Artemis (Andy Weir)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 15.04.2018

Was macht eigentlich einen Traumjob aus? Jedem von uns fallen da aus dem Stand Attribute ein, die für ihn persönlich wichtig sind. Aufgaben die mehr als nur Routine bedeuten, gutes Geld, ein attraktives Arbeitsumfeld, mit Menschen zusammen kommen, von denen man Wertschätzung und Anerkennung erfährt. Ein Chef und Kollegen, die man nicht gleich auf den Mond schießen möchte … Apropos Mond. Einen Job auf dem Mond zu haben könnte auch ein Traum sein, oder? Fragen wir doch mal jemanden der sich damit auskennt, darf ich vorstellen: Miss Jazmin Bashara – und Euch allen ein herzliches Willkommen in Artemis, der ersten und einzigen Stadt auf unserem Erdtrabanten, dem Mond. Einwohnerzahl zweitausend, darunter viele Millionäre, Wissenschaftler und auch eine, die mit allen Wassern gewaschen scheint:

Artemis – nicht erbaut auf sieben Hügeln, dafür aus fünf großen Kugeln. Meterdicke Wände aus Metall und Beton, die zur Hälfte unter der Oberfläche eingegraben wurden und durch Tunnel miteinander verbunden sind, bilden das Gerüst der Stadt. Nur vier Kuppeln, die um eine fünfte in ihrer Mitte liegend angeordnet sind, sind von oben betrachtet sichtbar. Es ist teuer hier zu leben und es ist teuer hierher zu kommen. Dabei ist das Leben in Artemis für die meisten alles andere als luxuriös, und ganz und gar nicht so, wie man es bei den Preisen vielleicht erwarten könnte.

Jazmin, oder Jazz wie ihre Freunde sie nennen, arbeitet als Trägerin, wir würden sagen Postzusteller. Na ja gut, Schmugglerin würde auch passen, denn sie verteilt Pakete und nicht jeder von ihr zugestellte Inhalt ist auch legal auf dem Mond, sondern er birgt, im besten Wortsinn, auch schon mal Zündstoff in sich. Nehmen wir z.B. Zigarren, die eingedenk der strengen Brandschutzbestimmungen in Artemis verboten sind. Schließlich kann man ja nicht mal eben so bei Verrauchung ein Fenster zum Lüften öffnen, oder wenn es brennt hinaus spazieren.

Jazz wurde in Saudi Arabien geboren, ist jetzt sechsundzwanzig und lebt auf dem Mond seit sie sechs Jahre als ist. Sie liebt ihre Stadt, fühlt sich als Artemisierin. Das trotz aller Unbillen, die diese für ihre Bewohner bereithält. Der Kaffee schmeckt hier wirklich widerlich, was wenn man bedenkt, dass Wasser hier oben bereits bei einundsechzig Grad kocht, eigentlich auch kein Wunder ist. Will sagen, der Mond kann ja nichts dafür, sondern vielmehr die Gesetze der Physik. Befragte man Jazmin als Kind nach ihren Berufswünschen, formulierte sie schon, reich – immer noch arbeitet sie daran, auch das bisweilen mit nicht ganz legalen Mitteln …

Andy Weir – von Haus aus Programmierer und Softwareentwickler landete mit seinem Debütroman “Der Marsianer” aus dem Stand einen Bestseller, der auch erfolgreich mit Matt Damon in einer Hauptrolle verfilmt wurde. In seinem neuen Roman hat es ihn nicht ganz so weit in den Weltraum verschlagen und wir landen diesmal mit ihm auf unserem Mond. Science Fiction Fans die jetzt Weltraumschlachten oder Fahrten mit Raumschiffen erwarten werden diese vielleicht vermissen. Mir haben sie nicht gefehlt, mir hat die “geerdete” Darstellung des Lebens auf dem Mond gefallen und ich habe mich an der spürbaren Schreibfreude Weirs und an seiner Leidenschaft für alles was mit der bemannten Raumfahrt zu tun hat, gefreut. Zwischen wissenschaftlichen Fakten schweben seine Pointen in der Schwerelosigkeit und die sehr griffig geschilderten technischen Einrichtungen vermitteln den Eindruck, man könne Nachts aus dem Fenster auf den Mond schauen und Artemis schon dort oben sehen.

In der gut besuchten Mondstadt begegnen wir stinkreichen Touristen, Weltraumbummlern und Arbeitern in den engen Tunneln. Wir bestaunen die Landezone der Apollo Rakete im Besucherzentrum und unternehmen selbst einen Mondspaziergang hinaus zu den Überresten der “Eagle”. Wir spähen erschrocken in die Kapselunterkünfte, in die man die Arbeiter und auch unsere Heldin gequetscht hat, verstehen auf Anhieb, warum man diese Wohneinheiten ohne eigene Dusche und Toilette umgangssprachlich “Särge” nennt.

Wir lesen den Briefwechsel oder vielmehr E-Mail-Wechsel zwischen Kelvin und Jazz der bereits in deren Schulzeit beginnt mit, halten so den Kontakt zur Erde. Mit Kel teilt sie ihre Sorgen, er ist ihr Ratgeber und Vertrauter in jeder Lebenslage, und sie, die Hochbegabte löst für ihren Erdenfreund, den sie nicht persönlich kennt, aus der Ferne auch schon mal komplizierte Berechnungsaufgaben, damit er im Raketendesign weiter kommt.

In gekühlten Anzügen rumpeln wir mit Spezialfahrzeugen über die spitzen Steine der Mondoberfläche. Der feine Staub aus spitzen Teilchen gerät dabei überall hin, klebt an uns fest, gerät in die Lunge, zerkratzt die Augen, sobald unser Schutzanzug auch nur den kleinsten Ritz hat.

Die blitzgescheite Jazz nimmt uns an der Hand und erklärt uns diese Mondwelt anschaulich, mit all ihren technischen Details, kurzweilig und sehr unterhaltsam. Sie nimmt sich selbst nicht ganz so ernst und betrachtet die Ereignisse mit einer entspannten Grundhaltung. Okay, ein freches Mundwerk hat sie schon, da darf man nicht ganz so empfindlich sein. Jung, wild, rebellisch, ungebunden, unangepaßt, unerschrocken, vorwitzig und grenzenlos optimistisch – eine arabische Pippi Langstrumpf auf dem Mond, nur ohne Zöpfe. Es macht Laune mit ihr unterwegs zu sein und diese fremde Welt zwischen Glas, Staub und Steinen mit ihr zu erobern.

Etwa ab der Hälfte dieses Zukunftsthrillers zieht dann auch die Spannung an. Als Jazmin, Schmugglerin und Teilzeitkriminelle, einen brenzligen Auftrag ihres besten Kunden annimmt, ahnen wir schon, das hier auf die Gute eine Lawine von Problemen zurollt und wir hoffen, dass ihr am Ende nicht die Deportation zur Erde droht. Im Sabotagegeschäft kennt sie sich ja nun wirklich nicht aus! Einen Mord gibt es schließlich auch aufzuklären und als hätten wir es nicht befürchtet, steckt unsere Miss Bashara plötzlich mitten in einer Verschwörung vom Feinsten und nur ein beherzter Plan, der zugegeben nicht ohne Risiko für Leib und Leben der Beteiligten ist, wird geschmiedet um das Schlimmste noch abzuwenden. Mißlingt er, steht das Wohl und Wehe der gesamten Mond-Stadt auf der Kippe …

Mich hat Andy Weirs Geschichte bestens unterhalten und zugleich den Blick für unseren blauen Planeten, für seine Schönheit und die Dringlichkeit diese zu erhalten neu geöffnet!

Hörbuch-Fassung, gekürzte Lesung mit 9h und 10 Min. Spielzeit:

Gabriele Pietermann – ist die Hauptstimme in dieser gelungenen Hörbuch-Fassung. Als deutsche Synchronsprecherin von Emilia Clarke, alias Daenerys Targaryen aus Game of Thrones und von Emma Watson, alias Hermine aus den Harry Potter Filmen, haben wir sie hier plaudernd im Ohr.

Ihr Vortrag ist sehr lebendig, sie unterstreicht damit die freche, spätpubertäre und vorwitzige Art der Heldin, gibt sie cool, clever und lässig. Fluchen wie ein Kesselflicker, ja, das kann sie auch.

Die Rolle von Kelvin liest Marius Clarén, die deutsche Stimme von Tobey Maguire alias Spiderman und Jake Gyllenhall sehr sympatisch und authentisch ein. Der E-Mail-Chat der beiden vom Mond zur Erde und zurück – ein herrlicher Schlagabtausch.

 

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