Wir sind das Licht (Gerda Blees)

“Wir sind die Nacht …. Wer in aller Ruhe sterben möchte, ohne zuviel Trara und Drama, macht das vornehmlich in uns, der Nacht. Während die angehenden Hinterbliebenen schlafen.”

Textzitat Gerda Blees Wir sind das Licht

Nichts will ich Euch erzählen über diese Geschichte, und auch alles. All das verraten, was sie mit mir gemacht hat. Wie sie mich bereits mit ihren ersten Sätzen, die mir im Hörbuch eine grandiose Claudia Michelsen vorliest, gebannt hat. Diese Stimme! Sanft, flüsternd, leicht brüchig, und so eindringlich, kriecht sie förmlich in mich hinein! Verschafft mir eine Ahnung von dem was da kommt. Noch kommen muss. Unnötig zu sagen, dass man einen solchen Text genauso lesen muss. Unnötig zu sagen wie gut mir das gefallen hat. Wie sehr es mich darin bestärkt mir häufig vorlesen zu lassen. Was für eine ungeheure Intensität, was für eine Wucht, Wort und Vortrag hier in ihrer Verbindung erzeugen. Jetzt wollt Ihr doch wissen, worum es in …

Wir sind das Licht von Gerda Blees

… geht? Es geht um ein rotes Sofa. Um Luftmatratzen und ein abgedunkeltes Wohnzimmer. Einen frühen Morgen. Eine Tote. Elisabeth. Einen herbeigerufenen Bereitschaftsarzt, der Zweifel an der Todesursache einer Mitbewohnerin hat. Um einen Gerichtsmediziner, der die Annahme stützt: Dieser Tod ist nicht natürlich.

Es geht um die Nacht, die alles gesehen hat, die sich mit Claudia Michelsen zurück zieht, nachdem eine Wohnung zum Tatort geworden ist. Benno Fürmann übernimmt jetzt das Vorlesen aus Sicht desselben. Dieser Tatort hat einiges zu erzählen und er tut es auch, liefert Erkenntnisse und einen ausreichenden Verdacht dafür, dass die drei Mitbewohner der Toten, zwei Frauen und ein Mann der fahrlässigen Tötung schuldig sein könnten. Tötung durch Unterlassung wird ihnen zugeschrieben. Aber so einfach ist das nicht …

Der Tatort liegt in einem Reihenmittelhaus. Hier hat Melodie, die mit der Engelsgeduld, ihre Schwester und zwei Mitbewohner aufgenommen, weil gemeinsam = nicht einsam. Ich sehe mich um, werde mit Vorverurteilungen konfrontiert. Klang und Liebe, ein Name ist Programm, in dieser Wohngruppe regiert nicht nur das Tageslicht sondern offenbar auch eine Überzeugungsdiktatur der besonderen Art …

“Wir sind Licht. Wir sind Liebe. Wir sind Klänge überall. Wir sind Zellen voller Leben. Wir sind nichts. Wir sind das All.”

Textzitat Gerda Blees Wir sind das Licht

Das tägliche Brot begehrt auf mit der Stimme von Sandrine Mittelstädt. Verweigert, verwehrt, zuviel Gluten, zuviel Industrie, zu viel von zu viel.
Es erzählt von Genuss und Schokostreuseln in Zartbitter. Vom Versagen. Nein, es gab keine Klagen, keine lauten zumindest. Von Muriel. Von Petrus. Von Elisabeth.

Dann schalten sich die Nachbarn ein, die gibt im Hörbuch äußerst lebendig und auch irgendwie lässig Jannik Schümann. Sowas hat man hier noch nicht gesehen und grundsätzlich ist das ihrige ein anständiges Viertel. Jetzt werden sie von der Polizei befragt und man spricht von einer Straftat. Was soll man dazu sagen! Eine Meinung hat man ja, aber laut äußern? Das will man nicht. Besonders nicht was diese Melodie angeht. Was da passiert sein soll, das wünscht man keinem. Niemandem. Aber ein bisschen gehässig sind sie schon, also ein kleines bisschen, die lieben Nachbarn, und was die alles wissen. Hier steht man schon auch häufig hinter der gelupften Gardine, scheint mir. Wie die da alle so frei von der Leber weg so was von loslästern. Klar, haben sie auch mitgekriegt, dass ein Cello plötzlich vernachlässigt wurde und ich frage mich: Wieviel darf, muss ein Herz wiegen? Auf dem Seziertisch angekommen, gelten offenbar andere Maßstäbe …

Gerda Blees, geboren 1985, wurde für dieses ihr Romandebüt u.a. mit dem Nederlandse Boekhandelprijs und dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet. Blees, die in Amsterdam Fine Arts studiert hat und in Haarlem lebt, für die wunderbare Übersetzung ihrer Geschichte aus dem Niederländischen zeichnet übrigens Lisa Mensing verantwortlich, hat mich völlig kalt erwischt mit dieser Story, die in 2017 ihren Ursprung hat.

Da ging ein Fall aus Utrecht durch die Presse, eine 62 jährige Frau, die Mitbewohnerin einer Wohngruppe gewesen ist, war verhungert. Gerda Blees hörte davon in den Nachrichten, beschloss zu recherchieren und fiktionalisiert über diese Geschehnisse zu schreiben. Trotz und weil: Was bringt Menschen an einen solchen Punkt? Wie wirken sich Labilität, Beeinflussung, ein manipulativer Charakter aus? Welches Preisettiket heften wir der Freiheit an, wenn wir alles zulassen? Wir sind auf der Suche nach Antworten mit Gerda Blees, sie gibt sie uns aber nicht. Sie ist nicht angetreten uns zu belehren, sie betrachtet und erzählt auf eine unnachahmlich kreative Art und Weise von dem Undenkbaren.

Ich bin maximal überrascht und zwar auf das aller Angenehmste. Es gab lange keinen Titel, keinen Text, kein Hörbuch, die mich erzählerisch und stilistisch so abgeholt haben wie diese Geschichte von Gerda Blees. Die Perspektivwechsel, die Idee überhaupt, ihre Umsetzung, sind unglaublich. Unglaublich gut gelungen. Ihr Erzählen nur besonders zu nennen wäre viel zu kurz gegriffen. Es ist außergewöhnlich. Outstanding. Ich habe es ungläubig erlebt, mit weit offenen Ohren und Augen. Mit wundem Herzen.

Blees macht sich Gedanken von innen nach außen, von allen Seiten und lässt sie auch zu Wort kommen. Die Gedanken. Gleich ob verstörende oder empörende. Sowie die Zweifel, die lange ignoriert worden sind, die sich nach dem Todesfall in Erinnerung rufen und sie lässt das Leben weitergehen. Denn das tut es. Immer. Da ändern auch Widerstand und blutig geschlagene Knöchel nichts dran. Nichts mehr. Und Fingerspitzen, die über Worte streichen auch nicht.

Die Wut kommt jetzt aus der Tiefe. Atem drückt gegen den Widerstand. Das kann helfen. Muss es aber nicht. Düfte triggern. Eltern erinnern sich. Bei mir herrscht Fassungslosigkeit angesichts einer Selbstoptimierung, die in Selbstauslöschung endet.

Es ist faszinierend wie Blees sprachlich und auch von der Tonalität her mit den einzelnen Perspektiven spielt, das ist sowas von auf den Punkt. Ich krieg mich nicht mehr ein! Auch wie sich die vier Sprecher wiederkehrend das Staffelholz übergeben, in ihre Rollen schlüpfen, ist so genial, es tut mir leid, aber mir will einfach kein weiteres Superlativ mehr einfallen, dass ich noch benutzen könnte um diesem Roman gerecht zu werden. Macht es so wie ich, stolpert hinein in die Nacht, hoffnungsvoll auf der Suche nach dem Licht und schaut Euch um, oder hört Euch um. Letzteres empfehle ich ausdrücklich, denn es lohnt sich so:

Wegen diesen Hochkarätern! Die Sprecher der Hörbuch-Fassung sind erste Sahne, ich durfte 6 Stunden und 40 Minuten zwischen Claudia Michelsen, Benno Fürmann, Sandrine Mittelstädt und Jannik Schümann verweilen. Die Aufzählung entspricht der Reihenfolge ihres Auftretens und ich kann mich kaum entscheiden wer mir am besten gefallen hat. Mit einer Nasenlänge Vorsprung ist es am Ende dann Claudia Michelsen geworden. Überwiegend wegen dieser Ganzkörpergänsehaut die sie mir gleich zu Beginn verpasst hat. Aber auch der Facettenreichtum ihres Vortrages scheint unbegrenzt, als Rechtsbeistand gibt sie sich im krassen Gegensatz zur Nacht distinguiert, unmissverständlich und präzise. Benno Fürmann, folgt ihr dicht auf den Fersen, als die Fakten beweist er, dass man ohne sie niemals eine Rechnung aufmachen darf und als die nackten Tatsachen spricht er eine deutliche Sprache.

An diesem gegenständlichen Erzählen ist nichts merkwürdig. Alles fügt sich, die Nacht wird zum Tag. Natürlich wird sie das. Immer. Erwartet nichts und alles wird Euch erwarten. Versprochen …

Mein Dank geht an Random House Audio für das Besprechungsexemplar, die Inszenierung und diese für mich grandiose Entdeckung!

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