Die Ermordung des Commendatore I (Haruki Murakami)

… eine Idee erscheint …

Sonntag, 08.04.2018

Wie man das Licht einfangen kann, im Herzen eines Gemäldes, ist mir bis heute ein Rätsel. Ganz intensiv erinnere ich mich aber bis heute an einen Besuch im Louvre. Damals war ich siebzehn und besuchte eine Freundin, die als Au-Pair-Mädchen ein Jahr in Paris verbrachte. Die französischen Impressionisten hatten es mir damals schon angetan und so besuchten wir gemeinsam verschiedene Museen. Stunden verbrachte ich staunend, in einem Raum sitzend, zwischen den Seerosen von Claude Monet. Man meinte förmlich eintauchen zu können in diesen Teich, über die japanische Brücke, die seine Ufer verband spazieren zu können … Der berühmte Louvre durfte auf dieser Tour natürlich auch nicht fehlen, hier galt es Schwerpunkte zu setzen, alles anschauen war ganz und gar unmöglich. Dort bin ich dann wider Erwarten in der Galerie der alten Meister hängen geblieben. Den Titel und den Maler des Bildes, was mich an diesem Tag magisch anzog, habe ich längst vergessen. Nicht aber dieses Licht, das von einer halb heruntergebrannten Kerze ausging, die der Maler auf einen alten Holztisch gestellt hatte. Heute noch, nach über dreißig Jahren, kann ich dieses Bild vor meinem geistigen Auge herauf beschwören, von innen heraus schien es zu strahlen, warm und einladend, wie ein Versprechen, dass es immer ein Licht geben wird was mir leuchtet …

Wie eine Verheißung, vielleicht in diesem Roman dem Geheimnis auf die Spur kommen zu können, wie man Empfindungen malend vergegenständlicht, hat mich diese Geschichte gelockt und entführt in die Abgeschiedenheit und Einsamkeit der Berge Japans …

Die Ermordung des Commendatore I (Haruki Murakami)

Nachdem seine Frau sich Knall auf Fall von ihm getrennt hatte, war er anderthalb Monate ziellos im kalten Norden Japans umhergezogen, bis sein Wagen ihn schließlich im Stich gelassen hatte. Mehrere körperliche Beziehungen zu anderen Frauen hatte er unterwegs unterhalten und so versucht den emotionalen Abstand zu seiner Noch-Ehefrau zu vergrößern. Letztlich war er jetzt hier gelandet, oder gestrandet? In dem kleinen, von hohen Kiefern umstandenen Cottage am Berg, mitten auf der Wetterscheide dieses Gebirges, am Eingang dieses Tals, wo es das halbe Jahr über regnete, wo sich meist Nebelfetzen an den Felsüberhängen festkrallten, wo es war still war, so still, das man die Zeit fließen hören konnte (Textzitat). Würde er hier zu sich kommen und vielleicht sogar Inspiration finden können, für ein eigenes Gemälde? Wegkommen können von der Portraitmalerei, die sein bisheriger Brotwerb war? Das er sich dabei gleichzeitig für einen guten Freund als Housesitter nützlich machen konnte war doch ganz wunderbar. Nicht?

Die Zeit verstrich zäh wie Sirup, und die Inspiration wollte einfach nicht fliessen. Es schien dabei auch absolut bedeutungslos, dass der Vorbesitzer dieses Häuschens am Berg ebenfalls Maler gewesen war, ein berühmter noch dazu und hier zu seinem eigenen Stil gefunden, ihn genau hier perfektioniert hatte. Es wirkte nicht nur nicht ansteckend, sondern lenkte vielmehr sogar ab, oder besser seinen Blick auf das Leben und das Wirken seines Vorbewohners, das ganz unerwartet einen abrupten Richtungswechsel erfahren hatte. Das Gemälde, das er schon nach kurzer Zeit, gut verpackt auf dem Dachboden gefunden hatte und das den Titel “Die Ermordung des Commendatore” trug, war nicht nur bemerkenswert, sondern offenbar auch ein Schlüssel zum Leben des berühmten Hauseigentümers, ein Türöffner zu einer längst vergangenen Zeit, zu einer längst vergessenen Tat …

Haruki Murakami. Jahr für Jahr, und das bereits seit Jahren, zählt er zu den Nominierten für den Literatur-Nobelpreis. Bislang ist er ihm noch versagt geblieben. Noch.

Ein Meister seines Fachs, stets Mystik und Magie mit Realität verwebend, so begeistern sich seine Fans und Kritiker.

Mit diesem Roman bin ich, quasi als Spätzünder, neugierig und mit hohen Erwartungen, in sein Werk eingestiegen und sprachlich hat Murakami auch bei mir sofort einen Nerv getroffen! Poetische Sätze, die seine Übersetzerin Ursula Gräfe meisterhaft vom japanischen ins Deutsche “umtopft”. Was ich mir enorm schwer vorstelle, haben beide Sprachen für mich und meine Ohren doch eine ganz und gar unterschiedliche Melodie. Beinahe lyrisch muten die so entstandenen deutschen Satzkunstwerke an. Besonders dann, wenn von der Zeit die Rede ist, von ihrem Fließen, ihrem Versanden, ihrem Verstreichen …

Selbst die Kapitelüberschriften sind Balsam für die Ohren. Pointiert, manchmal augenzwinkernd und stets verheißungsvoll sind diese Ausblicke auf die sich anschließenden Zeilen.

Besonders gefallen hat mir auch, wie der Autor die Mystik in seine Rahmenhandlung einbindet. Er nimmt selbst den sonderbarsten Geschehnissen die Absurdität und läßt uns den Zweifel. Ja, gibt es denn nicht auch genug Dinge, die wir uns mit unserer Schulweisheit nicht erklären können?

Inhaltlich hatte ich da zugebener Maßen mehr Anlaufschwierigkeiten und auch was seine Figuren anbelangt. Fühlte ich mich doch immer irgendwie seltsam auf Distanz gehalten. Der Gleichmut seines Ich-Erzählers hat mich bis zur ersten Hälfte der Geschichte sogar bisweilen aufgebracht. Dann aber weckt Murakami ihn auf mit geisterhaften Stimmen, seltsamen Begegnungen und hat mich am Haken …

Er läßt eine Eule, im kleinen Dachstuhl des Hauses einziehen, die sich nur Nachts bemerkbar macht. Unseren selbstvergessenen Jungmaler läßt er einen Schrein entdecken, der im Kiefernwäldchen verborgen hinter dem Haus liegt und der älter zu sein scheint als der Berg selbst. Ein Steinhaufen türmt sich vor dem Schrein auf. Mitten in der Nacht, Nacht für Nacht, dringt aus ihm ein leises Läuten und es ruft unseren Maler hinaus, lockt ihn in die Dunkelheit …

Grabungen fördern alsbald eine verborgene, gemauerte Kammer unter dem Steinhaufen zutage. 2,80m tief und 1,80m im Durchmesser. Keine Tür führt hinein, kein Tunnel hinaus, auf ihrem nackten Boden findet sich ein alter Schellenstab. Wie kann dieser denn in der Nacht geläutet haben? Von wem geläutet worden sein?

Der Glockenstab zieht kurzerhand ins Wohnhaus ein und mit ihm eine unheimliche Grundstimmung, die sich mit der Klarheit der Tage vermischt. Eine Ahnung setzt sich fest, dass dieser merkwürdige Fund erst der Anfang ist, doch der Anfang wovon? Denn zunächst verstummt das nächtliche Läuten, zunächst – dann schlägt die Schelle erneut an, zur Geisterstunde und eine Stimme die unser Maler schon Tage lang immer mal wieder hört verkörperlicht sich …

Seltsam entrückt fühlte ich mich beim Zuhören, beinahe als schaute ich aus dem dunklen Zuschauerraum einem Theaterstück zu. Zweiter Akt, Auftritt Herr Menschicki. Attraktiv, steinreich, geheimnisvoll, undurchsichtig und selbstbewußt. Er ist der Nachbar unseres jungen Malers und wird ihm zum Auftraggeber, ja zum Gönner. Um ihn ranken sich Gefängnisgerüchte, ein verschlossenes Blaubart-Zimmer soll es gar in seiner Villa geben und das Getuschel, er soll die einstigen Bewohner seiner Luxusherberge böswillig aus derselben vertrieben haben, will nicht verstummen.

Seine Motive unseren Maler zu umgarnen werden sich uns bis zum Ende des Romans nicht vollends offenbaren, ein geschickter Schachzug um auf Teil II neugierig zu machen? Werden wir Herrn Menschicki dort dann wieder treffen? Wo führt uns diese Geschichte hin? Im letzten Kapitel kommt jemand zu Wort, den Murakami nicht vorstellt und ich beginne zu ahnen, wem er da eine Stimme gibt. Diese Stimme sie lockt mich: l

“Lies mich, hör mich, triff mich” – in Band II, dort wo sich nach dem Erscheinen einer Idee, dann eine Metapher wandeln wird …

David Nathan – für mich ist er einer DER Gänsehautsprecher überhaupt! Wenn einer einen solchen Stoff lesen kann, dann er. Als deutsche Synchronstimme von Batman Darsteller Christian Bale, kroch er uns schon hauchend unter die Haut. Hier lotet er stimmlich und gekonnt die Grenzen zwischen Schein und Sein aus, wie immer souverän und wohltuend zurückhaltend, gibt er als Hörbuchinterpret dieser Geschichte den Raum den sie braucht um zu strahlen.

Er ist’s Schuld, dass ich mich für die Hörbuch-Fassung dieses Murakami Romans entschieden habe und ich habe diese Entscheidung keine Silbe lang bereut, im Gegenteil. Ich hoffe fest auf ein “Wiederhören” im Teil II …

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