Der Fall Alice im Wunderland (Guillermo Martínez)

Jeder kennt eine Geschichte die ihn ganz besonders fasziniert. Die alters- und zeitlos ist, die diese Faszination nicht verliert. Bei mir ist das “Alice im Wunderland” von Lewis Carroll. Abenteuerlich, facettenreich und bunt entführte sie mich als Jugendliche durch einen Kaninchenbau in eine andere Welt. In eine Welt voller Wunder und Wahnsinn. Carroll, geboren 1832, veröffentlichte “Alice’s Adventures under Ground”, wie der Titel im Original heißt, bereits 1864. Um ihn, um sein Wirken, soll es auch im Roman von Guillermo Martínez gehen. Kommt, folgen wir dem Kaninchen und riskieren wir einen Blick …

“Ein Verbrechen ist nicht dann perfekt, wenn es ungelöst bleibt, sondern wenn ein falscher Täter gefaßt wird.”

Textzitat Guillermo Martínez Der Fall Alice im Wunderland

Der Fall Alice im Wunderland von Guillermo Martínez

Am liebsten ist er auf nackten Füßen unterwegs, dieser Ermittler und vor Gericht schlüpft er nicht nur in Schuhe, sondern auch in eine andere Haut. Man erkennt ihn fast nicht wieder, wenn er dort dann stichhaltige und unwiderlegbare Details so überzeugend präsentiert, dass man sich erstaunt die Augen reibt, angesichts der Eloquenz dieses sonst so schweigsamen Mannes. Stille Wasser gründen tief, nicht?

Ein argentinischer Student in Oxford,  23 Jahre alt, liebt die Literatur und studiert die Logik. Ein alter Ego des Autors? Auch er stammt aus Argentinien studierte und lehrte hier.

Ein kleiner Laden namens Alices  angefüllt mit Teekannen, Motivtassen, Uhren und Zylindern.

Friedliche, englische Sommerabende, Wandelgänge und zauberhafte Gärten, ein ehemals stellvertretender Verteidigungsminister, der unglaubliches enthüllt, die Tagebücher von Lewis Carroll und eine heikle Geschichte, mit der man vor dem Anfang beginnen muss.

Alles beginnt mit einem Unfall bei Nacht. Ein rücksichtsloser Autofahrer überrennt eine Studentin, die arglos auf dem Heimweg nach einem Kinobesuch ist. Auf einer menschenleeren Straße. Begeht Fahrerflucht. Schwerverletzt findet ein Spaziergänger die junge Frau beim Gassigehen mit seinem Hund und ein Stein kommt ins Rollen und der Stein des Anstoßes scheint ein Autor, Genie und das Studienobjekt des Unfallopfers zu sein: Lewis Carroll …

Ihm widmet auch eine Bruderschaft ihr Schaffen. Eine kommentierte Ausgabe von Carrolls Tagebüchern haben sie sich aktuell vorgenommen, und ein mehr als großzügiges Angebot eines amerikanischen Verlegers lockt, stellt den Herausgeber ihres Vertrauens kalt und plötzlich ist man untereinander auch nicht mehr ganz so einig …

Guillermo Martínez, geboren 1962 in Bahia Blanca, argentinischer Schriftsteller und Mathematiker, arbeitete zwei Jahre nach seiner Promotion an der Oxford University, lebt seit 1985 in Buenos Aires. Sein bisher bekanntester Roman “The Oxford Murders“, erschien im Original 2003. Wurde 2006 ins Deutsche übertragen unter dem Titel “Die Pythagoras Morde” und 2007 verfilmt mit John Hurt und Elijah Wood. Der Fall Alice im Wunderland erschien im Mai 2020 in deutscher Übersetzung, in der Printausgabe bei Eichborn.

Martínez hat hier, inspiriert von einer wahren Begebenheit, bei zahlreichen Carroll-Biografen ausführlich recherchierend und das gute alte Oxford topographisch etwas verbiegend, einen fiktiven Kriminalfall um den legendären Lewis Carroll entworfen, den er mit erdachten Figuren kreativ besetzt.

Dies ist ein Fall für alle Fälle, ein Roman, der auch Nicht-Krimifans zu begeistern versteht mit seiner sprachlichen Gewandtheit, seiner Fülle an Details, mit seinem ehrwürdigen Schauplatz und seinen Helden. Die aufgeweckt, fabulierend, diskutierend und schrullig daher kommen.

Sein ruhiger Erzählfluss und seine britische Anmutung haben mir sofort gefallen. Wer gerne rätselt, das schön klassisch, wird hieran seine Freude haben.

Wie unschuldig war Lewis Carrolls Begeisterung für kleine Mädchen einzuordnen? Nach heutigen Maßstäben hätte man ihm fraglos den Stempel der Pädophilie aufgedrückt. Mit dieser seiner Vorliebe den Umgang mit Mädchen betreffend und dann diese Fotografien und Zeichnungen, diese Posen … Im viktorianischen England stand die Nacktheit von Kindern auf Fotos für die Unschuld. Ließ man den Geschichtenerfinder deshalb seinerzeit unbehelligt? Wer wollte ihn jetzt nach all den Jahren in Misskredit bringen? 

In Carrolls Tagebüchern fehlt eine Seite, eine entscheidende, eine die klärend sein könnte. Müsste er doch auf ihr von einem Ausflug mit einem Kind erzählt haben, nach dessen Ende eine befreundete Familie alarmiert mit ihm brach. Wer hat die Seite entfernt? Herausgerissen. Und wo war sie, wenn es sie noch gab? In wessen Händen … ?

Den Biografen Carrolls blieb nur die Spekulation um diese Lücken zu füllen, um seinen Ruf zu retten und es wird spekuliert, kombiniert und logisiert auf Teufel komm raus …

“Too late to die young” ein solcher T-Shirt Spruch lässt durchaus Rückschlüsse auf seinen Träger zu. Verschroben sind sie die Figuren dieser Geschichte, die für mich mehr Roman als Krimi gewesen ist. Auch wenn es diesen Unfall bei Nacht mit Fahrerflucht gibt, der ausgerechnet die Frau ins Koma schickt, die vorgibt an die verschollene Tagebuchseite Carrolls gekommen zu sein, die vor mehr als 100 Jahren verschwunden ist. Und auch einen Toten, dann noch einen, gibt es alsbald.

Unterhaltsam und originell ist die Geschichte, wenn Martínez von Carrolls Erfindungen erzählt, wie z.b. einem Geschwindigkeitsmesser für Dreiräder, einer Maschine mit der man im Dunkeln Notizen machen konnte. Sprachlich charmant, wenn er unter anderem von zwei Lebensaltern schreibt, die in einem Gesicht kämpfen. 

Immer wieder hat es mathematische Bezüge, naturwissenschaftlich-philosophisch ist der Ich-Erzähler, der Student in dieser Geschichte,  gemeinsam mit seinem Prof. Arthur Seldom ermittelnd unterwegs. Dieses Gespann und ihre Gespräche würzen den Roman zusätzlich mit einem ganz speziellen Humor und Ton.

Die Bruderschaft bevölkert Martínez bunt, die Damen und Herren mit ihren Eigenarten, und ihrer jeweiligen Vita haben was zu bieten. Ex-Rennfahrerin trifft auf einen Arzt a. D.  der sich der Chronomedizin verschrieben hat und der sich jetzt mit der Umkehrbarkeit und dem Stillstand der Zeit im Haus des Hutmachers in Carrolls Geschichte beschäftigt. Faszinierend.

Traumlogik, Tiersymbolik, aus Alice im Wunderland kann man eine Menge herauslesen und hineindeuten. Verblüffend. So habe ich diese Geschichte noch nicht betrachtet! Theorien spinnen über einen Großen seiner Zeit, einen Geschichtenerfinder, einen Kunstfotografen, kann man hier auch.

Ein kurzgeschlossener Wagen. Es verstirbt der Verleger, dem die Bruderschaft bislang alle ihre Veröffentlichungen anvertraut hat. Plötzlich und angeblich an den Folgen seiner Diabetes. Angeblich. Am Ende ist es dann das Gift des blauen Eisenhutes …

Eine Reihe von Unfällen und Todesfällen nimmt ihren Anfang, alle erinnern an Szenen aus Alice im Wunderland. Der Selbstmord einer 12 jährigen. Ein Kopf taucht auf in einem Fluss, wird entdeckt bei einer Ruderpartie, der Rest des Leichnams, der zu einem der Bruderschaft bekannten Journalisten gehört fehlt. Hatte es so nicht auch die Herzkönigin im Wunderland befohlen: “off with his head …” ? Was ist das Motiv dieses Täters?
Und wie kann man diesen Ereignissen mit den Gesetzen von Mathematik und Logik beikommen?

Ein klassischer Kriminalroman, der mit reichlich Hinweisen aufwartet zum Mitgrübeln einlädt. Das Auftauchen von kompromittierenden Fotos und eine altehrwürdige Universität als Schauplatz sorgen dabei für Gesprächsstoff und die perfekte Kulisse. 

Ein Zettel in einem Anhänger über dem Herzen getragen, verborgen vor allzu neugierigen Blicken. Wortspiele und ein geheimer Code, ein Mathematikstudent auf der Suche nach dem Schlüsselwort.

Eine Studentin der Mathematik findet zu Gott, ihr Professor versteht die Welt nicht mehr und unser Student muss lernen, dass ein mathematischer Algorithmus auf Gefühlsdinge nicht anwendbar ist.

List und Tücke, Feingeister Geheimniskrämer, Professoren und Studenten. Ein Ringelrein von Theorien und Fakten hält mich auf Trapp bis zum Schluß und er, ist lebhaft mit Leib und Seele dabei in der ungekürzten Hörbuch-Fassung:

Sascha Tschorn, geboren am 9. Juli 1976 in Berlin-Kreuzberg, deutscher Schauspieler, ist mit seiner markanten Stimme Hörbuch-Krimifans durch seine Lesungen der Jussi Adler Olsen Thriller ein Begriff. Tschorn liest mit einer Satzmelodie, an die ich mich erst gewöhnen musste. Am Satzende hängt er bisweilen einzelne Wörter ab, pausiert kurz für den nächsten Satz, wie um einen neuen Anlauf zu nehmen. Davon abgesehen wirkt er konzentriert und der jeweiligen Szene begegnet er stets mit dem richtigen Ton, liest mal pikiert, mal mit britischer Zurückhaltung. Ist nachdenklich oder streitbar, besonders lebendig und mit Leidenschaft gestaltet er die hitzigen Diskussionen im Text. Ich war sehr gerne mit ihm in Oxford unterwegs und diese Teestunden vergesse ich so schnell nicht. Diese Scones …

Mein Dank geht an Lübbe Audio für dieses Besprechungsexemplar.

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