Aus der Dunkelheit strahlendes Licht (Petina Gappah)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 22.09.2019

“Denn hervorragender Männer Grab ist jedes Land: Nicht nur die Aufschrift auf einer Tafel zeugt in der Heimat von ihnen, auch in der Fremde wohnt, geistig, nicht stofflich, in jedermann ungeschriebenes Gedächtnis”. (Zitat aus der Gefallenenrede des Perikles, Thukydides)

Der Nil. Es streiten sich die Gelehrten, ob er mit seinen 6.650 km Länge noch der längste Strom der Erde ist, oder ob er hinter den Amazonas zurücktreten muss. Er entspringt in den Bergen Ruandas und Burundis. Bevor er in Ägypten ins Mittelmeer mündet, fließt er durch Tansania, Uganda und den Sudan. Jede Menge Anreiner also, für die er Lebensquelle ist.

An seinen Ufern entstand auch eine unserer bedeutensten Hochkulturen, das Pharaonenreich der Ägypter, und das sicherlich nur weil es ihn gibt. Bis hierher trägt der Nil das Leben. Wie stark musste da wohl seine Quelle sein. Die Frage trieb IHN ruhelos um. Besessen und unermüdlich forschte er nach ihr, ließ sein Leben auf der Suche nach ihr …

“Denn er fließt jeden Tag des Jahres über tausend Meilen durch die unfruchtbarste aller Wüsten, ohne neu aufgefüllt zu werden, denn er hat keine Zuflüsse, die ihm frisches Wasser bringen”. (Zitat Livingstone)

David Livingstone. Nach seinem Ende trugen sie ihn, Meile um Meile, quer durch das Land, bis zur See. Auf das seine Knochen in dem Land zur Ruhe kommen mögen, aus dem er einst gekommen war. Sein Herz aber, sein Innerstes, seine Organe beerdigten sie hier. In Afrika. Wo sein Herz schon immer gewesen war. Und ja, es geht in diesem Roman auch um seine Geschichte, denn Livingstones Name wird für immer mit dem Nil verbunden bleiben. Was diese Autorin hier aber noch recherchiert hat, was mein Herz schneller schlagen und aus dem Takt geraten ließ, ist nicht nur ein Nachruf auf Livingstone, dessen Geschichte hinreichend bekannt ist. Nein, es ist IHRE Geschichte. Die Geschichte von Livingstones Gefährten, die ihm das letzte Geleit gaben, auf einem waghalsigen, zermürbenden Fußmarsch quer durch Afrika …

Schnürt also Eure Stiefel, wir brechen auf. Aber Obacht, achtet auf Euch, es hat wilde Tiere hier, große wie kleine, todbringende Krankheiten, aber auch eine Schönheit die stumm macht …

Aus der Dunkelheit strahlendes Licht von Petina Gappah

Harmloser hätte der Streit auf dem Markt nicht beginnen können, es ging um ein Huhn. Vielleicht um sein Gewicht, vielleicht um den Preis, aus der Entfernung war das schwer auszumachen. Im Ergebnis schleuderte der erboste Kunde das gackernde Tier zu Boden und schlug der Marktfrau mit dem Gewehrkolben ins Gesicht. Livingstones Entourage stand am Rande des Marktes, es war nicht ihr Streit, in dessen Folge, durch nur fünf wild um sich schießende Männer, mit zehn Gewehren, mehr als vierhundert! Menschen den Tod fanden und am Ende war Livingstone mehr als Statist in dieser Szene …

Am Abend am Lagerfeuer, nach langen Tagen, an denen der ausgenommene und aufgebahrte Leichnam Livingstons in der Sonne trocknete, erinnerten sie sich an ihn. An all das was er für sie getan hatte. Viele von ihnen hatte er befreit aus der Sklaverei, andere ausgebildet. Güte und Unverständnis Ungerechtigkeiten gegenüber hatten sie an ihm beobachtet. Selbst für ertrunkene Hunde hatte er gebetet. Seine Besessenheit aber, die Quellen des Nils zu finden, konnten sie nicht alle nachvollziehen. Wie viele Entbehrungen, Unbill, Hunger, Pein und Krankheiten er dafür auf sich genommen hatte und was waren SIE jetzt, frei oder nicht? Zu wem gehörten sie, wem gehörten sie, nachdem ihr Bwana Daudi tot war …

“Freiheit ist ein bitterer Trank, wenn man nicht die Mittel hat, frei zu sein. Es ist eine Last, der eigene Herr zu sein, wenn man nie frei gewesen ist”. (Textzitat)

Bettina Gappah, wurde 1971 in Harare, Simbabwe geboren, studierte Jura in Cambridge und Graz, über zehn Jahre war sie als Anwältin bei der WHO in Genf beschäftigt. Gappah lebt derzeit wieder in Harare und ist als Handelsberaterin für ihre Regierung tätig.

Sie zeigt hier, dass sie eine mehr als außergewöhnliche Erzählstimme hat. Über zwanzig Jahre lang, so gibt sie an, war sie mit diesem Roman befasst. Ausführliche Quellenangaben im Anhang zeigen auf, durch welche Berge von Material sie sich gearbeitet haben muss. Das ist wirklich beeindruckend!

Einen Großteil der Figuren lässt uns die Autorin durch Jacob Wainwrights Tagebuch vorstellen. Er tritt als Chronist des letzten Geleits von Livingstone auf und war während der Reise, als einer der sieben Expeditionsleiter, für die kostbaren Aufzeichnungen des Toten verantwortlich. Sein Blick auf Livingstones Gefolgschaft durch die Brille eines streng Gläubigen spiegelt diese Zeit auf eine besondere Weise, seine Aufzeichnungen triefen von Bibelzitaten, sind geprägt von einer tiefen inneren Überzeugung und stehen in starkem Kontrast zu den Erlebnisschilderungen von Livingstones burschikoser Köchin Halimah. Der zweiten erzählenden Figur in diesem Reigen. Die eine einfache Frau ist, aber nicht auf den Mund gefallen, ebenfalls eine exzellente Beobachterin, pragmatisch, anpackend ihre Sicht auf das Geschehen beisteuert, sie weiß sich durchzusetzen, auch unter den Männern und berichtet uns von Verrat und Verrätern. Von einem Ort der das Ziel einer Reise ist und Bagamoyo heißt, der Ort der brechenden Herzen.

Diese Hafenstadt, die vor der Überfahrt nach Sansibar lag und damit das Tor war zum größten Sklavenmarkt seiner Zeit. Wir erleben mit Halimah eine Reise, die alles andere ist als ungefährlich, denn ging man nur um ein weniges fehl, warteten nicht nur Sklavenhändler und Wetterkapriolen, sondern auch kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen, deren Gebiete der Tross zu passieren hatte.

Löwen lauerten in der Dunkelheit, zunächst waren sie arglos, bis eines Nachts dann ihr Esel dran glauben musste. Eine rätselhafte Krankheit, die nach einem Sumpfmarsch ihre Glieder lähmte und vier von ihnen in der Folge dahinraffte. Dorfvorsteher die ihnen kein Obdach gewähren wollten, weil sie buchstäblich den Tod mit sich trugen.

Reißende Ströme wollen in diesem fesselnden Roman überquert werden, die mehr als vier Meilen breit sind. Regenfälle machen ihnen das Fortkommen schwer, ihre Mission erscheint wie ein Kampf gegen Windmühlen. Was musste er ihnen bedeutet haben, dieser Livingstone. Dieser kleine, unscheinbare, am Ende seiner Tage aufgezehrte und gebeugte Mann. Welche Aura musste ihn einst umgeben haben. Welches Vertrauen er in ihnen hatte gründen können, in diesem bunt zusammengewürfelten Haufen von Gefährten und Schicksalsgenossen.

Und was für eine Herangehensweise an einen solchen Stoff! Es mutet ja schon auch ein wenig grotesk an, einen Leichnam über eine solche Strecke zu tragen. Gappah schafft es dem Geschehen jegliche Skurrilität zu nehmen, sie ist mit einer Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit unterwegs, die mich Staunen macht und sorgt dafür, dass es mir unterwegs zu keiner Zeit langweilig wird. Sie lässt mich ebenso im Ungewissen wie ihre Expeditionsteilnehmer, wohin mich der nächste gesetzte Fußtritt tragen wird, was mich hinter der nächsten Biegung, hinter dem nächsten Busch, erwarten wird. Ob und welchen Menschen ich begegnen werde auf diesem Weg. Und Aufgeben ist irgendwann keine Option mehr …

“Als ich an diesem Abend einzuschlafen versuchte, ging mir durch den Kopf, das unser gesamtes Unterfangen aus jedem möglichen Blickwinkel so verzweifelt und so törricht war, das es einen eigenen Vorrat an Entschlossenheit angehäuft hatte”. (Textzitat)

Am 16. Mai 1873 war man aufgebrochen, mehr als fünfzehnhundert Meilen und zweihundertfünfundachtzig (285!) Tage lang war der Leichenzug unterwegs. Kämpften sie gegen Gefahren von innen und von außen. Haderten, bangten, liebten und litten sie. Folgten sie dem Ruf nach Freiheit, zeigten großen Mut und Entschlossenheit, balancierten am Rande des Wahnsinns.

Und die Trommeln, die Trommeln schlagen, stetig und unaufhörlich, wir spüren ihren Ton tief im Bauch. Sie bestimmen den Takt, den Takt unserer Schritte. Am Ziel das Meer wie eine Verheißung, blau mit sanften Wellen und warmem Sand …

Dies ist gewiss ein historischer Roman ganz besonderer Machart. Chronologisch erzählt, exzellent und fundiert recherchiert, geschickt gewoben aus Fakten und Fiktion.

Unsere Halimah beginnt und beendet den Erzählreigen und wir verharren am Ziel mit ihr, hinter einer der schönsten Türen der Welt, hinter der Tür einer freien Frau …

“Es gibt Türen, die vom Schicksal erzählen, Türen, die hart erkämpften Wohlstand beschützen, und Türen, die das Böse abwehren. Die kunstvolleren Türen können alle drei Dinge gleichzeitig”. (Textzitat)

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