Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafón)

Ostermontag, 02.04.2018

Wie sehr uns doch die Hoffnung antreibt. Hoffentlich geht es mir morgen wieder besser. Hoffentlich ist das Wetter bald wieder schöner. Hoffentlich ist er, oder sie mir nicht mehr böse. Hoffentlich geht das gut. Sätze ohne Zahl beginnen wir mit dieser Formel. Ich sitze gerade hier und überlege, wo mich dieser Beitragsanfang hinführen wird und denke, hoffentlich kriege ich die Kurve zu dem, was ich im Folgenden sagen will.

Merkt Ihr was? Mir scheint die Hoffnung ist tatsächlich die alles entscheidende Triebfeder, zumindest in meinem Leben. Was wäre es finster ohne diesen Schimmer am Horizont. Auch wenn man sich die Brille schon mal gründlich putzen muss um es zu sehen: Das Licht am Ende des Tunnels. In seinen Romanen, geht es immer um die Hoffnung, aber auch um die vielen Gesichter mit denen sich die Wahrheit maskiert.

Mit hohen Erwartungen und ja, mit der Hoffnung, dieser vierte Teil seiner Barcelona-Reihe möchte an die Wortgewalt und die Gefühlswelt der Vorgängerbände anknüpfen, bin ich in dieses Hör-Abenteuer gestartet:

Das Labyrinth der Lichter (Carlos Ruiz Zafón)

Barcelona, 1938. In der Dunkelheit eines Schiffsbauches erwacht ein blinder Passagier. Allerlei Kuriositäten türmen sich um ihn herum auf. Alte Schaufensterpuppen, eine Kutsche, Requisiten aus einer anderen Welt. Er hält sich in den Schatten verborgen, horcht auf die Geräusche des Schiffes und der Mannschaft mit angehaltenem Atem. Vor zwei Nächten hatte er sich in Valencia an Bord geschlichen und hier versteckt, in einer Gewehrkiste. Jetzt legte das Schiff an, und er, Fermin Romero de Torres, war fast am Ziel, zurück in Barcelona. Plötzlich näherten sich Schritte und diese Stimme, die laut bellend Befehle erteilte, ließ ihm das Blut gefrieren, denn sie gehörte eindeutig zu Inspektor Fumero! Der grausame Häscher der Staatspolizei höchst persönlich suchte in jeder Ritze des Schiffes und er fand was er suchte …

Der Schuß durchbohrte Fermins Waffensarg und verfehlte seinen Kopf nur um Haaresbreite. Die Nägel die anschließend durch den Kistendeckel getrieben wurden sperrten ihn für immer hier ein. Er fühlte, wie er mitsamt seines Gefängnisses in die Luft gehoben wurde, es folgten ein Fall ins Leere, dann der Aufprall und das durch die Spalten eindringende Hafenwasser wurde stetig und schnell mehr …

In seine eigene Hölle hatten sie ihn geführt. Er betrachtete seine verletzte Hand als gehöre sie nicht zu ihm. Dunkel hattte sich bereits das Fleisch an ihr verfärbt. Er wußte, dass er sterben würde, am Wundbrand, an der Sepsis, in diesem Loch hier, festgesetzt und vergessen, wenn er nicht handelte. Das Paket, das ihm in die Zelle geworfen worden war lag jetzt vor seinen Füßen. Er öffnete es ungelenk mit seiner gesunden Hand und förderte eine einfache Holzsäge zutage. Die Worte die sein Entführer ihm bei der Übergabe des Päckchens entgegen geschleudert hattte, klangen in ihm nach, (^der Tot ist zu gut für dich^), als er das Werkzeug an seinem fauligen Handgelenk ansetzte und zu sägen begann …

Textzitat: “Gewissheiten flößen Mut ein, aber lernen tut man nur mit dem Zweifel”.

Carlos Ruiz Zafón – der spanische Erfolgsautor öffnet mit diesem Roman zum letzten Mal knarrend das Tor zum Friedhof der vergessenen Bücher und gibt uns den Weg frei. Ganz wehmütig läßt er mich am Ende der Reise zwar auf den Stufen zum Eingang zurück, aber er schenkt mir damit auch eine glückliche Erinnerung an eine wunderbare Roman-Reihe.

Endlich konnte ich wieder die Türschwelle überschreiten und meine Lieblingsbuchhandlung “Sempere & Söhne” besuchen. Jetzt steht ein Laufstall neben dem Ladentisch und Daniels zweijähriger Sohn spielt zu dessen Füßen. Und auch er ist wieder da! Mein Fermin! Was hab ich ihn vermißt, dieses schwadronierende, liebenswürdige Schlitzohr. Die Sprüche die ihm Zafon in den Mund legt sind wieder göttlich. Er ist ein wahrer Stimmungsaufheller, ihn hätte ich gerne im echten Leben zum Freund, nie ist er um eine Antwort verlegen. Literarischer Berater und bibliografischer Detektiv, so seine selbstgewählte Berufsbezeichnung. Seinen Empfehlungs-Kärtchen, die er heimlich in den Büchern versteckt, damit Bea sie nicht findet, wäre ICH auf jeden Fall gefolgt …

Meisterhaft verbindet Zafon diesmal alle losen Enden seiner drei voran gegangenen Romane, stellt klar und Zusammenhänge her. Wieviele Geschichten es doch innerhalb einer Geschichte zu erzählen gibt! Die Figur der Alicia agiert dabei als Weberin, die aus den zahlreichen Fäden ein reiches Muster webt. An ihrer Seite Vargas, der ihr Vater sein könnte, aber alles andere als das sein will.

Viele alte Bekannte treffen wir wieder, gleich ob geliebt oder gehaßt, so auch Mauricio Valls, den wir bereits in Band drei kennengelernt haben. Damals war er noch der Gefängnisdirektor auf dem Montjuic. Ein grausamer Mann, der vielen Qualen und den Tod gebracht hat. Geprägt von Besessenheit und Fanatismus, hat er sich hochgearbeitet zum Kultur-Minister. Kaum das wir aber auf ihn treffen verschwindet er, offenbar spurlos. Seine Fährte nehmen wir auf mit Alicia Gris, einer Beamtin der Staatspolizei mit eigenem Schicksal. Ein Geschöpf der Nacht, schön, unnahbar und geheimnisvoll, eigenwillig, gerissen und clever. Wir tauchen mit ihr ein in die Nacht auf der Spur eines Rätsels, werden verwickelt in Intrigen, verfolgt von den Schergen des Bösen, die sich wie die Kletten an uns heften, allen voran dieser unsägliche Endaja!

Diese Frau ist mutig bis zur Selbstüberschätzung, selbst dem Teufel würde sie alleine bis vor die sprichwörtliche Küchentür gehen. Bei Filmen halte ich mir immer die Augen zu, wenn ich es nicht mehr aushalten kann, hier hätte ich mir die Ohren zugehalten, wäre ich nicht am Autofahren gewesen. Zum Nägelkauen spannend sind diese eingestreuten Szenen.

Wir gehen auf die Suche nach dem verschollenen neunten Band einer Romanreihe mit dem Titel “Das Labyrinth der Lichter”, die von einem geisterhaften, wahnhaften Barcelona erzählt, wo einen führerlose Straßenbahnen ans Ziel bringen, wenn man denn ein Ziel hat. Finden Freunde dort, wo wir sie nicht vermuten. Erkennen in unserem Gegenüber einen Feind. Dort wo Kindsräuber und Albtraumarchitekten die Leben Unschuldiger zerstören.

Rache und Grausamkeit, bodenloser Hass und Verzweiflung, nisten zwischen diesen Seiten ebenso, wie Freundschaft, Verbundenheit, Poesie und Liebe. Und ja, meine Lieblingsfigur Fermin hat Konkurenz bekommen, Alicia Gris hat mein Herz im Sturm erobert!

Nachdem die letzte Seite dieser wunderbaren Geschichten umgeblättert ist, ziehe ich Bilanz für mich, was ich quasi nebenbei Unglaubliches über Barcelona gelernt habe. Wie sehr diese herrliche Stadt auch von schweren Bombardierungen betroffen war, dass auch sie einst in Flammen stand und was ihre Bewohner in der bleiernen Zeit der Franco-Aera erduldet haben. Ein Bombenhagel hatte Barcelona in nur einer Märznacht 1938 unter sich begraben. Neunhundert Menschen starben, darunter einhundert Kinder.

Diese Mischung macht Zafon nicht nur zu einem begnadeten Erzähler, für mich macht ihn das zu einem mehr als bemerkenswerten Autor. Poetisch im Erzählton, spannend, mystisch und berührend und wie schon zu Beginn meines Beitrags, greift die Hoffnung nach mir, die Hoffnung darauf noch viele weitere Geschichten mit ihm und von ihm entdecken zu dürfen …

Hörbuch-Fassung, ungekürzt, mit kostbaren 27 Stunden und 25 Minuten, vorgelesene Seiten 939, von Uve Teschner.

Der Kreis schließt sich, auch mit und durch ihn. Mit ihm als Vorleser bin ich in mein erstes Zafón-Barcelona-Abenteuer gestartet, mit ihm beende ich auch den letzten Band der Reihe. Ich lehne mich zurück, höre ihm zu, halte mich an seiner Stimme fest, wenn die Geschichte mich mitreißt. Er ist es, dessen Ton für mich untrennbar mit “Dem Friedhof der vergessenen Bücher” verbunden bleiben wird. Der mich an der Tür empfängt und sagt ^Willkommen zu Hause^ in den Geschichten von Zafon!

Mal sanft, mal ruhelos, mal eifersüchtig, mal durchtrieben. Er holt alle Figuren stets dort ab, wo sie stehen. Seine Interpretation des üblen Folterers Endaja treibt mir den Angstschweiß auf die Stirn. Schlangengleich verhört dieser seine Opfer. Wie festgenagelt folgt man der Szene, sieht man sich selbst diesem Unhold gegenüber sitzen. Herrlich naiv dagegen legt er den jungen Fernando an, kratzig und kraftvoll Alicias Beschützer Vargas und er schafft es auch, dass sich Fermin tatsächlich älter anhört, vertraut und doch anders.

Danke für dieses Hörerlebnis, es war mir ein Fest!

Mein Dankeschön geht an dieser Stelle auch an den Übersetzer der Barcelona-Reihe, an Herrn Peter Schwaar. Er ist es, der den spanischen Erzählton Zafóns so grandios, so klangvoll, ins Deutsche übertragen hat, die Sätze in einer neuen Sprache noch einmal ausbalanciert. Merci dafür!

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