommer …

Als Erzähler nimmt mich der Schauspieler Ulrich Matthes, den ich u.a. als deutschen Synchronsprecher für Kenneth Branagh und Sean Pean kenne, stimmlich bei der Hand und führt mich 192 Minuten lang sicher durch diese grausige Szenerie. Lässt mich die Abstumpfung, die Niedergeschlagenheit die auf den Aufruhr und die Angst der ersten Wochen folgt hautnah erleben.

Die Gewöhnung an die Verzweiflung sei schlimmer als die Verzweiflung selbst schreibt Camus. Ärzte und Sanitätspersonal ermüdet, sie sind plötzlich nicht mehr dazu da um zu heilen, sondern sie haben an 20-Stunden-Tagen die Isolation zu organisieren. Das wühlt mich auf, sprachlich wie inhaltlich. Camus klingt hellsichtig und mein Herz klopft laut und fest, während ich Vergleiche ziehe zur Corona-Pandemie, wie sehr sich Verhaltensmuster wiederholen finde ich erschreckend. Alles schon mal dagewesen, lernen wir denn gar nichts dazu? Ich hoffe doch …

“Heimsuchungen treffen tatsächlich alle Menschen gleich. Aber es ist schwer an sie zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen. Wenn ein Krieg ausbricht, sagen die Leute, er kann nicht lang dauern, es ist zu unsinnig und ohne Zweifel ist ein Krieg wirklich zu unsinnig, aber das hindert ihn nicht daran lange zu dauern. Dummheit ist immer beharrlich. Das merkte man, wenn man nicht immer mit sich selbst beschäftigt wäre …”

Textzitat Albert Camus Die Pest

Diese Feinde sind immer unsichtbar. Aber immerhin kennt man ihn hier schon. Wir kennen den Virus, der uns heimgesucht hat noch immer nicht gut genug. Dennoch sind wir den Bewohnern in dieser Geschichte ähnlich. So ähnlich. Wir glauben nicht an eine Heimsuchung, weil wir das nicht wollen. Wir schimpfen lieber über Einschränkungen, die uns auferlegt werden, bringen nicht einmal die Disziplin auf korrekt eine Mund-Nasen-Bedeckung beim Einkaufen oder dann zu tragen, wenn wir anderen zu nahe kommen. Es fehlt uns am Anstand Abstand zu halten. Das scheint schon zuviel verlangt. Übertrieben und Blödsinn. Wie sagt Camus so treffend: 

“Da ein toter Mensch nur dann etwas wiegt, wenn man ihn tot gesehen hat, sind hundert Millionen über die Geschichte verstreute Leichen nichts als Rauch in der Einbildung.”

Textzitat Albert Camus Die Pest

Lest Camus, oder hört Camus. Es, er ist ein Augenöffner, ich hätte es mir so nicht vorgestellt und ich hoffe, er wird helfen das aufzuwecken was in unserer Gesellschaft offenbar keinen Stellenwert mehr hat, weil es anstrengend ist und uns aus unseren Komfortzonen reißt: Die gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis für ein beherztes, konsequentes Handeln der Verantwortlichen.

Wenn wir die Seuche, die Camus beschreibt als Metapher verstehen wollen, dann steht sie sicherlich auch dafür, das wir nicht vergessen dürfen, das Menschlichkeit kein Ablaufdatum hat …

Mein Dank geht an Steinbach Sprechende Bücher für dieses Rezensionsexemplar.

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