Die Geschichte der Bienen (Maja Lunde)

Sonntag, 17.09.2017

Bis zum Ende des Sommers habe ich mir diesen Roman aufgehoben. Jetzt, wo die summenden Bewohner in unserem Garten weniger werden, noch einmal lesend genießen wie sie ihr Tagwerk verrichten. Fleißig, unbeirrt und friedlich. Zurück denken an Blüten die rosa riechen und mich auf den frischen Honig freuen …

Mein Großvater war Imker und mein Vater nach ihm. Sein Bienenhaus, angrenzend an unser Wohnhaus im Garten, beherbergte bis zu zwanzig Völker. Ein paar nahmen jedes Jahr Reißaus, wenn die Königinnen wieder einmal in der Überzahl waren, wollten ein eigenes Volk gründen. Mussten dann wieder eingefangen werden, wollte man nicht wertvollen Bestand verlieren. Etliche Male bin ich da mit ausgerückt, teils ängstlich gestochen zu werden. Fanden ja nicht alle Bienen es toll wieder heim geholt zu werden. So manch üblen Stich habe ich mir dabei tatsächlich eingefangen, allergische Reaktionen inklusive. Konnte aber immer auch verzeihen, selbst dann, wenn ich Tage lang humpeln musste, weil meine Fußsohle dick und rund war. Läßt doch eine Biene beim Stich in einen Warmblütler ihr eigenes Leben, hat zuvor Todesangst …

In der Honigzeit mussten alle bei uns mit anpacken. Kalt geschleudert wurden die Waben. Der Honig zunächst in kleine Blecheimer abgefüllt, später dann in Gläser zum Verkauf. Honigschwanger war die Luft im kühlen Keller, der einmal eine Scheue gewesen war. Es summte, teils wütend um uns herum, entrissen wir doch den Bienen ihr Winterfutter, auch wenn es durch eine Zuckerlösung ersetzt werden würde. Untrennbar ist die Erinnerung an diese Zeit, mit der an meinen Großvater verbunden. Seine Bienenpfeife rauchend, vor seinen Völkern auf einem alten Hackklotz sitzend, in einer abgewetzten braunen Cordhose. Ein Schnappschuss, dem die Zeit nichts anhaben kann … Dieses Bild ist bis heute für mich mit dem Duft von Honig verbunden.

Die schlechte Note, die ausgerechnet ich, seine Enkelin, im Bio-Test für meine mangelhafte Kenntnis über den “Schwänzeltanz” bekam, empörte meinen Opa so sehr, dass er stundenlang am Küchentisch sitzend, bewaffnet mit Papier und Bleistift, dieses eine Thema mit mir übte. Das konnte doch nicht so schwer sein, zu verstehen, wie die Späher-Bienen im Stock angekommen verständlich machten, wo denn der beste Futterplatz lag. Oh, weh – verzeih mir mein Opa Wilhelm! Ich habe da auch heute noch heftige Wissenslücken …

Die Geschichte der Bienen (Maja Lunde)

1852, England. Dieser Satz seines Chefs und Mentors war ein schwerer Schlag ins Kontor! William eigentlich Biologe, Forscher, durch seine rasch wachsende Familie und die Sorge um deren Unterhalt, aber zur schnöden Arbeit in seiner kleinen Samenhandlung verdammt, verfiel in eine tiefe Melancholie. Heute würden wir ihm wohl einen akuten Burn Out attestieren. War seine Frau zunächst noch bestürzt, versuchte sie alles um ihm zu helfen, wuchs mit der Anzahl der Tage, die es William nicht mehr aus dem Bett schaffte, dann aber doch ihr Zorn. Zusammen reißen sollte er sich gefälligst, seine Familie ernähren wie es seine Pflicht war. Sieben Töchter und ein Sohn. Sein Sohn – er war es schließlich, der es schaffte William seiner Lethargie zu entreissen. Ein Buch, diese Geschichte über die Bienen, war es, die ihm neuen Lebensdurst einhauchte …

2007, Ohio. Journalist! Pah – das konnte doch wohl nicht wahr sein? George hatte jeden Penny zusammen gekratzt, damit sein Sohn zur Uni konnte. Ökonomie sollte er lernen, seinen Hof sollte er doch übernehmen, fortführen was seit Generationen den Unterhalt der Familie sicherte. Diesen Professor der seinem Tom diese Flausen in den Kopf gesetzt hatte würde er am liebsten in der Luft zerreissen! Und seine Frau? Sie wollte nur, dass Tom glücklich war. Pah! Sie dachte doch nur ans Wegziehen, nach Florida wollte sie. Dauernd lag sie ihm damit in den Ohren. Was war denn mit seinem Glück? Die Bienen waren sein Leben! Sein Leben als Imker, die zweihundertjährige Tradition in seiner Familie konnte er doch nicht einfach so aufgeben? Das es ausgerechnet die Bienen sein würden, die ihm seine Entscheidung abnahmen, damit war nicht zu rechnen gewesen …

2098, China. Es musste doch zu schaffen sein! Ihr kleiner Sohn Wei-Wen, alles würde sie tun, damit er diesem Joch entkommen konnte. Wenn er doch nur ein kleines bisschen lieber lernen würde, wenn ihr Mann Kuan sie doch nur ein ein klein wenig mehr dabei unterstützen würde. Heute an diesem ersten freien Tag seit Monaten, an dem sie nicht hoch oben in den Obstbäumen mit einem feinen Pinsel kostbare Blütenpollen aufgetragen hatte, wollten beide wieder nur eines – spielen! Zumindest mit der Idee eines Picknicks unter den Obstbäumen hatte sie sich durchsetzen können. Die Katastrophe überfiel die kleine Familie ohne Vorankündigung. Wie erstarrt betrachtete Tao ihren Sohn, der reglos in Kuans Armen lag. Wie eine Puppe mit verrenkten Gliedern. Blass, schwach atmend und still, so still …

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Kann ausgerechnet ein kleines geflügeltes Insekt das Bindeglied sein?

Maja Lunde, lebt in Oslo. Der Roman “Die Geschichte der Bienen”  ist ihr erster für Erwachsene und wurde in Norwegen bereits mit dem Buchhändler-Preis ausgezeichnet.

Sie wählt eine Erzählform die diese Geschichte zu einem echten Pageturner macht. Die kurzen Kapitel, der drei zunächst voneinander unabhängig erzählten Geschichten, trieben mich Seite um Seite voran. Meine Lieblings-Episode ist dabei die von Tao und ihrer kleinen Familie.

Ein düsteres Bild zeichnet Lunde hier von unserer Zukunft. Alle bestäubenden Insekten läßt sie von der Erde verschwinden. Der Mensch muss übernehmen – will er noch Obst und Gemüse auf der Speisekarten haben. Bedenkt man dabei, dass eine Sammelbiene am Tag etwa 200 Blüten bestäubt, ein einziges Bienenvolk damit auf eine Tagesleistung von 200.000 Blüten kommt, wird deutlich was es hier zu bewältigen gilt. Für ein Gramm Nektar benötigt eine Biene 20.000 – 50.000 Blütenbesuche. Das ist eine schier unglaubliche Zahl. Die dreifache Menge an Nektar muß eine Biene für ein Gramm Honig sammeln. In ihrem Bienenleben, sammelt sie dabei “nur” drei Gramm Honig. (Quelle Wikipedia). Der Wahnsinn!

Wenn wir über den Klimawandel und über dessen Auswirkungen nachdenken, dann haben wir dabei eher nicht diese kleinen wertvollen Insekten im Sinn. Seit einigen Jahren schon zähle ich in unserem Garten immer weniger Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Die fleissigen Tierchen kämpfen mittlerweile nicht nur mit der Leidenschaft der Hobby-Gärtner nach pflegeleichten und damit bienenfeindlichen Bepflanzungen, sondern auch mit überdüngten, Stickstoff ausdünstenden Flächen und landwirtschaftlichen Monokulturen. Die Varroa-Milbe macht der Brut der Bienen schon lange vermehrt den Garaus. Selbst im Bestand meines Vaters vor vielen Jahres war dieser Schädling bereits ein Thema. Mir scheint wir stecken schon mitten drin in einem bienenvernichtenden Prozeß. Maja Lundes Szenerie ist da wohl leider alles andere als an den Haaren herbei gezogen.

Mit einer Sprache, die auf mich nordisch sachlich, nüchtern wirkt, konfrontiert Lunde uns mit dieser Vision. Dabei ist es mehr das, was sie nicht sagt, das mir dabei eine Gänsehaut macht.

Zwischen diesen Buchdeckeln hatte ich eine ganz andere Geschichte erwartet. In eine summende, friedliche Welt der Bienen wollte ich eintauchen. Gelandet bin ich weit entfernt von friedlich, weit entfernt von nostalgisch. Nein, es ist kein Öko-Thriller, da steckt kein Moral-Apostel zwischen den Zeilen und doch hat mich dieser Roman nachdenklich, ja kämpferisch zurück gelassen. Wir haben ein Erbe zu bewahren, noch ist es nicht zu spät und ich fange in unserem Garten damit an …

Textzitat Seite 504: “Doch Bienen kann man nicht zähmen. Man kann sie nur pflegen, ihnen Fürsorge geben”.

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