Bären füttern verboten (Rachel Elliott)

Cornwall. Hier sind nicht nur die Geschichten von Rosamunde Pilcher zu Hause, sondern auch die von König Artus, von den Rittern seiner Tafelrunde und von Merlin. Der geheimnisvolle Steinkreis von Stonehenge gehört ebenso zu dieser englischen Grafschaft, wie seine Steilklippen, gemütliche Cottages mit üppig blühenden Gärten, und ein Wetter wie es für England ganz und gar untypisch ist. Da will ich, wollte ich, immer schon und bin nur bis Stonehenge gekommen. Dieses Jahr wird dat nix mehr und nächstes Jahr nicht gleich, drum reise ich schon mal in Gedanken und mit Sydney der Heldin dieser Geschichte in ein Örtchen an der Küste und ich begegne ihr das erste Mals, da ist sie gerade acht Jahre alt und wie ich finde, ganz schön naseweis …

“Die Zeit blinzelt. Sie sieht alles.”

Textzitat Rachel Elliot Bären füttern verboten

Bären füttern verboten von Rachel Elliott

Da steht eine Frau auf dem Dach. Eindeutig. Maria beschirmt ihre Hand mit den Augen und schaut zu ihr hinauf. Will sie etwa springen? Die Frau schaut sie an, sie ist nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt. Wie ein Engel. Sie breitet die Arme aus, – und …

Spaziergänge mit einem riesenhaften Hund, ein Picknick auf dem Dach, eine Rückkehr an einen Ort der dein Leben verändert hat. Was ist Dir passiert vor all den Jahren? Woran gibst Du dir die Schuld, Sydney?

“Und so geht der Tanz weiter. Der Striptanz, den er sie aufführen lässt, für ein bisschen Anerkennung oder Bestätigung. Nackt und frierend tanzt sie auf den Scherben seiner Worte. Er findet es abstoßend, wie sehr sie sich bemüht. Sie auch.”

Textzitat Rachel Elliot Bären füttern verboten

Desperate Housewife. Eine vernachlässigte Ehefrau sucht nach sich und findet eine Fremde die ebenfalls auf der Suche ist. Eine Frau die Gebäude bespringt als gäbe es kein Morgen, als wäre sie unzerstörbar. Freerunning nennt sie das, wovor läuft sie davon ?

Belle hingegen will lieber bleiben als fortgehen. Ein Studium wird überbewertet, findet sie. Hat sie deshalb eine Hippie-Einstellung? Ich finde, immer dann, wenn man einen Ruf hört, wird der Beruf zur Berufung. Auch dann, wenn die eigenen Eltern das nicht gut finden. Go for it, Belle!

Rachel Elliott, geboren 1972 in Suffolk, Schriftstellerin und Psychotherapeutin erschrieb sich mit ihrem Debüt Flüstern mit Megafon eine Nominierung für den Women’s Prize for Fiction, sie plaudert so liebenswert warmherzig, das dieser Text wie ein Erholungsbad für mich war. Es brauchte nicht viele Sätze von ihr, da bin ich schon von ihrem Erzählton begeistert, der so herrlich erfrischend, leicht und bittersüß daher kommt, das ohne jede Spur von Albernheit. Schlagfertig und stets bewahrt sie sie einen liebevollen Blick auf die Figuren, die sie sich da ausgedacht hat.

Das was zwischen Menschen passiert erkennen und zeichnen, mit Worten, das ist ihr Ding und Claudia Feldmann, die ihren Roman Bären füttern verboten ins Deutsche übertragen hat beweist auf ungemein eindrücklich Art, das sie ein Händchen für solche Texte hat. 

Sydney, Comicautorin und Gebäudebezwingerin mochte ich sofort, als achtjährige und als siebenundvierzigjährige. Nicht nur sie hat eine “Macke”, also mindestens eine, schrullig sind in dieser Geschichte viele Figuren und ihre Gewohnheiten und das Setting ist einfach traumhaft.

Rachel Elliott kennt ihn, und ihre Übersetzerin Claudia Feldmann auch, den Stoff, aus dem Lieblingsbücher gemacht werden. Sie verwendet Zutaten die ihre Wirkung nicht verfehlen. Dosiert sie fein aufeinander abgestimmt.

Und was für kuriose Einsprengsel Elliot da in ihren Text wirft. Ich tauche ein in die Gedanken eines Hundes, der eine feine Nase hat, ich folge der Seele eines Toten, die sich über ihm erhebt. Wer das schräg findet, der hat wahrscheinlich recht, aber keine Sorge, Rachel Elliot übertreibt nicht, sie hat einfach eine ganz feine Antenne, beschreibt nicht nur was sie sieht, man kann ihr Bauchgefühl förmlich spüren und das ihrer Protagonisten. Das macht diesen Roman für mich zu etwas Besonderem, lässt ihn aus der Masse herausragen. Macht ihn zu einem hervorragendem.

Mit all seinen Irrungen und Wirrungen, seinen Alltagsrebellen, den ungeliebten Routinen, seinem großen Herzen. 

Es gibt Gin und Muffins bei Maria, die Mut machen und vielleicht sogar Leben retten können. Auf jeden Fall inspirieren. Es tut gut, im Dunkeln das Meer zu hören, dann wenn Einschlaftee und Baldrian nicht wirken. Vielleicht hat sie ja, zu wenig Selbstachtung, sagt zu oft “es tut mir leid”. Vielleicht aber ist sie genau richtig so wie sie ist, wenn auch nicht für ihren Ehemann. Der sich in seiner Blase ganz wunderbar eingerichtet hat.

Herz oder Ratio, Gefühl oder Verstand? Wie schön wenn beides geht, das Hand in Hand. 

Schmerzhaftes, Bilder von Vergangenem und von Zukünftigem vielleicht auch, von Leere und Lücken, von dem was sie füllt, von unsichtbaren Verbindungen, schreibt Elliot und lässt uns viel aus dem Innenleben ihrer Figuren erfahren. Lässt uns tief tauchen in ihren Gedanken.

Hoffnungsvoll, wehmütig, humorvoll und durch und durch glaubwürdig, ist sie diese Geschichte und wie aus den Bruchstücken eines Traums gemacht. Man kann sich in sie hinein lesen, sich an ihr festhalten, sich an ihr wärmen, mit ihr ratlos sein, verzagt und zweifelnd.

Mich hat sie in einer Leseflaute erwischt, mir gut getan mit ihrem lockeren Ton, mich abgeholt in einer schlaflosen Nacht. Dieser Roman ist eine Stimmungskanone, denn er kann heiter und bewölkt.

Erzählt mir von Selbsthass und Schuldgefühlen, von Beobachtern, einer Dentalhygienikerin, von Traurigkeit und Verlust. Asthmaanfällen und Panikattacken. “Parcours machen” hilft, wegrennen nicht. Wir wissen, man sich immer selbst mit und es spielt keine Rolle, ob das Gepäck das man dabei trägt leicht oder schwer ist, ein Rucksack drückt an den Riemen wenn man ihn zu lange trägt. Ein Notizbuch des Schweigens (wie notiert man eigentlich Stille)? Und was so ein Schweigen alles sein kann: Verstockt, streitlustig oder auch verzagt und verzweifelt.

Vergeben und vergessen, als wenn das einfach wäre. Wer mit sich selbst allein ist, seit der zehn ist, braucht mehr hat nur einen Grund um sich zu verzeihen.

Rachel Elliot führt mich an einer langen Leine, füttert mich mit Andeutungen, lockt mich mit Versprechungen immer tiefer in ihren Text. Ihre Figuren so zerrissen, ihre Helden so voller Sehnsucht, der Schauplatz so malerisch und trotzdem verliere ich ihn aus den Augen, weil ich so sehr mit den Innenansichten jedes Protagonisten beschäftigt bin, mit Ihnen leide, bange und hoffe.

Filzhasen können gute Zuhörer sein, denn sie haben schließlich große Ohren. Wenn man seinen Hass in sie hinein flüstert zerbricht er. Schön wär’s …

Das Leben ist kein Ponyhof. Von wem habe ich diesen Satz eigentlich zum ersten Mal gehört? Leider stimmt er, fürchte ich, dieser Ritt hier ist auch einer über Stock und Stein, und nicht nur ein Hindernis stellt sich den Protagonisten in den Weg, lässt ihr Pferd scheuen, sie werden abgeworfen, und die Hand, die ihnen aufhilft gehört nicht immer zu jemandem von dem sie es erwartet hätten.

Ein Funke der Empörung ist auch ein Funke der es knistern lassen kann und wer sagt denn, dass man etwas von der Liebe verstehen muss um zu lieben? In die Haut eines anderen schlüpfen, das kann man hier. Den Mantel eines anderen überstreifen, sein altes Leben ablegen, sich gesehen fühlen, verstanden, mit 58 und 69 sein Leben noch einmal neu beginnen. 

Es ist schon spät, ich muss morgen früh raus und trotzdem lese ich noch. Nur noch eine Seite und höchstens noch eine weitere. Sie lässt mich nicht los, diese Geschichte von Sydney, Howard und Jason. Wie kann das gut ausgehen? Aber es muss doch? Nicht? 

In mir klingelt ein Glöckchen. Erst leise, dann laut und vernehmlich. Dieser Roman hat einen Nerv getroffen, eine Stelle, die ich mir jetzt reibe, weil sie schmerzt. Loslassen. Es klingt so einfach. Ist es aber nicht …

Für seine Sanftheit, für seine Lebensklugheit, für das Stellen der richtigen Fragen, für seine Antworten mochte ich diese Geschichte. So wünsche ich mir einen Auftakt in mein Lesejahr, in einer Zeit die so ungewiss ist, das es mich bisweilen ängstigt. Eine Zeit, in der ich einen Roman, diese Geschichte dafür liebe, dass sie mir die Gewissheit gibt, dass sich alles jederzeit zum Besseren verändern lässt, die mir Mut macht, Zuversicht schenkt.

Neues Lieblingsbuch, ich schlage Dich zu, komm wir suchen Dir einen Bärenplatz, Pardon, Ehrenplatz in meinem Bücherregal, in meinem Leserinnenherz hast Du ihn längst …

“Wir denken immer, es sind andere, die wir vermissen, nicht wir selbst.”

Textzitat Rachel Elliott Bären füttern verboten

Mein Dank geht an den Mare Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

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