Die geheime Mission des Kardinals (Rafik Schami)

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 19.09.2019

“Glaube versetzt selten Berge, Aberglaube ganze Völker”. (Textzitat)

Es war einmal … So könnte bei Rafik Schami jede Geschichte beginnen. Für mich ist er ein moderner Märchenerzähler und ich lehne mich gerne zurück, bin gespannt auf das, was er alles in seinen aktuellen Roman gepackt hat. Ihr auch? Es munkelt es sei diesmal ein Kriminalfall, politisch, religiös motiviert, der Schauplatz exotisch. Fremde in der Fremde und die Darstellung der arabischen Welt in Gegenwart und Vergangenheit sind ja häufig seine Themen, wie wird sich das hier vereinbaren? Kommt, schnüffeln wir los und finden es heraus …

Die geheime Mission des Kardinals (Rafik Schami)

Kommissar Barudi, Ende sechzig, in Ehren ergraut und stark kurzsichtig, steuerte zielstrebig auf seinen bevorstehenden Ruhestand zu. Die Geschichte beginnt mit ihm und im Jahr 2010. Über sechs Millionen Sekunden, neunundsiebzig Tage, waren es noch bis zu seiner Rente, bis zu dem Tag der Befreiung, wie man auf seinem Wandkalender lesen konnte. Dort strich er ihn ab, jeden einzelnen Tag. Bis heute, als seine ruhige Berufs-Warteschleife ein abruptes Ende nahm …

“Der Sommer hatte sich bis Ende September gedehnt. Jetzt hatte der Herbst in Damaskus Einzug gehalten. Als hätte er große Achtung vor der uralten Stadt, hatte er seit vier Wochen vor ihren Toren gekauert und auf seine Gelegenheit gewartet. Nun fegte der November durch die Stadt und eroberte sie im Handumdrehen”. (Textzitat)

Es war ein regnerischer Morgen und sieben Uhr, als ein Lasten-Dreirad ein Fass zur italienischen Botschaft in Damaskus brachte. Die rostige, mehrfach modifizierte Ape musste erst die Wächter passieren, bevor seine Fracht vor einem staunenden Koch abgeliefert werden konnte. Das Fass roch eindeutig nach Olivenöl, sein Gewicht aber sprach gegen den Inhalt. Was man beim Abladen alsbald feststellte.

Um acht Uhr dann benachrichtigte man den italienischen Botschafter, der zu einem Besuch in Beirut war, das ihm soeben eine Leiche, nackt eingelegt in Olivenöl, geliefert worden war. Die entsetzten Schreie seines Kochs, der das Fass geöffnet hatte, hallten immer noch in den Wänden der Botschaft wider.

Dieser Tote war kein Unbekannter, Kardinal Angelo Conaro, und er war dem italienischen Botschafter ein Freund gewesen. Der unerschrockene, in vatikanischen Kreisen als stur geltende Kardinal, war für seine kritische Haltung auch der italienischen Mafia gegenüber bekannt. Jetzt war er tot und wir, nicht nur wir, stellen uns die Frage, was war denn eigentlich sein Auftrag? Was machte ein italienischer Kardinal allein in Syrien? 

Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus ist ein excellenter Erzähler und einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller. Auf sein Konto gehen mehr als eine Million verkaufter Taschenbücher und zahlreiche Auszeichnungen. Er plaudert leicht blumig über alltägliches und tiefgründiges gleichermaßen, dies auch hier außerordentlich unterhaltsam. Man wähnt sich bei ihm immer auf einem Teppich sitzend, mit angezogenen Knien und gespitzten Ohren seiner Geschichte lauschend. Diesmal entführt er uns nach Syrien und mit seinem üppigen Erzählstil, seinen weichen, runden Sätzen, hat er mich umgarnt, und was soll ich sagen, aus dem Stand um den Finger gewickelt.

Seiner flüssig und wechselhaft erzählten Kriminalgeschichte, die mit wohl dosierten humorigen Spitzen gewürzt ist, kann man gut folgen. Sie unterhält mit kritischen Seitenhieben auf das Verhältnis zweier Weltreligionen, Staaten und Weltanschauungen. Schami setzt dabei weniger auf Spannung, als auf die Ausgestaltung seiner Figuren und deren Geschichte. Dies tut er dann aber auch par excellence.

Essen hält Leib und Seele zusammen. Im Imbiss Sindbad werden wir Stammgast. Des Abends kochen und philosophieren wir gemeinsam. Man kann auch in Künstlercafés einen Mokka mit den Kommissaren schlürfen, Kardamom Duft steigt dabei aus dampfenden Tässchen auf. Wir stecken noch ganz am Anfang und geraten ins Grübeln. Wer bringt einen Kardinal um und warum legt er dann eine solche Mühe und Symbolik in die Präsentation des Leichnams? Denn der oder die Mörder hatten die Leiche geöffnet, alle Organe entnommen, anstelle des Herzens einen faustgroßen Basaltstein und eine Botschaft hinterlassen, dann den Körper wieder fein säuberlich verschlossen, um ihn dann in ein Ölfass einzulegen?

Aberglaube früher und heute. Wir erfahren von Propheten und Abtrünnigen. Von Heiligen, von Wunderheilern mit den unterschiedlichsten Gaben, von Stigmata und blutenden Madonnen, von Fastenkuren und Wunderelixieren. Von Verklärung und Menschenaufläufen, von Betrügern und Scharlatanen, gewissenlos und geschäftstüchtig. Wunder sind nicht kostenlos zu haben, der Dollar ist ihre harte Währung. Von Hellsehern und der Geheimdienst ist immer schneller als alle guten Geister.

Schami startet mit uns märchen- und bildhaft in seinen neuen Roman, dann wendet er das Blatt. Syrien im Alltag hat nichts märchenhaftes mehr. Im Plot scheint auch von Anfang an alles klar, die Feinbilder stehen, was hier passieren wird und muss scheint vorhersehbar. Soweit so gut, so weit der erste Eindruck. Ich liebe das, wenn man mich dann überrumpelt, mich eines Besseren belehrt und mit einer neuen Idee um die Ecke kommt, und genau das macht Rafik Schami.

Gotteskrieger und verlorene Söhne, Unsichtbare Gegner und rettende Ideen, Verhöre treffen auf Verachtung und hörbare Stille. Gibt es Verbrechen, die edler sind als andere? Korrupte Polizeichefs, Fesselspuren, zugenähte Augenlider unter denen zwei Goldmünzen liegen und Giftspritzen, die man anderen Ortes für Hinrichtungen einsetzt. Von Exilanten und Amnestien. Von Klosteroasen der Menschlichkeit, wo man das innerlich ordnen kann, was in Unordnung geraten ist. Heiligsprechungen, die der Pabst zunächst ausschlägt. Wunderhandlungen für die er eine Überprüfung anordnet. Ein Abgesandter der den Tod statt Antworten findet? Zum Glück hält man mehr als ein Ass im Ärmel …

Hier zieren achteckige Springbrunnen und kostbare Fliesenböden edle Restaurants. Man speist auf Spesen und wie in einem Audienzsaal, umgrenzt von einer Galerie. Das sind Bilder einer syrischen, einer damaszenischen Lebensart jenseits von Trümmern, Staub und Tod, so wie wir sie heute aus Berichterstattungen kennen. Sie machen wehmütig und nachdenklich, besonders dann, wenn Schami im Kontrast dazu aufzeigt, welche Ideologien hinter der Errichtung eines islamischen Staates stehen, und das Frauenbild der Taliban in den Fokus rückt.

“Wer Angst hat stirbt jeden Tag, wer keine Angst hat, stirbt nur einmal.” (Textzitat)

Marco Mancini, ein italienischer Commissario, der eigens aus Rom abgeordnet wird, soll Barudi in Damaskus bei den Ermittlungen unter die Arme greifen. Aus Kollegen, aus Fremden werden Freunde. Denn beide Kommissare verbindet mehr als sie erwartet haben. Sie entdecken nicht nur Parallelen zwischen ihren Staaten, die Militär, Polizei und den Umgang mit der jeweiligen Mafia betreffen. Wir lernen, das der Begriff “Mafia” aus dem arabischen stammt und “schattiges, oder sicheres Versteck” bedeutet.

Es wird geflüstert und abgehört. So einiges will hier vertuscht werden … Mit Bedacht und gegenseitiger Wertschätzung gehen beide den Fall mit ihrem Team an. Mancini wird als Journalist ausgegeben, damit er verdeckt ermitteln kann und er fördert schon sehr bald erstaunliches zutage, was die beiden Polizisten in arge Bedrängnis und in Lebensgefahr bringt …

Udo Schenk beginnt in dieser 919 Minuten dauernden Hörbuch- Fassung mit dem Vorlesen von Schamis Text und wenn er seine Stimme erhebt, ist man sofort ganz Ohr. Kein Wunder, dass er ein begehrter Synchronsprecher ist und Schauspielern wie Kevin Bacon oder Ralph Fiennes seine Stimme leiht. Mit Schenk hat man einen Vorleser gefunden, der den modernen Märchenerzählton von Schami perfekt aufnimmt. Richtig heimelig fühlt es sich an, wie er mich in der Geschichte empfängt, wie der perfekte Gastgeber. Das Staffelholz übergibt er dann regelmäßig an seinen Kollegen Jürgen Tarrach, der aus den Tagebüchern von Barudi liest, die in die Geschichte eingebunden sind, nachdenklich und mit nach innen gewandtem Blick. Eine vielschichte Figur ist dieser Barudi, die gleich zwei Vorleser verdient. Tarrach kennen wir auch aus seiner Rolle als Walter Sedlmayr, und er übernimmt seine Passagen jeweils ohne zu zörgern, kautzig und stimmlich nicht minder überzeugend, beide Sprecher ergänzen sich im Text auf das Vortrefflichste. Einen jeden von Ihnen möchte man hervorheben, sie konturieren die beiden Hauptfiguren nicht nur stimmlich, sie hauchen ihnen Leben ein. Genauso soll es im Hörbuch sein!

“Liebe vereint, Religion trennt. Wer nichts besitzt, wird von nichts besessen”. (Textzitat)

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2 Kommentare

  1. Petra
    6. Oktober 2019

    Wie schön Dorothee, da freue ich mich! Ich wünsche Dir gute Unterhaltung und bin schon sehr gespannt auf Deinen Eindruck. LG Petra

  2. Dorothee
    4. Oktober 2019

    Hallo Petra!
    Mit diesem Hörbuch hab ich schon länger geliebäugelt…nun hast Du mich überzeugt!
    Liebe Grüße aus Kiel von Dorothee

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