Die Leben der Elena Silber (Alexander Osang)

*Rezensionsexemplar*

Samstag, 28.09.2019

Auf dem Nachhauseweg nach einer Beerdigung habe ich, auf dem alten Friedhof, noch eine Runde allein gedreht. Hier, unter den alten Bäumen kann man einen Frieden spüren, der nicht von außen kommt. Ich atme tief durch. Immer wenn wir dem Tod begegnen, schauen wir auch selbst zurück. Auf gemeinsam erlebtes, auf schmerzhaftes und schönes, und das, was uns alle am Lebensfaden hält, wird mir wieder bewusst: In allem wonach wir streben, mit allem was uns glücklich macht, sind wir immer mit anderen verbunden:

Die Leben der Elena Silber von Alexander Osang

“Die neue Zeit rollte an wie eine dunkle Welle und riss sie alle mit. Am heftigsten aber traf sie Lena. Sie war zweieinhalb Jahre alt. Die Welle trug sie durch ein ganzes Jahrhundert, sie ritt ganz oben, dort, wo der Schaum war”. (Textzitat)

Februar 1905, in Gorbartow, der kleinsten Stadt Russlands, in der Nähe von Níjni Novgorod.

Der Mob war so laut, als sie ihren Vater pfählten, dass ihre Mutter die Tränen vergaß. Sie schleiften ihn durch den Ort, ließen ihn dann, Viktor Krasnow, Seiler, Familienvater, Revolutionär, liegen, so hingerichtet, in seinem Blut.

Elena war gerade zweieinhalb, und dies ihre erste Erinnerung, als das Leben ihrer Familie nach dem Mord an ihrem Vater auseinander fiel. Sie mussten fort, mussten fliehen, denn die Häscher des Vaters würden zurück kommen und niemanden zurück lassen, der bezeugen, der rächen konnte was geschehen war …

1905 – 1918 – dann macht die Geschichte einen Sprung in das Jahr 2017, in den Juni und nach Berlin, zu Konstantin, genannt Kostia. Einem jungen Filmemacher und Autor, der leider weit weniger erfolgreich ist, als es sein Vater, ein ausgezeichneter Tierfilmer, gewesen war. Auf einer zweiten Zeitebene begegnen wir ihm, der auch dem Leben von Elena Krasnow, geb. Silber entstammt. Sie ist seine Großmutter. 

“Der Junge findet sein Thema nicht.” Seine Mutter ist es schließlich, die Konstantin einen Filmstoff andient. Kistenweise hat sie sie sortiert, ihre Erinnerungen. Verpackt und etikettiert und sie präsentiert sie ihm nicht ohne Stolz, ihre und seine Familiengeschichte. Kostia zögert, wollte er davon erzählen? Mit sich selbst war er uneins, war er da bereit für eine Spurensuche in der Vergangenheit derer, die zu ihm gehörten? Seine Therapeutin meint, da könne eine Hypnose helfen, und ich frage mich was da noch lauert …

Alexander Osang, wurde 1962 in Berlin geboren. Er schreibt für den SPIEGEL aus Tel Aviv und wurde für seine Reportagen mehrfach preisausgezeichnet. Dieser, sein aktueller Roman schaffte den Sprung auf die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises, die Shortlist hingegen ist ihm verwehrt geblieben.

Er erzählt uns ausführlich von Irrungen und Wirrungen, von einem weiten Land und kleinen Städten, während der Wodka durch unser Blut kriecht. Von Revolution, Flucht und Heimkehr. Von Helden und den Kurieren des Zaren. Von verschollenen Ehemännern, von Wohlstand und Verfolgung, von Entfremdung und Nähe, von hochbegabten Cousins, Onkeln und Tanten. Wirft Fragen auf: Wie weit muss man eigentlich rennen bis man sich entfernt hat von seinen Möglichkeiten?

Einen epischen Bilderbogen spannt er, inspiriert von der Geschichte der eigenen Großmutter. Sprachlich ist er ein Routinier, hier sitzt jeder Satz, jeder Punkt, jedes Komma. Er formuliert gekonnt und getragen mit der notwendigen Prise Gefühligkeit, die der Tragik dieser Leben angemessen ist. Seine Protagonisten sind waschecht und farbfest. Mit beiden Beinen stehen sie in ihrem Leben. In dem einen, für das es keine Auswechselspieler gibt, das man leben muss, vom Anfang bis zu seinem Ende. Osang konstruiert seine Geschichte aufwendig, springt in den Zeitebenen hin und her, trotzdem kann man ihr gut folgen. Besonders in seinem aktuellen Zeitstrahl beweist er dabei einen überaus trocknen Humor, den ich sehr mochte und warmherzig kann er übrigens auch.

Ein Held, ein Heiliger, ein Vater, an den man kaum Erinnerung hat, von dem man nicht weiß, wer er wirklich war und den man doch vermisst. Den die Familie auf einen Sockel gestellt, dem man tatsächlich in seinem Heimatort ein Denkmal gesetzt hat. Feuerköpfchen hatte er sie genannt, ihrer leuchtend roten Haare wegen. Daran erinnerte sie sich und daran, wie sie ihm in seiner Seilerwerkstatt hatte helfen dürfen festzuhalten. Festzuhalten, an dem, an das man unverbrüchlich glaubte. Als Kind schon lernen musste sie, was es heißt auf der Flucht zu sein, durch eingeschlagene Türen, durch den Wald, den Schnee, die Kälte bis zur Wolga und darüber hinaus … 

Auf der ersten Zeitebene Osangs, die 1905 beginnt, fliehen wir mit Jelena, wachsen wir mit ihr auf. Flüchten mit ihr vor dem übergriffigen Stiefvater, auf die Sekretärinnenschule nach Níjni Novgorod, dem späteren Gorki. Treten mit ihr den ersten Job in der technischen Abteilung einer Netzfabrik an. Wir lernen dort mit ihr ihren künftigen Ehemann Robert F. Silber kennen, einen deutschen Textilingenieur.

Dann der Umzug in eine Villa aus rotem Backstein. Wo Schwiegermütter warten, die ganz und gar unversöhnlich wirken, die sich für ihren Sohn eine bessere Partie gewünscht haben. Wir verbringen Weihnachtsabende im Kreise der Familie, die man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde. Erleben die Diphtherie als Todesengel, Impfstoffengpaß, kriegsbedingt. Der Glaube verlässt Elena Silber und er kehrt nicht wieder in sie zurück, erfahren wir von Alexander Osang. Nicht zuständig, nicht schuld. Nach dem Zweiten Weltkrieg stolpert Jelana durch ihr Leben, ohne ihren Mann, verliert ihre Kraft, so lange schon ist sie auf der Flucht, um zu entkommen, ohne jemals anzukommen … 

“Ganz gleich, wie weit Du fliehst, meine Liebe, die süße Last hängt schwer an Dir. Mit meinem letzten Schrei noch verfolgt Dich meine Klage und macht mich frei.” (Textzitat)

Wir erleben Verletzungen, Entfremdung, erfahren von Geheimnissen, Räuberpistolen, suchen nach Wahrheiten, oder dem was man für wahr hält. Eine große Familie muss nicht zwangsläufig groß bleiben. Man verlor sich aus den Augen, aus dem Herzen, es war ja auch einfacher, für das eigene Schicksal die anderen verantwortlich zu machen. Über so vieles hatte man nicht gesprochen und würde es jetzt auch nicht mehr tun, nicht mehr tun können. In wie vielen Familien ist das so? Das Bedauern darüber, nur allzu oft kommt es zu spät. Der Krieg trennt, er und die Zeit lassen unsere Heldin viel verlieren, so auch zwei Buchstaben ihres Vornamens. Aus Jelena wird erst Elena, dann Lena.

Gemeinsamkeiten lässt Osang mich entdecken mit seinem Konstantin und in den Wortwechseln mit seinem Vater, der immer mehr in die Demenz abgleitet. Bei Osang geht es um alles und es geht um nichts. Das Leben spielt mit seinen Figuren und seine Figuren spielen mit ihrem Leben. Als Autor ist er an ihrem Puls, realitätsnah punktet er mit Aufschlägen wie beim Tennis. Spiel, Satz und Sieg. Wenn das immer so einfach wäre. Denn das Leben durchkreuzt täglich auch die besten Pläne …

Ein Leben als Ehefrau. Ein Leben als Mutter. Ein Leben für eine verlorene Liebe. Ein Leben auf der Flucht. Ein Leben zwischen Feinden, nicht Russin, nicht Deutsche. Ein Leben dem die Zuversicht fehlt. Die Leben der Elena Silber …

Verschluckt, das tote, trockne Laub, auch meine dürren Abschiedsworte. So leg ich mich zu Deinen Füßen und bette sanft ihn, Deinen fliehenden Schritt.” (Textzitat)

Stefan Kaminski, in dieser ungekürzten Lesung hat er mich über siebzehn Stunden lang begleitet und seine Stimme fehlt mir schon, da hängt die letzte ausgesprochene Silbe noch in der Luft. Den Roman zu hören und nicht zu lesen war genau die richtige Entscheidung, und er, der Herr Kaminski, ist es auch Schuld, dass es so gekommen ist. Er, für dessen eigene Tonschrift ich ihn schon in T. C. Boyles “Wassermusik” verehrt habe, unterstreicht Osangs pointierte Schreibe geschwungen.

Vom ersten Wort an, ist er drin in der Geschichte und bei den Figuren, zieht mich mit, vereinnahmt mich. Lebendig und mitfühlend. Kaminski legt alles in die Figuren, gibt ihnen Farbe, Leben, Dialekt, Gefühl, Esprit und Seele. Er ist ein One-Man-Theater-Ensemble ohne jemals zu überziehen, oder zu überzeichnen.

Er deklamiert und erklärt, singt, plaudert und wütet, wird sanft. In der Rolle von Kostias Mutter, die er mit einer ganz speziellen Geringschätzigkeit anlegt, hat er mir besonders gefallen. Wieder einmal, Bravo und Danke für dieses Hörvergnügen, Herr Kaminski und auch für die köstliche Interpretation von “cheri, cheri lady”!

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2 Kommentare

  1. Petra
    7. Oktober 2019

    Ich freue mich, wenn ich für volle Merklisten sorgen kann. Elena Silber könnte ich mir denken, würde Dir noch besser gefallen als Der Stotterer. LG Petra

  2. Dorothee
    6. Oktober 2019

    Liebe Petra! Ich merke es mal wieder: ICH DARF NICHT SO VIELE BEITRÄGE VON DIR LESEN! Das wird einfach zu teuer!😂

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